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StartseiteInterview"Es herrscht dort die Vorhölle" 10.04.2015

Flüchtlingscamp Jarmuk "Es herrscht dort die Vorhölle"

Die Hilfsorganisation Medico International hat einen sofortigen Zugang zum Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus gefordert. Die Lage sei schrecklich dort, sagte Martin Glasenapp von Medico International im DLF. Es brauche eine internationale Staatengemeinschaft, die politisch handelt und ein Schweigen der Waffen erzwingt.

Martin Glasenapp im Gespräch mit Silvia Engels

Zwischen beschädigten Häusern geht ein Mann durch die Straßen des Flüchtlingslagers, vor ihm ein großes Plakat mit einem Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. (AFP / Youssef Karwashan)
Die Terrormiliz Islamischer Staat kontrolliert seit einigen Tagen große Teile des palästinensischen Flüchtlingslagers Jarmuk in Damaskus. (AFP / Youssef Karwashan)
Weiterführende Informationen

Terrormiliz IS - Palästinenser leiden im Flüchlingslager Jarmuk
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 09.04.2015)

IS-Angriffe auf Jarmuk - UNO fordert Zugang zu Flüchtlingsviertel
(Deutschlandfunk, Aktuell, 07.04.2015)

Medico International habe noch einige Mitarbeiter vor Ort im Flüchtlingslager Jarmuk. Sie könnten aber zur Zeit gar nichts tun und hätten sich in den südlichen Bezirk zurückgezogen, wo die Terrormiliz IS nicht ist, ergänzte Martin Glasenapp.

In dem Lager, zehn Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, herrsche tatsächlich die Vorhölle, wie UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon es beschrieben habe. Es gebe von den Medico-Mitarbeitern immer wieder Nachrichten über Tote und Hinrichtungen auf offener Straße sowie über Fassbombenangriffe. 


Das Interview in voller Länge:

Silvia Engels: Martin Glasenapp ist Sprecher von Medico International, einer Hilfsorganisation mit Sitz in Frankfurt. In 25 Ländern betreibt sie Projekte, ein Schwerpunkt dabei: der Nahe Osten. Im Fokus steht immer die Gesundheitsversorgung. Guten Morgen, Herr Glasenapp!

Martin Glasenapp: Guten Morgen!

Engels: Mitarbeiter von Medico International sind noch im Lager Jarmuk, Sie stehen regelmäßig in Kontakt. Welche Eindrücke hören Sie von dort?

Glasenapp: Die Lage ist, auch von der Korrespondentin der ARD, ist wirklich schrecklich. Es gibt immer wieder Nachrichten, dass es Tote gibt, es hat vorgestern Hinrichtungen auf offener Straße gegeben. Und wenn man über Jarmuk und die verschiedenen Parteien und Gruppen spricht, muss man vor allem auch über die Zivilgesellschaft sprechen, über die kleinen lokalen Initiativen. Einige unterstützen wir, die seit zwei Jahren versuchen, das Leben unter dieser Belagerung aufrechtzuerhalten, die Nahrungsmittel verteilen, die die Schulen betreiben, die die Wasserversorgung aufrechterhalten – seit 217 Tagen gibt es kein Wasser mehr in Jarmuk. Und diese Leute stehen jetzt quasi zwischen beiden Fronten: auf der einen Seite der IS, der sie angreift, der mit Todeslisten die Aktivisten sucht, auf der anderen Seite das Regime, das die Leute nicht raus lässt. Und das Regime sucht auch viele Aktivisten, weil sie sich dem Wehrdienst entzogen haben, weil sie oppositionell zum Regime stehen.

Drei Fassbombenangriffe  in der vergangenen Nacht

Engels: Wir haben von unserer Korrespondentin eben gehört, dass in den vergangenen Jahren ja auch das Regime Assads angreifen ließ über Fassbomben. Sind diese Angriffe nach der Schilderung Ihrer Mitarbeiter nach wie vor an der Tagesordnung?

Glasenapp: Ja. Gestern Nacht hat es drei Fassbombenangriffe gegeben. Ich habe heute, vorhin noch eine Nachricht bekommen aus Jarmuk: Es hat wieder Zerstörungen gegeben, es hat wieder Tote gegeben. Und so wichtig es ist, dass jetzt über Jarmuk gesprochen wird, so wichtig ist auch der Hinweis, dass die Katastrophe von Jarmuk vor zwei Jahren begonnen hat. Und die Verantwortung liegt ganz klar in den Händen des Regimes, das diese Blockade aufrechterhalten hat, diese Hungerblockade mit über 160 Toten. 160 Hungertote in Syrien, in einem Land, wo es einen Bürgerkrieg gibt, ist selbst eine besondere Nachricht. Und damit, muss man auch sagen, hängen auch viele palästinensische Gruppen mit drin in dieser Katastrophe, weil sie das Regime unterstützt haben, weil sie die Blockade stützen.

Engels: Es fehlt an allem im Jarmuk, was die Versorgung angeht, das ist klar. Was fehlt am dringendsten?

Glasenapp: Am dringendsten fehlt Zugang. Das ist das, was alle Aktivisten und alle Gruppen in Jarmuk fordern: Wir wollen, dass diese Blockadepunkte seitens des Regimes gelockert werden, wir wollen hinausgehen können, wir wollen hineinkommen können. Wir wollen, dass Nahrungsmittel reinkommen, dass die Aktivisten, die von dem IS bedroht werden, abziehen können, dass sie möglicherweise in den Libanon ausreisen können. Das ist auch eine klare Forderung an die palästinensische Autonomiebehörde, die diese Gespräche jetzt führt und wo es nicht sein kann, dass sie sich einfach nur auf die Seite des Regimes schlägt, sondern sie muss die Leute in Jarmuk, die jetzt unter einem doppelten Feuer stehen, schützen, und sie muss auch ihre Sorgfaltspflicht wahrnehmen.

Engels: Der Zugang zu Jarmuk ist nicht gewährleistet. Was können ihre Helfer vor Ort überhaupt noch tun?

Glasenapp: Zurzeit können sie eigentlich gar nichts tun. Sie haben sich zurückgezogen in einen südlichen Bezirk, wo der IS noch nicht aktiv ist, der auch nicht vom Regime kontrolliert wird. Die Arbeit ist eingestellt worden, und wir versuchen jetzt natürlich weiter, Nahrungsmittel hineinzubekommen. Verhandlungen laufen auch, dass Nahrungsmittel in das Lager kommen können, aber die Situation ist wirklich katastrophal zurzeit. Und es geht um ein UN-Mandat, dass die UNRWA wirklich in das Lager zurück kann, dass es eine Untersuchung geben kann, dass der Beschuss durch Fassbomben aufhört und dass es vor allem eine Öffnung der Checkpoints gibt.

"Das Lager muss geöffnet werden" 

Engels: Nun ist klar, dass viele Menschen bereits in den letzten Jahren geflüchtet sind, weil ja der Bürgerkrieg schon länger tobt. Ist es derzeit noch, so gefährlich es ist, eine Option, die Menschen nutzen, aus der Region dort zu fliehen?

Glasenapp: Ja, natürlich. Die Situation ist einfach so schlecht, dass wir heute nur noch sagen können: Die Hilfe, die wir leisten, reicht natürlich längst nicht aus. Ich habe davon gesprochen, dass es seit zwei Jahren diese Belagerung gibt. Es kann nur eine politische Option geben, und die kann nur bedeuten, dass dieses Lager geöffnet wird, dass die Menschen hinauskönnen, dass die Verletzten hinauskönnen. Wir haben Diphteriefälle in Jarmuk, wir haben Cholerafälle in Jarmuk, wir haben eine Situation zehn Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, dass dort praktisch, wie das der UN-Generalsekretär gesagt hat, die Vorhölle herrscht – und das ist ein Zustand, der nicht aufrechterhaltbar ist. Da muss einfach was passieren. Und es ist gut, dass darüber jetzt gesprochen wird, aber zugleich ist es eigentlich zwei Jahre zu spät.

Engels: Hinrichtungen des IS auf der einen Seite, wir haben es eben gehört, auf der andren Seite die Gefahr durch Fassbomben. Fürchten die Menschen dort, dass auch noch ein Bodenkampf, ein Häuserkampf droht?

Glasenapp: Ja. Diese Befürchtung besteht. Aber – das sagen uns die Aktivisten auch – diese Ankündigung des syrischen Ministers, dass es jetzt eine militärische Offensive in Jarmuk geben solle mit palästinensischen Gruppen zusammen, ist fragwürdig, weil man muss doch die Frage stellen: Zwei Jahre lang hat das Regime versucht, dieses Lager unter Kontrolle zu bekommen gegen eine weitaus schwächere Freie Syrische Armee, die damals noch dort aktiv war. Das ist ihnen nicht gelungen. Sie konnten maximal dieses Lager blockieren. Was soll denn jetzt eigentlich passieren? Also die Befürchtung, die eigentlich herrscht, ist nicht die Befreiung von Jarmuk, also die Befreiung vom IS, sondern ist die endgültige Zerstörung des Lagers. Das ist die Befürchtung, die vorherrscht.

Engels: So schrecklich die Situation in Jarmuk derzeit ist: Haben Sie mit der Hilfsorganisation Medico International denn in anderen Regionen Syriens irgendeine Chance, den ja auch dort weiter lebenden Flüchtlingen zu helfen?

Glasenapp: Ja, wir haben Projekte in Irbin, auch in der Vorstadt von Damaskus, wo wir weiter medizinische Hilfe leisten. Und wir leisten eine massive Hilfe in den kurdischen Gebieten, in Kobane, aber auch in Qamischli, und dort zeigt sich: Wenn es eine Bevölkerung gibt, die sich organisieren kann, wenn es eine Bevölkerung gibt, die ihre Interessen wahrnehmen kann und ein auch demokratisches Selbstverständnis hat, ist es durchaus möglich, in diesem Schrecken zu überleben und gleichzeitig auch gesellschaftliche Strukturen aufzubauen, die eine Zukunft haben.

"Die kurdischen Gebiete in Syrien sind ein Zeichen der Hoffnung"

Engels: Haben Sie dann irgendeine Region, die in diesem fürchterlichen Bürgerkriegsgeschehen auch Zeichnung der Hoffnung verbreiten kann?

Glasenapp: Ja, ich würde sagen, die kurdischen Gebiete in Syrien sind ein Zeichen der Hoffnung. Dort gibt es ein multikulturelles Zusammenleben, dort gibt es ein multiethnisches Zusammenleben, dort gibt es auch einen tatsächlichen Widerstand gegen das Regime, aber auch gegen den Islamischen Staat und seine radikal-religiösen Milizen, und dort gibt es Momente, wo man sagen kann: In diesem ganzen syrischen Schrecken gibt es auch Hoffnung, gibt es eine Möglichkeit, dass es auch ein demokratisches Syrien jenseits des Assad-Regimes und jenseits des radikal-religiösen Terrors geben wird.

Engels: Was bräuchte es also, damit auch Jarmuk in dem Horror irgendwann wieder Hoffnung schöpft?

Glasenapp: Ich glaube, es braucht eine internationale Staatengemeinschaft, die tatsächlich politisch handelt, die tatsächlich ein Schweigen der Waffen erzwingt. Vielleicht ist auch ein Ergebnis der iran-amerikanischen Atomverhandlungen, dass die Rolle des Irans in Syrien anders bewertet wird, dass es eine tatsächliche Verhandlungslösung gibt, dass es einen tatsächlichen Versuch gibt, diesen Schrecken in Syrien zu beenden. Und wenn er nicht zentral beendet werden kann, doch zumindest in den Regierungen, wo es Hoffnung gibt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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