Samstag, 18.11.2017
StartseiteForschung aktuell"Solche Fälle dürfen nicht verschwiegen werden"06.11.2017

Forschungsbetrüger Macchiarini"Solche Fälle dürfen nicht verschwiegen werden"

Die Operationen des Arztes Macchiarini – erst medizinische Sensation, dann wissenschaftlicher Skandal: Detlev Ganten wurde als einer von zwei externen Experten beauftragt, ein Gutachten über Macchiarinis Publikationen zu erstellen, um herauszufinden, ob man ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vorwerfen könne. Man kann, so das Ergebnis.

Detlev Ganten im Gespräch mit Ralf Krauter

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Juli 2011: Paolo Macchiarini und sein Team transplantieren einem Patienten im Krankenhaus des schwedischen Karolinska-Instituts eine künstliche Luftröhre. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Luftröhren nicht funktionierten, was einen großen Forschungsskandal zur Folge hatte. (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )
Paolo Macchiarini und sein Team transplantierten künstliche Luftröhren, die nicht funktionierten. (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )
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Ralf Krauter: Herr Ganten, wie sind Sie vorgegangen, um sich ein Bild vom Fall Macchiarini zu machen?

Detlev Ganten: Wir sind zunächst mal informiert worden vom Karolinska-Krankenhaus und vom Karolinska-Institut über den Vorgang und habe eine Einführung bekommen in alle Materialien, unter anderem auch in ein sehr gutes und gründliches Gutachten, das ein emeritierter Professor des Karolinska-Instituts, Herr Bengt Gerdin, schon angefertigt hatte. Das war also schon eine sehr gute Grundlage für unsere Arbeit, und wir sind dann den weiteren Materialien nachgegangen, die uns vorgelegt wurden. Ich habe ja zusammengearbeitet mit einem Chirurgen, Herrn Martin Björck aus Uppsala, der Schwedisch kann und dann auch in alle schwedischen Unterlagen und Krankenblätter natürlich einsehen konnte. Also alles stand uns zur Verfügung. Das war nicht ganz unkompliziert, weil ja die drei Patienten, um die es ging, aus unterschiedlichen Regionen der Welt kamen, und insbesondere der erste Patient war jemand, der aus Eritrea kam, aus Reykjavik in Island überwiesen wurde, dann auch wieder rücküberwiesen wurde. Das heißt, es war schon eine komplizierte Grundlage der Unterlagen, die wir durchsehen mussten, das war eine ziemlich aufwendige Arbeit. Aber dieses Gutachten von Bengt Gerdin war eine sehr, sehr gute Unterlage schon.

Entsprach nicht ethischen Grundlagen

Krauter: Sie kamen letztlich auch zu einem sehr ähnlichen Schluss: Paolo Macchiarini hat in diversen Bereichen gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen, das kann man dingfest machen an den sechs Publikationen, die Sie ja auch unter die Lupe genommen haben. Wo konkret haben Sie Verstöße ausgemacht?

Ganten: Das Erste und Wichtigste war vielleicht, dass kein Gutachten einer Ethikkommission vorlag für diese Operation, die Paolo Macchiarini dann durchgeführt hat, und der hat sich dann bezogen auf den Grundsatz, da ja überall gilt, dass wenn Not am Mann ist, ein Arzt auch handeln muss und darf und soll, um Patientenleben zu retten. Das waren natürlich alles schwer kranke Patienten, mit einem Krebs oder anderen schweren Beeinträchtigungen der Luftröhre, und darauf hat er sich bezogen. Aber das war nicht der Fall, diese Patienten wurden ja überwiesen, es bestand keine akute Lebensgefahr, und die Zeit hätte natürlich bestanden, eine Ethikkommission einzuholen, die ja dann auch schnell reagieren kann. Und das Zweite war, die Operationen waren neu am Patienten, und es ist Stand der Wissenschaft, bevor man etwas am Patienten macht, macht man so etwas wie einen Proof of Principle, das heißt, man probiert aus experimentell, im Allgemeinen an Tierversuchen oder in Zellkultur, ob das Verfahren am Menschen anwendbar ist und erfolgsversprechend ist. Und diese Tierversuche haben auch nicht vorgelegen, das haben wir gründlich recherchiert. Und das hat dann dazu geführt, dass wir gesagt haben, also das ist nicht Stand der Wissenschaft und das entspricht nicht den ethischen Grundlagen, die man stellen muss bei einer solchen Operation.

Unter dem Deckmantel der klassischen Patientenversorgung

Krauter: Wussten denn Paolo Macchiarinis Patienten, worauf sie sich da einlassen?

Ganten: Das ist ein weiterer Punkt. Die Aufklärung ist zumindest nicht so gut dokumentiert, dass man sagen könnte, die hätten gewusst, worum es wirklich geht. Natürlich sind sie aufgeklärt worden über die Operation, aber nicht in einer Weise, dass alle diese Dinge, die wir besprochen haben, den Patienten so klar gewesen wären. Und das ist wahrscheinlich auch – so sieht es aus – einigen der Mitarbeiter von Paolo Macchiarini nicht so klar gewesen.

