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StartseiteHintergrundZwischen Hass, Hilfsbereitschaft und Kalkül25.09.2015

Flüchtlinge in Deutschland Zwischen Hass, Hilfsbereitschaft und Kalkül

Die vielen Flüchtlinge, die derzeit Deutschland erreichen, erleben auf der einen Seite eine Willkommenskultur, die in Europa ihresgleichen sucht. Auf der anderen Seite schlagen ihnen aber auch Hass und Ablehnung entgegen. Im Küstenstädtchen Barth in Mecklenburg-Vorpommern nehmen die meisten Einwohner ihre neuen Nachbarn als Herausforderung an.

Von Günter Rohleder

Das Gemeinschaftshaus für Asylbewerber in Barth. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Das Gemeinschaftshaus für Asylbewerber in Barth. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
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Flüchtlinge - Ein DLF-Dossier

"X.y.z. Das ist nett. Super! Wir sind echt gut! Eine Barther Band. Bei Aufgabe fünf seht ihr ganz viele Buchstaben in einem Kasten. - Genau, ihr müsst sprechen, bitte auf Deutsch." 

Sie heißen Sarah, Mohamadou und Baschir, sie kommen aus Eritrea, Afghanistan und Syrien. 20 Frauen und Männer zwischen Anfang 20 und Ende 50 sitzen im Kreis um die Lehrerin, schreiben in ihre Hefte und üben erste Sätze auf Deutsch. Licht fällt durch die offene Tür und von schummrigen Deckenlampen in einen weiß getünchten Raum. Auf einem Sofa schläft ein Kind. Der Raum liegt im ersten Stock eines Fabrikgebäudes. Das Fabrikgebäude steht in Barth, ein 9.000-Einwohner-Städtchen an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Zugewandt und mit freundlichen Gebärden stimmt Karoline Preisler, halblanges braunes Haar, lila Brille, die Lernenden auf deutsche Laute ein.

"Sie lesen und finden heraus, was falsch ist. Lesen Sie und suchen Sie den Fehler. Aufgabe D."

"Und jetzt sehe ich's als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, ich verbringe dort meine Zeit, ich mache aktive Nachbarschaftshilfe und nun sehe ich also von der Seite des Ehrenamtlers, dass es am Ende der Welt knallt und wir die Auswirkungen in Mecklenburg-Vorpommern spüren, in einer Stadt, die vor zwei Jahren drei gemeldete Ausländer hatte."

Das Fabrikgebäude in Barth ist umgeben von eingefallenen Gewächshäusern und Plattenbausiedlungen. In einem nahe gelegenen Hochhaus sind die Flüchtlinge untergebracht, zurzeit ungefähr 200.

Die Idee, etwas in Barth zu verändern, entsteht

In ihrem Brotberuf ist Karoline Preisler Juristin. Im Juli 2011 kommt sie frisch aus Berlin nach Barth. Auf dem Weg in die Altstadt wird sie von einem Demonstrationszug der NPD überrascht. Die Polizei begleitet die Nazis, Anwohner schauen zu, niemand  protestiert. Karoline Preisler kann es nicht fassen:

 "Diese Duldungsstarre hat mich total schockiert."

Sie kauft sich einen Filzstift, schreibt "NPD raus aus Mecklenburg-Vorpommern" auf ein Blatt Papier und stellt sich damit an die Straße. Drei junge Nazis lösen sich aus ihrer Schar, gehen auf sie los, spucken sie an. Karoline Preisler bleibt an ihrem Platz. Als es zu regnen beginnt, kommt eine Frau aus einem Laden und bringt ihr einen Schirm. Jetzt sind sie schon zwei und so entsteht die Idee, in Barth Süd etwas zu verändern. 

"Perspektivlosigkeit, Plattenbau, Stadtrand, demografischer Wandel, Wendeverlierer, Land der meisten Schulabbrecher bundesweit. Sie haben keine Lobby, es gibt hier Menschen in Barth Süd, die haben einfach niemanden, der sich für sie stark macht. Und da kam unser Konzept, eben einen Nachbarschaftstreff, ein Zentrum einzurichten mit regelmäßigen Treffen, mit kostenlosem Tee, Kaffee, mit einer Kleiderkammer, mit einem Impuls, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben."

Im Herbst 2013 bauen sie die Infrastruktur auf: Kleiderkammer, Möbellager, ein Raum für Beratungsgespräche, Nachhilfe und regelmäßige Treffen, alles auf Spendenbasis, alles umsonst. Es gibt keine Kasse und kein Konto.

 "Und als dann ein halbes Jahr später Flüchtlinge nach Barth kamen, waren wir die Einzigen, die auf dieses Ereignis vorbereitet waren, wir hatten die fertige Struktur schon. Wir hatten uns bereits Menschen in Not zugewandt und jetzt kamen auf einmal ganz andere Menschen in Not dazu, aber zu einer fertigen Struktur, und haben Barth Süd belebt, die haben Impulse mitgebracht, das hat uns eigentlich vorangebracht." 

"Wenn ich mich selber engagiere und das vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben tue und damit eine positive Erfahrung verbinde, dann entsteht daraus immer die Tendenz, dass die Leute damit weitermachen."

Harald Welzer, Sozialpsychologe und Direktor der Stiftung Futur Zwei in Potsdam. 

"Das ist sehr interessant, weil die Erfahrung von Wirksamkeit und Selbstwirksamkeit ist für Menschen unglaublich positiv. Und wie bei jeder positiven Erfahrung neigt man dann dazu, die wieder haben zu wollen, das heißt, die Leute bleiben in der Regel dabei. Das heißt, diese eine Erfahrung wird etwas für sie verändern, was ihr Engagement in Bezug auf die Gesellschaft betrifft."

Ein nationales Sommermärchen

40 Freiwillige machen mit im Barther Nachbarschaftstreff, vor allem Frauen, ihr Einkommen beziehen sie meist aus Arbeitslosengeld oder Invalidenrenten. Den Flüchtlingen begegnen sie mit Neugier. Manche lernen Englisch oder Arabisch, um sich besser mit ihnen verständigen zu können. 

Die Welle aus Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen, die im Sommer 2015 dann durch die gesamte Republik geht, ist für den Sozialpsychologen Harald Welzer ein Phänomen, verhalte sich die Mehrheit der Einheimischen doch ganz anders, als es Politik, Medien oder Wissenschaft vorhergesagt hätten.

"Die individuelle Hilfsbereitschaft, die Gründung von Initiativen, der massenweise Zulauf zu den Initiativen, die Szenen an den Bahnhöfen, das ist für sich genommen unheimlich überraschend. Wenn man das jetzt mal quantifizieren würde, dann liegt man trotzdem bei  irgendwie schätze ich, fünf Prozent der Bevölkerung oder so was. Insofern ist noch viel überraschender, dass wir die Umfragen haben, wo Sie mit dem Anwachsen des Problems steigende Befürwortungszahlen haben. Und das ist sozialpsychologisch ein ganz irres Phänomen, weil: Wir würden das Gegenteil erwarten."

Doch wie tief wurzeln solche durch Umfragen herausgefundenen Solidaritätsbekundungen? Sind sie mehr als Stimmungsbilder?

Längst wird das Phänomen als nationales Sommermärchen erzählt und für den Politologen Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Universität ist das Märchen schon Realpolitik. Die Willkommensgesten der Bürger und die spontane Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, das Dublin-Abkommen auszusetzen und Flüchtlinge aus Ungarn ohne weitere Formalitäten einreisen zu lassen, so Münkler, hätten das wirtschaftlich ohnehin übermächtige Deutschland in Europa nun auch als "Vormacht in humanitären Fragen" etabliert.

