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StartseiteInterview"Nicht hinter Gleichgültigkeit oder Vorurteilen verstecken"26.08.2015

Flüchtlinge aus Syrien"Nicht hinter Gleichgültigkeit oder Vorurteilen verstecken"

Mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien leben zurzeit im Libanon. Das Land sei hilflos überlastet, sagte Friedrich Bokern von der Hilfsorganisation Relief and Reconciliation im DLF. Die internationale Hilfe reiche nicht aus, so dass es Fälle von Unterernährung bei Kindern gebe. Es müsse die Aufgabe aller sein, diesen Kindern und Jugendlichen eine Perspektive zu bieten.

Friedrich Bokern im Gespräch mit Doris Simon

Flüchtlingskinder aus Syrien lachen am 30.05.2014 in Barr Elias (Libanon) in einem Lager für Flüchtlinge aus Syrien. Außenminister Steinmeier ist bis Sonntag zu Gesprächen über den Syrien-Konflikt im Libanon, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Flüchtlingskinder aus Syrien lachen in einem Lager für Flüchtlinge aus Syrien. Außenminister Steinmeier ist bis Sonntag zu Gesprächen über den Syrien-Konflikt im Libanon, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
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Doris Simon: Was Bürgerkrieg bedeutet, das wissen die Menschen im Libanon. Viele haben es am eigenen Leib erfahren. Von 1975 bis 1990 bekämpften sich dort christliche, sunnitische, schiitische Milizen, Palästinenser, die israelische und die syrische Armee. Über eine Million Libanesen floh damals ins Ausland. In den letzten vier Jahren ist der Libanon selber zum Zufluchtsort geworden für über eine Million Nachbarn aus Syrien. Sie stellen inzwischen ein Viertel der Bevölkerung in dem kleinen Land. Seit drei Jahren kümmert sich die Hilfsorganisation Relief and Reconciliation, Hilfe und Versöhnung, an der syrisch-libanesischen Grenze um Flüchtlinge, und ich bin jetzt verbunden mit Friedrich Bokern. Er hat diese Hilfsorganisation mit Freunden gegründet. Guten Tag.

Friedrich Bokern: Guten Tag, Frau Simon.

Simon: Herr Bokern, jeder vierte Mensch im Libanon ein Flüchtling. Wie geht das, fragen sich viele in Deutschland? Wie kommt die libanesische Bevölkerung damit zurecht?

Bokern: Das fragen sich viele Libanesen hier vor Ort auch. Ich meine, das Land ist hilflos überlastet, wie es schon in der Vergangenheit immer wieder überlastet war. Wir vergessen ja allzu leicht, dass hier im Land immer noch 800.000 palästinensische Flüchtlinge seit 1947/48 in den Lagerstätten ausharren und ebenfalls in einem Teufelskreis von Perspektivlosigkeit und Radikalisierung gefangen sind. Das heißt, die Lage hier ist ziemlich ausweglos.

Die Libanesen selbst haben sich mehr oder weniger in ihr Schicksal eingefunden. Das heißt, es gibt sehr viel gelebte Solidarität im Alltag. Aber die staatlichen Institutionen sind natürlich fast nicht mehr vorhanden, wenn es darum geht, mit diesem Flüchtlingsansturm umzugehen.

Simon: Herr Bokern, Sie sagen, die staatlichen Institutionen sind nicht mehr vorhanden, total überlastet. Man muss auch sagen, es gibt so gut wie keine Leistungen des libanesischen Staates für die über eine Million syrischer Flüchtlinge. Wie überleben die Syrer im Libanon? Manche sind ja bereits ein paar Jahre da.

Bokern: Mehr schlecht als recht natürlich und die Lage wird täglich schlimmer. Das ist ja das, was am meisten mich bedrückt auch vor Ort hier, dass sich die Lage nach über vier Jahren der Flüchtlingskrise nicht verbessert, sondern weiterhin verschlimmert. Das heißt, die Syrer selbst sind natürlich in einer ausweglosen Lage. Sie kommen nicht weg von hier, sie sind gefangen und müssen damit umgehen. Wir haben inzwischen Fälle von Unterernährung bei Kindern, die an das subsaharische Afrika erinnern. Das heißt, zu Beginn gab es ein sehr starkes Netzwerk der Solidarität. Das gibt es auch heute noch. Die Syrer helfen sich fast selbst mehr, als sie internationale Hilfe erhalten.

Leider sind die internationalen Hilfsbemühungen nicht ausreichend genug. Das Geld wird immer weniger. Die Vereinten Nationen haben die Lebensmittelrationen letzten Monat erneut gekürzt auf jetzt nur 13,50 Dollar pro Person und Monat, und das bei Lebensmittelpreisen, die mit Europa vergleichbar sind. Das heißt, die Menschen wissen nicht mehr ein und aus, und das ist ja auch der Hintergrund der Flüchtlingskrise in Europa. Das sind ja keine Flüchtlinge, die aus Lust am schönen Wetter nach Deutschland kommen, sondern aus der puren Verzweiflung sich den Schlepperbanden anvertrauen, auf selbstmörderischen Booten über das Mittelmeer fahren und dann bei uns stranden.

"Eine Generation ohne Bildung wird hier groß"

Essensausgabe an syrische Flüchtlinge im Libanon am vergangenen Samstag (25. Oktober 2014) (afp / Maya Hautefeuille)Essensausgabe an syrische Flüchtlinge im Libanon (afp / Maya Hautefeuille)

Simon: Herr Bokern, 400.000 dieser syrischen Flüchtlinge im Libanon, deren Schicksal Sie gerade geschildert haben, sind Kinder. Aber nur 10 bis 15 Prozent von denen gehen zur Schule. Warum so wenige und was machen die anderen Kinder?

