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StartseiteBüchermarktFernöstlich-westliche Seelenverwandtschaften18.02.2016

François ChengFernöstlich-westliche Seelenverwandtschaften

Mit 19 Jahren floh der heute 86-jährige François Cheng von China nach Frankreich. Dort ist er heute eine Institution und Mitglied der ehrwürdigen Académie française. Sein neues Buch schließt an seine zuletzt erschienenen "Fünf Meditationen über die Schönheit" an, es heißt: "Fünf Meditationen über den Tod – und über das Leben".

Von Volkmar Mühleis

Eine Frau meditiert vor einem Sonnenuntergang. (imago/stock&people/UIG)
Eine Frau meditiert vor einem Sonnenuntergang. (imago/stock&people/UIG)

Verschiedene Kulturen bieten unterschiedliche Sichtweisen auf zuweilen die gleichen menschlichen Sorgen. Und eine davon, wenn nicht die größte, ist der Tod. Ist er eine Tra-gödie, ein Skandal – oder nur der schmerzvolle Abschied, im Wandel? François Cheng ist in China im Gedankengut des Taoismus aufgewachsen und als junger Mann 1948 nach Frankreich ins Exil gegangen. Er hat sich dort ganz der französischen Sprache verschrieben und sich in sie eingeschrieben, auf so feinsinnige, poetische, überzeugende Weise, dass er heute, mit 86 Jahren, selbst die Wahrung der französischen Sprache mit repräsentiert, als Mitglied der Académie française. Thematisch blieb er dabei stets seiner Herkunft treu, indem er die chinesische Sprache, Kunst und Kultur von Paris aus in den Blick nahm, um sich zugleich seiner alten wie seiner neuen Heimat zu vergewissern, den Bildern und Denkweisen in China und Europa. Im Unterschied zu Philosophen wie François Jullien in Frankreich oder Byung-Chul Han in Deutschland streicht er weniger die gravierenden Unterschiede der beiden Kulturen heraus als mögliche Durchkreuzungen, Überlappungen, wie er sie am eigenen Leibe erfahren hat, in seinem Leben zwischen und in diesen Kulturen. Etwa am Beispiel der Liebe: Jullien und Han betonen die christlich-westlichen Hintergründe ihrer Überhöhung im Unterschied zu dem fernöstlichen Austausch diskreter Freundlichkeit, im Sinne einer Freundschaft unter Menschen und mit den Dingen. François Cheng sieht hier gleichfalls unterschiedliche Tendenzen, aber auch vergleichbare Momente darin:

"Die Liebe ist eine Leidenschaft zwischen zwei Wesen. Genau wie die Freundschaft. Es gibt also eine Affinität zwischen beiden Leidenschaften. Und beide können sich schrittweise miteinander entfalten. Was die Liebe der Freundschaft geben kann, ist etwa die Tiefe des Engagements füreinander, eine Seelenverwandtschaft. Und umgekehrt bedarf die Liebe der Freundschaft. Denn sonst, wie wir es heute sehen, ist die Liebe nicht von Dauer. Nur die Freundschaft kann ein Leben lang halten, indem sie den Anderen nicht als Besitz ansieht oder als Objekt der eigenen Begierden. Die Freundschaft basiert auf Respekt und Verständnis, im Sinne einer Einfühlsamkeit und immer neuen Freundlichkeit füreinander."

Vermeintliche Gegensätze als Polaritäten befragt

Das Spannende an Chengs Gedankengängen ist vielfach, dass er vermeintliche Gegensätze – ganz nach chinesischer Art – als Polaritäten befragt, in ihrer möglichen Rückbezogenheit aufeinander. Der Titel seines neuen Buchs illustriert dieses Vorgehen bereits, denn der Band heißt "Fünf Meditationen über den Tod – und über das Leben". Das eine schließt das andere mit ein, und davon ausgehend erschließt der Autor intellektuell denkbare und poetisch vorstellbare Erwägungen und Bilder zu der allgemein menschlichen Frage nach Leben und Tod. Er orientiert sich dabei vornehmlich an Dichtern, insbesondere an Rilke, Keats, Shelley und Lord Byron. Zentral steht dabei ein Gedicht von Rilke, "O Herr, gib jedem seinen eignen Tod":

"O Herr, gib jedem seinen eignen Tod./ Das Sterben, das aus jenem Leben geht,/ darin er Liebe hatte, Sinn und Not./ Denn wir sind nur die Schale und das Blatt./ Der große Tod, den jeder in sich hat,/ das ist die Frucht, um die sich alles dreht./ Um ihretwillen heben Mädchen an/ und kommen wie ein Baum aus einer Laute,/ und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;/ und Frauen sind den Wachsenden Vertraute/ für Ängste, die sonst niemand nehmen kann./ Und ihretwillen bleibt das Angeschaute/ wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, –/ und jeder, welcher bildete und baute,/ ward Welt und diese Frucht, und fror und taute/ und windete ihr zu und schien sie an./ In sie ist eingegangen alle Wärme/ der Herzen und der Hirne weißes Glühen – / Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,/ und sie erfanden alle Früchte grün."

In der ersten seiner fünf Meditationen über den Tod und das Leben widmet sich François Cheng diesem Gedicht. Warum ist es ihm so wichtig?

"Dieses Gedicht ist deshalb für mich von großer Bedeutung, weil es meine eigene Erfahrung spiegelt. Die Jahre meiner Jugend waren vom Krieg geprägt. Überall starben Men-schen, waren sie Opfer von Bombardierungen oder Krankheiten. Unser Leben hing am seidenen Faden – und umso intensiver lebten wir. Uns war also sehr früh schon bewusst, dass es das Wissen um den Tod ist, durch das wir das Leben als solches erst sahen. Ohne dieses Wissen hätten wir wie ein Tier vegetieren können, aber nicht wirklich gelebt. Und es war dieses Wissen, dass uns auch die Einzigartigkeit eines Jeden vor Augen führte und sein Leben als besonderes Schicksal zeigte. Das Wissen um den Tod initiiert die intimste Verbundenheit mit dem Leben. Und das lese ich auch in dem Gedicht von Rilke. Warum er etwa schreibt, "O Herr, gib jedem seinen eignen Tod". Es ist das Verlangen nach unserem eigenen Tod, das unser jeweiliges Schicksal mitbestimmt.

Leben erzeugt Leben, ohne Ende

Dem taoistischen Denken nach ist die Atmosphäre als Hülle der Zirkulationen von Wasser und Luft ein besonderes Beispiel von Lebendigkeit. Die Poesie der Wolken spielt in der chinesischen Bildkunst seit jeher eine Rolle. François Cheng verbindet beide Aspekte – die Atmosphäre als Quelle des Lebens und ihre bildnerische, poetische Kraft – im weiteren mit Gedanken zu den Dichtern Keats, Shelley und Lord Byron. Das Grab des jungverstorbenen Keats trägt die Inschrift: 'Hier ruht einer, dessen Name in Wasser geschrieben ist.' Shelley gedachte seiner in dem Gedicht "Adonais". Kaum ein Jahr später ertrank er, nachdem sein Boot in einem Sturm gekentert war. Lord Byron wurde Zeuge des Unglücks. Shelley wurde auf dem Strand bei Viareggio eingeäschert und Byron schwamm den gleichen Abend noch so weit aufs Meer hinaus wie er nur konnte. Es ist das Wasser, in dem sie sich verlieren, tatsächlich oder im übertragenen Sinn, und mit Blick auf die griechische Mythologie könnte man meinen, es ist der Fluss Lethe, der Fluss des Vergessens, von dem metaphorisch die Rede ist. Cheng aber sucht eine andere Rückbindung, an eben die lebensspendenden Vorstellungen altchinesischer Denkweisen. Dabei gibt er sich keinen Illusionen hin, als Zeuge des 20. Jahrhunderts und seiner Schrecken. Und hier tut sich eine Lücke auf, zwischen alter und neuer Zeit, in Europa wie China, die den tastenden Charakter seiner Betrachtungen erklärt, die selbst nicht zu schließen ist und in der er doch die Intimität des Lebens sucht, über die bloße Gewalt hinaus. Es ist in diesem Sinn, das er an dem chinesischen Zeichen sheng-sheng-bu-xi festhält: Das Leben erzeugt das Leben, ohne Ende.

François Cheng: "Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben", aus dem Französischen von Thomas Schultz,
C.H. Beck Verlag, 169 Seiten, 16,95 Euro.

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