Karoline Preisler erzählt von einer jesidischen Familie aus Syrien, die nach einer langen Flucht schließlich nach Barth kommt. 

"Fünf Menschen haben sich auf die Flucht gemacht, da sind sie auf der Straße beschossen worden. Sie sehen ihre erschossene Tochter auf der Straße liegen, sie dürfen das Kind nicht aufheben und nicht beerdigen. Die Mutter und eine weitere Tochter sind vergewaltigt worden, der Sohn hat zugeguckt, der Vater hat zugeguckt, dann sind sie in die Türkei geflüchtet über die grüne Grenze. Dort haben sie das letzte Geld, was sie hatten, aufgetrieben, haben einen LKW gefunden und sind hierhergekommen. Sie kommen nach Barth, sie sind seit zwei Tagen in Barth. Die Tafel ist für solche Menschen da. Sie gehen zur Tafel und das allererste was sie hören: 'Ihr Ausländer kriegt alles vorn und hinten reingesteckt, kommt wieder, wenn alle Deutschen mit Essen versorgt wurden.'" 

"Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"

Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, sozialer Verelendung. Millionen Menschen vegetieren in Lagern dahin, die meisten Lager befinden sich in armen Ländern, in Jordanien, im Libanon, im Sudan. Menschenzahlen, die im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung um ein Vielfaches über denen liegen, die für Deutschland derzeit als zumutbar gehandelt werden. Und dann auf der Flucht nach Europa ertrinken Tausende im Mittelmeer.

Regelmäßig gibt es in Deutschland von Ressentiments und Hass getragene Großdemonstrationen gegen Menschen nichtdeutscher Herkunft oder muslimischen Glaubens und regelmäßig gibt es Angriffe auf Asylsuchende und Flüchtlingsheime. 

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer forscht seit Jahrzehnten an der Universität Bielefeld zu Gewalt, die sich aus Diskriminierung, Ressentiments und Rassismus gegen bestimmte Menschengruppen speist. Heitmeyer nennt solche abwertenden und menschenverachtenden Einstellungsmuster "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit". 

"Damit ist gemeint, dass Gruppen von Menschen unabhängig von ihrem individuellen Verhalten in die Abwertung und Diskriminierung durch große Teile der Bevölkerung hineingeraten. Dabei geht es nicht nur um Ausländer, um Migranten, um Muslime, sondern auch um Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte, inzwischen auch Langzeitarbeitslose und natürlich auch die Juden." 

Die Gewalt gegen die Anderen als Gruppe entwickelt sich in einem bestimmten gesellschaftlichen Klima und sie sei auf Legitimation, das heißt, auf eine Begründung, angewiesen, unterstreicht Heitmeyer. Diese Legitimation fänden die Täter in den Einstellungsmustern der ganz normalen Bevölkerung.

"Insofern kann sich die ganz normale Bevölkerung nicht einfach verabschieden und sagen, wir haben mit den Rechtsextremen nichts zu tun. Faktisch auf der Handlungsebene ist dieses ja richtig, aber auf der anderen Seite sind wir Bürger dann mit verantwortlich dafür, dass so etwas passiert. Dies wird in der Gesellschaft gerne weggeschoben und auch in der Politik, da wird aufgeteilt. Auf der einen Seite die humane Gesellschaft und auf der anderen Seite sind es dann die Rechtsextremen. So schlicht ist die Welt nicht."  

In die Decke des Raums, in dem Karoline Preisler Flüchtlinge unterrichtet, wurde kürzlich ein Hakenkreuz gebrannt. Die Täter wurden nicht ermittelt.

1.500 der knapp 9.000 Einwohner von Barth sind Mitglieder in einer Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook unter dem Namen: "Barther, die sagen, was sie denken - Wo seid Ihr?" Fremdenfeindliche Pöbeleien, wie die der einheimischen Tafelkunden gegen eine syrische Familie vervielfachen sich hier. Die Rechtsanwältin Karoline Preisler erstattet Anzeige gegen die menschenverachtenden Hassbotschaften im Netz und schreibt dem Administrator. Doch nicht die Gruppe wird gesperrt, sondern sie als Nutzerin. Karoline Preisler:

 "Wenn ich dann das rechte Gepöbel sehe oder eine Facebook-Gruppe mit 1.500 Usern, die hasst, zu Gewalt aufruft und sich ausschließlich um Barth dreht. 1.500 Menschen hassen es, dass 200 geflüchtete Menschen bei uns Heimat gefunden haben. Und das auch nur vorübergehend, denn wöchentlich werden bei uns Menschen abgeschoben."  

Der Sozialpsychologe Harald Welzer räumt ein, dass gerade in kleineren Kommunen oder auf dem Land fremdenfeindliche Tendenzen von rechten Gruppen instrumentalisiert werden. Da sei Sensibilität geboten. Aber wenn man die Bundesrepublik als ganze betrachte, seien die Ausgrenzer deutlich in der Minderheit. Die Situation im Land sei eine völlig andere als noch vor 20 Jahren, zu Zeiten von pogromartigen Ausschreitungen gegen Asylsuchende etwa in Rostock-Lichtenhagen. Harald Welzer:

"Es ist keine Gesellschaft vorstellbar ohne Gruppen, die Ausgrenzungswünsche haben, die menschenfeindliche Vorstellungen hegen. Wir kennen solche Gesellschaften nicht. Die gab es noch nie. Und selbst in solchen Gesellschaften wie den skandinavischen, die nun diesen Volksheimcharakter haben der totalen Partizipation, haben Sie rechtsextreme Parteien. Sie haben sogar Anschläge und alles dies. Das ist nicht vermeidbar, weil es immer Personen in Gesellschaften gibt, die sich selber benachteiligt fühlen oder auch benachteiligt sind. Und die müssen irgendwo hin mit ihren Aggressionen und dann geht das in solche Richtungen. Für den Gegenwartszustand finde ich das für völlig überschaubar, was es an Ausgrenzungsorientierungen gibt, ich glaube, sie sind erheblich niedriger, als sie vor zwei Jahrzehnten gewesen sind und sie haben keine Gelegenheitsstruktur, weil die Bevölkerungsmehrheit vollkommen anders sich artikuliert." 

Der Soziologe warnt vor Opfer erster und zweiter Klasse

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer kommt dagegen zu der Einschätzung: Je höher die soziale Ungleichheit, desto höher seien auch die Risiken für Ausgrenzung und Gewalt. Außerdem dürfe man mit den Begriffen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht Opfer erster und zweiter Klasse etablieren, warnt Heitmeyer, sodass etwa Obdachlose und Langzeitarbeitslose aus der Wahrnehmung fallen. Steht das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit doch im Kern für eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, die sich  zum Beispiel darin äußert, dass Menschen nach  ökonomischen Kategorien bewertet werden. Wilhelm Heitmeyer: 

"Das heißt: Menschengruppen werden in erster Linie nach Effizienz, Verwertbarkeit und Nützlichkeit eingestuft. Und da kann man sich natürlich denken, wer dort in den Fokus dieser Art von Abwertung von oben sozusagen gerät. Das sind Obdachlose, das sind Behinderte, das sind vor allem, vor allem Langzeitarbeitslose und natürlich niedrig qualifizierte Migranten und jetzt werden es sicherlich auch niedrig qualifizierte Flüchtlinge und Asylbewerber sein."  

