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StartseiteInformationen am MorgenIrgendwo im Nirgendwo08.09.2017

Flüchtlinge in EstlandIrgendwo im Nirgendwo

Nahe der Grenze zu Russland befindet sich eines der größten Flüchtlingszentren in Estland. In der baufälligen Unterkunft leben vor allem Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten, unter ihnen Muslime. Mit ihrer Integration hat man in dem kleinen EU-Land wenig Erfahrung.

Von Karin Bensch-Nadebusch

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Beigefarbene renovierungsbedürftige Mehrfamilienreihenäuser, davor eine schmale Straße und einige Grünflächen (Deutschlandradio/Bensch-Nadebusch)
Alt und baufällig: die Flüchtlingsunterkunft "Vao Center" in Estland (Deutschlandradio/Bensch-Nadebusch)
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Weite Kiefernwälder, große Getreidefelder. Sattgrüne Wiesen, auf denen Kühe grasen. In dieser einsamen, ländlichen Umgebung, nahe der Grenze zu Russland, befindet sich eines der größten Flüchtlingszentren in Estland. Ohne Navigationssystem ist das "Vao Center" kaum zu finden. Das gelbe Haupthaus ist frisch gestrichen und renoviert, die Wohngebäude dagegen sind alt und baufällig. Jana Selesneva steht an der Eingangstür. Die Leiterin des Flüchtlingszentrums erzählt, dass hier am Anfang viele Afrikaner wohnten. Aus dem Sudan, aus Nigeria und Eritrea.

Die meisten Afrikaner seien mittlerweile aber nicht mehr in Estland, sondern in andere europäische Länder weitergereist, in denen sie Angehörige haben oder sich bessere Lebensperspektiven ausrechnen. Im
Vao-Flüchtlingszentrum leben derzeit nur knapp 40 Menschen. Sie stammen vor allem aus den ehemaligen Sowjetstaaten, aus Weißrussland, Georgien, Russland und der Ukraine. Was in der Ukraine los ist, wissen wir ja, sagt Jana, und meint damit den Krieg, und aus Russland fliehen sie aus politischen Gründen.

Die Menschen kochen und reinigen ihre Räume selbst

Im Flüchtlingszentrum haben die Menschen eigene Zimmer. Sie kochen und reinigen ihre Räume selbst. Die Flüchtlingskinder gehen im Nachbardorf zur Schule. Für die Erwachsenen gibt es ein kleines Klassenzimmer, in dem sie Estnisch lernen. Nebenan ist der Aufenthaltsraum mit Sofas, Sesseln und einem Computer. Dort sitzt ein junger Mann. Wie er heißt und woher er kommt, möchte er nicht sagen. Aus Angst, erkannt zu werden. Mit gesenktem Kopf erzählt er, dass er Christ ist und aus religiösen Gründen aus seinem muslimischen Heimatland geflohen ist. Ja, ich würde hier gern bleiben. Estland ist meine zweite Heimat geworden, sagt der junge Mann.

Muslimische Flüchtlinge sind umstritten in Estland. Es gibt noch keine Tradition, offen mit Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen umzugehen, erzählt Maarjo Mändmaa vom Sozialdienst. Deshalb sei die Integrationsarbeit auch so wichtig. Auch die europäische Flüchtlingsquote sei ein Streitpunkt in Estland. Doch anders als Polen und Ungarn hat das Land recht viele Flüchtlinge aufgenommen. Ich glaube nicht, dass Estland mit der Flüchtlingsquote glücklich ist, aber wir sind ein sehr kleines, abhängiges Land, und deshalb bleiben wir ruhig und machen mit, sagt Maarjo. Eine freiwillige Aufnahme von Flüchtlingen hätte vielen in Estland wohl besser gefallen.

Draußen schiebt eine Frau mit Kopftuch einen Kinderwagen Richtung Spielplatz. Die Menschen können sich hier frei bewegen. Zäune braucht das Flüchtlingszentrum nicht. Denn es liegt viel zu weit weg von allem. Irgendwo im Nirgendwo – am Ende von Estland.

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