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StartseiteHintergrundOh, wie schön ist Kanada 26.08.2017

Flüchtlingsaufnahme und NationalstolzOh, wie schön ist Kanada

Kanadier stammen oft von Flüchtlingen ab oder kamen selbst als Flüchtling ins Land. Das prägt ihr Selbstverständnis. Sie helfen gern, ziehen Befriedigung daraus und sind stolz auf ihre Haltung, die sie auch vom großen Nachbarn USA abhebt. "Amerika, nur besser" - bringt ein Comedian das Selbstbild auf den Punkt.

Von Georg Schwarte

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 Lehrerin Sana Alnajjar sitzt am 18.Mai 2017 an ihrem Pult und lässt sich in Toronto mit syrischen Schülern ihrer Englisch als Zweitsprache-Klasse fotografieren (imago/ZUMA Press)
Englisch als Zweitsprache-Unterricht: Die neue Generation Kanadas. (imago/ZUMA Press)
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So könnte sie wohl klingen. Kanadas Seele. Simon Kendall, der Pianist, sitzt in seinem Studio hier in Vancouver und spielt sich weit weg. Hinein in sein Kanada. Und sein Instrument, es ist gewissermaßen die klaviergewordene Quintessenz der kanadischen Vielfalt:

"Es ist ein Steinway aus dem Jahr 1917. Komplett restauriert. Ich habe, glaube ich, erwähnt, meine Frau hat 110 Cousins. Ich selbst habe nur drei. Aber zwei ihrer Cousins sind Klavierbauer."

Und so kam es, dass ein Steinway, gebaut in Deutschland, von einem holländischen Klavierbauer, der in Los Angeles wohnt, restauriert wurde, für seinen kanadischen Cousin. Und das neue Holz für den Klangboden des Flügels, Fichtenholz aus Vancouver Island.

"Das Klavier wird dieses Jahr 100. Der Restaurateur  hat das Holz, es ist Sitka-Fichte, von meinem Schwager gekauft, einem Holzfäller aus Vancouver Island."

Simon Kendall, Musiker, Kanadier und heute Gastgeber einer ganz besonderen Geburtstagsparty.

Rezan steht da. Strahlt. Und bläst schließlich alle sechs Kerzen aus.

Rezan hat Geburtstag und zwanzig Gäste sind da. Hier in Simons Haus. Es ist ein Flüchtlingslager der etwas anderen Art. Simon und seine Frau Pauline, die Frau mit den 110 Cousins, sie haben Rezans Familie aufgenommen. Im September 2016 war das. Kurden aus Syrien. Rezan, seinen siebenjährigen Bruder Riad. Seine kleine einjährige Schwester Roselle und die Eltern Fayez und Ranja. Die Cheki-Familie. Simon und Pauline, Kanadier. Er wanderte einst aus England ein, Pauline aus Holland.

Jetzt wohnt unter dem Dach der Kendalls die nächste, die neue Generation Kanadas. Fünf Kurden aus einem kleinen zerbombten Dorf in Syrien. Und Simon sagt, es ist ein Glück für ihn und alle, die helfen, es der Cheki-Familie ein bisschen leichter zu machen:  

"Ja, es gibt uns so viel Befriedigung zu helfen. Was soll man sonst tun. So viele grauenhafte Geschichten in den Nachrichten. Wir Kanadier klopfen uns auf die Schulter, weil wir 25.000 Flüchtlinge aufgenommen haben. Ihr in Deutschland habt eine Million ins Land gelassen."

Privatleute garantieren für zwölf Monate

Helfen können und wollen. Auch das macht Kanadier aus. Simon und Pauline haben damals 25 Freunde zusammengetrommelt. Haben Geld zusammengelegt, den Keller in Simons Haus hergerichtet. Haben die Arme ausgebreitet und die Cheki-Familie gesponsert. Sie garantieren als Privatleute für die nächsten zwölf Monate, dass diese Familie Haus, Nahrung, Ausbildung, Kleidung und etwas Frieden findet, hier in der Grandview-Nachbarschaft, einem einst vornehmen Villenviertel von Vancouver in der Provinz British Columbia. Jim, der Immobilienmakler, Geburtstagsgast heute, und einer der 25, die seither helfen.

"Wir Kanadier haben das Gefühl, wir leben im Paradies. Wir haben eine neue liberale Regierung. Ja, die Welt lacht manchmal über uns, weil wir so naiv scheinen. Aber so sind wir. Abgesehen davon sind wir ja alle Einwanderer. Jeder von uns."

Ranja, die 41-jährige Mutter von Rezan, steht am Herd ihrer kleinen Kellerwohnung. Das Fett der frittierten Kartoffeln spritzt auf den Holzboden.

"Lecker", ruft Rezan vom Tisch. Fayez, der 43-jährige gelernte Maurer, sagt: "Kommt, setzt Euch. Esst Kartoffeln."

Und dann sitzen sie alle am Tisch und essen. Simon sagt: "Wir waren ja gar nicht eingeladen. Wir sind einfach gekommen." So wie damals die Cheki-Familie einfach gekommen war, in ihr kleines kanadisches Leben. Es wird gegessen. Gefeiert. Das Leben. Die Sicherheit. Der Frieden hier, fernab von Bomben und Krieg und es wird gelacht in diesem Haus."

"Alle haben danach geweint"

Und wenn Simon, der Pianist, sagen soll, was die Seele Kanadas ausmacht, dann zitiert er Fayez, den einfachen Arbeiter aus Syrien, den Kriegsflüchtling. Als sie damals einmal - alle 25 Sponsoren - mit der Familie am Tisch saßen, las Fayez auf Kurdisch vor, was er ihnen, den Kanadiern, sagen wollte:

"Alle haben danach geweint. Er sagte, die Güte dieser Gruppe hier, sie ist die Krone auf den Häuptern meiner Kinder. Wir waren 25 im Raum. Das war unvergesslich."

Brian Calvert sitzt ein paar Straßen von der Cheki-Familie entfernt und liest aus seinem Buch. Titel: "America. But better" - "Amerika. Nur besser".

"Hallo Amerika. Wir sind's, Euer Nachbar Kanada. Und die papierdünne Grenze, die uns trennt, hat wenig geholfen, um die politische Wut zu dämpfen, die gerade aus den USA zu uns nach Kanada herüberschwappt."

Brian Calvert ist Kanadier, Comedian. Als nebenan in den USA Donald Trump gewählt wurde, Hass und Abgrenzung aufkeimten, Angst vor dem Fremden, dem anderen, den Einwanderern, da hat Brian Calvert die fiktive Kanada-Partei gegründet. Kanadische Satire als Mittel gegen amerikanische Angst. Sein Vorschlag. Die USA sollten doch Kanada, alle 35 Millionen Kanadier, zum nächsten Präsidenten der USA wählen:

Der kleine Nachbar Kanada. Er wundert sich und lebt ansonsten weiter sein Leben mit anderen und manchmal eben auch für andere.  

Simon Kendall steht in kurzen Fußballhosen vor der Tür der Cheki-Familie. Es ist Mittwochnachmittag. 17 Uhr. Zeit für das Fußball- Training. Simon ist Coach des Micro-Footie-Teams. Und Rezan ist Mittelstürmer:

Rezan, der Fünfjährige. Er sprach kein Wort Englisch, als sie damals im September 2016 aus einem Flüchtlingslager im Libanon über die Türkei nach Kanada kamen. Er war einer von damals 25.000, die die neue Regierung von Premierminister Justin Trudeau ins Land holte "Ein Sonnenschein", sagt Simon. Als Rezan am Flughafen in Vancouver auf Simon und Pauline zukam, grinste Rezan schon von weitem:

"Er hier, Rezan, als er aus dem Flugzeug kam, schelmisch grinsend, machte gleich Witze mit uns, kitzelt alle. Damals dachten wir, das geht ja ganz gut los. Wir wussten ja nicht, was uns erwartete."

Jetzt erwartet Rezan sein Fußball-Training im Park um die Ecke.

Im Team von Rezan spielt auch der Enkel von Simon Kendall. Als Simon, Rezan und Riad, der ältere Bruder, auf dem Weg zum Park sind, fährt das Auto von Simons Tochter an ihnen vorbei. "Bampa" ruft es aus dem Autofenster. Seine Enkel, sagt Simon, konnten als Kleinkinder Grandpa nicht aussprechen. Sie sagten "Bampa". Seither ist Simon eben Bampa:

Und auch Rezan und Riad sagen Bampa zu ihm. Jetzt steht das Team, Kanadier, Syrer, Mexikaner, Fünfjährige aus aller Herren Länder, auf dem Feld. Ein Testspiel steht an:

Simon gibt die Aufstellung bekannt, und Simons Tochter sitzt am Spielfeldrand. Ihr Sohn spielt zusammen mit Rezan im Team. Und auch sie hilft, wo sie kann, um der syrischen Gastfamilie Cheki im Keller ihres Elternhauses ein neues, kanadisches Zuhause zu geben. Rezan, sagt sie, so offen. So freundlich. Als sie ihn zum ersten Mal traf, trug er ein T-Shirt mit der Nummer drei drauf, und weil er sonst auf Englisch nichts sagen konnte, rief er begeistert: "Dreeeii".

60 Prozent der Kanadier für weitere Aufnahmen

Mittlerweile sind weit über 40.000 syrische Flüchtlinge nach Kanada gekommen. Weil es die Regierung Trudeau so wollte. Fast 60 Prozent aller Kanadier sagen derzeit, wir sollten noch mehr ins Land lassen. Hinein nach Kanada, jenen Flecken Erde, den der französische Philosoph Voltaire einmal ein "wildes Stück Erde" nannte. "Acht Monate im Jahr bedeckt von Schnee und Eis. Bewohnt von Barbaren, Bären und Bibern." Fayez, der Kurde aus Syrien, sagt, das Klima hier in Kanada sei in der Tat anders als Zuhause in Kamishli, seinem ehemaligen Heimatdorf.

"Ja, es ist ganz anders hier. Als ich ankam, da mochte ich den Regen. Es hat viel geregnet. Aber dann gab es zwei Monate Schnee, so viel Schnee. Das hat mir nicht gefallen."

Fayez ist heute Morgen, wie eigentlich jeden Morgen, auf dem Weg zur Grundschule. Er bringt Riad und Rezan zur Lord-Nelson-Schule, 500 Meter vom Haus entfernt. Es ist 8:45 Uhr. Rezans Lehrerin schließt gerade das Klassenzimmer auf.

Rachel Lloyd, die Vorschullehrerin. Es ist das erste Mal, dass sie ein syrisches Flüchtlingskind in einer Klasse hat. "Aber", sagt sie, "das ist eben Kanada. Vielfalt. So viele Menschen aus aller Welt in einem Land vereint."

"Wenn man weiß, dass man hier ein Kind in der Klasse hat, das jetzt in Frieden leben kann – und Rezan ist zu einem Teil unserer Schule geworden, er gehört dazu – dann ist das für mich persönlich als Lehrerin unglaublich beglückend."

Brian Calvert, der Comedian, der Kanada-Versteher, auf der Suche nach der Seele seiner Heimat, er hat die Cheki-Familie aus Syrien noch nie getroffen, aber er sagt, wenn er in den Hort kommt, in den seine Tochter hier in Vancouver geht, dann fühlt er sich, als sei er bei den Vereinten Nationen: Einwanderung. Vielfalt. Gewollt und in der kanadischen Verfassung verankert. Was also ist die kanadische Identität? Brian Calvert fällt dazu zuallererst ein, was Kanada definitiv nicht sein will: "Wir sind nicht Amerika!" 

Kanada, das bessere Amerika? Die Freiheit sei gerade nach Norden ausgewandert, titelte einst der Economist, als im Nachbarland Donald Trump Präsident wurde und ein großer Schatten über dieses Amerika fiel, mit dem sich Kanada die längste Landgrenze der Welt teilt. Brian Calvert findet, Kanadier sind keine Heiligen. Aber die Kanadier sähen in diesen Tagen gerade auch deshalb so besonders nett aus, weil der Nachbar einen Präsidenten namens Trump habe. Es sei eben wie in der Schule. Wenn Du da neben dem Arschloch der Klasse sitzt, dann machst Du automatisch eine bessere Figur:

"Wir haben eben einen Nachbarn, der die ganze Welt drangsaliert. Da sehen wir in Kanada eben besser aus."

