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StartseiteBüchermarktWas Bilder sind und was sie vermögen10.06.2014

FotografieWas Bilder sind und was sie vermögen

Die Realität hinter den Bildern und die Realität, die durch sie konstruiert wird: Beides hat der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen in seinem Buch "Der Schatten der Fotografen" im Blick. Eine faszinierende Schule des Sehens, die von Robert Capa über Marina Abramovic bis zu Bruce Nauman reicht.

Von Joachim Büthe

Ein Filmstreifen liegt am Freitag (12.10.2012) in Köln auf einem Leuchttisch. (dpa/lnw/Oliver Berger)
(dpa/lnw/Oliver Berger)
Weiterführende Information

Fotografie: Ein Spiegel geistiger Konjunkturen (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 06.03.201)

Bilder und ihre Wirklichkeit, das ist der Untertitel dieses Buches, und sofort stellt sich die Frage, wie das gemeint ist. Ist es die Realität, die hinter den Bildern liegt, von der wir nur einen Ausschnitt sehen, oder ist es die Realität, die durch die Bilder konstruiert wird? Helmut Lethen hat beides im Blick. Die Wirklichkeit hinter einem Bild kann eine völlig andere als die des Bildes sein und unvermutet auftauchen, aber es gibt auch die Realität des Augenscheins, die nicht verschwindet.

"Man kann es am leichtesten demonstrieren an dem Titelbild meines Buches. Man sieht eine Frau in einer sehr friedlichen Situation. Sie durchschreitet einen Fluss. Das Bild ist von rechts oben aufgenommen worden, sie wirft einen Schlagschatten. Man kann bildästhetisch sagen wunderbar, die Diagonale zwischen Schlagschatten und Bewegungsrichtung der Frau. Wenn man Leute fragt, was das für ein Bild ist, dann sagen sie etwas sehr Merkwürdiges. Sie sagen, das ist ein Bild aus Vietnam oder aus Kambodscha. Das habe ich jetzt immer wieder gehört, wahrscheinlich wegen des Kopftuches. Ein Verdachtsmoment scheint im Augenschein schon drin zu sein. Das ist ein Foto, dass gefunden wurde in Schuhkartons und Einsteckalben von Landsern an der Ostfront, und auf einem dieser Fotos steht auf der Rückseite des Rätsels Lösung: Minenprobe. Diese Frau wurde eingesetzt, um zu überprüfen, ob der Fluss vermint sei oder nicht. Die Landser, die es geknipst haben, warten auf den Augenblick, in dem diese Frau an einer Minenexplosion zugrunde geht. Dadurch wird der Augenschein dieses Fotos vollkommen, er kippt um in die Finsternis eines Schriftarchivs. Es gibt einen Armeebefehl, in dem es heißt, Juden und andere Bandenmitglieder müssen eingesetzt werden. Das Merkwürdige aber ist: Dadurch hört der Augenschein nicht auf, Augenschein zu sein. Es gibt diese Frau im Sonnenlicht."

Helmut Lethen kann und will sich nicht entscheiden zwischen der analytischen Durchdringung der Gegenstände, die ihren Kontext mit einschließen, und dem Wunsch, den Dingen ihr eigenes Gewicht zu lassen. Es ist eine Pendelbewegung, die er vollzieht. Gefunden hat er sie bei Roland Barthes.

"Es kommt darauf an, dass das Pendel nicht an einem Pol fixiert wird. Es ist absolut notwendig die Konstruktionselemente einer Fotografie zu studieren und zu analysieren auf der einen Seite. Damit glaubt man, es analytisch durchdrungen zu haben. Trotzdem bleibt der Augenschein der Augenschein und der muss genau beschrieben werden. Bei Roland Barthes in den 'Mythen des Alltags' werden bei Pole berührt ohne seine Betrachtungen an einem der Pole zu fixieren."

Beeinflusst von Boris Groys

Boris Groys hat das Neue in der Kunst als eine Aufmerksamkeitsverschiebung beschrieben. Durch sie gewinnt man etwas hinzu, aber zugleich geht etwas anderes verloren. Die Pendelbewegung ist auch ein Versuch, diesen Verlust zu minimieren. In ihr ist auch die Sehnsucht nach der Berührung mit der Realität aufgehoben, zu der sich Lethen bekennt. Damit steht er nicht allein und hier kommt erneut Boris Groys ins Spiel.

"Boris Groys hat mich beeinflusst, das ist ganz klar, obwohl ich seine Pointen nicht teile. Er sagt ja, und das ist eine tolle Idee, die Sehnsucht nach Realität, die Sehnsucht, dass die Medien ein Fenster zur Realität sind, ist ein Motor der Kulturindustrie. Die Kulturindustrie würde nicht funktionieren, wenn es diesen Wunsch nicht gäbe. Und dann sagt er wunderbarerweise: Wenn wir hinter die Kulissen der Medien getreten sind und glauben, endlich in Kontakt mit der Realität gekommen zu sein, auf was treffen wir da? Auf unseren eigenen Verdacht. Ich habe ihn mal bei einem Vortrag gehört, da hat er nur über den Satz von Descartes 'Cogito ergo sum' gesprochen. Es ist wie bei Descartes das zweifelnde Hirn, auf das wir stoßen, und nichts anderes."

Es ist aber nicht nur das zweifelnde Hirn, auf das man in diesem Buch stößt. Helmut Lethen ist gerade jenen Bildern auf der Spur, die das zweifelnde Hirn umgehen, um direkt unter die Haut zu fahren: Bilder des Schreckens, des Schmerzes und der Nacktheit. Eines der unheimlichsten ist die Aufnahme der Kleiderberge von 33.177 von der Wehrmacht in der Ukraine Ermordeten, das in der zweiten Wehrmachtausstellung zu sehen war. Fotografiert hat es der Leiter der Propagandaabteilung, über seine Gründe kann man nur rätseln. Sein Schatten gibt dem Buch seinen Titel. Im Buch zu sehen ist es nicht.

"Ich hatte mir auch überlegt, ob man nicht ein Bild von Boltanski, ein Holzsteg über Kleiderhaufen, hinein nehmen sollte. Das Bild hätte ich als indirekten Verweis eher akzeptiert als das Originalbild. Das Bild ist mir zu nah. Wenn es stimmt, was Roland Barthes sagt, dass einen Fotografien berühren wie das Licht eines Sterns, dann kann man bestimmte Bilder nicht mehr sehen. Es ist ja ein Bild aufgenommen, das schrecklich genug ist, der Großvater mit seinem Enkel kurz vor der Exekution. Da finde ich heute, dass ich es nicht hätte bringen sollen."

Der Literaturwissenschaftler Lethen hält die eigene Subjektivität aus diesem Buch nicht heraus. Irgendwie scheint dieses Buch dem Muster eines Bildungsromans zu folgen, schreibt Lethen, ja, aber eben nur irgendwie. Das ist ihm schon als Theoriemüdigkeit angelastet worden. Lethen zeigt auch, wie sehr Roland Barthes Buch zur Fotografie "Die helle Kammer" von dessen Trauer um seine Mutter geprägt ist. Ein gleichlautender Vorwurf an die Adresse von Barthes ist mir nicht bekannt. Es ist wohl eher eine Form von Alterssouveränität, die es zulässt, Theorien und ihre Lesarten mit der eigenen Lebensgeschichte zu verknüpfen.

Nachdenken über das Verhältnis von Bild und Schrift

"Als Professor habe ich viele Seminare über die Unglaubwürdigkeit von Autobiografien gehalten. Es ist ein Laster des Alters, sich diesem ganz unkorrekten Verfahren des Autobiografischen hinzugeben. Ich glaube Theorien können geerdet werden in Lebensgeschichten. Und das interessiert mich brennend an dieser Geschichte, weil, wo Theorien nicht geerdet werden können in Lebensgeschichten, hören sie für mich auf, interessant zu sein."

In Bildungsromanen ist die Hauptfigur am Ende klüger als zuvor. Auch wissenschaftliche Theorien sollen Verfasser und Leser klüger machen, versprechen Erkenntnisgewinn. Dieses Buch ist auch eines des Nachdenkens über das Verhältnis von Bild und Schrift. Und am Ende ist es überraschenderweise die Schrift, die Erzählung, die das fixierte Bild wieder in Bewegung versetzt.

"Bilder, Fotografien enthalten immer viel mehr Unvorhergesehenes als Erzählungen überhaupt enthalten können, wo jedes Element eine Funktion hat. Das ist ja eigentlich die Schlusspointe dieses Buchs, nachdem ich mich so auf Fotografien fixiert hatte, aber doch erkennen musste, die Fotografie nagelt jeden in seiner Verlassenheit und lässt ihn da. Das sind eingefrorene Momente, aber die Erzählung kann diese Momente wieder in Fluss bringen und in Zirkulation bringen und in den Wissenskontext verschiedener Gesellschaften hineinbringen. Erzählung ist insofern ein elementares Mittel gegen die Entfremdung von der ursprünglichen Wirklichkeit, um ursprüngliche Wirklichkeit erfahrbar zu machen, für sehr viele."

Es ist ein reiches Buch, gerade weil sich die Überlegungen und Erfahrungen nicht zu Thesen verdicken wollen. Es gibt keinen Kern der Sache, nur das zweifelnde Hirn, der Kopf auf den eigenen Schultern.

"Während ich schrieb, wusste ich nicht, was der Kern des Buches ist. Aber ich glaube, es gibt ein Leitmotiv in dem Buch, das ich erst entdeckt habe, als es fertig war. Es ist etwas melancholisch. Es heißt: Bilder der Verlassenheit sind Nomaden, die ihre Zelte in den verschiedenen Medien aufschlagen. Es geht immer um den nicht verblassenden Kinderschreck, virtuell verlassen werden zu können, in allen Stationen meines Nachdenkens über die Medien. Durch alle Stationen geistert dieser Schreck. Das ist das Leitmotiv und in diesem Leitmotiv ist kein Fortschritt zu entdecken."

Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen.
Bilder und ihre Wirklichkeit
Rowohl Berlin, 268 Seiten, geb, Preis: 19,95 Euro

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