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StartseiteHintergrundWissenschaftler trotzen dem Druck16.04.2017

Forschung in den USAWissenschaftler trotzen dem Druck

Die Regierung unter Präsident Donald Trump will Fördermittel für Medizin und Wissenschaft massiv kürzen. Staatliche Forschungsinstitutionen müssen mit erheblichen Einsparungen rechnen. Viele Wissenschaftler in den USA wollen das nicht hinnehmen und protestieren beim "March for science" am 22. April für die akademische Freiheit.

Von Daniela Remus

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Aktivisten in New York fordern den Erhalt der US-Umweltbehörde EPA. (imago )
Aktivisten in New York fordern den Erhalt der US-Umweltbehörde EPA, unter Donald Trump soll sie um ein Drittel schrumpfen. (imago )
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"Wir sind ziemlich verzweifelt, muss ich sagen, und versuchen, so viel zu kämpfen wie möglich."

Sagt die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch von der Columbia Uni­­­versität in New York. Und Susan Winnett, Professorin für Ame­ri­ka­nistik an der Universität Düsseldorf, ergänzt:

"Ich habe unter meinen Freunden wirklich das Gefühl, dass sie noch verzweifelter sind als ich, obwohl ich total verzweifelt bin, aber die sind vor Ort und baden das täglich aus."

Wissenschaftler vor neuen Herausforderungen

US-Wissenschaftler fühlen sich unter Druck: In ihrem Selbstverständnis als Forscher, aber auch als Bürger eines freien Landes, erklärt die junge Biologin Rebecca Barnes vom Colorado College in Colorado.

"Was sich ganz dramatisch geändert hat, zumindest für mich, ist, dass ich es jetzt für dringend notwendig halte, für die Wissenschaft einzutreten und auch die Institutionen zu verteidigen, die die Forschung bisher ermöglicht haben."

Seit dem Einzug des Immobilienunternehmers Donald Trump ins Weiße Haus stehen Wissenschaftler vor ganz neuen Herausforderungen, sagt auch Jocelyne Kolb, Professorin für Germanistik am Smith College:

"Gerade weil es für uns am allerwichtigsten ist, Fakten zu vertreten. Meinungen sind natürlich eine wichtige Sache, aber wenn man ganz offensichtlich lügen kann, dann geht das gegen das Innerste, was wir tun."

Massive Einschränkungen möglich

Deshalb befürchten viele Wissenschaftlerin Zu­kunft mas­sive Ein­­schrän­­­­kungen bei ihrer bisher freien Suche nach Wahrheit und Erkenntnissen. Weil rationale Er­kennt­nisse nicht mehr viel zu bedeuten scheinen in Zeiten von alternativen Fakten, von fake news und festgefahrenen Überzeugungen. So sagt Donald Trump zum Klimawandel:

"Das Konzept der globalen Erwärmung wurde von den Chinesen erschaffen, um die Produktion in den Vereinigten Staaten nicht mehr konkurrenzfähig zu machen.” (6.11.12)

Und zum Thema Impfen bezieht er sich auf eine Studie, die schon vor Jahren als Fälschung entlarvt wurde.

"Wenn wir die Impfpraxis der Mehrfachimpfung ändern, werden wir einen starken Rückgang der Autismus Rate sehen." (17.09.15)

Sind solche Äußerungen eine echte Kampfansage an die Wissenschaft oder doch eher Ausdruck von Borniertheit, Unkenntnis und Ignoranz? Für die  Öko­­login Jessica Gurevitch von der Universität Stony Brook in New York vergiften solche interessensgeleiteten Behauptungen das ges­ell­schaft­liche Klima:

"Für Menschen, die ich kenne, kann ich sagen, die größte Sorge ist, dass wissenschaftliche Fakten nichts mehr zählen, dass wissenschaftliche Me­tho­den nicht geachtet werden, und dass wissenschaftlich gewonnene Er­kenntnisse und Einsichten der gegenwärtigen Regierung nichts mehr bedeuten."

New Yorker demonstrieren gegen Trumps Kabinett, zu dem auch Personen gehören, die bestreiten, dass es einen Klimawandel gibt. Eine Frau hält ein Schild in der Hand, auf dem steht: "Earth needs thinkers not deniers". Die Erde braucht Denker, keine Leugner.  (imago /  Erik McGregor)New Yorker demonstrieren gegen Trumps Kabinett, zu dem auch Personen gehören, die bestreiten, dass es einen Klimawandel gibt. (imago / Erik McGregor)

Vernunftfeindliche Stimmung

Vernunftfeindlich sei die Stimmung, beklagen deshalb viele Forscher, so auch die Feministin und Professorin für Litera­tur­­wissenschaften an der Columbia Universität in New York, Marianne Hirsch:

"Es handelt sich um die ganze Atmosphäre, die so schrecklich anti­-in­tel­lek­tu­ell ist, in der Trump Administration, das ist eine Angst. Die andere ist für die Humanities, die Geisteswissenschaften, dass da diese National En­dowment for the Humanities, National Endowment for the Arts, die sol­len ganz gekürzt werden. Und die bieten Stipendien für in­di­vi­duelle For­scher und auch für Gruppenforschung. Und wenn die dann nicht mehr exis­tieren, was wir annehmen, dass da entweder die Fin­an­zierung gekürzt wird oder die überhaupt ganz verschwinden, das wird dann einen großen Impact haben auf unsere Arbeit."

Und in der Tat hat Donald Trump in seinem ersten Haushaltsentwurf vom 16. März drastische Kürzungen angekündigt. Der Haushalt muss zwar noch vom Kongress genehmigt werden, aber da die Republikaner dort über die Mehrheit verfügen, wird es wohl keine grundlegenden Veränderungen geben.

"America First. A Budget Blueprint to Make America Great Again.”

Amerika zuerst. Ein Haushaltsplan, um Amerika wieder groß zu machen.

So lautet der Titel des Planungspapiers. Und die Kürzungen betreffen alle gesellschaftlichen Bereiche. Nur das Militär, die Versorgung der Veteranen und das Heimatschutzministerium sind davon ausgenommen, sie bekommen mehr Geld als vorher. Da es in den USA kein eigenes Forschungsministerium gibt, hängt die Finan­zierung der Wissenschaftsbereiche an den einzelnen Ministerien. Elementarteilchenphysik zum Beispiel wird vom Energieministerium finan­ziert, medizinische Forschung vom Gesundheitsministerium. Darüber hinaus waren bisher zahlreiche öffentliche Stiftungen für die For­schungsfinanzierung zuständig, wie beispielsweise die von Marianne Hirsch erwähnte National Endowment for the Arts and Humanities. Diese Stiftungen finanzieren die Künste, Geisteswissenschaften, die Museen und Bibliotheken. Sie ermöglichen Forschung zum Frieden oder zum öffentlichen Rundfunk. Neunzehn dieser Stiftungen sollen laut Haushaltsentwurf ersatzlos gestrichen werden. Die Ame­ri­ka­nistin Susan Winnett sieht diese Planung mit Zorn und Entsetzen:

Fundamentaler Einschnitt für die Klimaforschung

"Für mich ist es schon beängstigend, dass die sowieso nicht gerade üppige staatliche Unterstützung der Geisteswissenschaftler abgeschafft wird. Das begünstigt ein Klima, wo weitere Maßnahmen ergriffen werden können, es ist sicherlich eine Aussage über die Ausrichtung des Landes."

Aber es sind nicht nur die bei den Republikanern als liberal ver­schri­enen Geistes- und Sozialwissenschaftler, die in Zukunft weniger Forschungs­spielraum haben sollen. Es trifft auch die Naturwissenschaftler. Allen voran Öko­lo­gen und Klimaforscher. Und es bleibt nicht bei diffamierenden und dis­kri­minierenden Äußerungen, wie das Bei­spiel vom Umgang mit der Umweltbehörde Environmental Pro­tec­tion Agency, kurz EPA, zeigt, die z.B. den VW Abgasskandal aufgedeckt hat. Hier sind in der Vergangenheit die Untersuchungen der Klima­for­scher gesammelt und veröffentlicht worden. Jetzt gilt dort ein Pu­blika­tions­verbot, der Öllobbyist Scott Pruitt ist zum Chef der Behörde er­nannt worden und das Budget soll laut Haushaltsentwurf um 30 Prozent gekürzt, mehr als 3000 Mitarbeiter sollen entlassen werden. Für die Ökologie, den Umweltschutz und die Klimaforschung ein fundamentaler Einschnitt. Mit solchen Maß­nahmen zerstöre die gegenwärtige US-Regierung aber nicht nur einzelne Wissen­schaftsbereiche, sagt Martin Visbeck, Leiter des internationalen Ozeanforschungsprojekts "Atlantos", sondern auch das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Denn die Übergriffe auf die Pu­blika­tions- und Redefreiheit seien Angriffe auf fundamentale Bürgerrechte:

"Das ist der soziale Kontrakt zwischen der Forschung und der Ge­sell­schaft, der sich wandelt. Wo wir eigentlich in der Wissens­gesellschaft im­mer die waren, unser Job war es, Fakten abzuliefern, und wenn die aus der Wissenschaft kamen, waren die auch glaubwürdig und jetzt hat man das Gefühl, dass wissenschaftliche Fakten ein Teil der Argumente sind, aber die können auch weggewischt werden, weil sie ja sozusagen im Konflikt stehen mit anderen Ansichten."

Forschungsergebnisse in Konkurrenz mit Meinungen

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse stehen demnach bei der neuen US-Regierung in Konkurrenz mit Meinungen, Überzeugungen und po­liti­schen Glaubensbekenntnissen. Evidenz, also die Beweisbarkeit von Er­kennt­nissen, ist kein Argument mehr. 

"Und das ist schon so ein bisschen die Folge des Kulturwandels in den USA, dass die Kollegen sagen, Faktenwissen ist nicht mehr so gefragt…"

Das anti-intellektuelle Klima, die Kürzungen und die damit einhergehende Wis­sen­schafts­feind­­­­lichkeit machen deutlich, dass jetzt Geschäftsleute, Milliardäre und Banker die USA regieren. Akademisches Wissen, in allen Facetten, hat in einem solchen Kosmos keinen Wert. Das ist wenig über­raschend. Aber dass die neue US-Regierung damit auch die Be­deutung der wissen­schaftlichen Erkenntnisse für In­novationen, wirtschaftliche Entwicklung und technologischen Fortschritt nicht zu erkennen scheint, das ist sehr wohl überraschend. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Wissenschaftler ernsthaft befürchten, dass die neue US-Regierung auch die Forschungsgelder für die Uni­versitäten und Colleges streichen wird. Der Meeresforscher Martin Visbeck vom Geomar Helmholtz Zentrum in Kiel, der mehr als ein Jahrzehnt in den USA geforscht hat, hält solche Kürzungen durchaus für möglich:

"Die haben viel weniger Sicherheiten in ihrer Finanzierung als ähnliche Or­ganisationen in Deutschland. Die Budgets ähnlicher Organisationen in Deutschland sind kleiner aber fester. Die sind auch nicht politisch motiviert, sondern die sind gesellschaftlich motiviert. Dass man sagt, das sind Grundversorgungsaufgaben, die keine Partei, die wir in Deutschland normalerweise wählen, in Frage stellt. Das ist in den USA anders, da sind die Budgets doch eher politisch motiviert."

Wird die Regierung die Forschung in ihrem Sinne ändern?

In Deutschland werden die Universitäten zu knapp 90 Prozent vom Staat und vom jeweiligen Bundesland finanziert. Das ist die so­­genannte Grund­­­­f­­inan­­zierung, die zwar knapp ist, aber zur dauerhaften und damit plan­­­­­baren Verfügung steht. Und die nicht in jeder Legis­laturperiode ge­än­dert werden kann, je nachdem, welche Partei regiert. In den USA ist das anders. Viele der weltweit re­nom­mierten Uni­versitäten wie Stanford, Harvard oder Princeton sind zwar private Einrichtungen und deshalb in vielen Be­­langen unabhängig von staatlichen Zuschüssen. Allerdings finan­­zieren selbst diese reichen Universitäten nur ein Drittel ihres lau­fenden Budgets aus dem eigenen Vermögen. Das heißt, auch sie sind für For­­schungs­pr­o­jekte neben privaten Spenden auf staatliche Stiftungs­gelder angewiesen. Ge­nauso wie die staatlichen Unis, die nur eine mini­male Grundfinanzierung vom jeweiligen Bun­des­staat erhalten, erklärt Konrad Kenkel, Germanistikprofessor am Dartmouth College in New Hampshire:

"Die Gelder, die von den Staaten an die Unis kommen, das sind Budgets. Die Fördergelder, die aus der Bundesebene kommen, das sind keine Budget­förderungen, sondern das sind Förderungen einzelner Wissen­schaft­ler oder einzelner Forschungsvorhaben an den jeweiligen Universitäten. Das heißt, da ist es nicht mehr das Budget der Institution, sondern die Gelder, die da kommen, sind individuell entweder personengebunden oder projektgebunden."

Auch Beate Heinemann kennt die finanzielle Situation an den US-Unis sehr gut. Bis zum Herbst 2016 hat die Physikerin an der staatlichen Hoch­­s­chule Berkeley in Kalifornien gearbeitet. Und sie hat keine Zweifel daran, dass die US Re­gierung versuchen wird, die Forschung in ihrem Sinne zu lenken:

"Die Sache ist, dass zwar das Gehalt der Professoren, das kommt über die Uni, das ist letztlich nicht gefährdet. Da macht sich eigentlich keiner so richtig Sorgen, würde ich sagen, es sind mehr die Forschungsgelder. Und die kommen eben von Federal Agencies. Zum Beispiel die National Science Foundation, das Department of Energy, das DOE, das heißt, meine Forschung wurde hauptsächlich von National Science Foundation und Department of Energy gezahlt, es gibt diese großen Federal Agencies, die letztlich die Forschungsgrants verteilen, und das ist die Sorge letztendlich."

Ausgaben für Militär und Heimatschutz steigen

Denn wenn diese Finanzierung wegfällt, dann lässt sich die For­schung nicht aufrechterhalten, erklärt die Physikprofessorin, die jetzt an der Uni­versität Freiburg und am DESY in Hamburg arbeitet:

"Das bedeutet dann, dass ich weniger Studenten einstellen kann, die Stu­de­nten werden nicht über die Uni finanziert, sondern über die Grants.  Auch die Postdocs, also die, die hauptsächlich die ganze Forschung b­e­treiben, sind ja die Studenten und die Postdocs und nicht die Professoren. Und für mich als Forscher ist es unglaublich wichtig, dass ich genug Studenten und Postdocs habe, mit denen ich meine ganzen Ideen verwirklichen kann, denn wenn ich die alle alleine machen muss, dann komme ich nicht auf einen grünen Zweig."

Klimaforscher, Stammzellenforscher, Geistes- und Sozialwissenschaftler, Evolutionsbiologen und Ökologen, das sind nur einige der Wissenschaftler, die ausgesprochen sorgenvoll in die Z­ukunft blicken. Vor allem seit klar ist, dass die neue US-Regierung die Aus­gaben für das Militär und den Heimatschutz deutlich anheben möchte. Denn bisher weiß niemand, welche Projekte konkret von den Einsparungen betroffen sein werden. Ozeanograph Martin Visbeck beschreibt, wie diese Unsicherheiten seine Arbeit mit den US-Kollegen beeinflusst:

"Ich hab gemerkt, schon in den letzten vier Monaten, also als sich die Trump Ära ansagte, dass die Amerikaner zaghafter werden mit ihren Aus­sagen, das werden sie auf jeden Fall liefern, die sagen, wir versuchen das, aber das Geld wird knapp, und politisch ist das auch nicht mehr so, dass das Thema Klima und Klimabeobachtung en vogue sind. Ozean läuft noch ganz gut, aber man merkt, dass die Unsicherheit zunimmt."

2013 haben sich die USA, Kanada und die EU darauf verpflichtet, ge­­­­mein­sam den Ozean zu erforschen. Das Großprojekt "Atlantos" wollten sie nicht nur gemeinsam finanzieren, sondern dadurch auch effektiv ihre Kapazitäten und ihr Know-How bündeln. Aber ob Ozean­for­schung jetzt noch angesagt ist, unter Trump, wo die Umweltbehörde EPA um ein Drittel schrumpfen soll, das ist den beteiligten US-Wissen­schaftlern nicht klar.

Das Hauptquartier der Environmental Protection Agency (EPA) in Washington, USA. (dpa/ picture alliance/ Johannes Schmitt-Tegge)EPA-Zentrale in Washington (dpa/ picture alliance/ Johannes Schmitt-Tegge)

"Wir wissen jetzt gar nicht, ob wir in zehn Jahren noch ein starker Pro­jektpartner sind, uns fehlt die Erneuerung der Forschungsflotte, uns fehlt der politische Rückhalt, von daher gibt es schon Zurückhaltung. Es gibt aber noch keine faktischen Aussagen, dass ich jetzt schon weiß, das Bud­get ist gestrichen worden. Aber die müssen ihre Budgets alle zwei, drei Jahre neu verhandeln, und ich höre, dass sie sich Sorgen machen, ob sie diese Budgets noch einmal durchkriegen. Das heißt, die signalisieren uns, über­legt euch einen Plan B, was passieren würde, wenn die Amerikaner 10-20 Prozent ihres Engagements zurückfahren, da sind die sehr klar in ihren Aussagen."

