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StartseiteEine WeltFluch des schwarzen Goldes03.03.2007

Fluch des schwarzen Goldes

Ureinwohner Westsibiriens kämpfen um den Erhalt ihres Lebensraumes

Mehr als die Hälfte von Russlands Gas und Öl wird im autonomen Bezirk der Chanten und Mansen gefördert, lange Zeit ohne Rücksicht auf die Ureinwohner. Als der Region Mitte der 90er Jahre eine ökologische Katastrophe drohte, formierte sich in der Urbevölkerung Protest.

Von Mirko Schwanitz

Über Tausende von Kilometern verlaufen die Gaspipelines in Sibirien. (Wintershall AG)
Über Tausende von Kilometern verlaufen die Gaspipelines in Sibirien. (Wintershall AG)

Wie ein urzeitliches Fossil, dessen Körper im ewigen Eis stecken geblieben ist, ragt der Öl-Bohrturm in die Taiga. Hier in Westsibirien, im Gebiet Khanty-Mansijsk, lässt Pjotr Jemeljanowitsch das Herz Russlands schlagen

"Da oben auf dem Turm, der ist 50 Meter hoch, sitzt ein Kollege, der darauf achten muss, dass der Bohrer genau vertikal angesetzt wird. Heute wollen wir auf eine Tiefe von über 2000 Meter. Die Temperaturen sind in Ordnung, wir haben nur minus 37 Grad. Ab 45 Grad Frost kann jedes Teil sofort brechen. Bei minus 50 Grad springt das Metall wie Glas."

Am Rande des Bohrfelds ächzen die Pumpen, die das Öl bis in die Raffinerien des Khanty-Mansijsker Gebiets drücken. In der autonomen Region, die größer ist als Frankreich, wird über die Hälfte des russischen Erdöls gefördert. Lange Zeit ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem aber ohne Rücksicht auf die hiesigen Ureinwohner, die der Region ihren Namen gaben - die Chanten und Mansen.

Nur ein paar Kilometer vom Bohrturm entfernt, in der kleinen Erdölarbeitersiedlung Ljantor, sitzt Olga Iwanovna in einem heruntergekommenen Holzhaus und singt ein Lied in der Sprache der Ureinwohner. Sie kann sich noch gut an jenen Tag erinnern, als sich das Leben ihres Volkes und ihrer Familie zu ändern begann

"Zwei Jahre, bevor bei uns der erste Bohrturm stand, habe ich den ersten Russen gesehen, einen Geologen. Er fragte mich, wo es zum Fluss geht, und ich zeigte ihm den Weg. Ich habe mir nichts dabei gedacht. 1967 haben sie dann den ersten Bohrturm hingestellt, einfach auf unser Land, ohne uns zu fragen. Und dann merkten wir, dass es auf einmal weniger Tiere gab und die Fische nach Öl rochen. Es wurde mit jedem Jahr schlimmer."

In Olga Iwanownas Jugend zählten die Rentierherden der Chanten weit über 70.000 Tiere. Heute sind es kaum mehr als 30 000. Als Westsibirien Mitte der 90er Jahre eine ökologische Katastrophe drohte, formierte sich in der Urbevölkerung eine Protestbewegung. Sie erzwingt eine eigene Vertretung im Parlament der Region und Beauftragte für die indigene Bevölkerung in fast jedem Gas- und Ölbetrieb.

"Inzwischen geht es zivilisierter zu, aber früher haben sie sich wie Räuber benommen: einfach alles weg und den Bohrturm draufgestellt. Heute fragen sie uns, ob wir da einen heiligen Platz haben und ob unser Haus da unbedingt bleiben muss. Und wenn wir ja sagen, dann stellen sie ihren Turm da nicht mehr hin."

Das langsam, aber spürbar ein Umdenken eingesetzt hat, ist vor allem den Frauen zu verdanken, Frauen wie Ludmilla Dobrinina. Im Kulturzentrum der westsibirischen Stadt Surgut unterrichtet sie seit kurzem die Sprache ihres Volkes.

"Ich habe viele Jahre als Leiterin des Zentrums für Kultur der Völker des Nordens gearbeitet. bis ich auf einmal das Gefühl hatte, dass es nur um unsere exotischen Kleidung ging und wir selbst nur noch als Ausstellungsstücke angesehen wurden."

Ludmilla Dobrinina engagierte sich fortan in der Gesellschaft zur Rettung der Ureinwohner Sibiriens. Doch auch hier hatte sie das Gefühl, dass viel geredet, aber nur wenig getan wird. Schließlich ergriff sie selbst die Initiative.

"Ich organisierte für Jugendliche aus der Stadt Ferienlager bei denen sie das Leben der Chanten und Mansen hautnah kennen lernten, mit ihnen fischen gingen oder Rentierzüchter trafen. Und dabei begriff ich, dass wir mit den Kleinsten anfangen müssen, wenn wir das Denken ändern wollen."

Das Geld für solche Ferienlager kommt inzwischen auch von der Gebietsadministration von Khanty-Mansijsk, die in den letzten Jahren deutlich mehr Mittel für die Wahrung der Kultur der indigenen Bevölkerung aufwendet. Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt jene Chantinnen und Mansinnen, die in Schulinternaten russifiziert wurden, sich aber am Ende der Ausbildung wieder auf die Suche nach ihrer verloren gegangenen Identität machten. Sie gründeten Kulturvereine und kooperierten mit den meist von Russinnen geleiteten Kulturzentren. Gemeinsam gelang es ihnen mittels sanftem aber beständigen Druck, Veränderungen herbeizuführen und Netzwerke für die Interessen der Ureinwohner bilden.

"Wir Russen dürfen unsere Verantwortung nicht einfach beiseite schieben. Es ist beschämend, dass die Begegnung unserer Völker immer noch in der Erfahrung besteht, das wir Russen für unseren Wohlstand und den des Westens das Land dieser Menschen ausbeuten, das wir sie diskriminieren. Wir schulden ihnen etwas. Es wird Zeit das wir beginnen, sie mit Würde zu behandeln."

Die russische Direktorin Jekatarina Vladimirowna hat bei vielen Müttern in Surgut beharrliche Überzeugungsarbeit geleistet und das Kulturzentrum zu einer integrativen Einrichtung umgewandelt, in der chantische und mansische Kinder inzwischen wie selbstverständlich den Tag mit ihren russischen Altersgefährten verbringen

"Ich bin überzeugt, wenn wir den russischen Kindern auf diese Weise schon früh den Kontakt mit der chantischen und mansischen Kultur ermöglichen, wenn sie wie selbstverständlich mit deren Bräuchen und Traditionen aufwachsen, dann werden sie später Freunde der Chanten und Mansen sein."

Auch am anderen Ende der Stadt arbeiten Frauen auf ganz eigene Weise daran, den Urvölkern ihre Würde zurückzugeben

"Das hier ist das Designstudio des Kulturhauses Magistral. Hier versuchen wir, eine Synthese zu schaffen zwischen modernen Modetrends und den Traditionen der hiesigen sibirischen Ureinwohner, den Chanten und Mansen."

Dem Team um die Modedesignerin Elena Skakun ist es gelungen, die Farbenpracht der chantischen Kleider, die aufwendigen Stickereien der Mansen und die schamanischen Muster beider Völker aus den ethnographischen Museen in die russische Mode zu holen. Besonders bei den jungen Leuten kommt ihr Retro-Look gut an.

"Wir peppen diese Sachen für die Jugend auf, auch um Interesse an der Kultur der Ureinwohner zu wecken und dazu beizutragen, dass ihrer Kultur mehr Respekt entgegengebracht wird."

Dass sich die Zusammenarbeit der Frauen, nicht nur auf den Bereich der Kultur beschränkt, bekommen zunehmend auch die Ölkonzerne zu spüren. Denn gerade im Umweltschutz vertreten russische, chantische und mansische Frauen zunehmend gemeinsame Interessen. Schließlich will keine von ihnen die eigenen Kinder in einer verseuchten Landschaft aufwachsen sehen. Hinzu komme der Druck aus dem westlichen Ausland, meint der Assistent des Generaldirektors von LUKoil, Ivan Petrowitsch Enns, der im 500 Kilometer von Surgut entfernten Kogalym residiert

"Der Druck hat zu scharfen Bestimmungen geführt, die uns als Firmen zwingen, auf den Schutz der Umwelt zu achten. Tun wir das nicht, müssen wir erhebliche Strafen zahlen. Bei LUKoil gibt es seit einigen Jahren einen speziellen Sicherheitsdienst, der sich mit ökologischen Fragen beschäftigt und bei Störfällen sofort ausrückt."

Doch noch immer sind die bisherigen Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Tausende Kilometer von veralteten Rohrleitungen müssten ausgewechselt und die Rekultivierung von Millionen Hektar verseuchten Bodens zu einer der wichtigsten Aufgaben der russischen Politik gemacht werden. Wenn das nicht bald geschieht, dass weiß auch Ivan Petrowisch Enns, werden die Rentierherden der Chanten bald nur noch auf vergilbten Fotos im Stadtmuseum von Surgut zu sehen und sauberes Wasser in Sibirien nur noch in Plasteflaschen zu haben sein.

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