Kultur heute / Archiv /

 

Fragwürdiger Sponsor

Aserbaidschan finanziert die Rettung der römischen Katakomben von San Marcellino e Pietro

Von Thomas Migge

Kritiker werfen dem Vatikan vor, Geld eines Unrechtsregimes zu akzeptieren. (Lutz R. Nehk)
Kritiker werfen dem Vatikan vor, Geld eines Unrechtsregimes zu akzeptieren. (Lutz R. Nehk)

Der Vatikan braucht Geld, um eine Katakombe mit frühchristlichen Gräbern zu restaurieren. Die Mittel dafür kommen aus Aserbaidschan, einem Land, das wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht.

"Die päpstliche Kommission begann mit Forschungsarbeiten erst relativ spät. Zum Glück, denn so machten sich Experten ans Werk, die über Technologien verfügten, die die Malereien nicht beschädigten. Erst seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde systematisch und intelligent gegraben.".

Pflanzen- und Blumenmotive, Girlanden und frühchristliche Symbole wie das Kruzifix und der gute Hirte: Die am südöstlichen Stadtrand gelegene Katakombe dei SS. Marcellino e Pietro, erklärt der für di päpstliche Kommission arbeitende Archäologe Fabrizio Bisconti, ist die an Malereien reichste unterirdische Grabstätte Roms. Die Grüfte wohlhabender Frühchristen wurden im dritten Jahrhundert nahezu komplett ausgemalt. Viele der Motive sind, ganz dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend, auf hellen Untergrund aufgetragen.

Diese große und an Wandmalereien reiche Katakombe ist über eine Treppe gut zu erreichen. Doch die Stahltür bei der Via Casilina bleibt in der Regel verschlossen. Nur mit einer Sonderbewilligung der päpstlichen Archäologiekommission darf man hinein. Eine solche Bewilligung wird nur selten vergeben. Der Vatikan, dem die Katakombe gehört, hat kein Geld, um ständiges Aufsichtspersonal für die Grabstätten anzustellen. Ab nächstes Jahr soll das anders werden. Mit Hilfe eines großzügigen Sponsors. Um das 1700-jährige Jubiläum des von Kaiser Konstantin im Jahr 313 verkündeten Toleranzedikts feierlich zu begehen, das den Christen die Ausübung ihrer Religion erlaubte, soll die Katakombe der Heiligen Marcellino und Pietro komplett restauriert und für Besucher geöffnet werden. Das Geld dafür kommt aus dem vorderasiatischen Aserbaidschan. Dazu der an der römischen Universität lehrende Archäologe Marco Cattanese:

"Dieses Sponsoring hat einen bemerkenswerten Charakter. Zum ersten Mal überhaupt akzeptiert der Vatikan die finanzielle Hilfe eines islamischen Staates. Eines Landes, in dem allerdings Demokratiebewegungen brutal unterdrückt werden. Das ist schon außergewöhnlich."

Vor allem angesichts der Tatsache, dass der Kirchenstaat seine Sponsoren für kulturelle Aktivitäten aller Art, also auch Restaurierungsarbeiten, in der Regel danach auswählt, ob sie nach den Kriterien der Kirche moralisch einwandfrei sind. Ein Sponsor, der beispielsweise Reinigungsgeräte produziert, sollte also keine Beteiligung an einem Unternehmen haben, dass auch Verhütungsmittel vertreibt.

Das Geld für die Restaurierung der Katakombe überweist Mehriban Aliyeva, die Gattin des Staatschefs von Aserbaidschan. Sie steht der Aliyeva-Stiftung vor, die seit einiger Zeit verschiedene Kulturaktivitäten in Italien mitfinanziert. Darunter auch die römische Konzertvereinigung Accademia di Santa Cecilia. Mehriban Aliyeva unterzeichnete in diesen Tagen zusammen mit dem vatikanischen Kulturminister Kardinal Gianfranco Ravasi das Finanzierungsabkommen für die Katakombe. Archäologe Bisconti:

"Klar, dass angesichts unseres historischen Interesses an diesen Katakomben und der hohen Ausgaben, die wir haben, das Geld von jeder Seite willkommen ist. Wir haben hier keine Vorurteile."

Doch Kritiker des politischen Regimes in Baku, darunter verschiedene Menschenrechtsorganisationen, sehen das anders. Sie wundern sich darüber, dass der Vatikan das Sponsorengeld eines Unrechtsregimes akzeptiert. Auf Anfragen zu diesem Thema kommt aus dem Vatikan keine Reaktion. Anscheinend sieht man dort hinter der Finanzierung aus Aserbaidschan "nur" einen Kulturdeal: Dem Regime geht es – qua Kultursponsoring – um Imagepflege und dem Kirchenstaat um dringend notwendiges Geld für den Erhalt seiner zahlreichen Kulturgüter - darunter der Katakombe dei SS. Marcellino e Pietro, die im kommenden Jahr endlich für Besucher zugänglich sein soll. Italiens Öffentlichkeit wird sich von so einer Ar

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Rosemarie Trockel in Bregenz "Märzschnee und Weiberweh"

Tanztheater Die Wiederaufführung von Pina Bauschs Stück "Nelken"

Teatro Espanol MadridDas Lampenfieber des Mario Vargas Llosa

Der Autor und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa (AFP / Jewel Samad)

Ungewohnte Rolle für Mario Vargas Llosa: Der peruanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger steht zum ersten Mal als vollwertiger Schauspieler auf der Bühne. In seinem Theaterstück "Die Geschichten von der Pest" im Madrider Teatro Español verkörpert der 78-Jährige den alten Herzog Ugolino, der um eine unmögliche Liebe kämpft.

 

Kultur

Berlin Graphic DaysAuf Kriegsfuß mit dem Establishment

Der Künstler Jim Avignon hat auf dem Innenhof des Tagesspiegels am 21.06.2014 in Berlin ein Wandbild gemalt. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Jim Avignon ist einer der bekanntesten deutschen Pop-Art-Künstler. Jetzt ist er das Aushängeschild der Berlin Graphic Days, wo am Wochenende Straßenkünstler, Illustratoren, Drucker und Grafiker aus aller Welt ihre Arbeiten zeigen und vor allem verkaufen wollen.

Kirche im KongoIm Kampf gegen die katholischen Hutu-Gotteskrieger

Ein bewaffneter Soldat steht auf einer Straße, um ihn herum Zivilisten. (dpa / picture alliance / Legnan Koula)

In der Demokratischen Republik Kongo nutzen die "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas" (FDLR) religiöse Überzeugungen, um ihren brutalen Krieg zu rechtfertigen. Auch wenn in den letzten Jahren über 12.000 FDLR-Kämpfer entwaffnet und demobilisiert wurden, sind noch viele Extremisten übrig. Die katholische Kirche versucht, sie zum Aufgeben zu bewegen.

Siemens Musikpreis"Christoph Eschenbachs Musik spricht zum Hörer"

Christoph Eschenbach mit dem Taktstock vor dem NDR-Sinfonieorchester. (picture alliance / dpa - Olaf Malzahn)

Der Ernst-von-Siemens-Musikpreis zählt zu den bedeutendsten Kulturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Peter Ruzicka, Komponist und Jury-Mitglied, sagte im DLF, die Jury sei sich schnell einig gewesem, den Dirigenten Christoph Eschenbach auszuzeichnen. Er sei stets ein Ansprechpartner für die Neue Musik gewesen.