Freitag, 15.12.2017
StartseiteForschung aktuellÖtzi war wohl kein Hirte30.11.2017

Forschungstand zum GletschermannÖtzi war wohl kein Hirte

Ötzi starb an einem Frühlingstag. Der tödliche Pfeil traf ihn von hinten, aus dem Hinterhalt: So weit reicht das gesicherte Wissen um den Tod des Gletschermanns. Das Motiv seiner Mörder wird aber wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Von Dagmar Röhrlich

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Die einzige Nachbildung des Ötzi außerhalb Bozens (Italien) wird am 22.06.2017 in Wittenburg (Mecklenburg-Vorpommern) im MehlWelten-Museum ausgestellt. Der «Mann aus dem Eis» gilt als erster Mensch, von dem bekannt ist, dass er Getreide gegessen hat. In den Resten von Ötzis Fellmantel seien zwei Körner des damals kultivierten Einkorns gefunden worden. (dpa / Jens Büttner)
Hatte zwei Einkörner in den Taschen seines Mantels: Ötzi war der erste Mensch, von dem bekannt ist, dass er Getreide gegessen hat (dpa / Jens Büttner)
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Entstehungszeit der Almwirtschaft Ötzi war kein Hirte

Das Geschehen auf der Leinwand ist bildgewaltig, spannend, oft grausam - aber eben ein Spielfilm und damit Fiktion. Denn so gut der Similaungletscher in den Ötztaler Alpen Ötzi auch konserviert hat, so wenig ist über das Leben in den Alpentälern vor 5.300 Jahren bekannt. Die Archäologin Angelika Fleckinger erklärt:

"Der Mann aus dem Eis ist für uns im Grunde ein recht schwieriges Thema, weil wir da auf der einen Seite diesen umfangreichen Fund haben, wir haben diesen ungemein toll erhalten gebliebenen Körper, einmalig in der Welt, wir haben seine Bekleidung, seine Ausrüstung, organisches Material. Und auf der anderen Seite haben wir für die Zeit, in der der Mann aus dem Eis gelebt hat, also 3.300 oder 3.100 vor Christus, kaum Nachweise von Siedlungen, wir haben kaum Gräber aus dieser Zeit."

Genetisch ein Ackerbauer und Viehzüchter

Spätere Generationen haben die Spuren aus dieser Zeit nahezu ausradiert. Immerhin sei klar, dass die Menschen damals sesshaft waren, Ackerbau- und Viehzucht betrieben, erzählt Angelika Fleckinger vom Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Ötzi war einer von ihnen. Albert Zink:

"Er ist eigentlich genetisch ein typischer früher Ackerbauer und Viehzüchter. Er gehört dieser Bevölkerungsgruppe halt an, deren Vorfahren vor etwa 10.000 Jahren nach Europa eingewandert sind. Man nimmt an, dass die im Alpenraum vor etwa 6.000 bis 7.000 Jahren angekommen sind. Und von dieser Bevölkerung stammt der Ötzi eindeutig ab."

Während die mütterliche Erblinie nur in den oberitalienischen Alpen auftrat und ausgestorben ist, finden sich die Gene der väterlichen Linie immer noch in Europa, erläutert Albert Zink vom Bozener Institut für Mumienforschung. Allerdings sehr selten: Zahllose Einwanderungsströme haben sie fast ausgelöscht.

"Er hatte braune Augen, braune Haare, auch so einen hellen Hauttyp, also typisch europäisch."

Kleider aus Ziegenleder

Isotopenanalysen an Haaren und Zähnen haben gezeigt, dass Ötzi gebürtiger Südtiroler aus dem Eisacktal war und seine letzten Lebensmonate im Vinschgau verbracht hatte. Doch warum? Was war das für ein Mann, der mit etwa 45 Jahren am Tisenjoch starb? Er war wohl kein Hirte. Zum einen fehlt ihm die Ausrüstung - und zum anderen entstanden Almwirtschaft und Viehtrieb erst 1.000 Jahre nach Ötzis Tod. Das belegen archäologische Funde und Pollenanalysen aus dem Schnalstal, dem Tal, das Ötzis Wohnort mit dem Tisenjoch verbindet, berichtet Klaus Oeggl von der Universität Innsbruck.

"Er war sicherlich nicht mit Almwirtschaft verbunden. Er war aber sozusagen in eine agro-pastorale Wirtschaftsweise eingebunden."

Denn er hatte Einkorn-Getreide bei sich, die Urform von Dinkel und Weizen. Und seine Kleider waren aus dem Leder von Haustieren gefertigt, genauer: Ziege und Schaf, und sein Köcher, der bestand aus Kalbsleder. Ötzi war wohl auch nicht auf der Suche nach Erz im Gebirge. Das belegen Schwermetallanalysen. Und er war auch kein Handwerker. Diesen Schluss ziehen die Forscher aus Anhaltspunkten in seiner "Krankenakte". Albert Zink:

"Er hatte Probleme mit den Gelenken, gerade mit den Fuß- und Hüftgelenken vom vielen Laufen. Er hatte Abnutzungserscheinungen an der unteren Wirbelsäule, auch ein bisserl am Nackenwirbelsäulen-Bereich, alles typisch für jemanden, der wirklich sehr, sehr mobil war, vielleicht auch Sachen getragen hat."

Die letzte Mahlzeit: Steinbockfleisch

Eine mögliche Interpretation seiner einseitigen Belastung: Ötzi war Händler. Dass die vor 5.300 Jahren eine wichtige Rolle spielten, zeigt sein Besitz: Spurenelement- und Isotopenanalysen zufolge stammt das Erz für sein Beil aus der Südtoskana. Ötzi starb an einem Frühlingstag, wie die Pollen der südalpinen Hopfenbuche in seinem Darm belegen. Und er starb nach einer Mahlzeit aus Steinbockfleisch. Und die war so reichlich, dass er sich dafür Zeit genommen haben muss. Wenige Tage vor seinem Tod war seine Hand verletzt worden. Eine tiefe Schnittwunde - sonst nichts. Kriminologen schließen daraus, dass er den Angriff so vehement abwehren konnte, dass der oder die Angreifer die Attacke aufgaben. Angelika Fleckinger:

"Es hat einen Kampf gegeben, warum auch immer, und es sieht auch so aus, als hätte er sich aufgrund dieses Ereignisses von seiner Gemeinschaft entfernen müssen. Seine Ausrüstung ist nicht vollständig, er hat sich den Bogen neu machen müssen, er hat nur zwei Pfeile, die schussbereit sind. Die Kleidung ist zum Teil zerrissen. Es hat irgendetwas Dramatisches gegeben und ist dann schlussendlich auf über 3.000 Metern an dieser Stelle von hinten erschossen worden."

Das Motiv seiner Mörder wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben: Jedenfalls wurde er weder ausgeraubt, noch geschändet. Sie ließen ihn einfach verbluten.

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