Über Geflüchtete habe er keine aktuellen Daten, sagt Wilhelm Heitmeyer, aber im Jahre 2011 seien die Asylbewerber mit in die Langzeituntersuchung hineingenommen worden und die Abwertungsquote gegen diese sei damals sehr deutlich gewesen. Immer wieder ist in Politikerreden von Asylmissbrauch die Rede, etwa gegenüber Flüchtlingen, die aus sogenannten "sicheren Herkunftsstaaten" - wie etwa Serbien oder Mazedonien - kommen, oder von  Einwanderung in das deutsche Sozialsystem. Sprache verrät viel über Einstellungen: "Vorrang für die Anständigen" hieß ein Papier des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit aus dem Jahre 2005. "Gegen Missbrauch, Abzocke und Selbstbedienung im Sozialstaat." Wilhelm Heitmeyer zitiert daraus:           

"Biologen verwenden für Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung Parasiten." Zitat Ende. Dieses ist ein regierungsamtliches Dokument unter der Ägide des Wirtschaftsministers Clement. Ich möchte nicht wissen, durch wie viel Hände hochgebildeter Ministerialbeamten dieses Papier hindurch gegangen ist."

Wilhelm Heitmeyer nennt das die Brutalisierung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit durch staatliche Akteure. Das seien keine wild Gewordenen aus dem rechtsextremen Milieu, sondern da schimmere rohe Bürgerlichkeit auf, mit staatlicher Absicherung. Rohe Bürgerlichkeit, die hinter einer geschliffenen Fassade mit rabiatem Gedankengut operiere.          

"Gehen Sie mal in die elitären Klubs. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben." 

"Jeder Mensch ist eine Bereicherung"

Karoline Preisler in Barth  sieht in den Neuankömmlingen erst einmal Menschen. Sie wirkt offen, ihnen zu begegnen und von ihnen zu lernen.  

"Wir haben eine Chance bekommen und haben sie genutzt. Unser Nachbarschaftstreff schließt eine Lücke in unserem sozialen System, es geht um Ausgrenzung, um Verelendung in der Gesellschaft und gleichzeitig haben wir, als die Aufgabe der geflüchteten Menschen kam, geflüchtete Menschen kommen in ein Bundesland, wo seit 20 Jahren keine Flüchtlingspolitik betrieben wurde, nach Rostock Lichtenhagen. Jetzt kommt also eine Aufgabe und alle sind überrascht. Es gibt keine Struktur, sie kommen hierher. Und für uns war es nicht nur eine Aufgabe. Es war ein Geschenk, Es ist ein Geschenk, und zwar jeden Tag."  

Auch Christian Herwatz sieht das so. Jeder Mensch, auf den er sich einlasse, sei eine Bereicherung, sagt der Jesuit aus Berlin. 

"Jeder Mensch ist eine Bereicherung. Und erst recht aus den verschiedenen Kulturen, das sind immer Bereicherungen. Ob ich sie annehmen kann oder ob es mir zuviel wird, da kann man ja drüber streiten. Aber es ist immer eine Bereicherung, ein Mensch."

Seit über 30 Jahren lebt Christian Herwartz in einer offenen Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg, die Menschen in Notsituationen Obdach bietet. Häufig sind sie auf der Flucht. Er hat mit Menschen aus über 70 Ländern zusammengelebt. Es gehe ihm nicht darum zu helfen, sagt Herwartz. 

"Wenn ich den Gedanken habe, ich müsste den anderen versorgen, bin ich schon auf'm absteigenden Ast. Es geht nicht um Helfen, überhaupt nicht, es geht darum, den anderen anzunehmen. Und dann zu merken, dass er aus Situationen kommt, die brutal sind, oft. Und die von den meisten als normal angesehen werden. Dass wir ein Wirtschaftswunderland sind und überall die Ressourcen ausnutzen, wird als normal angesehen. Aber das ist der Tod von Menschen. Da werden Menschen durch getötet.Und diese Normalität und uns als so großartig hinzustellen mit unserer Wirtschaft, das ist doch Tötungsdelikt.  Aber das müsste man auch sagen dürfen und wenn man das hier sagen darf, dann ist eine ganz andere Basis, mit Menschen in Kontakt zu kommen."   

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