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StartseiteBüchermarktFlucht in den Süden03.09.2004

Flucht in den Süden

Tim Flannery: "Ewige Pioniere. Eine Naturgeschichte Nordamerikas"

Geschichten über die Natur wurden immer schon gerne geschrieben, und gerne gelesen wurden sie auch. Die Zeit spielte allerdings in solchen Naturgeschichten bis ins tiefste 18. Jahrhundert hinein kaum eine Rolle. Man glaubte die Welt seit dem siebenten Tag der Schöpfung unverändert; damals hätte jedermann und jedes Tier seinen unverrückbaren Platz in der Kette der Lebewesen gefunden, Sprünge von der einen zur anderen Art machte die Natur nicht. Und so erschienen in den "Allgemeinen Geschichten der Natur" die Geschöpfe auch nicht in chronologischer, sondern in feststehender alphabetischer Ordnung.

Von Hartmut Kasper

Tim Flannery: "Ewige Pioniere. Eine Naturgeschichte Nordamerikas und seiner Bewohner in fünf Akten", Coverausschnitt (Dörlemann Verlag)
Tim Flannery: "Ewige Pioniere. Eine Naturgeschichte Nordamerikas und seiner Bewohner in fünf Akten", Coverausschnitt (Dörlemann Verlag)

Was die Zeit betrifft, interessierte allenfalls das genaue Datum der Schöpfungswoche, deren Sonntag nach den Berechnungen des deutschen Theologen Johann Albrecht Bengel auf den 10. Oktober 3943 vor Christus gefallen sein musste.

Seit den Tagen des seligen Bengel hat die Natur bekanntlich durch erdkundliche und biologische Erkenntnisse ein paar Milliarden Jahre an Spielraum dazu gewonnen. In derartig gewaltigen Zeiträumen konnten sich allerorten unerhörte Dramen abspielen, wie sie der australische Zoologe Tim Flannery in seiner "Naturgeschichte Nordamerikas und seiner Bewohner in fünf Akten" nacherzählt.

Seine Version beginnt mit einem Paukenschlag: Vor 65 Millionen Jahre trifft ein zehn Kilometer durchmessender Asteroid in Nordamerika ein, brät den Kontinent auf - wie Flannery etwas kulinarisch formuliert - und mischt so die biologischen Karten neu.
Wie genau dieser Asteroideneinschlag schlussendlich zu "Hot Dogs, Coca-Cola, MacDonald´s, Baseballkappen, Popsongs und Hollywoodstreifen" geführt hat, zur globalisierenden amerikanischen Populärkultur, das ist so etwas wie der Leitfaden dieser Kontinentalbiographie.

Individuelle Helden nämlich kennt dieses Drama die längste Zeit über nicht. Als Hauptakteure treten ganze Gattungen auf, die den verwüsteten Kontinent in Besitz nehmen, verschollene und wunderliche Pflanzen und Tiere, und am Ende der Mensch.

Flannerys erzählerischer Zeitraffer führt zu erstaunlichen Bildern: Man sieht Arten entstehen und wieder vergehen wie die Vampirkatzen, fleischfressende Monsterkühe und Raubvögel, die nicht fliegen können, aber furchtbar gut zu Fuß sind. Man schaut sogar zu, wie die Tannen durch das Vordringen des Eises in Europa gegen die Alpen getrieben werden, an denen sie scheitern und untergehen; in Amerika aber, wo ja kein Gebirge sich von Osten nach Westen querstellt, entkommen sie in den Süden und überwintern die Eiszeit dort.

