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StartseiteForschung aktuellWenn Wildtieren die Scheu fehlt 12.10.2015

Folgen des Wildnis-Tourismus Wenn Wildtieren die Scheu fehlt

Für viele Nationalparks sind Tourismus-Einnahmen ein wichtiger Pfeiler, um Schutzgebiete erhalten zu können. Die Besucher stellen allerdings ein Risiko für den Artenschutz dar. Forscher aus Brasilien und den USA warnen davor, dass manche Tierarten durch den ständigen Kontakt zum Menschen ihre natürliche Angst verlieren und selbst zur leichten Beute für Raubtiere werden könnten.

Von Lucian Haas

Kuhantilopen am Wasserloch von Okaukuejo im Etosha Nationalpark in Namibia. (picture alliance / dpa / Tom Schulze)
In der Wildnis könnte eine Gewöhnung an die Präsenz der Touristen für manche Tiere zu einer neuen Gefahr werden. (picture alliance / dpa / Tom Schulze)

Acht Milliarden - so viele Besucher gibt es laut Schätzungen jedes Jahr in den Naturschutzgebieten der Welt. Die meisten von ihnen kommen, um die Natur zu genießen und, wenn möglich, auf friedliche Weise wilde Tiere zu beobachten. Doch der natur-orientierte Tourismus hat möglicherweise wenig beachtete Schattenseiten, warnt der Biologe Benjamin Geffroy von der Universität von Mato Großo in Brasilien.

"Wären es nur wenige Menschen, gäbe es kein Problem. Aber bei acht Milliarden, das ist eine Zahl größer als die Gesamtbevölkerung der Erde, wird es zwangsläufig einen negativen Einfluss geben. Allein schon die Anwesenheit des Menschen verändert das natürliche Verhalten der Tiere."

Benjamin Geffroy hat sich mit einer Gruppe von Verhaltensforschern Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen die regelmäßige Präsenz von Touristen auf Tiere in der Wildnis haben könnte. Gezielte Studien dazu gibt es bisher kaum. Doch mit Blick auf mögliche Folgen verweisen die Wissenschaftler in einem Beitrag im Fachmagazin "Trends in Ecology and Evolution" auf Erfahrungen aus anderen Bereichen. Tiere zum Beispiel, die in Städten leben, verhalten sich anders als ihre Artgenossen in weniger vom Menschen geprägter Natur.

"Die Tiere werden wagemutiger. Die Tauben in Städten zum Beispiel. Viele Vögel kommen den Menschen sehr nah. Sie gewöhnen sich an den Menschen als einen Faktor, der für sie keine Gefahr darstellt."

In der Wildnis könnte eine vergleichbare Gewöhnung an die Präsenz der Touristen für manche Tiere aber zu einer neuen Gefahr werden, argumentieren die Forscher. Etwa weil die Tiere ihre von wenig Angst geprägte Haltung gegenüber dem Menschen mit der Zeit auch auf ihre eigentlichen Fressfeinde übertragen könnten. Der Verhaltensforscher Dan Blumstein von der University of California beschreibt als einer der Co-Autoren die Zusammenhänge so:

"Eins der großen Probleme des Wildnis-Tourismus ist, dass größere Raubtiere durch die Präsenz der Touristen verscheucht werden. Die Menschen werden zu einer Art Schutzschild für die Beutetiere eines Gebietes. Mit der Zeit setzt dann die Selektion ein. Die Tiere werden allgemein weniger scheu, sind dann aber viel verletzbarer, wenn die Raubtiere doch einmal zurückkehren."

"Ich gehe davon aus, dass Tiere sehr schnell lernen, wer oder was sie bedroht"

Es wäre denkbar, so Dan Blumstein, dass der eigentlich am Naturschutz interessierte Tourismus auf diese Weise ungewollt sogar das Überleben mancher seltenen Tierarten gefährden könnte. Allerdings wollen nicht alle Forscher diesen Überlegungen so recht folgen. Der kanadische Zoologe Michael Clinchy von der University of Western Ontario erforscht seit Jahren, wie sich das Verhalten von Tieren ändert, die auf abgeschiedenen Inseln leben, auf denen ihre normalen Fressfeinde fehlen. Er fand bisher keine Belege dafür, dass Tiere unter solchen geschützten Bedingungen völlig verlernen, möglichen Räubern auszuweichen.

"Ich gehe davon aus, dass Tiere sehr schnell lernen, wer oder was sie bedroht. Wenn es um den Artenschutz geht, gibt es in den meisten Fällen größere Probleme als den Tourismus in Schutzgebieten. Da ist zum einen die Zerstörung der Lebensräume, zum anderen die Wilderei, also die direkte Vernichtung von Tieren. Sie stehen an erster Stelle."

Dan Blumstein gesteht ein, bisher keine alarmierenden Zahlen vorlegen zu können. Doch darin sieht er keinen Grund zur Entwarnung.

"Ich denke, wir brauchen mehr Studien, um eindeutig herauszufinden, inwieweit und unter welchen Bedingungen der Tourismus zum Problem wird. Es wäre ja eine Ironie der Geschichte, wenn wir als Touristen am Ende genau jenen Arten schaden würden, denen wir in der Natur begegnen und die wir wertschätzen wollen."

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