"Spitzenwissenschaftler für wissenschaftliche Tätigkeit in Deutschland begeistern"

In vielen anderen Forschungsbereichen sieht es ähnlich aus. Die Zuverlässigkeit ist dahin, die Verunsicherung groß. Und darüber hinaus: Wer wird in Zukunft noch an Kongressen in den USA teilnehmen können, wenn der Einreisestopp für Menschen aus mehr­heitlich muslimischen Ländern durchgesetzt werden wird? Internationale Ko­operation ist eine wesentliche Bedingung für wissenschaftliches Ar­beiten. Das zeigt gerade die Geschichte der USA als Wissenschafts-Weltmeister sehr deutlich: Dem Exodus europäischer Forscher in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts verdankten die USA ihren Aufstieg zur internationalen Wissenschaftsmacht, die die meisten Nobelpreise einheimsen konnte. Jetzt ist der Wissenschaftsstandort USA ernsthaft in Gefahr. Der Physiker Jürgen Mlynek, viele Jahre Präsident der Humboldt Universität in Berlin und Präsident der Helmholtz Gesellschaft, hat deshalb an die deutsche Wissenschaft appelliert, US-Forscher aktiv abzuwerben.

"Wir haben jetzt die Chance, noch mal wirklich Spitzenwissenschaftler aus den USA für wissenschaftliche Tätigkeit in Deutschland nicht nur zu interessieren, sondern auch zu begeistern, weil man hier mit Perspektive langfristig an Themen arbeiten kann, und auch die politischen Rahmen­bedingungen wirklicher stabiler sind, als das momentan in den USA absehbar ist."

Und mit dieser Einschätzung steht Jürgen Mlynek nicht allein.  

Der Blick auf die USA als Hort grandioser Spitzenwissenschaft sei sowieso schon längst etwas veraltet, sagen viele. Spätestens seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 hätten die USA damit begonnen, sich abzuschotten und weniger Geld für Forschung in die Hand zu nehmen. So liegt der Anteil, den die USA für diesen Bereich ausgibt, seit gut 20 Jahren zwischen 2,5 und 2,8 Prozent des Bruttosozialprodukts. Im selben Zeitraum hat Korea die Ausgaben von knapp 2 auf fast 4,5 Prozent erhöht und Deutschland von 2,2 auf 3 Prozent. Andere Länder holen auf, weil sie erkannt haben, dass die Wissenschaften ein immenser Motor sind für wirtschaftlichen Erfolg, für Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität.

Im Moment verstehen sich die Universitäten und Colleges in den USA als Bollwerk der Demokratie. Sie setzen sich ein für Rede- und Publikationsfreiheit, für die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und auch für offene Grenzen.

"Ich finde es völlig absurd, wir müssen aufstehen für überprüfbare Beweise und Argumentationen, das ist es, was wir jetzt machen müssen!"

Viele Hochschulen haben Angst um ihre Studenten

Rund vierzig Prozent aller Professoren am MIT in Cambridge sind Immig¬ran¬ten, ähnlich verhält es sich an anderen Universitäten. Etwa 17.000 Studenten, die zur Zeit an US-Hochschulen ein-geschrieben sind, kommen aus den Ländern, für die Trump einen Ein¬reisestopp durchsetzen will. Viele Hochschulen haben deshalb Angst um ihre Studenten, bieten Beratung und Betreuung an.

Die Einigkeit ist ungewöhnlich groß unter den Wissenschaftlern, auch wenn nicht alle davon überzeugt sind, dass der March for Science am 22. April der richtige Weg ist, um gegen die neue US-Regierung zu demonstrieren.

"Es geht um die Werte einer Universität, es geht um Wissenschaftlichkeit, es geht um Dialog, es geht um Meinungsfreiheit, und deswegen diese Einigkeit."

Wie Jocelyne Kolb vom Smith College in Massachusetts sind die meisten Wissenschaftler zutiefst davon überzeugt, dass gerade ein wegweisender Kulturwandel stattfindet, manche sprechen sogar von einem "Krieg gegen die Wissenschaft.” Und sie sind sicher, dass es bei der Auseinandersetzung mit der neuen US-Regierung um nichts weniger geht als um die Freiheit von Wissenschaft und Forschung. 

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