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StartseiteEine WeltFlucht aus Mali02.06.2012

Flucht aus Mali

Zehntausende Menschen retten sich vor der blutigen Rebellion ins Nachbarland Burkina Faso

Mali droht im blutigen Chaos zu versinken. Mehr als 60 000 Menschen flüchteten bereits vor der dort - auch von lybischen Tuarek - angezettelten Rebellion. Ob sie je wieder in ihre Heimat zurück können, ist unklar, denn die Milizen Gruppen haben im Norden des Landes die Scharia als Grundlage des neuen Tuareg-Staates Azawad bestimmt.

Von Alexander Göbel

Tuareg-Rebellen in Mali (picture alliance / dpa / EPA)
Tuareg-Rebellen in Mali (picture alliance / dpa / EPA)

Im Flüchtlingscamp Ferrerio im Norden von Burkina Faso stehen Frauen und Kinder Schlange. In den Händen halten sie große, knallgelbe Kanister und warten darauf, endlich Wasser zu bekommen - an einem der Brunnen, die von Hilfsorganisationen gebaut wurden. Sie alle sind Flüchtlinge aus Mali, viele sind Tuareg. Ihre Heimat, den Norden, die Region zwischen Timbuktu, Gao und Kidal, haben sie wegen der Kämpfe verlassen, mit ihren Familien – und ihrem Vieh. Nun sind sie in Sicherheit – aber auch im Camp von Ferrerio kämpfen sie ums Überleben, manche von ihnen schon seit Monaten. Fadimata Haïballa ist im Januar gekommen - mit ihrer Großfamilie:

"Es gibt hier keine Lebensmittel. Das ist nicht einfach. Was machen wir? Die Menschen sind ja hier und haben nichts zu essen. Und es gibt nichts, womit wir Geld verdienen könnten."

Der Tuareg Mossa Ag Inzoma ist gerade aus Mali nach Burkina Faso gekommen. Hier im sicheren Camp blickt er mit großer Sorge auf die Lage in seiner Heimat. Er spricht aus, was viele denken. Der Krieg im Norden Malis habe sich nur deshalb entfacht, weil die Regierung in Bamako den Tuareg jahrzehntelang Grundrechte verweigert habe:

"Abscheulich ist die Situation. Wir haben friedlich im Norden gelebt. All das ist nur passiert, weil die malische Armee unser Gebiet besetzt hat."

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Viele Tuareg hatten früher in Libyens Armee für Gaddafi gekämpft. Nach dem Tod des Diktators kamen sie mit schweren Waffen nach Mali zurück und sahen die Chance, für einen eigenen Tuareg-Staat zu kämpfen, der den Namen "Azawad" tragen soll. Seit Januar haben sie Schritt für Schritt den riesigen Norden Malis unter Kontrolle gebracht – und die Regierungsarmee das Fürchten gelehrt. Am 6. April, so schien es, gelang ihnen der Sieg. Die MNLA, die Nationale Bewegung zur Befreiung Azawads, rief den neuen Staat aus. Anerkannt wird er jedoch nicht. Mossa Ag Inzoma ärgert das:

"Es heißt, die Integrität Malis dürfe nicht angerührt werden. Aber für mich stimmt das so nicht. Der Sudan ist doch jetzt auch in zwei Teile, Nord und Süd, geteilt. Warum ist es dort möglich gewesen, aber bei uns nicht?"

Mossa Ag Inzoma redet sich in Rage. Er bezeichnet sich heute als Ex-Malier und als "Azawadier", wie die Einwohner Azawads vielleicht einmal offiziell heißen könnten. Nach seiner flammenden Rede für seinen zukünftigen Staat macht er dann aber doch noch ein Zugeständnis:

"Na gut, ein Referendum wäre nötig. Machen wir eins und sehen uns das Ergebnis an."

Doch ein Referendum ist höchst unwahrscheinlich. Erstens hat die MNLA nicht genug Rückhalt im Norden Malis. Zweitens ist der Süden Malis nach dem Putsch des Militärs vom 22. März politisch gelähmt, die Übergangsregierung in der Hauptstadt Bamako lehnt jede Teilung des Landes kategorisch ab. Drittens ist das Projekt Azawad durch radikale Islamisten gefährdet – denn die haben sich im Windschatten der Tuareg-Offensive längst im Norden Malis breitgemacht. Vor allem die Gruppe Ansar Dine, zu Deutsch: "Hüter des Islam".

Die Gruppe hat starke Verbündete mit viel Geld und Waffen, darunter sind viele Kämpfer von Al Kaida im Islamischen Maghreb. Nördlich von Mopti, am Niger-Fluss, wehen die schwarzen Fahnen der Islamisten. Männer mit langen Bärten und Kalaschnikow-Gewehren fahren auf Pick-Up-Trucks durch die Gegend. Keine Frau traut sich mehr ohne Schleier aus dem Haus. Musik, Bars, Fußball, Fernsehen – alles verboten. Ende Mai erklärt ein Sprecher der Islamisten, Ansar Dine habe sich mit der Tuareg-Bewegung MNLA zusammengeschlossen:

"Wir, Ansar Dine, wir sind der Islam! Wir wollen, dass der Koran zur Rechtsgrundlage wird - und die MNLA will die Autonomie des Staates Azawad sicherstellen; also tragen beide Seiten zum gemeinsamen Ziel bei."

Doch das ist nicht das Leben, das die Menschen im Norden wollen. Fast alle Malier wachsen als gläubige Muslime auf, aber sie sind Toleranz und Vielfalt gewöhnt, seit Jahrhunderten. Dem strengen Islam der Radikalen will die Mehrheit der Tuareg nicht folgen – auch deshalb wird schon wieder über das Ende dieser Fusion spekuliert, und auch deshalb sind viele nach Burkina Faso geflohen – aus Angst vor den Islamisten. Auch Ag Braba Idual ist deswegen ins Camp von Ferrerio gekommen. Er wäre froh, wenn die Islamisten aus Nordmali vertrieben werden könnten – doch eine internationale Militärintervention, wie sie immer öfter diskutiert wird, lehnt er ab: Es sei schon mehr als genug Blut geflossen:

"Es kann keine militärische Lösung geben. Man muss eine politische Lösung finden oder eine, die von allen akzeptiert wird. Mit Kämpfen lässt sich das nicht regeln. Die malischen Politiker und die MNLA müssen das regeln."

Doch Ag Braba Idual weiß, dass es für eine Lösung im Sinne der Tuareg schon zu spät sein könnte. Die Tuareg wollen einen eigenen Staat – aber sie wollten nicht der Steigbügelhalter der Islamisten sein. Bei der Tuareg-Befreiungsbewegung MNLA schwindet die Hoffnung, dass sie sich gegen die Islamisten von Ansar Dine und Al Kaida behaupten kann. Der Traum von der Unabhängigkeit könne kaum wahr werden, fürchten viele, wenn der radikale Islam die Oberhand gewinnt. Die gemäßigten Tuareg sind zu schwach, um Ansar Dine und Al Kaida im Islamischen Maghreb zu verdrängen. Ihre Heimat bleibt ein Pulverfass, und so sitzen die Menschen im Flüchtlingscamp von Ferrerio fest. Hilflos müssen sie zusehen, wie der Traum von Azawad in immer weitere Ferne rückt, wie der Norden Malis sich zu einem neuen Afghanistan entwickelt - und wie Mali langsam auseinanderbricht.


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