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StartseiteTag für TagMacht Glaube schön?11.05.2016

FotokunstMacht Glaube schön?

Die Fotografin Sandra Then drückt auf den Auslöser, wenn andere beten. "Eine Welt, viel Gott", heißt ein Fotoprojekt, das Gläubige und Orte des Glaubens zeigt. Ihre großformatigen Bilder aus Jerusalem, Rom, Istanbul und Japan zeigen ausschließlich die friedliche Seite der Religionen. Manchmal erregt gerade das Anstoß.

Sandra Then im Gespräch mit Christiane Florin

"Man will sich auch gemeinsam öffentlich zeigen, man will zeigen, dass man dazugehört." Gläubige an der Klagemauer in Jerusalem (Sandra Then)
"Man will sich auch gemeinsam öffentlich zeigen, man will zeigen, dass man dazugehört." Gläubige an der Klagemauer in Jerusalem (Sandra Then)

Christiane Florin: Könnten Sie für die Hörer bitte beschreiben, was Sie auf Ihren Bildern zeigen?

Sandra Then: Ich zeige gläubige Menschen und ich zeige Orte, an denen Glauben gelebt wird. Dafür habe ich viele Länder bereist: Ich war in Israel, ich war in Japan, ich war in Istanbul, ich war in Rom und habe mich immer an Orte begeben, wo Glauben gelebt wird und habe das in meinen Bildern verarbeitet - das, was auf mich gewirkt hat, was ich empfunden habe.

Florin: Wie lässt sich Glaube sichtbar machen?

Then: Glaube lässt sich stark über die Haltung sichtbar machen, über die Demut. Was ich jetzt herausgefunden habe, als ich meine Bilder betrachtet habe, ist, dass egal welcher Glaubensgemeinschaft man angehört, man sich in der Haltung des Glaubenlebens demütig zeigt. Das heißt, das ist oft ein nach unten gesenkter Blick, gefaltete Hände und ich glaube, dass es auch damit zu tun hat, dass man jemanden sucht, der einen begleitet, auch in den schwierigen Zeiten und eben zeigen möchte, dass man demütig dem gegenüber steht, dass man nicht alleine ist.

"Die Privatperson tritt in den Hintergrund"

Florin: Viele Ihrer Fotos zeigen Menschen beim Gebet, Sie haben gerade über die gefalteten Hände gesprochen. Fragen Sie diese Leute eigentlich vorher, ob Sie fotografieren dürfen?

Then: Bei meinen Porträts frage ich immer vorher, und wenn ich mich an Orte begebe, wo viel Glaube gelebt wird, also wo man nicht ganz alleine in einem intimen Raum ist, dann frage ich nicht. Aber die meisten Bilder, dich ich zeige, zeigen Gläubige eigentlich aus der Rückenansicht oder eine ganz zarte Silhouette, die Person, die Privatperson tritt eigentlich in den Hintergrund und die Haltung wird gezeigt.

"Die Privatperson tritt in den Hintergrund. Gezeigt wird die Haltung" (Sandra Then)"Die Privatperson tritt in den Hintergrund. Gezeigt wird die Haltung" (Sandra Then)

Florin: Übers Beten zu sprechen ist ja für viele Menschen intimer als über Bettgeschichten zu sprechen. Haben Sie manchmal das Gefühl zu stören, wenn Sie auf den Auslöser drücken?

Then: Nein, weil ich, glaube ich, die Fähigkeit habe, mich unsichtbar zu machen. Also ich fotografiere auch nicht mit einem Teleobjektiv wie auf einer Safari und schleiche mich da an irgendwelche Tiere ran, sondern ich begebe mich dann in die intime Situation, und man bekommt mit, dass ich fotografiere und ich merke auch, wenn ich Menschen frage, ob ich sie fotografieren darf, dann habe ich auch fast noch nie ein Nein bekommen.

Florin: Sind Betende scheue Wesen? Wenn Sie schon das Stichwort Safari nennen...

Then: Ich glaube, es kommt darauf an, wo man betet. Natürlich, der Mensch, der zuhause für sich selbst betet, ist vielleicht manchmal auch eher der scheue Mensch oder möchte nicht, dass das öffentlich gemacht wird, aber es gibt ja auch Orte, wie in Rom bei der Papstaudienz, da wird öffentlich gefeiert der Glaube. Da will man zeigen, dass man dazugehört, da will man gemeinsam öffentlich sich zeigen.

"Die Menschen sind eigentlich bezaubernd"

Florin: Wir Medien berichten meist erst dann über Religion, wenn es zu Konflikten kommt, zu Terroranschlägen, wenn Kriege religiös motiviert sind. Ihre Fotos zeigen die kontemplative Seite des Glaubens, die friedliche Seite. Warum so einseitig?

Then: Ich kam ja durch Zufall an das Projekt. Ich war öfter für eine andere Geschichte in Jerusalem beziehungsweise in Israel und war öfter in Jerusalem. Und bin da in diese Erzählweise so reingerutscht, ich sehe mich mittlerweile als jemanden, der die Schönheit dieser Erde erzählen möchte, also es gibt genug, - wir sind ja überflutet von diesen Bildern, und die sind auch wichtig und es ist auch gut, wenn Ungerechtigkeiten aufgedeckt werden - aber ich sehe auch so viel Schönes in der Welt, auch in den Religionen und ich sehe auch die Verführbarkeit oder diesen Prunk oder diese Farben und die Menschen, die mir begegnen sind eigentlich bezaubernd; und ich sehe immer den Menschen und nicht das Buch oder die große Gemeinschaft.

Natürlich für mich als Frau ist es auch schwierig oft, wenn ich dann in Männerdomänen komme und denke, ja super, nur weil du jetzt ein Mann bist, stehst du über mir, das verstehen wir Frauen hier ja schon gar nicht mehr. Das sehe ich ja auch alles und ich bin da auch nicht unkritisch, aber ich sehe in dieser Arbeit den Wunsch, Schönheit und auch Glaubensschönheit miteinander zu kombinieren und in den Ausstellungen werden die Bilder ja auf große Baumwollstoffe gebannt, freihängend in der Luft, und ich vermische die Religionen nach ästhetischen und intuitiven Gesichtspunkten.

"Demut und Schwäche zuzulassen kann unglaublich schön sein"

Florin: Also macht Glauben schön?

Then: Ich weiß nicht, ob Glauben schön macht, aber eine Demut und eine Schwäche zuzulassen kann auch unglaublich schön sein, weil es einen wieder als Mensch zeigt, und auch die Ängste natürlich zeigt: die Angst vorm Sterben und die Angst, im Endeffekt zu wissen, - als einziges Lebewesen auf dieser Welt - man ist allein. Ich glaube das kann schon auch schön sein, dass man als Mensch wieder hervortritt.

Florin: Wo stellen Sie aus?

Then: Die nächste Ausstellung wird in Haan stattfinden. An fünf verschiedenen Orten: in einer evangelischen Kirche, in einer katholischen Kirche, in einem öffentlichen Pavillon und in zwei Familienbildungsstätten und die darauffolgende Ausstellung wird in Basel stattfinden, in Kooperation mit dem Theater Basel, meinem Arbeitgeber, ich bin ja eigentlich Theaterfotografin. Und da freue ich mich besonders drauf, weil wir das Ganze dann auch mit tollem Gesang und schöner Musik und eventuell noch mit einer Lesung untermalen, aber die Ausstellung wird erst im Oktober sein, das heißt, wir sind noch in der Gestaltungsphase.

Florin: Sie fotografieren ja die verschiedenen Religionen, Weltreligionen. Wer kommt zu Ihren Ausstellungen, können Sie da einen religiösen Trend feststellen?

Then: Ja, also natürlich dadurch ... meine erste Ausstellung war in einer katholischen Kirche da kamen natürlich hauptsächlich Menschen ab 45, 50, die viel auch selber in Jerusalem waren. Das junge Publikum, natürlich alle meine Freunde, meine Bekannten, alle, die ich aktiviert habe, kamen auch - aber grundsätzlich kamen bisher eher ältere Menschen.

"Ich will den Mensch hinter den Religionen zeigen"

 Ein Motiv, das in gewissen Umgebungen für Kontroversen sorgen kann: der Papst auf dem Petersplatz (Sandra Then)Ein Motiv, das in gewissen Umgebungen für Kontroversen sorgen kann: der Papst auf dem Petersplatz (Sandra Then)

Florin: Sie haben auch mal in einer Moschee ausgestellt. Wie waren Ihre Erfahrungen da?

Then: Ich habe mich sehr gefreut und habe das als was ganz Großes empfunden, dass man andere Religionen in einer Moschee ausstellen darf, aber im Endeffekt war es dann doch ein bisschen schwierig, leider, weil die muslimische Gemeinde kaum kam und ihre Bedenken dann doch geäußert hat zu manchen Bildern.

Florin: Zu welchen Bildern?

Then: Ich habe ein Papstbild, das war dann für die Konservativen schwierig.

Florin: Weil es das Oberhaupt einer anderen Religionsgemeinschaft ist?

Then: Also, ich kann es nicht genau sagen, weil ich selber mit den Menschen nicht gesprochen habe, aber am Anfang habe ich gedacht, gut, ich breche alles ab, aber am Ende habe ich gedacht, man sollte in kleinen Schritten denken. Ich sehe nicht meine Aufgabe darin, permanent die Unterschiede aufzuzeigen, das machen ganz viele Menschen ganz ... genug. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Mensch hinter den Religionen zu zeigen.

Florin: Welche Religion gibt durchs Objektiv betrachtet am meisten her?

Then: Ich empfinde mich als Fotografin auch wie eine Mutter, die Bilder sind meine Kinder. Da gibt es das laute schrille Bild, da gibt es das zarte, stille Bild, da gibt's die Religion, die eher - wie in Jerusalem - viel Stein, eher Kargheit erzählt, da gibt's das andere, das katholische Prunkbild, aber alles sind meine Kinder und ich möchte keins missen, alle erzählen im Grunde genommen die Familie.

"Ich möchte mich nicht positionieren"

Florin: Hat dieses Fotoprojekt zum Thema Glauben Ihre Einstellung zu Religion verändert?

Selbstportrait der Fotografin Sandra Then

Then: Das Projekt hat mich so verändert, dass ich merke, dass ich meinen Blick, meinen naiven, teilweise intuitiven Blick, verteidigen muss. Ich merke das auch bei den Ausstellungen, dass ich Stellung beziehen soll, oder dass ich jetzt als Person in den Vordergrund treten soll oder dass ich mich positionieren soll - und das möchte ich nicht. Ich möchte auch nicht die weitere Arbeit gefährden, weil wenn ich so beladen irgendwo hin komme, fange ich an, anders zu fotografieren und das möchte ich nicht.

Florin: Wenn Sie für etwas kämpfen, dann für die Unschuldsvermutung gegenüber der Religion. Kann ich es so zusammenfassen?

Then: Nein, die Unschuldsvermutung gegenüber dem Einzelnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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