Es ist Donnerstagmorgen, 9:30 Uhr. Pauline, Simons Frau, bringt Fayes Cheki gerade zum täglichen Sprachunterricht. Englisch für Einwanderer. Und Pauline, deren Eltern in den 50ern aus Holland einst nach Kanada kamen als Einwanderer, hatten damals, wie jetzt die Tochter auch, Flüchtlinge aufgenommen. Damals waren es Boat-People. Eine Mutter und ihre drei Töchter aus Vietnam:

"Das war Mitte der 70er. Sie sind bis heute befreundet, nennen meine Eltern Oma und Opa. Daher kam wohl auch bei uns die Idee. Und es macht unser Leben so viel reicher. Beide Seiten gewinnen."

Die Cheki-Familie, sie kam durch ein so genanntes "Blended Visa". Staat und die 25 privaten Sponsoren teilen sich die Verantwortung. 1200 kanadische Dollar bekommt die Familie im Monat. Dazu knapp 1600 Dollar Kindergeld, das automatisch direkt an die Mutter der Flüchtlingsfamilie geht. Es reicht zum Leben. Aber ohne Englisch hat das Leben der Cheki-Familie in Kanada wenig Zukunft. Deswegen sitzt Fayez jetzt jeden Morgen hier in der Mosaic-Sprachschule. Es ist ein bisschen wie ein modernes Babylon. Die Schüler aus allen Teilen der Welt: Mark, der Lehrer bittet sie, sich vorzustellen.
 
Fayez hat große Fortschritte gemacht. Vor neun Monaten konnte er nicht ein Wort Englisch. Jetzt gehört er zu den besseren Schülern hier. Mark, der Sprachlehrer, sagt, hier in diesem Klassenraum sitze der Mikrokosmos Kanadas an einem Tisch.

"Es gibt wohl wenig andere Orte in der Gesellschaft, wo ein  Milliardär aus China neben einem Flüchtling aus Syrien Englisch lernt, einem Flüchtling, der vielleicht sein Leben lang als Bauer gearbeitet hat und nie in einer Schule war. Die gemeinsame Sprache bringt sie zusammen."

Es ist Nachmittag geworden. Fayez sitzt zu Hause und büffelt Englisch. John gibt ihm Nachhilfe. Jeden Donnerstag. John ist ein Freund von Simon. Und John, der Schreiner, wird hier jeden Donnerstag zum Englischlehrer.

"Ich habe eine kleine Firma. Gerade ist es ruhig. Und ich habe Zeit, um mit Fayez Englisch zu üben. Ich muss das auch lernen. Ich bin schließlich kein Lehrer."

Später wird John sagen, Kanada, seine Heimat, sei für ihn ein Land, das willkommen heißt, selbst noch neu ist und eine offene Gesellschaft sei.

"Gut gesagt John. Gut, dass Du da bist." Simon Kendall, der Pianist ist dazugekommen. Die Cheki-Familie sitzt um den kleinen Tisch hier im Keller und alle denken darüber nach, was denn wohl ihren kanadischen Traum vom Leben ausmache. Und Simon sagt in die Stille des Raumes, ich erzähl Dir mal ein kleines Stückchen vom kanadischen Traum.  

"Mein Schwiegersohn baut gerade eine Veranda hier am Haus. Aus Zedernholz, das mein Schwager auf Vancouver Island gefällt hat. Und eben schauten sie hoch und da kreiste über ihnen am Himmel ein Adler. Hier, mitten in der Stadt, wo eineinhalb Millionen Menschen leben. Das gibt’s auch nicht überall."

Rezan und Riad hören aufmerksam zu. Adler. Eagle. Das Wort kennen sie. Der Adler, zugleich das Wappentier des mächtigen Nachbarns, der Vereinigten Staaten von Amerika, die dieser Tage so anders scheinen, als die stets bescheidenen Kanadier, deren Nation jetzt 150 Jahre alt geworden ist. Und vielleicht auch deshalb erzählt Simon, der Pianist und gute Mensch von Vancouver, dann seinen kurdischen Gästen, die irgendwann die nächste Generation Kanadas sein werden, was die kanadischen Ureinwohner, die Indianer, einst über den mächtigen Adler sagten:

"Die Legende will es, dass der Adler irgendwann zu stolz und selbstbewusst wurde und deshalb gab der Schöpfer ihm eine lächerlich klingende, piepsige Stimme. Es ist ein majestätischer Vogel aber er klingt wie ein Hühnchen."

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