Krauter: Zusammengefasst heißt das ja, Paolo Macchiarini hat letztlich ja mitunter tödliche Menschenversuche gemacht, ohne, Sie haben es gesagt, die Operationstechnik zuvor überhaupt an Tieren erprobt zu haben, was Standard wäre – das alles unter dem Deckmantel der klassischen Patientenversorgung in einer Universitätsklinik. Kann es denn wirklich sein, dass Aufsichtsbehörden und Ethikkommission davon jahrelang gar nichts mitbekommen haben?

Ganten: Wir haben keine Recherche geführt über das Verhalten des Karolinska-Instituts und der Karolinska-Klinik, das war nicht unsere Aufgabe. Wir haben auch keine Verhöre durchgeführt, wann was los war. Aber Menschenversuche klingt vielleicht ein bisschen, gerade in deutschen Ohren, drastisch. Es waren sehr, sehr kranke Patienten, die operiert werden wollten, die sich auch an ihn gewandt hatten zur Operation in einigen Fällen, aber die Diskussion über die Ergebnisse dieser Operationen, insbesondere auch des ersten Patienten, sind sicher nicht so öffentlich geführt worden in Ärztekonferenzen, wie man das normalerweise in Kliniken erwartet.

Geschönte Publikationen

Krauter: Zumal Paolo Macchiarini ja gerade die Ergebnisse dieser ersten Operation gnadenlos geschönt hat, also die sehr positiv dargestellt hat, obwohl der Patient ja kurz darauf verstorben ist.

Ganten: So ist es, ja. Also die Publikationen waren geschönt, ganz eindeutig, und das zieht sich durch alle sechs Publikationen, die wir dann gründlich angesehen haben, durch. Insbesondere bei den späteren Diskussionen war völlig klar, da war der Patient schon gestorben, es wurde aber trotzdem auf die erste Publikation dann auch rückgegriffen in der Diskussion. Das war ganz klar Fehlverhalten, das geahndet werden muss und das auch natürlich nicht Standard ist.

Krauter: Nun gab es ja durchaus Whistleblower, andere Ärzte im Umfeld, die Paolo Macchiarini dann seinerzeit bei der Institutsleitung angezeigt hatten. Die wurden anfangs heftig angefeindet – gab es da so eine Art Kartell des Schweigens, um den bis dahin exzellenten Ruf des Karolinska-Instituts ja nicht zu gefährden?

Ganten: Das Karolinska-Institut und die Karolinska-Klinik sind und bleiben sehr, sehr gute Kliniken. Ob es ein Kartell des Schweigens gab, das würde ich eher nicht vermuten, aber es ist ganz sicher nicht so gründlich und so schnell und abhängig die Sache aufgearbeitet worden. Und der erste Bericht von Bengt Gerdin, der sehr, sehr gut war und gründlich recherchiert hatte, hat nicht so schnell wachgerufen und wachgerüttelt, dass man sehr früh darauf reagiert hätte, wie es dann ja später gemacht wurde. Das Karolinksa-Institut hat ja dann die Ethikkommission und uns eingesetzt als unabhängige Experten, um das zu untersuchen – also insofern kein Kartell des Verschweigens, aber sie haben nicht schnell genug reagiert. Und dann haben ja auch einige Verantwortliche daraus die persönlichen Konsequenzen gezogen.

Mehr Transparenz gefordert

Krauter: Nicht schnell genug reagiert heißt, man hat das Menetekel erst mal ignoriert, mit der Folge, dass Paolo Macchiarini ja weitere Patienten operieren konnte.

Ganten: Nicht ignoriert, also das Gutachten von Bengt Gerdin ist ja nicht in Verschwiegenheit gemacht worden, sondern das war schon eine offizielle Beauftragung, aber die Ergebnisse sind nicht ausreichend gewürdigt worden, und darauf wurde dann nicht schnell genug reagiert.

Krauter: Was kann man denn lernen aus dem Fall Paolo Macchiarini, wie kann man verhindern, dass so was wieder passiert, dass letztlich ein Betrüger die Gesundheit von Patienten in diesem Umfang in Mitleidenschaft ziehen kann?

Ganten: Transparenz, Transparenz, Transparenz, Offenheit – gerade im wissenschaftlichen Bereich, und zwar an der Vorderfront der medizinischen Forschung, muss alles immer offen sein und in ärztlichen Konferenzen besprochen werden. Ich glaube, das ist der allerwichtigste Punkt. Ein paar Regeln muss es natürlich auch geben, die gibt es aber auch natürlich überall, auch am Karolinska-Institut. Vor Betrügern sich zu schützen, ist wahnsinnig schwer, wie wir wissen, und Paolo Macchiarini war jemand, der richtig betrogen hat und die Ergebnisse nicht so offen diskutiert hat, wie er es hätte machen müssen in einer akademischen Institution. Darauf immer wieder drängen und solche Fälle nicht verschweigen, sondern in die Öffentlichkeit bringen – machen Sie ja auch – und eben auch andere Institutionen, die davor nicht gefeit sind. Also ich selber hab ja mal eine Wissenschaftsorganisation an ein großes Krankenhaus geführt. Es passieren immer wieder Dinge, die nicht passieren sollten, und nur Transparenz, Offenheit und auch die Bereitschaft, auf sogenannte Whistleblower zuzugehen und sie nicht gewissermaßen als Schädlinge des Systems, wie es manchmal gemacht wird, zu bezeichnen, sondern es ernst zu nehmen. Häufig ist nichts dran, aber häufig ist eben auch was dran, und jeder Hinweis muss ernst genommen werden, das ist die Lehre daraus.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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