• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 19:10 Uhr Sport am Sonntag
StartseiteDeutschland heuteNeue Wege im Umgang mit dem Trauma02.03.2016

Flüchtlinge in HessenNeue Wege im Umgang mit dem Trauma

Konzentrationsstörungen, Albträume und Depressionen: Für Flüchtlinge mit Traumatisierung gehören solche Probleme zum Alltag und erschweren die Integration. In einer Erstaufnahmerichtung in Hessen soll ihnen geholfen werden: Mit dem Pilotprojekt "Step by Step", das gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Psychoanalyse traumatisierte Flüchtlinge betreut.

Von Ludger Fittkau

Farbfoto: Flüchtlinge beim Tischkickern in Dudweiler (Imago/Becker&Bredel)
Hauptsache aktiv: Flüchtlinge beim Tischkickern in Dudweiler (Imago/Becker&Bredel)
Mehr zum Thema

Heimat Von Flüchtlingen und der Suche nach einem neuen Zuhause

Asylverfahren Die Entscheider

Migranten Flucht in die Krise

Zwei Jugendliche beugen sich konzentriert über einen Tischkicker. Die Kugel flitzt hin und her. In einer Ecke schauen ein paar Kinder Fernsehen, die Wände sind in bunten Farben gestrichen. Ein Jugendklub wie viele. Doch es ist ein Jugendtreff in einer Darmstädter Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete.  Die Jugendlichen haben die Wände selbst gestrichen, erzählen Javid und Malah aus Afghanistan:

"Ja, einige von uns haben diese Wände gestrichen."

Von der Passivität in die Aktivität

Vier Jungakademiker des Frankfurter Sigmund Freud-Institutes haben gemeinsam mit den fast gleichaltrigen Geflüchteten den Raum gestaltet. Das auf Anregung von Adorno und Horkheimer 1959 gegründete renommierte Forschungsinstitut für Psychoanalyse und ihre Anwendung betreibt seit Jahresbeginn in Darmstadt ein Pilotprojekt zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge. "Step by step" nennen die Mitarbeiter des Instituts ihr Projekt. Der Jugendklub in der Erstaufnahmeeinrichtung ist einer der ersten Schritte der Kontaktaufnahme, schildert Patrick Krakel, der gerade sein Psychologie-Studium abgeschlossen hat. Man schaue dann auch, wer von den Jugendlichen möglicherweise weitergehende psychologische Hilfe benötige:

"Man merkt natürlich schon mit einer gewissen Sensibilität, die man im klinischen Kontext vielleicht schon erworben hat, wer vielleicht mehr Bedarf hat oder wer vielleicht weniger Bedarf hat. Aber gleichzeitig ist auch so die Idee dahinter, im Allgemeinen die Situation so umzustrukturieren, dass die Person, die hier ankommt, von der Passivität, die oft vorliegt, in die Aktivität holt und dadurch auch eine aktive Partizipation ermöglicht, damit sofort eine Teilhabe in der Gesellschaft besteht."

Marie-Sophie Löhlein ist ebenfalls vom Sigmund-Freud-Institut im "Michaelisdorf" eingesetzt, wie die Darmstädter Erstaufnahmeeinrichtung für Geflohene genannt wird. Sie erläutert, wie sie ihre Erfahrungen im Jugendklub an die rund 30 weiteren Mitarbeiter des Trauma-Projektes weitergibt:

"Wir haben immer einmal die Woche eine Sitzung, wo wir uns einmal die Woche treffen. Wir sind ja mehrere Teams hier im Dorf, die an unterschiedlichen Tagen verschiedene Programme anbieten. Und wir machen dann so eine Überblicksrunde, was ist passiert in der Woche? Und in den Erzählungen wird dann ja auch in Rücksprache mit erfahrenen Therapeutinnen die dann auch dabei sind deutlich, wo ist eventuell Bedarf und was könnte man machen?"

Wenn ein Trauma vorliegen könnte, kommt Professor Marianne Leuzinger-Bohleber ins Spiel, die Direktorin des Sigmund Freud-Institutes:

"Traumatisierte Familien oder auch Einzelpersonen, was die zuerst brauchen, ist natürlich das Gefühl der Sicherheit. Das ist das Allererste. Und dann ist es wichtig, dass sie nicht wieder einer Situation der Ungewissheit, der Ohnmacht und der Passivität ausgesetzt werden. Das wissen wir aus der Traumaforschung, dass Leute, wenn die in einer passiven Situation sind in einer Ohnmachtssituation, dann werden sie heimgesucht von den Flashbacks, von Albträumen. Und deswegen versuchen wir den Menschen zusammen mit dem Team, das vor Ort ist, zuerst einmal sichere Alltagsstrukturen zu vermitteln."

Weiterbetreuung der Patienten nach der Erstaufnahme

Doch schon in den ersten Wochen des zu Jahresbeginn gestarteten Darmstädter Traumaprojektes wird klar: Es gibt auch Fälle, wo die Behandlung weit über die Erstaufnahmeeinrichtung hinausführen muss. Etwa bei schwangeren Frauen, denen durch die Strapazen der Flucht eine Frühgeburt droht. Marianne Leuzinger-Bohleber:

"Gleichzeitig sehe ich als Fachfrau natürlich, das sieht man, wenn man den Blick hat, diese "Frozen Faces", das eingefrorene schreckhafte Gesicht, wo die Traumatisierung ausgedrückt ist. Und dann versuchen wir zusammen mit der Verwaltung, diese Familien im Raum Darmstadt unterzubringen. Und suchen die dort auf. Und dann kommt der second step. Ich habe Gott sei Dank auch Dank von Kollegen ein gutes Netzwerk in Darmstadt. Sowohl mit den Kliniken, als auch mit niedergelassenen Therapeuten. Und die übernehmen dann die Weiterbetreuung."

Doch schon der Jugendklub und die anderen Aktivitäten der ersten Schritte, die das Sigmund Freud-Institut im Darmstädter Michaelisdorf leistet, sind für Hans Högel ein Segen. Er ist Leiter des Sozialdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in der Erstaufnahmeeinrichtung:

"Viele Probleme, die im täglichen Leben entstehen, können hier in einer Gruppenarbeit mit Jugendlichen mit jungen Erwachsenen hier jetzt sehr viel besser gesteuert werden und betreut werden."

Für Javid und Malah aus Afghanistan bringt das Engagement der Psychoanalytiker im Augenblick vor allem eines: Jeden Freitag zwei schöne Stunden mit jungen Therapeuten nicht nur rund um den alten Tischkicker im selbst gestalteten Jugendklub:

"Ja, wir kommen jeden Freitag und genießen das."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk