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StartseiteBüchermarktFliehkraft23.11.2006

Fliehkraft

Was Touristen und Migranten verbindet

Das Bild ging durch die Presse: Ein erschöpfter afrikanischer Flüchtling robbt an den Strand und wird von Touristen ungläubig angeschaut. Es ist, so die These des Buches "Fliehkraft", mehr als nur ein Zufall, dass sich Touristen und Migranten in manchen Urlaubsorten begegnen.

Von Kersten Knipp

Ein Fischerboot mit 85 Flüchtlingen kommt im Hafen von Teneriffa an. (AP)
Ein Fischerboot mit 85 Flüchtlingen kommt im Hafen von Teneriffa an. (AP)

Ja, es lebt sich gut im Urlaub: Komfortable Hotels, weiße Strände, blauer Himmel und pausenlos scheinende Sonne. Wahrhaft paradiesisch können solche Ferien sein. Aber wie jedes Paradies hat auch das für den Urlaub gebuchte eine Außenwelt, in die auch viele Andere Einlass begehren. Meist hält die Eingangspforte die Eindringlinge ab. Aber davor können sie schon mal auftauchen, die Störenfriede von draußen. Am Strand etwa können Touristen und Migranten sich begegnen, als Gruppen, die beide dem gewöhnlichen Alltagsleben enthoben sind - und darüber, so Mark Terkessidis, auf untergründige Art miteinander verwandt sind.

"Durch die Gesellschaft, die wir jetzt haben, die immer mehr auf informellen Prozessen beruht, gibt es eben innerhalb dieser Aufforderung, mobil zu sein, plötzlich Bevölkerungsgruppen die auf der einen oder anderen Seite aus der Gesellschaft rauskippen. Und das ist ja das, was wir dann als Fliehkraft der Gesellschaft bezeichnen. Das grundsätzliche Problem ist, man hat Papierlose, die es nicht mehr nötig haben, sich um die Gesellschaft zu kümmern, also die von der Gesellschaft primär wollen, ja baue mir hier eine Straße hin, bau mir Infrastruktur, damit mein Haus an die Stromversorgung angeschlossen ist, das wären dann eben die Touristen. Oder eben Papierlose, die sich innerhalb der Gesellschaft verstecken, billig arbeiten, genau die Häuser bauen, die von den Touristen bewohnt werden. "

Es ist, so die These des Buches, mehr als nur ein Zufall, dass sich Touristen und Migranten - die Autoren haben vor allem Armutsflüchtlinge im Sinn - in manchen Urlaubsorten begegnen. Denn in den großen Ferienzentren spiegelt sich in konzentrierter Form nicht nur das globale Nord-Süd-Gefälle, sondern auch die Bedürfnisse die die unterschiedliche Entwicklungsstandards der Ersten und Dritten Welt auslösen: Während die Bewohner der wohlhabenden Hemisphäre ihr Geld im Urlaub loswerden oder besser: ein anderes, aufregenderes Leben dafür kaufen, aus der strengen Alltagsdisziplin ausbrechen wollen, treibt die Migranten der exakt entgegengesetzte Wunsch: Sie wollen Geld verdienen - und sie sind auf der Suche nach einem geregelten überschaubaren, planbaren Leben.

Touristen und Migranten bewegen sich zunächst also aus entgegengesetzer Richtung aufeinander zu: Die Urlauber fliehen aus einer bestehenden Ordnung, die Flüchtlinge begehren in eben diese Ordnung Einlass, versuchen nach Möglichkeit dauerhaft in ihr zu bleiben. Die großen Urlaubszentren, könnte man den Autoren entgegenhalten, sind zunächst also nur Ort einer zufälligen Begegnung, einer Begegnung, die nicht die Nähe, sondern im Gegenteil die Distanz beleuchtet, die die beiden Gruppen voneinander trennen. Denn nichts hat der Tourist aus den Wohlstandsregionen der Welt mit denen zu tun, die aus deren Elendsgebieten zu fliehen suchen. Aber vielleicht sollte man eher sagen: Er hat noch nichts mit ihm zu tun. Denn wenn Urlauber auf den Kanarischen Inseln etwa die nach gefährlicher Überfahrt am Strand ruhenden Flüchtlinge aus Afrika sehen - dann könnte zumindest manchen von ihnen der Gedanke kommen, dass die Migranten vor Turbulenzen fliehen, die, Stichwort Globalisierung der Arbeitswelt, in gewisser Weise auch in Europa akut werden. Im Angesicht des Flüchtlings könnte der Tourist also durchaus die Zukunft Europas sehen, wenn auch auf dramatische Weise verzerrt.
" Also die Ablehnung des Flüchtlinge und dieser Moment, wo er sagt, wir wollen keine Flüchtlinge in Europa haben, der Kampf gegen Flüchtlinge muss mit aller Härte geführt werden, die nehmen mir was weg oder die könnten mir was wegnehmen, ist auch der Moment, wo er sozusagen sieht. Aha, da ist eine Gestalt, die ist schon auf eine Art und Weise prekär, die ich auf gar keinen Fall haben will, und ich bin schon prekär genug. Also das ist, glaube ich, die Projektion relativ hoch. "
Derzeit entspringt die Mobilität der EU-Bürger größtenteils noch einem hedonistischen Bedürfnis, dem Wunsch nämlich, die schönsten Wochen des Jahres möglichst weit weg von zu Hause und unter möglichst stressfreier Umgebung zu verbringen. Das Anliegen geht meistens in Erfüllung: Im Urlaub, im billigen All-inclusive-Hotel ebenso wie auf geführter Bildungsreise, ist der Tourist Kunde und darum König. Er wird gehegt, gepflegt, umschmeichelt und unterhalten. Kein Wunsch, der unerfüllt bleibt. Aber das ist ein gnädiger Ausnahmezustand, und der Feriengast tut gut daran, sich dessen bewusst zu sein. Denn sonst bekommt er ernsthafte Probleme, den Sprung zurück in sein eigentliches Leben zu meistern, in jener rauen Realität zu bestehen, der er tagtäglich ausgesetzt ist und in der er in den meisten Fällen nichts anderes ist als ein kleiner, ersetzbarer Arbeitnehmer.

Und genau dies ist der Punkt, meinen die Autoren von "Fliehkraft", an dem sich die Lebensumstände von Touristen und Migranten auf untergründige Weise nähern: Die Probleme der europäischen Arbeitsmärkte vor Augen, ahnt der eben noch so komfortabel umhegte Tourist, dass sein wirkliches, sein Berufs- und Alltagsleben Umständen ausgesetzt ist, die denen der Migranten immer mehr zu gleichen drohen.

"Also in dem Moment, wo der Tourist wieder zu Hause ist und unter ganz neuen Lebensverhältnissen existieren muss, das heißt ... Jobverlust ist ein Thema für alle. Die Erwartung, man muss für seinen Job woanders hinziehen, ist ein Thema für alle. Leben im Vorübergehenden ist mittlerweile ein Thema für alle, und da ist glaube ich der Moment, wo er den Flüchtling anguckt und sozusagen seine eigene Prekarität erkennt. "

Sinnbildlich für diese Annäherung ist an den Urlausborten selbst das Heer der Praktikanten und Animateure, die dort für wenig Geld - bisweilen auch nur Kost und Logis - arbeiten. Meistens tun sie das aus Spaß und Abenteuerlust, natürlich. Aber dennoch fügen sie sich einem sehr strengen, aufreibenden Tagesablauf, der finanziell nicht honoriert wird. So zeigt sich auch am Beispiel der Animateure, dass Mobilität und Bewegung auch in der so genannten ersten Welt zunehmend zu einer der größten Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes werden, an die Stelle der gewohnten Sesshaftigkeit ein - wenn auch zeitlich begrenztes - Nomadentum tritt. Die Ortsgebundenheit früherer Zeiten hingegen löst sich rapide auf. Ein immer unsicherer werdender Arbeitsmarkt nötigt zu unstabilen Beschäftigungsverhältnissen und einer dementsprechenden Mobilität. Er zwingt, mehrere Wohnungen oder besser: Unterkünfte zu finanzieren, Fern- und Wochenendbeziehungen zu pflegen, permanent unterwegs zu sein, sich lange Zeiten in Auto, Bahn und Flugzeug aufzuhalten. "Der flexible Mensch" hat der Soziologe Richard Sennett sein Buch genannt, das sich mit dem Phänomen dauernder Rastlosigkeit auseinandersetzt. Zahllose Menschen der Dritten Welt haben sich, auf viel bedrückendere, härtere Weise, dieser Flexibilität bereits unterworfen. Jetzt folgen ihnen zunehmend die Menschen der Ersten Welt. Während die Weltwirtschaft an Afrika weitgehend vorüberging, sich im Wesentliche für die Bodenschätze des Kontinents interessierte, droht nun auch Europa ins Hintertreffen zu geraten, lösen die im nationalen Vergleich abfallenden Volkswirtschaften einen Druck auf die Arbeitsmärkte aus, dem standzuhalten die Arbeitsnehmer immer größere Anstrengungen kostet. Ganz wesentlich gehören zu dieser Anstrengung dauernde Mobilität und Verfügbarkeit.

Diesen Zusammenhängen spürt das Buch nach. So ist "Fliehkraft" keine plumpe Gleichsetzung von touristischem und Migrantenleben - dagegen verwahren die Autoren sich entschieden -, sondern ein Blick in die Zukunft moderner Lebensformen. Vor allem aber ist "Fliehkraft" ein sehr lesbares Buch, das anschauliche Reportagen mit Reflektionen ganz auf der Höhe ihrer Zeit verbindet. Die beiden Autoren haben bauen die aktuelle Fachliteratur in ihre Texte so effizient wie diskret ein und halten ihre Argumentation so auf durchgehend hohem Niveau. Dadurch ist "Fliehkraft" nicht unbedingt ein Buch für den Strand. Wohl aber eines, das bewusst macht, was für ein Glück man hat, wenn man sich dort aalen kann.

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