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StartseiteInterview"Jetzt kommen die, die nichts haben"02.11.2015

Flüchtlinge auf der Balkanroute"Jetzt kommen die, die nichts haben"

An der mazedonisch-serbischen Grenze kommen täglich bis zu 5.000 Flüchtlinge an. Momentan handele es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder, viele von ihnen seien unterversorgt, sagte Timo Stegelmann von der Hilfsorganisation help im DLF. Besonders bei der medizinischen Versorgung gibt es Engpässe.

Timo Stegelmann im Gespräch mit Gerd Breker

Flüchtlinge in Berkasovo, Serbien. (imago stock&people)
Flüchtlinge, die jetzt über die Balkanroute kommen, haben mit dem beginnenden Winter zu kämpfen. (imago stock&people)
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Gerd Breker: Der Track über die Balkan-Route ist für die Flüchtlinge beschwerlich und lang: Vor allem, weil die Gastländer der Herausforderung nicht gewachsen waren. Nun aber nach Wochen geht die Zeit des Durchwinkens offenbar langsam zur Neige. Im Nachbarland Österreich werden die Flüchtlinge geradezu generalstabsmäßig weitergeleitet, untergebracht und auch betreut.

Am Telefon sind wir nun verbunden mit Timo Stegelmann. Er ist von der Hilfsorganisation "help". Guten Tag, Herr Stegelmann.

Timo Stegelmann: Guten Tag, Herr Breker.

Breker: Ihre Organisation betreut Flüchtlinge entlang der Balkan-Route. Wo genau sind Sie derzeit aktiv?

Stegelmann: Wir sind in Serbien aktiv, und zwar an der Grenze zu Kroatien. Sid und Sombor heißen die zwei Städte. Das ist dort, wo Transitzentren sind für Flüchtlinge.

Breker: Und wie viele Flüchtlinge kommen da, sagen wir, pro Tag an? Haben Sie da Zahlen zu?

Stegelmann: Das ist sehr unterschiedlich. In den letzten 24 Stunden waren es, um genau zu sein, 4993 Flüchtlinge, wobei 80 Prozent bei diesen Flüchtlingen waren Frauen und Kinder.

"Zustrom ist wetterabhängig"

Breker: Geht denn der Zustrom der Flüchtlinge unvermindert weiter? Erhöht er sich, verändert er sich, oder ist das ein gleichbleibender Strom, den Sie dort betreuen müssen?

Stegelmann: Wir haben das Glück, muss ich sagen, oder den Vorteil der Logistik in Serbien, weil wir schon lange dort sind, und haben in Nis - das ist im Süden von Serbien - ein Büro und können von dem Büro auch gut koordinieren und wissen, wie viele Leute aus Mazedonien beziehungsweise aus Bulgarien rüberkommen, und können es relativ gut immer einschätzen, wie viele kommen.
In den letzten Tagen ist es eher vermehrt geworden. Es gab mal eine Zeit, wo es ein bisschen runtergegangen ist. Das ist ein bisschen wetterabhängig. Derzeit ist der Zustrom wieder etwas höher, als er eigentlich war. Man kann sagen, um die 5000 am Tag derzeit.

Breker: Herr Stegelmann, Sie haben erwähnt, dass es hauptsächlich Frauen und Kinder sind in der Mehrzahl, die Sie dort betreuen müssen. In welchem Zustand kommen sie denn in Serbien an?

Stegelmann: Das ist auch sehr unterschiedlich, weil die Nationalitäten der Leute sind: Entweder sind es Leute aus Syrien oder aus Afghanistan. Es sind aber auch Leute aus Eritrea dabei. Und der Unterschied ist schon auch da, manche Leute hatten schon ein bisschen Geld, aber viele Leute, gerade die jetzt kommen, sind wirklich die armen Leute, die nichts haben. Die Kinder sind unterversorgt, die brauchen natürlich auch Windeln und Babynahrung. Teilweise sind das sehr junge Kinder unter zwei Jahre, wo wir noch Babynahrung mit verteilen. Und dann die Kinder bis zwölf Jahre sind für uns noch die Kategorie Kind und da sind die Bedarfssachen immer ganz unterschiedlich. Es geht auch um Regenklamotten und um wetterfeste Schuhe. Die haben teilweise auch nicht das richtige Schuhwerk und laufen natürlich sehr lange Strecken. Es sind sehr unterschiedliche Bedarfssachen, wo man sich wirklich drauf einstellen muss und was nicht immer ganz einfach ist.

Breker: Woran fehlt es denn am meisten? Was bräuchten Sie? Wo bräuchten auch Sie Hilfe?

Stegelmann: Wir kaufen unsere gesamten Produkte, die wir letztendlich liefern. Wir liefern Hygieneartikel und auch Nahrungsmittel an die Flüchtlinge, gemeinsam mit dem serbischen Roten Kreuz, was sehr, sehr gut läuft. Das Problem ist, schnell die richtigen Sachen immer herzubekommen. Letztendlich können wir alle Produkte unten vor Ort beschaffen. Nur ist es natürlich sehr schwierig, in der Kürze der Zeit, innerhalb von 24 Stunden oder 48 Stunden, die man maximal hat, die richtige Nahrung immer zu beschaffen.

"Weitertransport ist jetzt gut organisiert"

Breker: Wie kommen denn die Flüchtlinge dann weiter? Wie ist der Transport organisiert? Oder ist der gar nicht organisiert?

Stegelmann: Doch, der ist schon relativ gut organisiert jetzt. Es war ursprünglich so, dass die Leute wirklich längere Fußmärsche gemacht haben. Aber mittlerweile ist es schon so: Die meisten kommen an der mazedonischen Grenze an, werden mit Bussen oder auch mit der Bahn transportiert bis nach Sid an die Grenze, das heißt direkt dort hingebracht. Von dort aus gehen sie über die Grenze. Aber auf der anderen Seite der Grenze werden sie registriert, in Kroatien wieder, und werden dann von dort aus weitertransportiert, mit Bussen hauptsächlich, und dann an die österreichische Grenze.

Breker: Herr Stegelmann, wie steht es denn um die medizinische Betreuung? Sind nicht auch Kranke darunter, die behandelt werden müssen?

Stegelmann: Ja, das ist ein großes Problem. Zwei mobile Kliniken haben wir schon im Einsatz und jetzt kommen noch drei weitere dazu Ende der Woche, weil das serbische Gesundheitswesen - wir sind hauptsächlich in Serbien tätig - ist an die Grenzen gestoßen. Es war nie ein gutes medizinisches System in Serbien, muss man dazu sagen, und jetzt kamen die ganzen Flüchtlinge dazu in Ortschaften, die relativ klein sind, ob es jetzt Sid und Sombor an der kroatischen Grenze ist, oder Presevo an der mazedonischen Grenze, alles kleine Orte, die gar nicht darauf vorbereitet waren. Auch wenn das serbische Rote Kreuz uns sehr unterstützt hat, ist die medizinische Versorgung natürlich ein Riesenproblem. Und die Leute, die Flüchtlinge, die lehnen zum größten Teil Spritzen ab oder Infusionen ab. Gerade Kinder, die unterernährt sind oder auch dehydrieren, da lehnen dann die Eltern ab, dass die Infusionen bekommen. Das Maximale was sie nehmen sind Tabletten. Das ist natürlich ein Riesenproblem. Dem konnten wir ein bisschen entgegenwirken mit guten Übersetzern, die wir im Einsatz haben mit den medizinischen Teams zusammen, aber das ist eine riesige logistische Herausforderung auch für uns gewesen.

"In Serbien ist eine wahnsinnige Hilfsbereitschaft"

Breker: Sie sind in Serbien hauptsächlich aktiv, Herr Stegelmann. Wie erleben sie die Bevölkerung, die Serben selbst? Gibt es Anfeindungen oder gibt es Hilfsbereitschaft oder gibt es beides?

Stegelmann: Es ist eine wahnsinnige Hilfsbereitschaft da gewesen, die immer noch da ist. Und man muss auch sagen: Wir arbeiten auch in Bosnien und es wurden in Bosnien auch Sachspenden gesammelt und von den Leuten privat nach Serbien geliefert, um die dort zu verteilen. Die Hilfsbereitschaft ist schon großartig. Natürlich gibt es auch Leute, die das ganze System ausnutzen, aber das hat man überall bei jedem Konflikt. Im Großen und Ganzen ist es eine wahnsinnige Hilfsbereitschaft, unheimlich viele ehrenamtliche Mitarbeiter und ehemalige Kollegen, die sich gemeldet haben, in der Urlaubszeit Leute, die wirklich aktiv sind. Es ist schon eine wahnsinnige Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung da.

Breker: Timo Stegelmann war das im Deutschlandfunk. Er ist von der Hilfsorganisation "help". Herr Stegelmann, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Stegelmann: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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