Interview / Archiv /

 

Foussier: Sarkozys Fehler könnten Hollande ins Amt heben

Chefredakteur der Zeitschrift "Documents" zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Gérard Foussier im Gespräch mit Christiane Kaess

Foussier: "Ich glaube, viel ändern kann Hollande nicht"
Foussier: "Ich glaube, viel ändern kann Hollande nicht" (picture alliance / dpa /)

Ein Wahlsieg von François Hollande wäre eher den Fehlern des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy als dem überzeugenden Programm der Sozialisten zuzuschreiben, glaubt Gérard Foussier, Chefredakteur der Zeitschrift "Documents".

Christiane Kaess: Am Sonntag wird in Frankreich gewählt, es ist die erste Runde der Präsidentschaftswahlen, der dann die Stichwahl zwischen den beiden stärksten Kandidaten am 6. Mai folgt. Für Deutschland und für Europa dürfte dies eine richtungsweisende Wahl werden, den meisten Umfragen zufolge werden am Ende der konservative Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und der Sozialist Francois Hollande gegeneinander antreten – Sarkozy, der für Bundeskanzlerin Angela Merkel in den letzten Jahren zum starken Partner in der Euro-Krise und bei der Durchsetzung des europäischen Fiskalpaktes zum Sparen geworden ist, auf der einen Seite, auf der anderen Seite François Hollande, der den Fiskalpakt in Frage stellt, neu verhandeln will und zur Bedingung macht, dass diesem ein Wachstumsprogramm hinzugefügt wird. Was die Kandidaten im ersten Wahlgang betrifft, sind an diesem Sonntag auch Überraschungen noch drin.

Bei mir im Studio ist jetzt Gérard Foussier, er ist Chefredakteur der Zeitschrift "Documents". Guten Morgen!

Gérard Foussier: Guten Morgen!

Kaess: Herr Foussier, inwieweit glauben Sie den Umfragen?

Foussier: Also das ist immer ein Spiel mit unsicheren Enden, weil Umfragen in Frankreich sind sehr, sehr unsicher. Gerade wenn bestimmte Kandidaten angeblich unpopulär sind – und das ist in Deutschland wahrscheinlich auch nicht anders -, geben auch die Befragten eine ganz andere Antwort. Fragen Sie mal in Deutschland, wer eine bestimmte Boulevard-Zeitung liest, oder wer in ein Fast-Food-Restaurant geht. Die sagen alle, nein, ich nie im Leben. Und trotzdem, wenn Sie die Auflage sehen und wenn Sie die Umsatzzahlen solcher Restaurants sehen, kann das auch nicht stimmen. So ist es auch in Frankreich bei Le Pen und Sarkozy. Wenn die Leute meinen, aha, die sind so unpopulär, dann gebe ich auch gar nicht zu, dass ich die beiden wähle.

Kaess: Ein Unsicherheitsfaktor, haben wir auch gerade im Beitrag gehört, ist die Wahlbeteiligung. Was kann die noch zu wessen Gunsten verändern?

Foussier: Die Wahlbeteiligung ist deswegen auch ein Risiko dieses Jahr, weil es noch Schulferien gibt, also die Osterferien in einigen Regionen. Das ist ja nicht für ganz Frankreich gültig, aber gerade ausgerechnet jetzt in den Städten, wo es die meisten Wähler gibt, vor allem in der Region um Paris und in Paris selbst und in Toulouse. Ob die Leute deswegen einen Tag früher nach Hause kommen, um zu wählen, ist die Frage, und Briefwahl ist nicht in der Tradition.

Kaess: Und wem käme das zugute?

Foussier: Das ist natürlich auch da die große Frage. Ich glaube, man sollte auch die Frage anders stellen: Wie groß ist das Engagement der jeweiligen Wähler. Wer für Hollande wählt, wird sich möglicherweise sagen, na ja, die Umfragen sagen schon, dass er gewinnt, meine Stimme brauchen die nicht. Und ob die Wähler von Sarkozy sagen, er braucht jetzt meine Stimme, dann gehe ich auch hin – am Sonntag wissen wir mehr.

Kaess: Es gibt einen Überraschungskandidaten in diesem Wahlkampf, das ist der Kandidat der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon. Der rangiert je nach Umfragen kurz hinter oder vor der rechtsextremen Marine Le Pen. Wie ist sein Erfolg zu erklären?

