Interview / Archiv /

 

Foodwatch: Agrar-Subventionen zerstören Landwirtschaft in der Dritten Welt

Moderation: Dirk Müller

Ein senegalesischer Ziegenhirt und seine Herde.
Ein senegalesischer Ziegenhirt und seine Herde. (AP Archiv)

Foodwatch-Chef Thilo Bode hat Europa mitverantwortlich gemacht für die weltweite Hungerkrise. 50 Milliarden Euro EU-Subventionen würden gezahlt für eine Landwirtschaft, die die bäuerlichen Existenzen der Dritten Welt vernichte und den Verbrauchern schade, weil der Kunde hier höhere Preise zahlen müsse. Gleichzeitig wolle man weiter Autos in die Dritte Welt verkaufen. Dieses Verhalten der EU nannte Bode "heuchlerisch".

Müller: Von einem stillen Tsunami ist bei der UNO schon die Rede. Die Vereinten Nationen gehen von inzwischen 100 Millionen Menschen weltweit aus, die von der Nahrungsmittelkrise unmittelbar in den Hunger getrieben werden könnten. Die EU hat weitere 120 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die aktuelle Situation beispielsweise in Südostasien und in Afrika schnell zu verbessern. Dies sind aber Notprogramme. Doch wie können die Ursachen des Problems nachhaltig in den Griff bekommen werden, eben die steigenden Preise zum einen und zum zweiten zu wenig Produktion in den Entwicklungsländern? "Stoppt die Exportsubventionen für die Landwirte" fordern beispielsweise die Grünen von der Europäischen Union. Am Telefon ist jetzt Thilo Bode, Vorsitzender der Verbraucherorganisation Foodwatch. Guten Morgen!

Bode: Guten Morgen!

Müller: Herr Bode, seit Jahrzehnten sucht der Westen die Schuld bei sich selbst. Ist dies nicht langsam langweilig?

Bode: Nein, das ist sogar überfällig, denn auch wenn man jetzt zumindest erklärt hat, die Exportsubventionen auslaufen zu lassen, muss man doch sagen, dass erst Ende letzten Jahres wieder neue Exportsubventionen eingeführt worden sind - zum Beispiel für den Export von Schweinefleisch. Zum anderen ist es ja so: Es wird ja auch sonst noch subventioniert - zwar nicht in Form von Exporterstattungen, sondern in der Form von direkten Flächenzahlungen an die europäischen Bauern. Diese verbilligen die Produktion derart, dass nach wie vor die Produkte der EU in der Dritten Welt die Bauern kaputt machen.

Müller: Daraus entsteht - ich frage das noch mal nach, Herr Bode - tatsächlich eine Mitverantwortung der Europäer für die Krise weltweit?

Bode: Absolut! Was den Hunger anbelangt absolut, denn Sie können im Senegal zum Beispiel Tomaten oder anderes Gemüse billiger aus Europa kaufen, weil die einheimischen Bauern damit nicht mithalten können. Die Vereinten Nationen haben das als ein perverses System bezeichnet. Die Industrieländer subventionieren ihre Landwirtschaft täglich mit einer Milliarde Dollar und sind damit mitverantwortlich für den Hunger in der Dritten Welt.

Müller: Muss die Regierung im Senegal diese Produkte reinlassen?

Bode: Ja! Dafür hat die internationale Politik gesorgt, dass die ihre Zölle und ihre Handelsschranken senken müssen. Anders herum ist es aber nicht so. Die Europäische Union lässt wiederum die Produkte der Dritten Welt nicht rein.

Müller: Was kann die Dritte Welt selbst tun, um sich zu helfen?

Bode: Die versuchen ja seit Jahren verzweifelt auf den Konferenzen, diesen Umstand endlich klar zu machen. Und ich bin froh, dass in der jetzigen Situation das mal wirklich ernsthaft diskutiert wird. Aber da hilft nur weiterhin Druck - Druck auf die Bauern-Lobby, die ja extrem stark ist in Europa.

Müller: Die Bauern-Lobby, die im Moment zum Beispiel in Deutschland auf die Straße geht, protestiert gegen fallende Milchpreise. Wie passt das in den Kontext?

Bode: Das ist absolut heuchlerisch, was da gemacht wird, denn in der Milchwirtschaft haben wir folgende Situation: Das Angebot ist größer als die Nachfrage. Der Preis sinkt. Wo gibt es denn das bei irgendeinem anderen Industriezweig, wenn das Angebot größer ist als die Nachfrage und die Preise sinken und die Hersteller würden nach Subventionen fragen. Was würden wir denn sagen, wenn die deutschen Autohersteller das verlangen würden? Das ist absolut irrsinnig!

Müller: Aber gefährdet diese Interpretation, die Sie vornehmen, Herr Bode, nicht die Existenz der Bauern?

Bode: Ich glaube, dass wir uns zu dem Schluss durchringen müssen, dass nicht alle Bauern, alle Existenzen in Europa überleben können. Wir können natürlich, wenn wir wollen - und das wollen wir -, bestimmte bäuerliche Kleinbetriebe schützen und fördern durch spezielle Subventionen. Aber was hier ja gemacht wird: Hier werden große Agrarfabriken, hoch effiziente Agrarindustrien geschützt, die ohne weiteres auch im Weltmaßstab mithalten könnten.

Müller: Nun geht es ja um internationale Politik. Entscheiden tun aber immer noch die nationalen Regierungen und die sagen in der Regel: Der Bauer in Bayern ist mir wichtiger als der Bauer im Senegal.

Bode: Das eine muss das andere nicht ausschließen. Ich glaube wir können die Produkte der Dritten Welt durchaus reinlassen und dann ganz gezielt einige Bauern fördern. Es ist ja nicht so, dass wir ganz Deutschland zu einer Hecken- und Almlandwirtschaft machen wollen, aber was heute gemacht wird: Wir zahlen ja 50 Milliarden EU-Subvention - das ist die Hälfte des ganzen EU-Budgets - vorwiegend für eine Landwirtschaft, die die Umwelt zerstört, die die bäuerlichen Existenzen der Dritten Welt vernichtet und auch noch den Verbraucher schadet, weil er hier höhere Preise zahlen muss. Gleichzeitig wollen wir weiter unsere Autos in die Dritte Welt verkaufen, aber nichts von der Dritten Welt abkaufen. Das geht nicht! Das ist eine unfaire Situation und es ist heuchlerisch, wenn wir uns über den Welthunger dann beklagen.

Müller: Nun schlägt Horst Seehofer vor, dass diejenigen, die das können - wir können das beispielsweise -, noch mehr produzieren sollen, um weltweit zu helfen. Hat er Recht?

Bode: Das halte ich wirklich auch für ein Ablenkungsmanöver, denn es geht ja in erster Linie darum, die Kaufkraft der armen Leute in der Dritten Welt zu erhöhen und dort die kleinbäuerliche Produktion anzukurbeln. Dazu hilft aber nicht, wenn wir hier unsere Produktion ausweiten. Dazu müssen wir unser Agrarsystem ändern.

Müller: Da sagen aber viele, Herr Bode, darauf können wir noch Jahrzehnte warten, bis das vor Ort funktioniert.

Bode: Das glaube ich nicht so, denn schauen Sie sich zum Beispiel mal Burkina Faso an. Da sieht man es heute ganz deutlich. Da hat der hohe Milchpreis der EU die kleinbäuerlichen Existenzen gefährdet. Die Leute würden sofort anfangen, mehr zu produzieren. Sie können aber nicht. Was sollen sie denn machen, wenn die Milch in den kleinen Läden aus Europa um die Hälfte billiger ist. Das ist doch ganz selbstverständlich, dass die Einheimischen dann die billigere Milch aus Europa kaufen. Die haben doch gar keine Wahl; die haben doch gar kein Geld dazu.

Müller: Produzieren, Herr Bode, ist ja nicht so einfach. Das ist ja auch unter den klimatischen Bedingungen vor Ort äußerst schwierig in bestimmten Situationen.

Bode: Da muss ich Ihnen erheblich widersprechen! Auch die Bauern in der Dritten Welt haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte äußerst gut angepasste Pflanzen entwickelt. Die verstehen auch was von der bäuerlichen Landwirtschaft. Natürlich müssen die unterstützt werden, auch vor allen Dingen von ihren Regierungen. Aber wenn die Preise nicht stimmen - und das haben wir gesehen -, dann produziert kein Bauer auf der Welt. An der EU sieht man es am besten. Wir haben ja deshalb so hohe Produktionen, weil die Preise künstlich hoch gehalten wurden. Auch der Bauer in der Dritten Welt reagiert nicht anders als der Bauer in der EU.

Müller: Jetzt wussten Sie vermutlich schon, was ich fragen wollte. Hilft Gentechnik vor Ort weiter?

Bode: Das hilft auf keinen Fall, denn die Ursachen für den Hunger liegen ja nicht darin, dass die Bauern in der Dritten Welt nicht die richtigen Pflanzen haben, sondern sie liegen darin, dass sie nicht die richtigen Anreize haben und nicht die entsprechend hohen Preise. Bei uns hilft das auch nicht, denn die moderne Gentechnologie in der Landwirtschaft, die sich im Wesentlichen aus Futtermittel konzentriert, senkt die Kosten etwas für die großen Agrarbetriebe. Davon haben die Verbraucher überhaupt nichts!

Müller: Bei uns im Deutschlandfunk Thilo Bode, Vorsitzender der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören!



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Deutschland stockt Hungernothilfe auf

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Ukraine-Konflikt"Putin ist in Wirklichkeit völlig isoliert"

Porträt des EU-Parlamentariers Knut Fleckenstein

Bei den Russen sei Wladimir Putin so beliebt wie nie zuvor, sagte Knut Fleckenstein (SPD), stellvertretendes Mitglied der EU-Russland-Delegation im Europaparlament, im Deutschlandfunk. Doch für seine Politik zahle er international einen hohen Preis. Der Westen müsse ihm mit weiteren Wirtschaftssanktionen drohen.

Zweiter Weltkrieg"Urkatastrophe der Menschheitsgeschichte"

Ralph Giordano.

Am 1. September 1939 freuten sich Ralph Giordanos Mitschüler - aber nur, weil sie wegen des Kriegsbeginns frei bekamen. Sein ganzes Leben beschäftigte sich der nun 91-jährige Autor mit Krieg, Holocaust und Aufarbeitung. Doch je mehr er wisse, desto schwerer falle es ihm, die Verbrechen zu verstehen, sagte er im Deutschlandfunk.

Ukraine-Konflikt"Das Thema Sanktionen wird wieder auf die Tagesordnung kommen"

Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD).

Auf dem EU-Gipfel am Samstag werden die Staats- und Regierungschefs wahrscheinlich über weitere Strafmaßnahmen gegen Russland beraten, sagte Gernot Erler (SPD), Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russische Zusammenarbeit, im DLF. Es gebe schon längst Pläne, wie die Wirtschaftssanktionen verstärkt werden könnten.

 

Interview der Woche

Weltweite Krisen"Es muss eine europäische Außenpolitik entstehen"

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen

Die weltweiten Krisen zeigten deutlich, dass die Europäische Union endlich zu einer gemeinsamen Außenpolitik finden müsse, sagte Norbert Röttgen (CDU) im DLF. Der europäische Nationalstaat sei nicht mehr einflussreich. Eine gemeinsame Politik sei nötig, um die Werte des Westens zu verteidigen - denn diesen stimmten global gesehen nur eine Minderheit der Menschen zu.

Ukraine"Wir brauchen militärische Hilfe"

Der ukrainische Außenminster Pawel Klimkin, sprechend, eine gelb-blaue Fahne im Hintergrund.

Der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin bittet die EU und die NATO um mehr Engagement in der Ostukraine. Sowohl militärische als auch politische Hilfe sei dringend notwendig, um die Lage in der Region in den Griff zu bekommen, sagte er im Interview der Woche im DLF. Ziel sei es, den Menschen dort ein normales Leben zurückzugeben.

Roland Jahn"Keine Gleichsetzung von NSA und Stasi"

Der Leiter der Stasiunterlagenbehörde Roland Jahn vor dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen am 16. März 2011. Ein Tag zuvor war Jahn in sein neues Amt eingeführt worden.

Die Stasi-Akten seien ein Aufruf an alle in der Demokratie, dafür zu sorgen, dass Geheimdienste nicht außer Kontrolle gerieten, sagte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im "Interview der Woche" des Deutschlandfunks. Einen Vergleich von NSA und Staatssicherheit lehnt er aber ab.