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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteDie Bühne als Ort der Zuflucht18.01.2016

Frankfurter Theaterfestival für AsylbewerberDie Bühne als Ort der Zuflucht

Viele Theaterbühnen in Deutschland beziehen Flüchtlinge ins Programm ein. Das Schauspiel Frankfurt hat beim Festival "Fluchtpunkt Frankfurt" geflüchtete Jugendliche mit jungen Menschen zusammengebracht, die schon lange hier leben.

Von Natascha Pflaumbaum

Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen), aufgenommen am 09.12.2013. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
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Flüchtlinge und Theater: Geht das zusammen? Welchen Beitrag kann ein Theater in diesen Zeiten leisten? Das schauspiel frankfurt hat das an diesem Wochenende im Selbstexperiment erprobt – mit seinem "Festival Fluchtpunkt Frankfurt".

"Wir können nicht nur eine Amüsierbude sein, wir können nicht nur ein Ort der Literatur sein. Das sind wir alles auch und sehr gerne. Aber wir müssen ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, des Diskurses und in diesem Fall auch der Handreichung sein."

Wenn es drauf ankommt, kann Oliver Reese, Intendant des schauspiel frankfurt, sehr schön direkt und pragmatisch sein. Aus dem Nichts hat er mit dieser Haltung sein "Festival Fluchtpunkt" aus dem Boden gestampft, denn er findet:

"Dieses Theater hat sich in den letzten Jahren ja doch sehr deutlich zu einem intellektuellen Zentrum in der Stadt gemacht."

Und darum ist es auch genau der richtige Ort. Flüchtlinge! Theater von/mit/über Geflüchtete. Das war Reeses Idee.

Vier Tage haben sie das Haus bespielt: auf allen Bühnen mit Stücken und Performances, im Foyer mit Filmen, mit Aktionen von Aktivisten, im Chagallsaal mit Diskussionen, in der Panoramabar mit Essen der Frankfurter Freitagsküche, mit Lesungen und Vorträgen. Das ganze Haus war in Bewegung. En suite von morgens bis abends. Voll war's. Lange Schlangen, Gedränge. Die Leute haben regelrecht gegiert nach dem intellektuellen Futter, das sich hier bot.

"Von der Veranda meines Hotels auf Lesbos blicke ich auf die türkische Küste."

Ein Ziel ist es, den IS zu entzaubern

Der prominenteste... Friedenspreisträger Navid Kermani ließ aus seinem neuen Buch lesen. "Einbruch der Wirklichkeit – auf dem Flüchtlingstrek durch Europa". Kermani hat die Ankunft der Geflüchteten auf Lesbos beobachtet, war auf der so genannten "Balkanroute" unterwegs und hat aus dem Material eine Reportage geschrieben. Mit O-Tönen von Politikern, von Helfern, von Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan. Buchwerbung einerseits...

"Statt ebenfalls Zäune zu bauen, sollten wir für Europa eintreten, das diese Krise nur solidarisch bewältigen kann."

Diskursankurbeln andererseits... Was Kermani hier auf knapp 100 Seiten beschreibt, fasst er in der Diskussion mit seinem politischen Freund und Buddy Daniel Cohn-Bendit in sehr drastische Worte.

"Ein IS der besiegt ist, der entzaubert ist, wird weniger Menschen anziehen, als ein IS, der damit posen kann, dass man hier Waffen bekommt, Frauen bekommt, all das. Insofern ist es auch für den Kampf gegen den Terrorismus. Auch wenn wir uns keinen Illusionen dahingeben sollten. Auch für unsere eigene Sicherheit in Europa ist es wichtig, dass man den IS besiegt."

Die beiden Männer reden emphatisch an diesem Abend ... über die Besiegung des IS, über Flüchtlinge, über Europas Asylpolitik, die Ausschreitungen in Köln, über eine Säkularisierung des Islam: argumentativ nicht immer so fein ziseliert, wie man es von Kermani gewohnt ist. Aber man erkennt in dem Gedankenmäander des Intellektuellen Kermani und des Politikers Cohn-Bendit die Verstrickung der Probleme, man erkennt die allgemeine Antwortlosigkeit auf zu viele Fragen, man erkennt auch, dass Fragen haben und sie stellen allerdings schon ein erster Schritt ist...

Erste Schritte machen die hier ganz anders. Es sind die, über die hier alle reden, wenn sie "Flüchtlinge" oder "Geflüchtete" sagen. Junge Leute, die meisten ohne Eltern.

Sie machen Theater, Performances: Teenager. Sie kommen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan: die Leute vom Boat People Song Projekt Göttingen. Auf der Bühne erzählen sie ihre Geschichte. Vom Krieg, vom Boot, von der Überfahrt, vom Wasser. Alles nur sehr bruchstückhaft. Lieber singen sie.

Partystimmung in den Kammerspielen. Ihre Geschichten bleiben nur angetippt. Oder werden nach der Performance erzählt. Wenn man denn nachfragt. Dann erzählt der junge Sänger, der vor neun Monaten übers Meer nach Deutschland floh, vermeintlich harmlose Details:

"Ich habe zwei Geburtstage hier. Einen am 25.Januar. Aber der richtige ist der 7. April. Wenn wir in Deutschland angekommen sind, müssen wir zum Arzt gegen. Weil wir keine Papiere haben, die Papiere haben wir im Meer verloren. Sie sagen uns dann, wie alt wir sind."

Im Theater können sie selbst sein

Der zweite Geburtstag – erfunden, aber immerhin so real, um in Deutschland leben zu dürfen. Das kennt Martina Droste auch. Diese erfundenen Geburtstage entscheiden nämlich, wer bei ihr mitmachen darf. Droste ist die Theaterpädagogin am Schauspiel Frankfurt. Sie arbeitet mit Jugendlichen und hat das Theaterprogramm des "Festivals Fluchtpunkt Frankfurt" kuratiert.

"Es ist tatsächlich die ganze Schicksalsbreite und Lebensbreite hier vertreten. Die kommen aus verschiedenen Städten. Aber es sind tatsächlich auch Geflüchtete, die noch gar keinen Status haben oder auch solche, die seit Jahren auf gepackten Koffern sitzen."

Dass junge Menschen, die nach der Flucht nichts als ihr Leben haben, traumatisiert sind, ausgerechnet ins Theater kommen, erscheint fast grotesk. Denn im Theater spielt man Rollen, Figuren. Die, die hier herkommen, nutzen den Schonraum des Theaters, um sie selbst zu sein. Martina Droste.

"Das Theater ist sicher nur ein Ort von vielen, aber es ist ein guter Ort, weil da nämlich Menschen sichtbar werden."

Fluchtpunkt Festival: das schauspiel frankfurt hat gezeigt, dass das Theater genau der richtige Ort ist für die Debatte über Flüchtlinge, über Einwanderung, über Krieg, über Terror. Fragen stellen, Gemeinschaftsgefühl erleben, Grenzen aufheben, miteinander reden: alles das hat das Theater in diesen vier Tagen geleistet. Die größte Sache aber war: es zeigt eine deutliche Haltung. Und die trägt sich Stück für Stück in die Gesellschaft.

 

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