Foussier: Ich meine, Populismus hat immer große Chancen in den Wahlen, und wenn er sagt, gerade in Zeiten von finanziellen Krisen oder Wirtschaftskrisen, wir wollen den Euro nicht, wir wollen Europa nicht, wir wollen die NATO nicht, wir wollen Kernkraftwerke nicht, dann kommt das irgendwie an. Die Frage wird natürlich sein, wenn er seine Wähler motivieren will, in der Stichwahl für Hollande zu stimmen, dann hat er zwar wegen dieses Populismus im ersten Wahlgang gesiegt, oder relativ gesiegt, verliert aber bei der Stichwahl auch sein Gesicht. Und wenn Hollande sagt, okay, dann werde ich mein Programm deswegen ändern, damit auch die Wähler von Mélenchon mir ihre Stimme geben, dann wird möglicherweise Hollande die Unterstützung der Wähler aus der Mitte bekommen. Und das ist natürlich die große Unbekannte, inwieweit kann Hollande zwischen diesen verschiedenen Richtungen auch noch das richtige Programm anbieten.

Kaess: Aber da sind wir schon bei dem Punkt. Inwieweit treiben denn Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen die beiden großen Kandidaten Sarkozy und Hollande vor sich her?

Foussier: Ich glaube, bei Mélenchon ist es klar: Er ist auch bereit zu sagen, er hat es auch diese Woche wiederholt, ich unterstütze auf jeden Fall Hollande, wenn tatsächlich nur die beiden, Hollande und Sarkozy, in die Stichwahl gehen, weil er den Sarkozy nicht mehr haben will. Das ist ganz klar. Das Programm ist zweitrangig. Trotzdem: Es dauert nicht lange und dann wollen die Wähler von Mélenchon wissen, wo ist das, wofür wir ihn gewählt haben, auch in dem Programm von Hollande. Bei den Rechtsextremen geht es natürlich auch um Populismus. Marine Le Pen möchte, wie früher ihr Vater, mehr Frankreich im Programm haben, weniger Ausland, weniger Europa, und auch damit erreichen, dass Sarkozy sein Programm erreicht. Das wird natürlich schwierig. Bei bestimmten Punkten kann zwar Sarkozy, beim Thema Immigration zum Beispiel, das Programm ein bisschen ändern, aber viel weiter kann er leider nicht gehen.

Kaess: Aber er hat sich ja schon so Themen innere Sicherheit und Reduzierung der Einwanderung auf die Fahnen geschrieben. Kann er tatsächlich dem Front National Wählerstimmen abgraben damit?

Foussier: Es ist auch ein Unterschied zu Deutschland. Die Deutschen: Wenn die wählen, wählen die für eine Partei und für einen Kandidaten, und dann ist es die Aufgabe der Parteien, nach der Wahl zu entscheiden, wer mit wem koaliert. In Frankreich ist es anders: Nicht die Parteien entscheiden, sondern die Wähler. Und was der Wähler macht und was der Wähler will, da kann Mélenchon, da kann Le Pen empfehlen was sie will – wenn der Wähler anderer Meinung ist, dann wird er das, was er für richtig hält, wählen. Und das ist die große Unbekannte, weil die Umfragen natürlich nur die Stimmung nicht für die Stichwahl, sondern für den ersten Wahlgang wiedergeben, und das wird die große Unbekannte sein: Wie reagiert der einzelne Wähler nachher, wenn es darum geht, unter zwei Kandidaten zu wählen, die nicht die Kandidaten dieser Wähler, in etwa mehr als 60 Prozent der Wähler sind. Das wird spannend!

Kaess: Ich habe es schon mal angesprochen: Die Wahl entscheidet auch über eine Richtung in der Euro-Krise. Sarkozy auf der einen Seite mit dem Willen zum Sparen und Hollande auf der anderen Seite, der den Fiskalpakt neu verhandeln will. Gleichzeitig hat er aber zum Beispiel in der englischen Presse verkündet, man müsse, was das betrifft, auch keine Angst vor ihm haben. Was wäre denn von einem Präsidenten Hollande in wirtschaftspolitischer Hinsicht zu erwarten?

Foussier: Das ist auch weiterhin eine große Unbekannte. Man darf auch nicht verwechseln: Es gibt den Wahlkampf, wo die Kandidaten zeigen müssen, dass sie eine andere Politik treiben wollen als der amtierende Präsident. Ich glaube, viel ändern kann Hollande nicht. Was er ergänzen könnte, nämlich zu dem Fiskalpakt zu sagen, ich will einen Pakt zum Wachstum haben. Dann wäre das eine zusätzliche Politik zu dem bisherigen Programm. Inwieweit die Partner in Europa mitmachen, auch wenn es im Moment nur 25 sind, aber vielleicht sogar 27, wenn alle mitmachen würden, da gehört auch noch viel Kraft und viel Überzeugungskraft zu. Das ist zumindest der Standpunkt von Sarkozy. Er meint, Hollande sei nicht in der Lage, diese Überzeugungskraft zu zeigen.

Kaess: Ganz kurz noch zum Schluss: Wenn Hollande gewinnen sollte, sehen viele das jetzt schon als weniger ein Bekenntnis zu dem Sozialisten als vielmehr eine Wahl gegen Sarkozy. Ihrer Ansicht nach richtig?

Foussier: Es ist eine Wahl gegen Sarkozy, wenn die gewinnen – auf jeden Fall. Dass Sarkozy auch selber viele Fehler gemacht hat, ist sicherlich auch richtig. Dass er sich unbeliebt gemacht hat, ist auch zum Teil sein Fehler. Ob das Programm der Sozialisten tatsächlich so überzeugend ist, dass ganz Frankreich jetzt wie ein Mann aufsteht und sagt, jetzt werden wir links wählen, das glaube ich persönlich nicht.

Kaess: Gérard Foussier, er ist Chefredakteur der Zeitschrift "Documents". Vielen Dank für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
Sammelportal zur Präsidentenwahl in Frankreich
13 Fragen zur Präsidentenwahl in Frankreich (Quelle: Französische Botschaft in Deutschland)

DLF-Serie Europa heute:
Europa als französisches Wahlkampfthema (Teil 1)
Auf Stimmenfang bei Frankreichs Jungwählern (Teil 2)
Deutschland - das wenig geliebte Vorbild für Frankreich (Teil 3)

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Massenproteste in Hongkong"Angst vor einem Einschreiten der sogenannten Ordnungskräfte"

Der Publizist Tilman Spengler bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2011 für Fernsehjournalismus.

Die Demonstranten in Hongkong sprechen mit ihren Forderungen für einen großen Teil der Bevölkerung, sagte der Sinologe und Autor Tilman Spengler im DLF. Derzeit gehe aber die Angst um, dass die chinesische Regierung die Proteste noch in dieser Nacht beenden wolle. Man müsse den Menschen, aber auch dem Zentralkomitee raten, äußerste Vorsicht an den Tag zu legen.

Sperrvermerke für Dschihadisten"Nach derzeitiger Gesetzeslage nicht möglich"

Ein Mann hält am 16.10.2009 auf dem Flughafen in Frankfurt am Main seinen Reisepass in den Prototypen einer automatischen Passkontrolle, genannt "easy Pass".

Um zu verhindern, dass gewaltbereite Dschihadisten über die Türkei nach Syrien oder den Irak ausreisen, ist ein Sperrvermerk im Personalausweis im Gespräch. Ein juristisch absolut problematisches Unterfangen, sagte Nikolaos Gazeas, Experte für internationales Strafrecht, im Deutschlandfunk. Ein Sichtvermerk hätte eine stigmatisierende Wirkung.

Massenprotest in Hongkong"Der Funke könnte auf Festlandchina überspringen"

Zwei junge Frauen verteilen Essen an Pro-Demokratie-Demonstranten in Hongkong

Was in Hongkong passiert, lässt sich nicht mehr wegzensieren, ist der chinesische Publizist Shi Ming überzeugt. Durch die starke ökonomische Verflechtung wisse man in Südchina über die Proteste in Hongkong genau Bescheid, sagte Shi Ming im DLF. Dies sei eine Herausforderung für Peking.

 

Interview der Woche

Sigmar Gabriel zu Ceta"Wir wollen Nachverhandlungen"

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) fotografiert am 19.05.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen).

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wirft der EU eine schlechte Verhandlungsführung beim Freihandelsabkommen Ceta vor. Sie habe "Geheimverhandlungen" geführt und damit Ängste in der Bevölkerung geweckt, sagte er im DLF. Er fordert Nachverhandlungen, vor allem beim Investitionsschutz.

Bayerns Finanzminister Söder"Der Länderfinanzausgleich belohnt das Nichtstun"

Der bayerische Finanz- und Heimatminister Markus Söder (CSU), aufgenommen am 05.12.2013 auf einer Pressekonferenz in München.

Ähnlich wie für Griechenland in der Eurokrise müsse es für schwache Bundesländer in Deutschland Anreize und Druck geben, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen und Strukturreformen anzustoßen, forderte Bayerns Finanzminister Markus Söder im Interview der Woche des DLF. Das bisherige System schädige starke wie schwache Länder.

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.