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StartseiteCampus & KarriereGymnasien hinken bei Inklusion hinterher03.06.2016

Förderung an SchulenGymnasien hinken bei Inklusion hinterher

Der Robert Muth Preis zeichnet Schulen aus, an denen Inklusion besonders vorbildlich praktiziert wird. Das Besondere in diesem Jahr: Es ist auch ein Gymnasium dabei. Die Schulform hatte sich bisher mit dem Thema Inklusion besonders schwer getan. Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim hat einen Weg gefunden, damit Kinder mit und ohne Förderbedarf erfolgreich zusammen lernen.

Von Moritz Börner

Eine Gruppe Schüler geht im September 2014 in Ailingen (Baden-Württemberg) nach den Sommerferien zur Realschule Ailingen; im Hintergrund das Schulgebäude. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Bisher ist der Inklusionsgedanke deutschlandweit an den Gymnasien noch nicht angekommen. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
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"Fünftens: An der Unterseite des Fahrzeugs! An der Unterseite des Fahrzeugs. Einen Punkt für die Gruppe von Esther, das ist ein Genitivattribut."

Kurz nach acht, morgens, Deutschunterricht in der Klasse 7B. Lehramtsreferendar David Bielefeld bringt den 25 Schülern verschiedene Satztypen bei: Finalsatz, Relativsatz, Kausalsatz - das ist nicht ganz einfach für die Siebtklässler. Sie sitzen in Lerngruppen zusammen, jeweils zu fünft müssen sie die richtige Antwort finden. Die Gruppe mit den meisten richtigen Antworten gewinnt. Das Besondere: Sechs Schüler der Klasse haben, so heißt es im Pädagogendeutsch, einen besonderen Förderbedarf, so wie dieser Siebtklässler:

"Ich finde den Unterricht schön, weil die Lehrer sind eigentlich nett, und wir machen auch oft Gruppenarbeit, am liebsten mag ich aber die Pausen."

In seiner Gruppe kann er mitreden, wenn es darum geht, die richtige Antwort zu finden. Das Lernziel hat er begriffen:

"Also mit den verschiedenen Sätzen, wie man das, wie soll ich es erklären, mit den Attributen, wie man die Sätze sozusagen deutet."

Probleme mit der emotionalen und sozialen Entwicklung 

Manche der Förderschüler haben Probleme in der emotional - sozialen Entwicklung, sie leiden unter anderem unter ADHS, der Aufmerksamkeits – Hyperaktivitätsstörung. Andere haben eine Rechenschwäche oder eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Trotzdem funktioniert das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Förderbedarf gut, findet Schülerin Kathrin:

"Das macht Spaß, wir verstehen uns alle gut, da lernt man auch den Umgang so ein bisschen! Und es macht Spaß, sich so gegenseitig zu batteln, in der Klasse, zu gucken, wer die besseren sind, was man vielleicht noch verbessern kann für die Arbeit."

Klassenlehrerin ist Friederike Hoffmanns - Rott, seit drei Jahren betreut sie die 7B:

"Wir sind mit einem relativ bunt durchmischten Cocktail von Menschen sind wir da zusammen, unterwegs und haben schon sehr bald eine Klassengemeinschaft gefunden, also die sind eine überzeugte Gruppe, die untereinander auch mal Streit hat und Konflikte, und in der Tat wird auch mal jemand ausgegrenzt, aber man findet sehr schnell zueinander zurück und hat auch nach außen dieses Verhalten, "Wir sind die 7B" natürlich gehören hier alle zu."

Inklusionsgedanke an Gymnasien noch nicht angekommen

Bisher ist der Inklusionsgedanke deutschlandweit an den Gymnasien noch nicht angekommen. Grund dafür ist, dass viele Schüler mit Förderbedarf Schwierigkeiten haben, das Abitur, zu erreichen. Und laut Schulgesetz können sie, wenn sie an einem Gymnasium unterrichtet werden, im Normalfall nur entweder das Abitur oder einen Förderschulabschluss machen. Andreas Niessen, der Schulleiter des Geschwister – Scholl Gymnasiums ist dagegen der Meinung, Schüler mit Förderbedarf sollten auch an Gymnasien ausnahmsweise andere Abschlüsse, zum Beispiel den Realschulabschluss machen dürfen:

"Es gibt da bislang noch keine klaren Lösungen aus Seiten der Schuladministration, da müsste eigentlich eine schulrechtliche Änderung auch her. Aber man muss natürlich auch sagen, das ist eine brisante Sache, weil dann hätten wir am Gymnasium einzelne Schüler, die nach anderen Bildungsgängen unterrichtet werden."

Niessen glaubt, prinzipiell könnte jedes Gymnasium eine Inklusionsklasse pro Jahrgangsstufe einführen, das Pulheimer Gymnasium hat nicht mehr Geld als andere Schulen auch. Am Geschwister-Scholl- Gymnasium gibt es seit drei Jahren in jeder Stufe eine Inklusionsklasse. Der Unterricht wird immer gleichzeitig von einem Fachlehrer und einem Sonderpädagogen begleitet, der sich um die Schüler mit Förderbedarf kümmert. In der 7B ist das Kathrin Weber. Sie glaubt, der Unterricht am Gymnasium ist von Vorteil für die Schüler, die sonst an einer Förderschule unterrichtet werden müssten.

"Was ich ganz toll finde, ist, dass einfach hier an der Schulform eine sehr angenehme Lernatmosphäre ist, und ich finde, dass reißt auch viele Schüler mit, die einfach unheimlich engagiert und fleißig sind, und total viel erreichen, auch Sachen, die man ihnen sonst vielleicht gar nicht zugetraut hätte, dass sie das um sich herum miterleben."

Das Konzept scheint aufzugehen

In der Klasse 7B zumindest scheinen die Schüler ohne Förderbedarf diejenigen mit Förderbedarf mitreißen zu können, auf jeden Fall, wenn es um Satztypen geht, wissen alle schon ziemlich gut Bescheid:

"Es geht hauptsächlich um Attribute, aber im Moment auch um verschiedene Satzarten, zum Beispiel Finalsatz, der da ist, um den Zweck zu klären, Temporalsatz, um die Zeit und so weiter, dann gibt es eben auch Gruppenarbeiten, wo die Gruppen eben gemischt sind, und nicht dass sind die schwächer lernenden, und das sind die stärker lernenden, und da kann man eben auch voneinander lernen, und jeder kann sich da auch einbringen, was ich auch ganz toll finde."

Das Konzept scheint tatsächlich aufzugehen.

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