• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:15 Uhr Zur Diskussion
StartseiteInterview"Wer nicht hinsehen kann, macht auch keine guten Bilder"28.03.2016

Fotografin Herlinde Koelbl"Wer nicht hinsehen kann, macht auch keine guten Bilder"

Erst durch die Fähigkeit, Details und Eigentümlichkeiten eines Menschen zu erkennen - wie etwa eine bestimmte Körperhaltung - könnten Fotografen gute Porträts machen, sagte Herlinde Koelbl im Deutschlandfunk. Die große Kunst sei es, "dass man die Menschen vor der Kamera so weit bringt, dass sie nicht mehr spielen, sondern dass sie sind".

Herlinde Koelbl im Gespräch mit Birgid Becker

Die Fotografin Herlinde Koelbl in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen vor Fotos ihrer Serie "Kleider machen Leute" (2008 - 2012). (picture alliance/dpa - Herlinde Koelbl)
Die Fotografin Herlinde Koelbl. (picture alliance/dpa - Herlinde Koelbl)
Mehr zum Thema auf deutschlandfunk.de:

Musik und Fragen zur Person Die Fotografin Herlinde Koelbl

Herlinde Koelbl Fotografien vom Feind

"Erst mal muss man die Gesichter anschauen", sagte Herlinde Koelbl, die oft als Chronistin der deutschen Gesellschaft bezeichnet wird. "Ich stelle immer wieder fest: Wenn Menschen sich begrüßen, schauen sie sich selten ins Gesicht, sondern immer scharf am Gesicht vorbei." Dabei seien es besonders die Augen, die so viel erzählen könnten. "Manche Menschen, die man trifft, haben den Schalk in den Augen oder richtig lebendige Augen. Und dann gibt es eben auch so traurige Augen oder tote Augen."

In ihrem Langzeitprojekt "Spuren der Macht" fotografierte Koelbl über acht Jahre lang immer wieder 15 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens: darunter Gerhard Schröder, Angela Merkel und Joschka Fischer.

Ein Dilemma, mit dem vor allem Porträtfotografen zu kämpfen hätten, sei unnatürliches Verhalten vor der Kamera, sagte Koelbl. Menschen, die es nicht gewohnt seien, fotografiert zu werden, verhielten sich dabei meistens linkisch oder unbeholfen. "Und die Menschen, die es gewohnt sind, wie Politiker, verhalten sich natürlich wieder so, wie sie gerne gesehen werden; werfen sich in Position, lächeln in die Kamera."

Die Kunst in der Fotografie sei es, Menschen so weit zu bringen, "dass sie nicht mehr spielen, sondern dass sie sind".

Bezogen auf die weit verbreitete Fotografie mit dem Smartphone sagte Koelbl, sie habe den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr gucken, was eigentlich draußen los sei. Die vielen Bilder und Filmchen, die mit dem Handy entstehen, seien hübsch anzusehen und dekorativ, würden in ihrer Menge aber von den Menschen schnell wieder vergessen. "Was das Entscheidende ist: dass Bilder entstehen und geschaffen werden, die eine Emotion haben."

Koelbl weiter: "Wenn die Menschen berührt werden, bleiben die Bilder in Erinnerung." Das werde auch immer so bleiben - trotz der Tausenden und Millionen Bilder, die überall entstehen.

Fotos wie das eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen am Strand hätten Macht, sagte Koelbl. "Weil sie Emotionen auslösen." Sie könnten die Gesellschaft aufrütteln, auf der anderen Seite aber auch als Propaganda verwendet werden.

Das vollständige Interview können Sie ab Sendedatum sechs Monate in unserem Audio-Player nachhören.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk