Mittwoch, 22.11.2017
Startseite@mediasresDer Bilderkrieg23.05.2017

FotojournalismusDer Bilderkrieg

Mit Fotos berühren und nicht in den Strudel der Sensationsmache geraten: Wer heute als Fotoreporter aus den Krisengebieten der Welt berichtet, steht vor großen Herausforderungen. Dazu kommt die digitale Entwicklung, die das klassische bildjournalistische Selbstverständnis komplett in Frage stellt.

Von Agnes Bührig

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Der Fotograf Maurizio Gambarinij sitzt im Jahr 2003 auf einem Panzer, im Süden von Baghdad im Irak (dpa / picture alliance / Jahson Balogh)
Kriegsfotografen sind oft ganz nah dran, versuchen aber trotzdem professionelle Distanz zu wahren. (dpa / picture alliance / Jahson Balogh)
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Drei Bildschirme in einem abgedunkelten Raum: amerikanische Soldaten im Einsatz in Afghanistan. Schreie eines geschockten jungen US-Amerikaners, friedlich schlafende Soldaten, überblendet mit Szenen von Kriegshandlungen.

"Sleeping soldiers" heißt die Videoinstallation des britischen Fotojournalisten Tim Hetherington von 2011. Ein Alptraum, physisch erfahrbar – und zugleich ein eindringliches Beispiel der neuen Möglichkeiten durch die digitale Revolution, sagt der Fotoreporter Geert van Kesteren.

"Den Moment einzufangen, in denen Nachrichtenereignisse passieren, ist nicht mehr notwendigerweise die wichtigste Aufgabe des Fotografen. Der Fotograf kann jetzt die komplexen Schichten betrachten, die den Konflikt beeinflussen. Wir können uns vertiefen in ein Thema, um seinen Kern freizulegen, statt uns auf das Extreme oder den Moment zu konzentrieren. Das hat sich geändert." 

Schwierige Aufgabe für Fotojournalisten

Es ist ein Weg für Fotoreporter, sich mit ihrer Arbeit von den Millionen Bildern abzuheben, die private Fotografen jedes Jahr weltweit über Facebook oder Snapchat verbreiten. Weil heute jeder mit seiner Handykamera dokumentieren kann, wird der Kontext der Entstehung von Bildern wichtiger, sagt Felix Koltermann.

In seinem Buch "Fotoreporter im Konflikt" hat der Kommunikationswissenschaftler den internationalen Fotojournalismus im Gebiet Israel/Palästina untersucht. Neben klassischen Nachrichtenfotografen und frei arbeitenden Dokumentaristen werden auch die politischen Akteure zunehmend wichtiger. Felix Koltermann typologisiert sie als Newsaktivisten.

"Es ließe sich zwar argumentieren, dass diese Akteure schon außerhalb des Systems Journalismus stehen, aber zum einen spielen diese für die Sozialisation vor allem palästinensischer Fotoreporter/innen eine wichtige Rolle, zum anderen gibt es im Journalismus die Unterscheidung zwischen einem Kernbereich und peripheren Zonen, die sich auch auf den Fotojournalismus anwenden lassen."

Inszenieren statt dokumentieren

Periphere Zonen, die auch von politischen Akteuren wie dem sogenannten "Islamischen Staat" bevölkert werden. Der verbreitet Bilder von seinen Gräueltaten nicht nur, er inszeniert sie. Etwa wenn die Terrororganisation Enthauptungsvideos ins Internet stellt. Alltag und mediale Realität nähern sich an, sagt der Bildwissenschaftler Philipp Müller aus Hamburg und nennt ein weiteres Beispiel.

"Bilder, bei denen man das vielleicht nicht erwarten würde, die harmlos daher kommen, also beispielsweise Täterprofilbilder, die posthum veröffentlicht werden, nachdem der Sachverhalt schon geklärt war. Damit gibt man gewissermaßen ein Musterprofil eines Täters vor, wonach die Menschen in ihrem Alltag dann suchen. Und das ist eine Form des Realitätenkollapses, der tatsächlich feststellbar ist."

Mehr als nur Krieg

Die Ausstellung "Images in Conflict" in Hannover zeigt auch andere Beispiele aus der Peripherie des Fotojournalismus. "Out of Syria, Inside Facebook" heißt das Projekt der Syrerin Dona Abboud. Die Grafikdesignerin aus Leipzig präsentiert rund 2000 Facebook-Bilder ihrer Landsleute. Menschen, die in die Kamera lächeln, heiraten, ein Kind im Arm halten. Bilder jenseits des Grauens des Krieges, die unser Bild von Syrien dominieren – für Dona Abboud eine Rückversicherung, dass Syrien noch lebt.

"Die erste Wahrheit, die ich durch diese Arbeit gefunden habe: Dass es Leben im Krieg weiter gibt. Wenn ich zum Beispiel die Leute in meinem Buch betrachte, die sagen: 'Ich lebe, ich liebe'. Sie sagen: 'Ich darf leben'. Und sie sagen: 'Das muss aufhören!'"

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