• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:10 Uhr Geistliche Musik
StartseiteInterview"Wir befürchten, dass es so weitergeht"18.04.2017

Flüchtlingskatastrophe auf See"Wir befürchten, dass es so weitergeht"

Über Ostern sind 8500 Menschen vor der libyschen Küste aus seeuntauglichen Booten und gerettet worden. Auf der Flucht vor "Zwangsprostitution, Zwangsarbeit und bestialischen Bedingungen", erklärte der Sprecher der Hilfsorganisation Sea Eye, Hans-Peter Buschheuer, im DLF. Die Fluchtbewegungen hätten viel früher begonnen als im Vorjahr.

Hans-Peter Buschheuer im Gespräch mit Martin Zagatta

Deutsche Marinesoldaten fahren mit einem Boot zu einem überfüllten Flüchtlingsboot auf dem Mittelmmer. Die Deutsche Marine hat am 15.04.2017 in einer Rettungsaktion etwa 60 Kilometer nordwestlich von Tripolis vor der libyschen Küste fast 1200 Migranten im Mittelmeer aus Seenot gerettet und nach Italien gebracht. (dpa/picture alliance/ Bundeswehr)
Die Bundeswehr rettet am Osterwochenende fast 1200 Flüchtlinge aus Seenot. (dpa/picture alliance/ Bundeswehr)
Mehr zum Thema

Flucht über das Mittelmeer Tausende Menschen am Osterwochenende gerettet

Geflüchtete Warum Hilfsnetzwerke funktionieren

Migration aus Afrika "Unsere ganzen Reichtümer sind in Europa"

Martin Zagatta: Im Mittelmeer mussten die Helfer an diesem Wochenende Tausende von Flüchtlingen retten, ungewöhnlich viele und unter zum Teil dramatischen Umständen. An dieser offenbar dramatischen Rettung am Wochenende waren auch Schiffe deutscher Hilfsorganisationen beteiligt, die dann Notrufe abgegeben haben, darunter die Sea Eye, so heißt das Schiff, und so heißt auch die Organisation, deren Sprecher Hans-Peter Buschheuer ich jetzt am Telefon begrüßen kann. Guten Tag, Herr Buschheuer!

Hans-Peter Buschheuer: Schönen guten Tag!

Aufbruch von tausenden Flüchtlingen bei gutem Wetter

Zagatta: Herr Buschheuer, in dem Bericht eben hat Tilman Kleinjung davon gesprochen, dass die Hilfsorganisationen dort vor der libyschen Küste so etwas wie an diesem Wochenende noch nicht erlebt haben. Also, war das so dramatisch? Was hat Ihr Schiff denn da, was hat Ihre Besatzung da erlebt?

Buschheuer: Unsere Besatzung war insgesamt über 90 Stunden pausenlos im Einsatz. Das begann am Karfreitagabend schon, am Ostersamstag, Ostersonntag, bis gestern Abend, als letztlich dann 200 Menschen, die wir an Bord nehmen mussten, evakuiert werden konnten, Gott sei Dank.

Ja, wir hatten so was noch nie erlebt, weil es sind mehrere negative Ereignisse zusammengekommen. Zum einen aufgrund der guten Wettersituation, die zunächst mal geherrscht hat, sind gleichzeitig sehr viele Flüchtlingsschiffe in Libyen ausgelaufen, die die Tage vorher wegen schlechten Wetters warten mussten oder gewartet haben. Sie sind dann an einer Stelle zusammengetroffen, wo nur wir und zwei andere Rettungsschiffe zugegen waren zunächst mal, und das hat unsere Rettungskapazitäten strapaziert, würde ich mal sagen.

Es kamen dann auch Hilfsschiffe an von der Küstenwache, Militär, unter anderem auch ein Schiff der deutschen Marine, die evakuiert haben. Aber selbst die waren dann relativ schnell voll. Das heißt, die konnten die Menschen nicht alle übernehmen. Wir hatten beispielsweise 970 Menschen insgesamt aus Seenot gerettet. Davon konnten die meisten evakuiert werden, aber 200 mussten wir eben aufs eigene Schiff übernehmen, und dieses Schiff ist für Transport nicht geeignet. Das war die Situation, kurz zusammengefasst.

"Wir befürchten, dass es so weitergeht"

Zagatta: Also, wenn ich Sie recht verstanden habe, diese große Zahl von Flüchtlingen, eben 8.000 werden da genannt, an einem Wochenende, ist das jetzt etwas ganz Außergewöhnliches, was Einmaliges für Sie, oder rechnen Sie damit, dass das so weitergeht?

Buschheuer: Wir befürchten, dass es so weitergeht. Einmalig ist es nicht. Das gab es auch im letzten Jahr schon mal. Das ist immer, wenn so, ich würde es mal als einen Wetterstau bezeichnen. Also wenn wochenlang oder tagelang aufgrund schlechter Wetterverhältnisse keine Flüchtlingsschiffe auslaufen von Libyen, dann kommen sie, wenn das Wetter besser wird, plötzlich alle gleichzeitig.

Aber wenn, wie jetzt am Osterwochenende, es dann so ist, dass das Wetter umschwenkt, während die Schiffe bereits auf See sind, und dann die Schiffe alle notleidend werden, diese Schlauchboote oder Holzboote, dann entsteht eine Situation, wie sie jetzt am Wochenende entstanden ist.

Operation "Mare Nostrum": "Professionell und sehr menschlich"

Zagatta: Kann man da irgendwas machen, kann man sich darauf einstellen?

Buschheuer: Es kommt noch mit hinzu, es ist immer die Rede davon, dass ein Dutzend Hilfsorganisationen mit ihren Schiffen unterwegs sind, aber die sind natürlich nie alle gleichzeitig da, nicht am gleichen Ort. In dem Fall waren nur drei unterwegs. Was soll man machen?

Es wäre möglich, die Anzahl der Militärschiffe, die sind ja genügend unterwegs von Frontex, dort massiv auftreten zu lassen, vor der libyschen Küste, wo diese Ereignisse stattfinden, und die Menschen direkt unmittelbar zu retten. So war das früher, bis 2014, ja der Fall mit dieser Operation "Mare Nostrum" der Italiener. Dort wurde ja genau so gehandelt. Damals gab es auch diese privaten NGOs nicht wie uns. Die musste es auch nicht geben, weil die Italiener diesen Job sehr professionell und sehr menschlich erledigt haben.

"Es sind schon sehr viele Menschen in diesem Jahr ertrunken"

Zagatta: Sie haben jetzt gesagt, das sei eine vergleichbare Situation gewesen, wie man sie im vergangenen Jahr schon einmal erlebt hat. Jetzt hören wir von Politikern immer wieder, die Zahl der Flüchtlinge würde doch deutlich zurückgehen. Diesen Eindruck, haben Sie den auch, oder zeigt sich jetzt, was am Wochenende vorgefallen ist, dass das nicht ganz stimmt?

Buschheuer: Das können wir weder bestätigen noch dementieren. Wir hatten Wetterverhältnisse im Frühjahr dieses Jahres, wie sie in den letzten Jahren nicht waren, also günstig für die Flüchtlinge. Und deshalb haben die Fluchtbewegungen viel früher begonnen auf dem Wasser, als das zum Beispiel im vergangenen Jahr der Fall war. Und es sind auch schon sehr viele Menschen in diesem Jahr ertrunken. Von daher glauben wir eher, dass zur Entspannung überhaupt kein Anlass besteht.

"Ein ganz perfider Vorwurf"

Zagatta: Herr Buschheuer, jetzt sagt die EU-Grenzschutzagentur Frontex, die erhebt den Vorwurf, Flüchtlinge mit unzureichenden Booten, die würden sich auf das Meer hinauswagen, weil sie davon ausgehen können, dass dort die Retter unterwegs sind und sie aufnehmen, dass Sie also quasi mit dem, was Sie da machen vor Ort, dass Sie diese Flüchtlinge noch anlocken. Ist da nicht etwas dran auch, in der Praxis?

Buschheuer: Nein, das ist ein ganz perfider Vorwurf, weil das impliziert ja, dass die Menschen eigentlich nur am Strand stehen und drauf warten, auf gutes Wetter, bis sie jetzt dann von uns oder von anderen als Taxi befördert werden. Zum einen ist es so, wir transportieren keine Menschen, das habe ich ja eingangs gesagt, das macht immer noch das Militär, auch das deutsche, und die italienische Küstenwache.

Wir machen Ersthilfe, wir geben Rettungswesten aus und versuchen, dass die Menschen nicht ertrinken. Die Alternative dazu wäre, das nicht zu tun, mit der Folge, dass Menschen ertrinken. Ich muss diesen Vorwurf zurückgeben. Frontex will ja dann offensichtlich, dass Menschen ertrinken, um andere abzuschrecken davon, dass sie flüchten, und das kann es nicht sein und entspricht nicht unseren humanitären Standards, die wir in Europa haben.

Zagatta: Wie läuft das in der Praxis ab? Diese Menschen, die da jetzt gerettet werden, die werden ja, wenn ich das recht sehe, vor allem nach Italien gebracht. Italien nimmt diese Menschen dann auf. Sind denn die italienischen Behörden, wenn da Tausende kommen, sind die noch sehr kooperativ, läuft diese Übergabe dann problemlos?

Buschheuer: Die läuft problemlos. Man muss ja auch immer unterscheiden zwischen den Menschen, die mit der Sache beschäftigt sind – das sind auch die Militärs und die Leute von der italienischen Küstenwache –, die begreifen sich auch als Seeleute und als Lebensretter, und die haben einen humanitären Anspruch, und zwischen den Politikern.

Die Militärs oder die Küstenwache, mit denen wir zu tun haben, sind außerordentlich kooperativ und sind eben, wie ordentliche Seeleute eben drauf sind: Man hat den Anspruch, Menschen nicht ertrinken zu lassen. Das ist die erste Pflicht eines jeden Seemanns. Da können wir nichts Negatives sagen, im Gegenteil. Das andere ist die Politik.

"Flüchtende werden wie Vieh behandelt, in KZ-ähnlichen Einrichtungen gehalten"

Zagatta: Politik heißt ja auch, dass man im Moment in Verhandlungen mit Libyen darauf setzt, die Menschen dort aufzuhalten, ihnen dort vor Ort zu helfen. Aus Ihren Erfahrungen: Kann das funktionieren?

Buschheuer: Alles, was wir erfahren aus Libyen, von Erzählungen der Flüchtenden, alles, was wir von den unabhängigen Menschenrechtsorganisationen, die die Situation vor Ort besser kennen, wissen, ist, dass Libyen kein sicheres Land ist, im Gegenteil. Sie haben es, glaube ich, in Ihrem Beitrag eingangs auch erwähnt und die italienischen Kollegen zitiert.

Es ist ein Land, wo die Flüchtenden wie Vieh behandelt werden, in KZ-ähnlichen Einrichtungen gehalten werden, wo Zwangsprostitution, Zwangsarbeit und bestialische Bedingungen herrschen. Dort mit diesen Leuten überhaupt einen Deal zu machen, wo man davon ausgehen muss, dass Teile der libyschen Küstenwache ohnehin mit an diesen Schlepperorganisationen verdienen, das finde ich schon pervers, muss ich sagen. Und das weiß eigentlich auch Frontex, das ist ja auch bekannt. Und das erklärt wahrscheinlich auch die Vehemenz, mit der sie jetzt gegen NGOs wie uns vorgehen. Die wollen eigentlich von dem eigenen Dilemma ablenken.

Zagatta: Sagt Hans-Peter Buschheuer, der Sprecher der Hilfsorganisation Sea Eye. Herr Buschheuer, danke für das Gespräch!

Buschheuer: Bitte sehr, tschüss!!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk