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StartseiteSport am WochenendeIntegration durch Sport21.02.2015

FlüchtlingeIntegration durch Sport

Die Stadt Köln muss immer wieder kurzfristig neue Flüchtlinge versorgen. Das trifft dann auch die Sportvereine schwer, die ihre Trainings- und Wettkampfstätten vorübergehend räumen müssen. Aber statt zu lamentieren zeigen die Klubs, wie Integration funktioniert.

Von Daniela Müllenborn

Eine Frau mit Kopftuch mit Kind auf dem Schoß (imago/epd)
Syrische Flüchtlinge - Eine Mutter hat ihr Kind auf dem Schoß (imago/epd)

Ein Dienstagabend in Köln. Die Handballerinnen des SC Fortuna Köln haben Training - mittlerweile wieder in ihrer angestammten Sporthalle. Zwischendurch mussten sie dort raus, weil die Halle für zwei Monate zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge umfunktioniert wurde - und das ziemlich spontan, erzählt Trainer Jannusch Frontzek. "Da war der Verdruss erst mal da. Also in der dritten Liga braucht man jede Trainingszeit. Gerade bei uns. Wir stecken mitten drin im Abstiegskampf. War eh schon problematisch. Und da war der Verdruss sehr groß. Obgleich natürlich der Bedarf da war und wir das gleich eingesehen haben. Trotzdem waren wir erst mal sehr erbost und haben das Stadt gegenüber auch geäußert."

200 Flüchtlinge aus Syrien und dem Kosovo brauchten dringend eine Unterkunft: Die Stadt Köln hatte sich in ihrer Not die Dreifach-Sporthalle ausgeguckt, in der die Fortuna-Frauen trainieren. Außer den Handballerinnen waren davon noch sechs weitere Vereine betroffen. Gemeinsam mit Sportamtsleiter Dieter Sanden stellten sie einen Notplan auf: Training an einem anderen Ort, an einem anderen Tag, zu einer anderen Zeit. Und: "Wenn ein Spieltag betroffen ist, sind auch noch Umdisponierungen erforderlich, der Gegner muss informiert werden, der Schiedsrichter, die Verbandsaufsicht, und auch die Zuschauer, das ist nicht ganz so einfach."

Rechte Fußballfans hetzen auf Facebook gegen Flüchtlinge

Bundesweit klagen Städte und Kommunen darüber, dass sie nicht genug Raum haben, um die steigende Zahl an Flüchtlingen unterzubringen. Dass dann Sporthallen zweckentfremdet werden, ist keine Ausnahme. In Bremen sah deshalb der Landessportbund seine Vereine "existentiell bedroht". In Berlin hetzten rechte Fußballfans auf Facebook gegen Flüchtlinge in einer Sporthalle. In anderen Städten wiederum löste das Schicksal der Flüchtlinge bei den betroffenen Vereinen eine Welle der Solidarität aus. So auch bei den Handballerinen des SC Fortuna Köln mit ihrem Vorstand Tobias Mohr: "Und da kam die Idee von den Mädchen, die haben gesagt, Mensch die Flüchtlinge können ja nix dafür, die sind ja noch viel ärmer dran als wir, und da kam die Idee Spielzeug zu sammeln, für die Kinder, die da bohrende Langeweile in ner riesen Turnhalle haben, mit 200 Leuten da untergebracht sind und wahrscheinlich am meisten leiden unter dem Schicksal, was sie da ertragen müssen."

Die Fortuna übergab den Flüchtlingen kurz vor Weihnachten vier Wagenladungen Kinderspielzeug. Und bei den Sportfreunden Weiden, die aus derselben Halle gleich mit mehreren Sportkursen ausweichen mussten, wurde Klubchefin Antoinette Scheicht aktiv, sammelte Sportbekleidung und lud die Flüchtlinge zum Mitmachen ein. Ein Volltreffer: "Es kamen nicht nur Jungs, es kamen auch Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Älteren. Alle wollten Sport machen. Und dann hat unser Übungsleiter gesagt, okay, ich nehme die Fußballer, und der andere nimmt die Mütter mit den Kindern. Und dann hab ich mit dem Sozialarbeiter gesprochen und der hat gesagt, die haben geduscht, sind ins Bett und dann war Ruhe. Wir hatten keine Störung, nichts, die haben geschlafen, waren ausgepowert."

Wenig Berührungspunkte mit der deutschen Kultur

Solidarität statt Verdruss - auch beim SV Lindenau in Leipzig. Dort zum Beispiel spricht Fußball-Jugendtrainer Martin Hammel die ausländischen Mitbürger aktiv an - und zwar direkt im Asylbewerberheim: "Der Anlass war von meiner Seite, dass ich nicht zufrieden war, dass immer Integration gefordert wird von Flüchtlingen oder Asylbewerbern, aber die Angebote sind relativ begrenzt, wenn man mal ehrlich ist. Die haben eben wenig Berührungspunkte mit der deutschen Kultur und wenn man dann als Verein einfach sagt, okay, wir wollen das ein bisschen forcieren, wir gehen einfach mal hin, wir geben denen die Chance, zu uns zu kommen, dann ist man schon sehr gut dabei."

"Ich habe früher gespielt Fußball. Und ich liebe immer Fußball zu spielen." In Köln kann der 41-jährige Fahid aus dem Kosovo weiter Sport machen. Obwohl die Flüchtlinge längst schon wieder aus der Notunterkunft Sporthalle raus sind. Die Sportfreunde Weiden organisieren für sie auch weiter Hallen und Übungsleiter. Trainer Ben Meßner sind die Stunden mit seinen Fußballern zur Herzensangelegenheit geworden: "Wenn wir es wirklich schaffen zu Turnieren zu fahren, wo dann auch einheimische Teams sind, dann ist natürlich der Integrationsgedanke noch viel mehr drin. Hier ist jetzt erst mal, Kopf frei kriegen, vielleicht die schlimmen Erlebnisse, die man hat vergessen, Spaß haben, das ist das Allerwichtigste."

Hilfsbereitschaft nicht ausnutzen

Doch während sich hier Freundschaften entwickelt haben, braucht die Stadt Köln schon wieder dringend Notunterkünfte. Diesmal räumen andere Klubs ihre Halle. Sportamtsleiter Dieter Sanden warnt davor, die Hilfsbereitschaft der Sportvereine auszunutzen: "Da kann man nicht sagen, dass hat jetzt ein oder zweimal geklappt, und dann machen wir das immer und dann wird daraus ein planmäßiges Angebot. Das kann es nicht sein."

Damit spricht er vielen Vereinen in Deutschland aus der Seele: Mitgefühl und Erfindungsreichtum können ihrer Meinung nach kein dauerhafter Ausweg aus einem ungelösten Problem sein.

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