Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteInterviewUNHCR: Frühwarnsystem bei Konflikten viel früher nötig19.06.2017

FlüchtlingsbewegungenUNHCR: Frühwarnsystem bei Konflikten viel früher nötig

Der Südsudan ist 2016 "der größte Krisenherd von Flucht und Vertreibung" gewesen, sagte der stellvertretende UNO-Flüchtlingshochkommissar Volker Türk im Dlf. Weltweit seien die Flüchtlingszahlen zwar weiter gestiegen, aber etwas langsamer als in Vorjahren. Die Politik müsse die frühzeitige Intervention bei Konflikten viel stärker in den Blick nehmen.

Volker Türk im Gespräch mit Sandra Schulz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Volker Türk, stellvertretender UNO-Flüchtlingshochkommissar. (picture alliance/dpa - Martial Trezzini)
Volker Türk, stellvertretender UNO-Flüchtlingshochkommissar. (picture alliance/dpa - Martial Trezzini)
Mehr zum Thema

Krise in Ostafrika Menschengemachte Hungersnot

Im Grenzbereich Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Südsudan

Humanitäre Katastrophe in Afrika "20 Millionen Menschen sind akut vom Hungertod bedroht"

Die UNO-Mission im Südsudan Zwischen Hilflosigkeit und Überforderung

SPD-Entwicklungspolitikerin Gabi Weber "Es muss multilateral mehr getan werden"

Sandra Schulz: Die Fluchtursachen zu bekämpfen, das ist die Antwort, die gefühlt am häufigsten kommt auf eine der drängendsten Fragen dieser Zeit, nämlich die Flüchtlingsfrage. Syrien, Irak, Jemen, Afghanistan sind nur vier Ortsmarken, dass die internationale Gemeinschaft alles in allem nicht allzu erfolgreich ist bei diesem Ziel. Das ist nicht nur gefühlte Realität, das belegt kontinuierlich mit ihren Dokumentationen das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Heute legt die Organisation ihren neuen Weltflüchtlingsbericht vor. Wir können darüber jetzt schon sprechen. Am Telefon ist Volker Türk, beigeordneter Hochkommissar des UN-Flüchtlingshilfswerks und dort zuständig für internationalen Rechtsschutz. Schönen guten Morgen!

Volker Türk: Guten Morgen, Frau Schulz.

"Großteil kommt nicht nach Europa"

Schulz: Herr Türk, angesichts der Zahlen, die Sie heute vorlegen, ist das überhaupt ein schöner Morgen?

Türk: Ja, es ist natürlich so: Der letzte Bericht, den wir heute herausgeben, was das Jahr 2016 betrifft, die Zahl ist wieder sehr, sehr hoch. 65,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Das heißt, es ist klar, dass man nach wie vor davon ausgehen muss, dass viele Menschen aufgrund von Verfolgung, aufgrund von schweren Menschenrechtsverletzungen, aufgrund von Konflikt und Gewalt, aufgrund der Wirrnisse unserer Welt in Unruhe sich auf die Flucht begeben müssen. Und wenn man diese Zahl sich genau ansieht: 22,5 Millionen sind Flüchtlinge, das heißt Menschen, die in ein Nachbarland fliehen müssen vor allem, und zwei Drittel davon befinden sich innerhalb ihres eigenen Landes. Das ist schon wichtig, wenn man sich diese 65,6 Millionen genau ansieht: 22,5 Millionen sind Flüchtlinge, über 40 Millionen sind Binnenvertriebene. Das heißt, die kommen aus ihrem eigenen Land gar nicht heraus. Und die meisten Menschen, 84 Prozent der Flüchtlinge vor allem, bleiben in den Ländern, in den Krisenregionen, in den Nachbarländern von den Staaten, die ganz besonders von Konflikten betroffen sind. Ich glaube, wenn man sich diese Zahlen ansieht, ist es wichtig, dass man das auch in einer gewissen Perspektive hält, weil sonst auch der Eindruck entsteht, dass so viele Menschen wieder kommen. Das stimmt nicht. Der Großteil dieser Menschen befinden sich nicht in Europa und kommen auch nicht nach Europa.

"Südsudan der größte Krisenherd von Flucht und Vertreibung"

Schulz: Was sind denn die wichtigsten Fluchtrouten? Lässt sich das skizzieren?

Türk: Es ist so, wenn man sich jetzt die Zahlen genauer ansieht, dass beispielsweise, was Flüchtlinge betrifft, nach wie vor Syrien das Land ist, das am meisten Flüchtlinge hervorruft. 5,5 Millionen syrische Flüchtlinge gibt es mittlerweile vor allem in den Nachbarländern Türkei, Jordanien, Libanon, aber auch in anderen Teilen der Welt. Gefolgt davon der Südsudan; das ist der größte Krisenherd von Flucht und Vertreibung im Jahr 2016. Nach den gescheiterten Friedensbemühungen letzten Jahres sind fast zwei Millionen mittlerweile auf der Flucht. Die bleiben aber vor allem eben auch in den Nachbarländern, vor allem in Uganda. In Uganda haben Sie beispielsweise über eine Million Flüchtlinge schon. Zum Teil gehen dort 2000 Menschen pro Tag, überqueren die Grenze nach Uganda aus dem Südsudan. Also es ist klar, dass die Konfliktgebiete Syrien, Afghanistan und Südsudan nach wie vor ganz im Vordergrund stehen, und wie gesagt die meisten dieser Menschen, die sich da auf die Flucht begeben müssen, sind in den Herkunftsregionen dieser Welt.

"Irgendwo gibt es auch Hoffnung"

Schulz: Und die Zahl, die Sie heute vorlegen, diese mehr als 60 Millionen, das ist ja ein neuer Höchstwert. Was geht in Ihnen vor inzwischen, wenn Sie diesen Satz hören, der so viel zitiert ist, wir müssen die Fluchtursachen stärker bekämpfen?

Türk: Es ist so, dass diese Zahl natürlich bedrückend ist. Man muss aber vielleicht auch dazu sagen, dass sich im Vergleich zu den letzten drei Jahren die Zahl verlangsamt hat. Es sind, wenn man es vergleicht mit 2015, nur 300.000 Menschen mehr als in den letzten drei Jahren, wo die Zahl fast in Millionenhöhe immer gestiegen ist. Das heißt, irgendwo gibt es auch Hoffnung, dass sich vielleicht doch irgendwas bewegt. Sie wissen, dass der neue Generalsekretär Prävention und vor allem die Bekämpfung von Fluchtursachen als eine seiner großen Prioritäten dargestellt hat, und wir können nur hoffen, dass die Welt mehr zusammenkommt, mehr internationale Staatengemeinschaften sich wirklich darum kümmert, eben sich mit den Fluchtursachen zu beschäftigen, und tatsächlich auch Konflikte anzugehen und zu schauen, was man dazu beitragen kann, um die zu lösen.

"Große Wirtschaftsinteressen profitieren"

Schulz: Herr Türk, wenn Sie sagen, es gibt Anzeichen dafür, dass etwas passiert – was muss denn passieren? Oder wer muss was ändern?

Türk: Es ist so, dass es da verschiedene Bereiche gibt. Auf der einen Seite ist es natürlich auch so, dass das, was oft fernab in Ländern weit weg von Europa passiert, dass das uns auch betrifft – direkt. Ich kann mich erinnern, in manchen Staaten, wo ich selber war, beispielsweise Zentralafrikanische Republik oder Kongo: Trotz eines Krieges und trotz der Gewalt, die dort passiert ist, hat es nach wie vor große Wirtschaftsinteressen gegeben, die davon fast profitiert haben. Wenn man sich vor allem auch ansieht, was Bergbauarbeit betrifft in diesen Ländern, Diamantenhandel beispielsweise, wenn man sich diese Handelsströme ansieht, auch vor allem Waffengeschäfte, ich glaube, dann muss man sich auch ansehen, wie stark das dann irgendwo mit der restlichen Welt zusammenhängt, eben diese Zusammenhänge besser begreift.

Die andere Sache ist natürlich eine Aufgabe der Politik. Wenn es um Konflikte geht, muss viel früher schon ein Frühwarnsystem greifen, das dann wirklich tatsächlich mit den Kriegsparteien versucht, zu intervenieren und zu schauen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, einen Konflikt auf andere Weise zu lösen als mit Gewalt. Beispielsweise wir haben jetzt gesehen in diesem Jahr Gambia. Es hat am Anfang des Jahres so ausgesehen, dass es dort zu sehr starken Flüchtlingsbewegungen kommen könnte aufgrund der Tatsache, dass der frühere Präsident nicht die Macht verlassen wollte. Es hat aber dann sehr massiv eine Intervention gegeben, auch von Seiten der Vereinten Nationen, und die Krise konnte abgewehrt werden. Wenn man sieht, wenn so verschiedene Situationen mit größerem Augenmaß beachtet werden und wo man dann auch tatsächlich versucht zu schauen, was man da konkret machen kann, um Lösungen zu finden, ich glaube, das ist die große Aufgabe.

Schulz: Volker Türk, beigeordneter Hochkommissar des UN-Flüchtlingshilfswerks, heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Ganz herzlichen Dank für Ihre Informationen und Einschätzungen.

Türk: Danke schön! Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk