Freitag, 24.11.2017
StartseiteEuropa heute"35 Mal versucht, die Grenze zu überqueren"06.10.2017

Flüchtlinge in Belgrad"35 Mal versucht, die Grenze zu überqueren"

Seitdem der Seeweg Richtung Sizilien weitgehend unterbrochen wurde, versuchen Flüchtlinge wieder über die Westbalkan-Route nach Norden zu gelangen. Tausende von ihnen sitzen in Belgrad fest - unter elenden Bedingungen. Viele bereuen ihre Entscheidung zur Flucht.

Von Clemens Verenkotte

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Flüchtlinge stehen in der Schlange und warten auf Essen vom "Centre for Humanitarian Aid" in Belgrad, Serbien. (EPA / Koca Sulejmanovic)
Die serbische Flüchtlingshilfe "Info-Point" betreut Migranten in Belgrad (EPA / Koca Sulejmanovic)
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"Ich heiße Said Akbar, ich komme aus Afghanistan, das ich vor zwei Jahren verlassen habe."

Der junge Mann sitzt im Hinterzimmer der beiden Büroräume von Info Park, einer serbischen Nichtregierungsorganisation, die Flüchtlinge im Stadtzentrum von Belgrad unterstützt. Er sieht übermüdet aus:

"Wir haben 35 Mal versucht, die Grenze zu überquere."

Über die Türkei und Bulgarien kam Said vor 18 Monaten nach Serbien, und seitdem versuchen er und seine Freunde auf eigene Faust nach Norden zu gelangen:

"Heute komme ich aus Ungarn. Gestern wurde ich deportiert und nachts um zwei Uhr war ich zurück in Belgrad."

Die Schlepper kommen jeden Abend

Die Schlepper, so berichtet Sara Ristic, die als Psychiaterin bei "Info Park" arbeitet, kämen am Abend zum nahe gelegenen Busbahnhof. Doch die Preise seien hoch: 1.800 Euro würden die Schlepper für einen Transport auf dem Landweg nach Italien verlangen. Die Flüchtlingshilfe im Zentrum der serbischen Hauptstadt erfasst seit langem bereits die Anzahl der neuankommenden Flüchtlinge. Sara Rictic:


"Im August verzeichneten wir den höchsten Anstieg von Neuankömmlingen seit Beginn des Jahres. Es waren vor allem irakisch-kurdische Familien, die über Bulgarien gekommen sind. In den Monaten zuvor waren es überwiegend alleinstehende Männer, die aus Afghanistan und Pakistan stammten, und die über Mazedonien nach Serbien gekommen sind."


Sara Ristic von der serbischen Flüchtlingshilfe führt den vorübergehenden Anstieg der Neuankömmlinge auf die Schließung der Mittelmeerroute zurück. Seitdem der Seeweg Richtung Sizilien weitgehend unterbrochen worden sei, würden Flüchtlinge versuchen, wieder über die Westbalkan-Route nach Norden zu gelangen. Allerdings:


"Rumänien ist deshalb nicht sehr beliebt, weil sie dann wieder durch Ungarn müssen. Und Ungarn ist ein großes Problem. So versuchen es die meisten über Kroatien, weil das am schnellsten ist. Aber Leute, die es durch Rumänien versuchten, sind aufgehalten worden. Mehrere Monate ging da niemand durch. Danach ließ vermutlich die Grenzsicherheit nach und so überqueren Familien die Grenze und die Leute kommen wieder."

Anstieg der Neuankömmlinge - kein Trend von Dauer

Die rumänischen Grenzschutzbehörden hätten jedoch ihre Kontrollen verschärft, die Flüchtlingsfamilien wieder zurückgewiesen. Deshalb sei, so vermutet die serbische Flüchtlingshilfe "Info Point", dieser Trend nicht von Dauer. Sie würden die Migranten stets fragen, wohin sie gehen wollten, berichtet die Psychiaterin Sara Ristic.


"Weniger Leute sagen Deutschland und Österreich, weil sie von den Abschiebungen gehört haben. Denn die meisten unsere Flüchtlinge sind afghanische und pakistanische Männer. Das erfahren von ihren Verwandten, die schon dort sind. Deshalb versuchen sie ein anderes Land."
 

Said: "Ich habe einen großen Fehler gemacht"

Wenn er mit seiner Mutter in Afghanistan telefoniere, belüge er sie, sagt Said, schildere ihr, dass es ihm gut gehe und er in einen schönen, gepflegten Flüchtlingsheim lebe. Ganz anders spreche er mit Freunden, die noch in Afghanistan seien und ihn nach Rat fragen würden: 

"Bitte kommt nicht nach Europa. Es ist nicht so, wie mir einer sagte, dass Europa gut sei, dass man dort arbeiten könne, und in einem Monat reich werden würde. Ich lebe seit anderthalb Jahren in Serbien. Und ich sage jedem: Kommt nicht hier her! Und dann höre ich: 'Ach was, Du machst doch Spaß. Warum bist du denn gegangen?!' Ich sage dann: 'Ich habe einen großen Fehler gemacht!'"

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