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StartseiteHintergrundGekommen um zu bleiben20.12.2015

Flüchtlinge in SchwerinGekommen um zu bleiben

Schwerin und seine Flüchtlinge: Wie verändern sie einander? Sind die Fremden gekommen, um zu bleiben? In einer Langzeitstudie soll untersucht werden, wo und wie Integration möglich ist. Die Stadt, ihre Regierung und ihre Bewohner stehen vor großen Aufgaben. Wie sie sie meistern, das wird nun genau beobachtet.

Von Silke Hasselmann

Schweriner Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz mit Blick auf das Rathaus (Imago)
Schweriner Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz mit Blick auf das Rathaus (Imago)
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"Stadthaus Schwerin". Auf dem Weg zum Büro von Andreas Ruhl in der fünften Etage mit herrlichem Panoramablick auf die älteste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Andreas Ruhl hatte seinen Dienst als Dezernent für Soziales, Jugend und Finanzen Anfang September angetreten, als Kanzlerin Merkel praktisch die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hat.

"Direkt an meinem zweiten Arbeitstag haben wir auf Bitten des Landes eine Notunterkunft hier eingerichtet, und haben die schnell mit 150 Menschen belegt. Wir haben die ersten acht Tage nur mit Ehrenamtlern die gesamte Notunterkunft betreut. Wir mussten die Bewachung organisieren. Wir mussten die Amtsärzte organisieren. Wir haben mit der Feuerwehr Umzüge organisiert. Wir mussten Busse bestellen und so weiter, und so fort. Das ist eine irrsinnige Arbeit. Da kannst Du auch viel falsch machen. Ich würde schätzen, dass das 80 bis 90 Prozent meiner Arbeitszeit in den ersten vier Wochen ausgemacht hat."

Schwerin wird geschont

Inzwischen seien es "nur" noch 50 bis 60 Prozent, sagt der stellvertretende Oberbürgermeister, dessen Arbeitstag selten schon nach neun Stunden endet. Schwerin hat derzeit rund 92.000 Einwohner. Darunter sind etwa 6.000 Ausländer aus etwa 100 Ländern sowie zirka 2000 Russlanddeutsche, die in den Neunziger Jahren hierher gekommen waren.

In diesem Jahr schickte die Landes-Erstaufnahmestelle rund 650 Asylbewerber nach Schwerin, und Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Die Linke) räumt ein, dass ihre Stadt bei der Verteilung der Mecklenburg-Vorpommern zugewiesenen Flüchtlinge und Migranten geschont wird.

"Das entspricht genau der Zuweisungsquote, die für die Landeshauptstadt Schwerin in diesem Fall zutrifft, also 2,87 Prozent, weil uns die Integration der damaligen Russlanddeutschen angerechnet worden ist. Ab Januar werden wir einen erhöhten Prozentsatz haben."

Gezielt ausgesucht

Überraschend für die Stadt: Es sind auch rund 600 Ausländer hierher gekommen, die als anerkannte Flüchtlinge ihren Wohnort in Deutschland frei wählen konnten und sich Schwerin aussuchten. Auch die müssen integriert werden. Soweit die Zahlen. Auf den Straßen der Stadt übersetzen sie sich in Momentaufnahmen wie diese:

"Für mich sind das alles Menschen und es ist mir egal, wo die herkommen und warum sie da sind. Die haben einen Grund, warum sie da sind, sag ich mal."

"Ich habe meinen Landsleuten alle gesagt, dass sie Deutsch lernen. Man wohnt in einer Gesellschaft, man geht zum Arzt, man geht einkaufen. Und dafür braucht man dringend Deutsch."

"Wir wissen ja alle, dass es zum Teil zu wenig Kita-Plätze gibt und dass wir mitunter Kinder und Eltern eine Absage erteilen müssen. Was bedeutet das denn eigentlich für die Eltern, die abgelehnt werden, wenn jetzt vielleicht Plätze für Flüchtlingskinder geschaffen werden?"

"Sie sind auf der Straße, sie sind in den Geschäften. Heute zum Beispiel, als wir hergefahren sind, hat sich ein junger Afghane in der Straßenbahn uns gegenüber gesetzt und dann haben wir ihn gefragt, wie lange er in Deutschland ist. Da hat er gesagt: Drei Monate. Stellen Sie sich das mal vor! Er konnte sich schon mit uns verständigen."

(picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)Das Schloss in der Landeshauptstadt Schwerin (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Schwerin und seine Flüchtlinge – eine Langzeitbeobachtung: Wie verändern sie einander? Die Fremden: Sind sie gekommen, um zu bleiben?

Schwerin, das vor fast genau eintausend Jahren zum ersten Mal erwähnt worden ist, bietet dem heutigen Betrachter viele wohltuende Reize: Herrliche Park- und Gartenanlagen. Das Wasser seiner sieben angrenzenden Seen. Das Schloss der mecklenburgischen Großherzöge mit vielfältigen, auch orientalischen Architektureinflüssen. Schwerins Residenzensemble wurde so behutsam wie aufwendig saniert, dass die Stadt Ende 2014 beschloss, sich damit um die Aufnahme ins UNESCO-Welterbe zu bemühen.

Schwerin lebt "über seine Verhältnisse"

Andererseits steht Schwerin wegen seiner ständig wachsenden Schulden seit Jahren unter strenger Kommunalaufsicht durch das Innenministerium. 2015 wuchs der Schuldenberg um fast 20 Millionen auf nun 227 Millionen Euro. Dennoch kritisierte der Landesrechnungshof in seinem aktuellen Bericht vom 10. Dezember 2015, Schwerin lebe weiterhin  "über seine Verhältnisse". So leiste sich die Stadt beim Nahverkehr und in der Kultur  ein "Premium-Angebot" – Stichwort Straßenbahn und 4-Sparten-Theater –, habe "aber das Geld nicht, um es zu bezahlen".

Nun muss sich Schwerin auch noch um deutlich mehr Flüchtlinge und Asylbewerber kümmern als noch vor kurzem angenommen. Dafür braucht sie mehr Geld als einst geplant – ein Dauerthema auch in der Stadtvertretung.

Zu wenig Plätze in Kita, Schule und Hort

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich zur 32. öffentlichen und nicht-öffentlichen Sitzung des Hauptausschusses heute am 27. Oktober 2015. Die Tagesordnung liegt vor ..."

Seit 2008 leitet die Linkspolitikerin Angelika Gramkow Schwerins Geschicke. An diesem Abend erklären sie und der Sozial- und Finanzdezernent Andreas Ruhl den Abgeordneten, dass der Etatentwurf für 2016 noch einmal großzügig überarbeitet werden musste – wegen des beständig wachsenden Zustroms an Flüchtlingen und Asylbewerbern.

"Wir haben nicht genügend Kita-Plätze. Wir haben nicht genügend Schulplätze. Wir haben nicht genügend Hortplätze. Auch da müssen wir überplanen und zusehen, dass wir für die Zeit, in der wir eine doppelte Quote haben, gut aufgestellt sind. Aber das können Sie nur jetzt machen. Da können Sie nicht warten, bis die Leute auf der Matte stehen."

Schwerin muss ab dem neuen Jahr fünf Prozent der Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen. Doch was das in absoluten Zahlen bedeuten wird, ist der Stadtverwaltung unklar. Es hängt davon ab, wie viele Flüchtlinge sich künftig nach Deutschland durchschlagen, wie viele folglich dem Land Mecklenburg-Vorpommern für die Registrierung und Erstaufnahme zugewiesen und von dort auch nach Schwerin weiterverteilt werden.

Martyrium ab Aleppo

So wie dieses Mädchen, das in die Erstaufnahme nach Stern Buchholz kam, eine ehemalige Schweriner Kaserne, zirka drei Kilometer vor den Toren der Stadt und hergerichtet für zirka 1200 Menschen.

"Sie meinen, wie ich hierher gekommen bin?" fragt das Mädchen zurück. Mühsam sucht es nach den englischen Wörtern, um seinen Weg vom syrischen Aleppo über die Balkan-Route nach Stern Buchholz zu schildern.

"Mal im Boot, mal mit der Bahn, zwischendurch zu Fuß, einmal 15 Stunden hintereinander."

Wo genau sie jetzt ist, weiß sie nicht. Schwerin? Nie gehört. Doch hier wird sie den Ausgang ihres Anerkennungsverfahrens abwarten. Denn wer, wie diese 17-Jährige, als unbegleiteter Minderjähriger in der Erstaufnahmestelle Stern Buchholz ankommt, für den ist automatisch die Stadt Schwerin zuständig. 130 sind es mittlerweile, und es gab Tage vor allem im November, an denen sich die Stadt taub gestellt und keine Minderjährigen aus Stern Buchholz abgeholt hatte.

Flüchtlinge vor einer Notunterkunft in einer ehemaligen Bundeswehr Sporthalle in Stern Buchholz bei Schwerin (dpa / picture-alliance)Flüchtlinge vor einer Notunterkunft in einer ehemaligen Bundeswehr Sporthalle in Stern Buchholz bei Schwerin (dpa / picture-alliance)

26. November. Dezernent Andreas Ruhl erwartet den Staatssekretär aus dem Landessozialministerium. Ihm will er erklären, warum die Stadt den Vorschriften des Sozialgesetzbuches momentan nicht nachkommen kann. Die deutschen Behörden müssen jeden Minderjährigen, der ohne Erziehungsberechtigten einreist, wie deutsche Kinder behandeln, die man aus einem gefährlichen Familienumfeld holt. Das heißt, auch jeder der zumeist 16-18-Jährigen unbegleiteten Ausländer muss rund um die Uhr von einer sozialpädagogischen Fach- und einer Assistenzkraft betreut werden. Doch es gibt keine Leute mehr.

"Wir haben deswegen keinen Silberstreif am Horizont, weil wir uns der Tat Personal nicht backen können. Wenn wir Ausschreibungen machen, die wir deutschlandweit machen, kriegen wir so gut wie keine Resonanz darauf, so dass wir im Moment – auf Deutsch gesagt – keine blassen Schimmer haben, wie wir die Betreuung gewährleisten sollen."

Die gute Nachricht

Kamen bis Ende November täglich rund fünfzehn unbegleitete Minderjährige nach Schwerin, riss der Zustrom im Dezember für eine Weile ab. Eine Atempause. Die gute Nachricht: Schwerin kann nach wie vor alle zugewiesenen Asylbewerber sofort in vorbereitete Wohnungen unterbringen.

So soll es bleiben. Die Stadt hat zur Zeit 150 bezugsfertige Wohnungen in Reserve. Weitere werden hergerichtet, und zwar von der kommunalen Wohnungsgesellschaft. Ihr hatte die Stadt schon früh die alleinige Verantwortung für die Bereitstellung von Wohnraum für Flüchtlinge übertragen.

Profit für verschuldete Kommune

Bei einem Leerstand von fast 5000 Plattenbau-Wohnungen und unter einem Schuldenberg von rund 200 Millionen Euro leidend, kann das städtische Unternehmen relativ schnell viele Unterkünfte herrichten und nebenbei die vom Land erstatteten Kosten für Instandsetzung und Mietengut gebrauchen. Aber:

"Das Konzept der dezentralen Unterbringung klappt. Das ist nicht unser Problem. Unser Problem ist, dass wir wahrscheinlich zu wenig Arbeitsplätze und zu wenig Ausbildungsplätze haben werden. Arbeit ist aber der Schlüssel zur Integration."

... sagt Sozialdezernent Andreas Ruhl. Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow:

"Ich gebe Ihnen Recht, dass wir aufpassen müssen in der Stadt, dass bei der Zuweisung in Wohnungen nicht Stadtteile, wo wir schon einen hohen Migrationsanteil haben, zusätzlich belastet werden."

Schwerins Sozialdezernent Andreas Ruhl in der Plattenbausiedlung Großer Dreesch (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Schwerins Sozialdezernent Andreas Ruhl in der Plattenbausiedlung Großer Dreesch (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Es geht um die Plattenbausiedlungen auf dem Großen Dreesch, in Lankow und Schwerin-Süd. Dort leben schon überdurchschnittlich viele Asylbewerber, Migranten, aber auch viele deutsche Rentner, Niedrigverdiener, Hartz-IV-Empfänger. Es sind wichtige Wählergruppen für Angelika Gramkows Partei, Die Linke. Aber auch für die Rechtspopulisten.

Die NPD, die im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sitzt, hat zwar noch nie nennenswerten Zuspruch von den Schweriner Wählern erhalten. Wenn es bei Landtagswahl im kommenden Herbst so bliebe, dann wahrscheinlich nur, weil sich am rechten Rand nun auch die AfD anbietet, vermuten viele etablierte Politiker.

Die AfD schaffte es 2014 bereits in die Schweriner Stadtvertretung, und auch linke Spitzenleute sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sich womöglich auch ein Teil der eigenen Stammwähler rechts wählen könnte – und zwar aus Protest gegen die Berliner Politik. Das Problem seien nicht die Flüchtlinge, sondern der zeitweilige Kontrollverlust des Staates – vor allem an der Grenze.

"Wir sind hier, weil wir Ängste haben. Wir haben Angst um unsere Zukunft und Angst um unser Deutschland."

Derweil gibt es auch in Schwerin immer mal wieder Protestzüge wie diesen am 31. Oktober 2015 unter dem Titel "Schwerin wehrt sich".

Der Protestzug "Schwerin wehrt sich" zieht immer mal wieder durch die Landeshauptstadt (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Der Protestzug "Schwerin wehrt sich" zieht immer mal wieder durch die Landeshauptstadt (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Rund 250 Menschen ziehen stundenlang durch die Innenstadt. Viele von ihnen auswärtige Reisekader aus der Szene rund um NDP, Kameradschaften und Hansa-Rostock-Hooligans. Reden mag nur dieser Einheimische.

"Sie sind Schweriner?"
"Ja."
"Hat sich Ihre Stadt denn schon verändert und wenn ja, wie?"
"Ja, die Asylanten. Das ist einfach zuviel, was wir hier haben. Jetzt sollen noch mehr kommen ..." (man hört im Hintergrund Schlachtrufe wie "Wir wollen keine Asylantenschweine!") "... Turnhallen werden besetzt. Sämtliche leerstehende Turnhallen werden besetzt nur von die Asylanten."
"Welche Turnhalle ist denn hier in  Schwerin schon besetzt?"
"Och, auf dem Dreesch drei Stück schon und in Süd."
"Haben Sie denn schon direkt das Gefühl, jemand habe Ihnen etwas weggenommen oder Sie haben jetzt weniger Chancen?"
"Ja. Ich bin auf Hartz-IV, und die kommen nach Deutschland, kriegen pro Person 670 Euro. Pro Person! Die haben hier nicht gearbeitet. Für wat kriegen die Geld?"
"Wie lange sind Sie schon auf Hartz-IV, wenn ich fragen darf?"
"Seit 1999. Und krieg keine Arbeit."
"Und was würden Sie machen?"
"Ick würd´ alles machen." (Rechtsrock tönt aus einem Auto-Lautsprecher)

Der Mann hat seine eigene Realität. Denn dass das Geld an die Länder und Kommunen gehen statt direkt an die Flüchtlinge, glaubt er nicht. Dass in der Stadt zu keiner Zeit Turnhallen belegt waren, auch nicht.

"Die können aber auch Urlauber sein"

Zu gleichen Zeit versammeln sich etwa 300 Menschen vor dem Schweriner Dom zum "Lichtermeer" für ein weltoffenes Schwerin.

Demonstration "Lichtermeer" für ein weltoffenes Schwerin (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Demonstration "Lichtermeer" für ein weltoffenes Schwerin (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Frank Zimmermann und Franziska Hippe erzählen, dass sie in ihrem Alltag und im Stadtbild nicht viel von der Flüchtlingskrise bemerken.

Franziska Hippe: "Man sieht ein paar mehr Leute. Die können aber auch Urlauber sein. Weiß man ja immer nicht so genau. Gestern habe ich ein paar Leute am Bahnhof gesehen. Da habe ich gedacht, dass könnten Flüchtlinge sein. Aber wir sind hier in Schwerin auch ein bisschen ab vom Schuss, ne. Keine Ahnung, wie das in Hamburg oder München oder Frankfurt aussieht."

Frank Zimmermann: "Das ist nach wie vor 'ne ganz normale Stadt. Das ist Schwerin und es sind jetzt ein paar mehr Ausländer da. Aber es macht sich in keiner Weise irgendwie bemerkbar, dass man jetzt sagt, das Leben hat sich verändert oder die Stadt als solches. Die sind eben da und sind eine Bereicherung, finde ich. Und dann ist gut."

Im Schweriner Stadtviertel Großer Dreesch werden Freudenpäckchen verteilt (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Im Schweriner Stadtviertel Großer Dreesch werden Freudenpäckchen verteilt (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Großer Dreesch, Gagarinstraße. Im Innenhof der fünfgeschossigen DDR-Plattenbauten stehen Tische, darauf Kaffeekannen, große Kisten mit Äpfeln und Süßigkeiten. Doch nicht sie sind an diesem Tag kurz vor Weihnachten die Hauptattraktion, sondern die religiös neutralen "Freudenpäckchen" für Flüchtlingskinder - gepackt von Einheimischen mit altersgerechtem Spielzeug, Technikkram, Büchern, Stiften.

Die meisten Kinder sprechen hervorragend Deutsch, ob sie nun aus Syrien, Ghana, der Ukraine oder aus dem Iran kommen. Doch ein afghanischer Vater übersetzt sicherheitshalber in Farsi.

"Ich bin Mohamed Aref und seit zwei Jahren bin ich in Schwerin. Ich habe eine Familie und sechs Kinder. Die sind alle mit."
"Und wann haben Sie begonnen Deutsch zu lernen?"
"Ich war vor 30 Jahren in Ostdeutschland und dann habe ich damals Deutsch gelernt. Es ist immer noch da. Ich unterstütze meine Landsleute und ich arbeite ehrenamtlich für diejenigen, die die Sprache nicht können – für die Afghanen, für die Iraner – und übersetze hier und da ehrenamtlich. Ohne Geld."
"Wie groß ist das Interesse unter Ihren Landsleuten oder unter denen, die noch kommen, Deutsch zu lernen?"
"Die Kinder haben fleißig Deutsch gelernt und die Eltern müssen auch. Man wohnt in einer Gesellschaft, man geht zum Arzt, man geht Einkaufen, man wird krank. Und dafür braucht man dringend Deutsch. Und ich kenne auch viele Leute, die sich Mühe gegeben haben und Deutsch gelernt haben. Und ich danke der deutschen Regierung, dass die die Kurse für die Migranten geöffnet haben, so dass die Migranten kostenlos Deutsch lernen. Dafür sind wir sehr dankbar."

Kein Grund für Neid oder Hass

Dankbar ist auch Silke Rütermann, Mutter zweier Kinder "von einem Afrikaner", wie sie sagt. Sie seien jeden Dienstag hier zur Blockparty, die die ansässige Kirchgemeinde organisiert.

"Und dann sind die Kinder eben alle hier. Man kennt sich. Und heute sind wir auch hier. Wir haben die Einladung bekommen. Und ja, wir sind auch hier mit der Tochter einer Flüchtlingsfamilie, die im Kirchenasyl lebt und um der (sic) kümmern wir uns ein bisschen, weil die Eltern ja nicht raus können. Dann nehmen wir sie immer mit und dadurch sind wir eigentlich hier."

Wohlhabend ist auch sie nicht, sondern angewiesen auf Hartz-IV wie so viele hier auf dem Großen Dreesch. Für die meisten kein Grund für Neid, gar Hass auf die Asylbewerber, die von Staat wie Freiwilligen umfangreich unterstützt werden, sagt Silke Rütermann. Aber es gebe auch die anderen.

"Für mich sind es Menschen"

"Also man hört manchmal schon ganz schön krasse Sachen. 'Pack' und was die hier wollen und so. Aber ich sag mir immer, die Leuten haben einen Grund. Die sind nicht einfach so hier. Und wenn man das sieht im Fernsehen und wie die hierher kommen und so – die haben schon ein schweres Schicksal eigentlich. Und von daher – für mich sind die herzlich willkommen. Für mich sind es Menschen."

Zurück im Schweriner Stadthaus bei Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. Auch die künftigen Asylbewerber werden in den Plattenbausiedlungen am Stadtrand untergebracht, nicht in der Innenstadt, gar dem Villenbezirk an der Schlossgartenallee. Dort gibt keine kommunalen Wohnungen, und Privatvermieter werde man nicht zwingen, in die ohnehin wenigen leerstehenden Wohnungen Asylbewerber einziehen zu lassen. Was die Linkspolitikerin am meisten umtreibt?

"Mit einer anderen Menschenkategorie"

"In einer Stadt, wo zehn Prozent Arbeitslosigkeit ist, 7000 Bedarfsgemeinschaften, 5000 Kinder bei 'Bildung und Teilhabe' - arm -, steht ja die Frage: Wie sehen die Zahlen nächstes Jahr aus, wenn jetzt noch mal 1000, 1200, 1500 Flüchtlinge dazukommen? Dass wir das beherrschen, ist in einer Stadt, die mal 135.000 Einwohner hatte, kein Thema. Aber die Integration, ob uns die gelingt, die wir in den letzten Jahren mit einer anderen Menschenkategorie versucht haben, aber nicht zufrieden sind?"

Mit "anderer Menschenkategorie" meint die Politikerin der Linken Einwanderer aus Russland, der Ukraine und aus Togo, die noch immer überwiegend von staatlichen Sozialleistungen und teils abgeschottet in ihren Gemeinschaften leben.

"Das muss dann doch noch die gleiche Entwicklung für alle Schwerinerinnen und Schweriner möglich machen und umgekehrt. Und das ist etwas, das für mich noch nicht beantwortet ist. Wird spannend sein, was das in einem Jahr bedeutet."

Wir werden es weiter beobachten.

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