Bokern: Das ist eine sehr wichtige Frage, weil Sie berühren einen katastrophalen Zustand, der eine tickende Zeitbombe ist. Wir sind wirklich dabei, eine ganze Generation ohne Bildung groß werden zu lassen und dementsprechend dem Risiko ausgesetzt zu sein, eine Generation ohne Perspektive, eine Generation ohne Zukunft zu sein. Dem muss mit allen Kräften entgegengewirkt werden. Wir sind jetzt erst am Anfang dieser Katastrophe, die sich viele Jahre noch hinziehen wird, und Bildung ist eines der elementaren Menschenrechte und Bildung ist eine der wichtigsten Antworten auf die Sorgen der Jugend, und genau das versuchen wir hier an der Grenze zu tun. Wir versuchen, der Jugend eine Perspektive zu geben. Wir haben jetzt mehr als 862 Kindern wieder regelmäßige Schulbildung bieten können, und das allein mit privaten Spendenmitteln, und diese 862 Kinder - das war die letzte Zählung -, die begleiten wir seit über zwei Jahren jetzt und die sehen wir aufwachsen und die sehen wir gedeihen.

Die Situation in den libanesischen Schulen ist schwierig. Wie ich schon vorher sagte: Der libanesische Staat ist heillos überfordert und auch das Schulwesen, die Schulverwaltung ist überfordert. Es ist einfach nicht genug Platz und es sind nicht genug Mittel da, um genügend Lehrer einzustellen. Wir versuchen, möglichst viele Kinder in den regelmäßigen Schulbetrieb zu bekommen, und in der Zwischenzeit haben wir informelle Lagerschulen aufgebaut, in denen syrische Lehrkräfte, Freiwillige und unsere internationalen Freiwilligen tägliche Schulbildung anbieten.

Mit unserer eigenen Methodologie, wie der Name sagt, Relief and Reconciliation, Hilfe und Versöhnung, versuchen wir, dabei Friedensarbeit, Konflikttransformation mit praktischer Hilfe zu verbinden, indem wir alle Gemeinschaften vor Ort, alle Religionsgemeinschaften, die durchaus miteinander zum Teil verfeindet sind, um dieses Anliegen zu vereinen, die Zukunft der Jugend.

"Der Wille zum Zusammenleben ist stark"

Ein Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon (dpa / picture-alliance / Mika Schmidt)Ein Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon (dpa / picture-alliance / Mika Schmidt)

Simon: Herr Bokern, Sie sagen, für Sie ist es auch wichtig, die Kinder über die Bildungsangebote, aber auch Freizeitangebote zusammenzubringen, wenn sie unterschiedlichen religiösen, politischen Hintergrund haben. Sie finden das jetzt wichtig als Organisation. Interessiert das auch die Flüchtlinge?

Bokern: Das überrascht mich selbst. Es ist unter den Flüchtlingen ein großes, großes politisches Bewusstsein vorhanden und ein großes Bewusstsein um die zukünftigen Probleme des Zusammenlebens. Ich meine, in Syrien erleben wir ja eine sehr aktive Konfessionalisierung des Konfliktes. Der syrische Konflikt wurde von einigen Akteuren - und die kann man auch benennen - ganz bewusst in einen Konfessionskrieg getrieben, und in erster Linie war das das syrische Regime selbst, was sich erhofft hat, durch eine Radikalisierung das eigene Überleben zu sichern. Leider Gottes gehen sehr viele dieser Strategie auf den Leim, leider auch bei uns daheim. Das heißt, es gibt Akteure, die versuchen, aus Religionszugehörigkeit politisches Kapital zu schlagen. Und den Syrern ist dieses Problem sehr bewusst und sie wehren sich dagegen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich berührt bin, wenn im Gespräch mit syrischen Scheichs, sunnitischen Scheichs, alevitischen Scheichs, christlichen Priestern und Bischöfen es oftmals zu Momenten kommt, an denen wirklich der Wille des Zusammenlebens gegen so viel Leid und gegen so viele schlechte Erfahrungen einfach so stark ist, dass ich immer noch wieder eine Hoffnung sehe, trotz all der schlechten Schlagzeilen, die wir aus Syrien bekommen, trotz der ganzen Radikalisierung, die wir zuletzt auch unserer eigenen Gleichgültigkeit zuzuschreiben haben.

Simon: Herr Bokern, Hilfe im Augenblick muss ja darauf ausgerichtet sein, die Flüchtlinge im Libanon beim Überleben zu unterstützen und den Libanon selber zu unterstützen, dass er den Flüchtlingen helfen kann. Was könnten wir in Europa dazu beitragen?

Bokern: Das ist eine ganz wichtige Frage, weil ich denke, Hilfe ist möglich. Wir dürfen uns nicht hinter Gleichgültigkeit oder Vorurteilen verstecken. Die Mächtigen in der Welt, das sind immer noch wir. Das sind wir Europäer, das sind wir im Westen. Wir haben das Geld, wir haben die Möglichkeiten, wir haben die Pässe, mit denen wir in die ganze Welt reisen können. Das darf man niemals aus den Augen verlieren. Und Hilfe ist möglich. Die Mächtigen, das sind wir, und wir können etwas tun, um zu helfen.

Simon: Der frühere EU-Beamte Friedrich Bokern, der seit drei Jahren Flüchtlinge an der syrisch-libanesischen Grenze hilft mit der Organisation Relief and Reconciliation. Herr Bokern, vielen Dank für das Gespräch.

Bokern: Vielen Dank, Frau Simon.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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