Eine ähnliche Dynamik wie seine Hochgeschwindigkeitsepisoden bewirkt Flannerys metaphorischer, mit Anachronismen arbeitender rhetorischer Apparat: Pferde, Hunde und Kamele erscheinen als Erfindungen und Exportschlager Amerikas, das sich im Gegenzug das australische Erfolgsprodukt Rabenvogel einhandelt; man sieht Amerika fleißig Pferde "schmieden", ja, den ganzen Kontinent als "Kraftwerk der Weltevolution" in Betrieb.
Flannery prägt seine Bilder gut und eindrücklich, seine Perspektivenwechsel schaffen Einsicht:

Denn so gesehen, wie Flannery es sieht, wird klar, dass Kakteen eigentlich stachelige Pflanzenkamele sind; dass Eichhörnchen einer einzigartigen Indianerkultur den Boden bereitet haben, indem sie über lange Zeiträume besonders leckere und nahrhafte Nüsse selektiert und domestiziert haben, die nur noch von Menschenhand aufgelesen werden mussten; dass der Bison eigentlich ein menschliches Artefakt ist. Denn dieses in gigantischen Herden weidende Tier, das wie kein zweites für den Wilden Westen steht, war ursprünglich ein Einzelgänger, der sich erst gegen den Jagddruck von seiten der Indianer zu Herden zusammenschloss und übrigens dabei ziemlich schrumpfte, denn dass die Jagd auf die jeweils größten Individuen zu einer Selektion früh geschlechtsreifer Kleinwüchsiger führt, zu einer Verzwergung eben, wie wir sie heute bei Kabeljau und Hummer beobachten, ist, wie gesagt, klar, wenn man es denn einmal weiß.

Und nach der Lektüre dieses großen Dramas weiß man so manches, was man vorher nicht wusste. Aber so lehrreich das Buch ist, es bleibt doch auch Unterhaltung reinsten Wassers:
Zwar wird man mit Recht darüber streiten können, in welchem Ausmaß Naturgeschichte Menschengeschichte prägt. Dass sie aber der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften entscheidende Trassen schlagen kann, wird man nach dieser Lektüre nicht mehr ernsthaft in Abrede stellen. Das sieht man ein. Und so rückt Flannerys Naturgeschichte, wie jedes belletristisch gute Buch, die Dinge in ein neues, befremdliches, möglicherweise richtiges Licht.

Warum also folgen Hot Dog und "Findet Nemo" (als Beispiel für die Disneysche Globalkultur) warum folgt das weltweite Happy Meal bei MacDonald´s dem Asteroideneinschlag in Nordamerika mit einer gewissen Notwendigkeit?

Weil – ich raffe Flannery ein wenig – der Kontinent von höherem Leben leergefegt, allerlei Invasionen zugänglich gemacht war, darunter der des Menschen, welcher gleich mehrere Male kam, zuletzt mit den Engländern, die schnell reich werden wollten, deshalb im jungfräulichen Boden Virginias Tabak anpflanzten, eine Pionier-Pflanze, die den Boden rapide auslaugt, ihn nach vier Ernten erschöpft hat, weswegen man weiter wandern musste, nach Westen, weil im Osten nur das Meer ist. Und so entsteht eine Pioniergesellschaft, die, will sie ein eigener Staat werden, allerlei zeitgleiche oder nachfolgende Menschenkultur auf einen Nenner bringen muss: auf die Lust nach bunten Bildern, Brause und Tomatenketchup eben und andere allgemeinmenschlich-kindliche Bedürfnisse.

Die Geschichte des Lebens in Amerika ist von Flannery ebenso kundig wie amüsant, ebenso provokant vereinfachend wie exakt im Detail nacherzählt. Und wenn wir am Ende erfahren, dass sich das ur-amerikanische Pionierwesen mit all seinen grandiosen Erfolgen und katastrophalen Ausrottungsfeldzügen gegen Mensch und Tier mangels weiterem Westen nun seinem Ende neigt, dass die amerikanische Nation sich in Folge dessen vielleicht in ein europäides Mosaik von stark diversifizierten Einzelgesellschaften transformieren wird, bleiben wir als europäische Leser nicht nur belehrt und belustigt, sondern sogar getröstet zurück.

Tim Flannery
Ewige Pioniere. Eine Naturgeschichte Nordamerikas und seiner Bewohner in
fünf Akten

Verlag Dörlemann, 399 S., EUR 24,90

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