Samstag, 20.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheBemerkenswerte Ungenauigkeit in der #MeToo-Debatte14.01.2018

FrankreichBemerkenswerte Ungenauigkeit in der #MeToo-Debatte

Ein von französischen Prominentinnen veröffentlichter Text in "Le Monde" wirft der #MeToo-Bewegung vor, eine Kampagne von Denunziation und öffentlicher Anschuldigung zu sein. Die dadurch erneut angeheizte Debatte werde - auf beiden Seiten - mit bemerkenswerter Ungenauigkeit geführt, kommentiert Jürgen König.

Von Jürgen König

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MeToo Demonstration gegen sexualisierte Gewalt und sexistische Übergriffe am 28.10.2017 in Berlin Neukölln (imago / Bildgehege)
Eine kritische Selbstbesinnung beider Lager, sollten sich gemeinsam fragen, was aus der #MeToo-Bewegung, meint Jürgen König (imago / Bildgehege)
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"Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckige Anmache ist kein Delikt, Galanterie ist keine chauvinistische Aggression." So beginnt der Text, der in der Mittwochsausgabe der französischen Tageszeitung "Le Monde" erschienen ist. Geschrieben haben ihn die Psychoanalytikerin Sarah Chiche, die Schriftstellerinnen Catherine Millet, Catherine Robbe-Grillet und Abnousse Shalmani sowie die Journalistin Peggy Sastre. Unterzeichnet haben den Text rund 100 in Frankreich mehr oder weniger bekannte Autorinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Regisseurinnen und Schauspielerinnen – auch Filmstar Catherine Deneuve unterschrieb, ihre Prominenz verschaffte der Kampagne sofort Aufmerksamkeit.

Gegen die #MeToo-Bewegung

Und eine Kampagne sollte es werden: gegen die #MeToo-Bewegung. Die zentrale These lautet, die Bewegung habe zwar ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür geschaffen, in welchem Ausmaß Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt sind, mittlerweile aber würden alle Männer unter Generalverdacht gestellt, in den Sozialen Medien habe es unzählige, anonym gehaltene Beschuldigungen gegen prominente und nicht-prominente Männer gegeben, reine Denunziationen: eine Schnelljustiz, der schon viele zum Opfer gefallen seien. Dieses, Zitat: "Fieber, die 'Schweine' zur Schlachtbank zu führen" - es würde nur Hassgefühle gegen Männer und generell gegen alles Sexuelle hervorrufen und so auf Dauer die sexuelle Freiheit zerstören, zu der eben ein hartnäckiges Anbaggern auch gehöre.

Sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte müsse bestraft werden, aber nicht jede Männerhand auf einem Frauenknie sei ein Fall fürs Gericht: Die Freiheit der sexuellen Anmache bis hin zur Belästigung müsse es geben.

Heftige Gegenreaktion von 30 Aktivistinnen

Die Reaktionen aus der #MeToo-Bewegung ließen nicht lange auf sich warten. Heftig kritisierte eine Gruppe von 30 Aktivistinnen den Aufruf, unter ihnen die Politikerin und militante Feministin Caroline de Haas: Der Text banalisiere sexuelle Gewalt, hieß es, sie werde als etwas ganz "Normales" angesehen; offenbar habe man die #MeToo-Bewegung überhaupt nicht verstanden. Dass Frauen nach Jahren, wenn nicht Jahrzehnten des bedrückenden Schweigens zum ersten Mal über das gesprochen hätten, was Männer ihnen antaten, habe etwas Befreiendes gehabt, nun werde schon wieder ein Schleier über die sexualisierte Gewalt gelegt. Natürlich gelte es, jeder Form sexueller Belästigung entgegenzutreten.

Damit war die Hauptkonfliktlinie benannt. Und die Debatte darüber wird mit bemerkenswerter Ungenauigkeit geführt. Diese Unschärfe steckt schon in beiden Texten: Der in "Le monde" veröffentlichte Aufruf räumt Männern Freiheiten der Aufdringlichkeit ein, ohne dabei die Grenzen zur sexuellen Gewalt auch nur zu erwähnen. Entsprechend wird auch in der Diskussion kaum zwischen Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Alltagssexismus unterschieden – eine sachliche Debatte entsteht so nicht. Dabei wäre manches sehr einfach zu klären: Vergewaltigung und sexuelle Belästigung stellen Straftaten dar – in diesem Sinne kann es eine Freiheit der sexuellen Belästigung ganz sicher nicht geben. Der alltägliche Sexismus ist keine Straftat, sondern ein ausgesprochen ärgerliches Phänomen, mit dem umzugehen jede Frau und jeder Mann eigene Mittel finden muss und das dringend einer groß angelegten öffentlichen Debatte bedarf.

Überfällige Debatten

Der Text der #MeToo-Vertreterinnen wiederum spielt die Frage der Denunzierungen herunter, antwortet kaum auf den Vorwurf der Hexenjagd im Netz. Dabei sollte doch Einigkeit darüber bestehen, dass eine anonym vorgebrachte Anklage Ruf und Seelenleben des Beschuldigten nachhaltig angreift, sich angemessen zu verteidigen ist nicht möglich, die Unschuldsvermutung zählt nicht mehr viel; zumal bei Prominenten fällt die interessierte Öffentlichkeit schnell ein Urteil - auch ohne Prozess.

Nach dem Weinstein-Skandal verfolgte die #MeToo-Bewegung das Ziel, den Opfern sexuellen Missbrauchs Mut zu machen und mit ihren traumatischen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Tausende Frauen sind diesen Weg gegangen - in der Tat eine große, verdienstvolle Befreiungsbewegung. Inzwischen aber steht der Hashtag MeToo für alle möglichen, auch durchaus nicht traumatisierenden Fälle schlechten männlichen Benehmens: Ob die #MeToo-Kampagne hier nicht tatsächlich ihr Maß verloren hat - auch das wäre ein öffentliches Nachdenken wert: eine kritische Selbstbesinnung beider Lager, die sich, anstatt unversöhnlich einander anzufeinden, gemeinsam fragen sollten, was aus der #MeToo-Bewegung geworden ist und inwieweit sie tatsächlich noch weitere gesellschaftliche Debatten anstoßen könnte – Debatten, die überfällig sind.

(Deutschlandradio/ Bettina Straub)Jürgen König (Deutschlandradio/ Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

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