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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott. Die Macht des Alterns 2004-205010.05.2004

Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott. Die Macht des Alterns 2004-2050

Karl Blessing Verlag München 2004, 200 Seiten, 16,- Euro

<strong> Ein Dauerdilemma unserer - und nicht nur unserer - Demokratie ist sicher, dass es ihr an mutigen Zukunftsvisionen mangelt - nicht zuletzt deshalb, weil Politiker darauf konditioniert sind, nur bis zum nächsten Wahltermin zu denken. Umso größer ist dann die allgemeine Verwunderung, wenn ein Buch wie das "Methusalem-Komplott" des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher erscheint, das die demographische Entwicklung Deutschlands bis zum Jahr 2050 in düsteren Farben malt. Nicht nur mit dem von Huntington prophezeiten Clash of Civilisations werden wir es demnach in naher Zukunft zu tun haben, sondern auch mit einem Clash of Generations, sprich: einer totalen Überalterung unserer Gesellschaft mit allen daraus erwachsenden sozialen und ökonomischen Konsequenzen. Ist Schirrmachers Bestseller Panikmache oder ein ernstzunehmendes Menetekel für die kommenden Jahrzehnte?</strong>

Von Günter Müchler

Die Zukunft des Alters (AP)
Die Zukunft des Alters (AP)

Dass Kinderkriegen die Gesellschaft nichts angehe, Familienpolitik im günstigsten Fall etwas Antiquiertes, im schlimmsten ein Relikt aus Blut und Boden und die Rente selbstverständlich sicher sei - das war über Jahrzehnte ein durch die Züchtigung der politischen Korrektheit zementierter Konsens in unserem Land. Wer dagegen verstieß, ein politischer Querdenker etwa wie Kurt Biedenkopf, wurde stumm kartätscht als Störenfried; wer es wagte, über die Zahlenkolonnen der verschüchterten Demographen laut nachzudenken, wurde aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Wie lange es dem Bündnis aus selbst verordneter Blindheit und hedonistischen Schutzinteressen gelang, die unvermeidliche Alterskatastrophe zu tabuisieren, offenbart der Umstand, dass die rot-grüne Bundsregierung unmittelbar nach ihrem Amtsantritt den so genannten "demographischen Faktor", jenes zarte Pflänzchen der späten Reue des Norbert Blüm, flugs wieder aus der Rentenformel strich.

Das liegt erst ein halbes Jahrzehnt zurück. Inzwischen läuft die plötzliche Erkenntnis, dass das ganze Sozialsystem durch die Druckwelle der "demographischen Bombe" einzustürzen droht, der Gesellschaft wie ein kalter Schauer über den Rücken. Vor Jahresfrist wurde ein Jungpolitiker für die törichte Bemerkung, seine Generation schulde den Großeltern keine künstliche Hüfte, noch allgemein abgestraft. Doch unter dem Firnis des mühsam aufrecht erhaltenen Komments zuckt es bedrohlich. Besorgte Beobachter warnen vor einem Krieg der Generationen. Besser wäre es, von einem heraufziehenden Kannibalismus zu sprechen. Denn was sind diskrete Forschungen über die günstigen Auswirkungen der niederländischen Euthanasiepolitik auf die Gesundheitskosten anderes als die Vorboten organisierter Menschenfresserei?

Da lässt ganz zwangsläufig ein Buch aufhorchen, das den sonderbaren Titel "Das Methusalem-Komplott" trägt und den Chef des mächtigsten Feuilletons im Lande als Autor hat, Frank Schirrmacher. Dieses Buch mit allen Schwächen, die es hat - angefangen von einer kaum auffindbaren Systematik bis hin zum aufreizenden Manierismus des Autors - ist ein Tabubruch erster Ordnung. Und wie jeder Tabubruch ist es auch eine Kampfansage.

Ein Trompetenstoß ist schon der Titel: Zu einem Komplott wird geblasen. Doch gegen wen wird hier komplottiert? Gegen die Alten? Oder sind sie es, die aufgerufen werden, Filzhut und Strickweste gegen Helm und Brustpanzer zu tauschen, um sich im Überlebenskampf auf die Nachwachsenden zu stürzen? Die Frage begleitet, nebenbei bemerkt, den Leser über weite Strecken des Buches. Denn nichts läge Schirrmacher ferner als der Wunsch, in seinen Absichten mit links entschlüsselt zu werden.

Methusalem: Über ihn schreibt die Bibel: "Methusalem war einhundertsiebenundachtzig Jahre alt und zeugte Lamech und lebte darnach siebenhundertzweiundachtzig Jahre und zeugte Söhne und Töchter; dass sein ganzes Alter ward neunhundertneunundsechzig Jahre, und starb."

Ungezählte Menschen haben die Personalakte des Super-Seniors wieder und wieder gelesen. Voller Staunen und heimlicher Bewunderung ob seiner ungeheuren Manneskraft. Für den Autor bedeutet die Methusalem-Metapher: Es gab einmal eine Zeit, die hatte ein hochachtungsvolles Bild vom Alter. Diese Zeit ist vorbei. Ein anderes Bild vom alten Menschen hat sich in unser Bewusstsein eingefräst: schwach, vertrottelt, in jeder Hinsicht hilfsbedürftig, also eine Last, eine kostspielige Last.

Im Bild, das die Alten von sich selbst haben, sind diese Züge noch gesteigert. Die Angst, nutzlos zu sein, eskaliert zum Schuldgefühl. Man ist schon dankbar, wenn die Nachkommenschaft wenigstens Mitleid hat. "Sie behandeln mich wie ein Kind, schildert in Balzacs "Landarzt" ein Greis voller Rührung das Verhalten seiner Brut. Diese Altersvorstellung, so der Autor, ist diskriminierend; zudem ist sie überholt. Gegen sie predigt Schirrmacher im Stile des Heiligen Bernhard den Kreuzzug.

Sie wissen es zwar noch nicht, aber Sie gehören dazu. Da Sie imstande sind, dieses Buch zu lesen, zählen Sie zu denjenigen, denen der Einberufungsbescheid sicher ist. Die große Mobilmachung hat begonnen. Im Krieg der Generationen sind Sie dabei. Sammeln Sie sich und seien Sie getrost: Sie gehören auf die Seite der Menschen, denen es in den nächsten Jahrzehnten aufgegeben ist, eine Revolution anzuzetteln.

Anzetteln sollen die Revolution nicht die, die jetzt alt sind. Für sie ist es zu spät, lässt der Autor, Jahrgang 1959, durchblicken. Es sind seinesgleichen, die Babyboomer, die er auf sehr direkte Weise anspricht. Sie werden in zehn, zwanzig Jahren in Rente gehen. An ihnen ist es, die Revolution zu vollbringen. Sonst wird es auch für sie zu spät sein. Schirrmachers Ansatz ist also ein völlig anderer als der der handelsüblichen Altersliteratur. Rente, Gesundheitskosten, Überfremdung - das alles ist nicht sein Thema. Davon, dass gewaltige Populationen zum Beispiel aus der geburtenfreudigen muslimischen Welt bereitstehen, in die Leerräume des Abendlandes einzurücken, ist nur am Rande die Rede. Schirrmacher, in diesem Punkt ganz Anti-Huntington, geht vom Einzelnen aus. Er will eine Kulturwende.

Alte Menschen sind, für den Autor ist das ausgemacht, Opfer einer Verschwörung. Deren Werkzeuge sind Werbung, Hollywood, der ganze Jugendkult. Sie befeuern Vorurteile über das Altern, falsche Vorstellungen, die, wie es an einer Stelle heißt, "mörderisch sind wie alle anderen Rassismen, in denen Menschen minderwertig gemacht werden".

"In der herrschenden Kultur", heißt es an anderer Stelle, "wird das Alter mit lauter abwertenden Eigenschaften in Verbindung gebracht: engstirnig, egoistisch, pessimistisch." Die schlimmste Form der Demütigung besteht in dem ständigen Zwang, in den Spiegel zu schauen. Es ist, Zitat, der "Terror des faltenlosen Gesichts", der - medial vermittelt - den tatsächlichen Ressourcenverschleiß des Alterns ins Maßlose übertreibt und zur Selbstentmündigung führt. Ergebnis:

Wir werden, wenn wir älter werden, von unserer Gesellschaft automatisch um die Reserven gebracht, die uns die Natur noch nicht genommen hat.

Gegen das Klischee vom Alter als kollektiver Demenz fährt Schirrmacher neuere wissenschaftliche Erkenntnisse auf. Hier wird das Buch wirklich interessant. Man erfährt von Forschungsergebnissen, die in der Summe zeigen, dass Methusalem als Metapher für den bis ins hohe und höchste Alter leistungsfähigen Menschen keine bloße Chimäre ist. Und älter werden die Menschen, immer älter.

Jedes zweite kleine Mädchen, das wir heute auf der Straße sehen, hat eine Lebenserwartung von hundert Jahren, jeder zweite Junge wird aller Voraussicht nach fünfundneunzig... Das ist der biologische Triumph unserer Generation. Wir haben keine Länder erobert, wir haben Lebenszeit erobert.

Aber dieser stille Triumph hat einen hohen Preis. Wenn die Babyboomer die Alterspyramide endgültig auf den Kopf gestellt haben, wird der Druck auf sie immens wachsen. Eine alternde Gesellschaft ist teuer. Siebzig bis neunzig Prozent des Geldes für Gesundheitsfürsorge entfallen statistisch auf die letzten Lebensmonate. Wie werden die Nachwachsenden darauf reagieren? Schirrmachers Antwort ist erschreckend, doch keineswegs unrealistisch:

Man wird vernehmbar über unsere Überzähligkeit diskutieren, über Euthanasie, über die letzten, teuren Wochen in den Krankenhäusern, die so genannte aussichtslose Fälle zu Belastungen des Sozialwesens machen.

Gegen diese Bedrohung hilft nur ein Komplott. Der Text zum Fahnenappell steht auf Seite 155. Man muss ihn zitieren, auch weil er den Schirrmacherschen Wucht-Stil exemplarisch zur Geltung bringt:

Unsere Mission ist es, alt zu werden. Wir haben keine andere. Es ist die Aufgabe unseres Lebens. Sie müssen lernen, fünfzig und sechzig Jahre alt zu werden... Und Sie müssen lernen, was es heißt, siebzig, achtzig oder auch neunzig Jahre alt zu werden, ohne zu verstummen... Es wird viele geben, die Ihnen Fahnenflucht und Desertion, zum Beispiel den Freitod, anbieten werden. Während Sie Sport treiben, sich gesund ernähren und Ihre Altersvorsorge in die Hand nehmen, sind die Bücher und Aufsätze schon geschrieben, die begründen, warum es moralisch gerechtfertigt sein kann, Sie im Alter zu töten. Die Propaganda der Feinde wird versuchen, Sie davon abzubringen, an Ihre Mission zu glauben. Die Feinde sind überall: Es sind alte und junge Leute, Werbung und Medien, die Bürokraten einer sozialstaatlichen Entmündigung, die die Lebensarbeitszeit glauben definieren zu können. Mit allen Tricks wird man versuchen, Ihr Selbstbewusstsein zu erobern und zu kolonialisieren. Der Angriff beginnt mit Ihrem Spiegelbild und endet in Ihrem Gehirn.

Der Gegenangriff muss sich gegen Jugendwahn und Altersdiskriminierung richten. Die schärfste Munition wird die Forschung liefern, zum Beispiel die naturwissenschaftliche Rehabilitierung der Erfahrung.

Sie wird eine unserer wertvollsten Ressourcen in der Zukunft werden. So, wie im Gehirn faktische Schäden schon allein durch Worte entstehen können, kann es zu Heilungen kommen, durch die Anwendung des richtigen Wissens über sich selbst.

Doch letztlich baut Schirrmacher nicht wirklich auf die Macht der Erkenntnis. Die Klischees vom Alter, stellt er fest, werden wie alle Klischees von Mehrheiten gemacht. Und im bisherigen Verlauf der Menschheitsgeschichte waren das immer die Jungen. Das ist nun Vergangenheit. Die demographische Revolution bringt erstmals die Älteren in die Mehrheitsposition und damit in eine günstige Ausgangsstellung im Krieg der Generationen. Am Ende wird sich die größere Zahl der Bataillone durchsetzen. Für einen Aufklärer wie Schirrmacher ist das keine schlechte Pointe.

Günter Müchler über Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott. Die Macht des Alterns 2004-2050. Karl Blessing Verlag München, 200 Seiten zum Preis von 16 Euro.

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