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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Spaltung des Landes in rechts und links überwinden29.04.2017

FrankreichDie Spaltung des Landes in rechts und links überwinden

Emmanuel Macron sei für viele Franzosen Hoffnungsträger, weil er unverbraucht sei und einen neuen Ton anschlage, kommentiert Ursula Welter die anstehende Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich. Gleichzeitig sei sein Erfolg ein Produkt der Verzweiflung. Viele Franzosen wollten, dass Schluss ist mit dem "Weiter so".

Von Ursula Welter

Nach dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl in Frankreich: Emmanuel Macron von der Bewegung "En Marche!" spricht vor seinen Anhängern. (dpa / picture-alliance / Olivier Lejeune)
Nach dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl in Frankreich: Emmanuel Macron von der Bewegung "En Marche!" spricht vor seinen Anhängern. (dpa / picture-alliance / Olivier Lejeune)
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Gewiss, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Und doch: Emmanuel Macron hat die größten Chancen, Frankreichs nächster Präsident zu werden. Allerdings: Es kann eng werden auf den letzten Metern.

Macron, der 39-Jährige, dessen Name lange Zeit höchstens Experten etwas sagte, er ist nicht so stark in den Wahlkampf dieser Woche gezogen wie Marine Le Pen. Während der Newcomer noch im Jubeltaumel steckte, hatte sich die extreme Frontfrau bereits gewohnt aggressiv in den Wahlkampf zur zweiten Runde gestürzt. Und sie hat gepunktet.

Unklar ist auch, wie groß die Zahl der Nichtwähler sein wird, die es satthaben, "gegen" etwas zu stimmen. Die also nicht das Kreuzchen bei Macron machen wollen, nur weil es gilt, Le Pen zu verhindern.

Unklar auch, wie sich die Wähler verhalten werden, die im ersten Durchgang mit fast 20 Prozent dem Links-Außen-Politiker Mélenchon zu einem achtbaren Ergebnis verholfen haben. Denn dessen Programm, wirtschafts- und europapolitisch, ähnelt dem Programm des Front National. Anders gesagt: Mélenchon-Wähler mutieren nicht ohne Weiteres zu Macron-Wählern.

Manchen erinnert Macron schon an John F. Kennedy 

Und dann ist da der katholische Flügel, der am 23. April den konservativen Fillon unterstützt hat und der mit dem Familienbild des Jungstars Macron nun nichts anfangen kann, ihn also nicht wählen will.

Drei Gründe, mit Prognosen vorsichtig zu sein. Und doch gilt: Emmanuel Macron ist für viele Franzosen Hoffnungsträger, weil er unverbraucht ist und einen neuen Ton anschlägt, der manche schon an John F. Kennedy erinnert.

Gleichzeitig ist sein Erfolg ein Produkt der Verzweiflung. Viele Franzosen wollen, dass Schluss ist mit dem "Weiter so". Man ist der alten Gesichter überdrüssig. Wenigstens in diesem Punkt sind sich die meisten Franzosen einig. Entsprechend war die Wahl vom vergangenen Sonntag vor allem eine Abwahl.

Es war ein Exorzismus mit Ansage. Nur 15 Prozent der Franzosen sind mit dem politischen System zufrieden. Interessanterweise hat der "Front National" von diesem Befund im ersten Durchgang nicht weiter profitiert. Marine Le Pen wurde, anders als von vielen Meinungsforschern vorhergesagt, nicht erste Kraft. Auch aus der eklatanten Fehlbesetzung der Spitzenkandidatur bei den Sozialisten und dem persönlichen Fehlverhalten des konservativen Spitzenmanns hat die Rechtsaußen-Partei keinen Funken schlagen können. Marine Le Pen stagnierte in der ersten Runde, wenn auch auf hohem Niveau.

Der 7. Mai ist nur eine Etappe

Vom Ruf der Erneuerung hat also Macron profitiert, und wenn die schwärzesten Krähen Unrecht behalten, dann wird er am 7. Mai gewählt werden. Schon jetzt kann man sagen, dass er sich die Sehnsucht geschickt zunutze gemacht, die traditionelle Spaltung des Landes in rechts und links zu überwinden. Zuletzt war das de Gaulle gelungen, dem Gründer der Fünften Republik.

Dennoch hätte ein Präsident Macron mit immensen Schwierigkeiten zu kämpfen. Er hätte, wichtig genug, mit einem pro-europäischen Programm gepunktet. Aber an der Tatsache, dass im ersten Wahlgang die Hälfte der Stimmen auf Parteien entfielen, die die Europäische Union zum Teufel wünschen, ändert das nichts. Zusammen mit der Linksfront bildet der Front National einen sozial-nationalistischen Block, der leicht zum Bremsklotz der von Macron angekündigten Reformpolitik werden könnte. Und viele, die aus dem konservativen Lager oder aus den Reihen der kläglich gescheiterten Sozialisten - nun in die Rolle der Königsmacher schlüpfen, könnten sich als Königsmörder erweisen, wenn es im Parlament zum Schwur kommt und es an Macrons Reform- und Europaversprechen geht. Und damit ist nur eines wirklich sicher zwischen zwei Wahlgängen: Der 7. Mai ist nur eine Etappe.

Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter, Jahrgang 1962, geboren in Kierspe, westliches Sauerland. Diplom-Studium für Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der Albertus-Magnus-Universität Köln, berufsbegleitendes Studium der Wirtschaftsethik an der Fernuniversität Hagen. Volontariat beim Deutschlandfunk, dort Redakteurin seit 1988. In den frühen neunziger Jahren DLF-Korrespondentin in Bonn, 2007-2011 Redaktionsleiterin Europa- und Außenpolitik DLF, 2011-2016 Frankreich-Korrespondentin für Deutschlandradio in Paris. Seither Abteilungsleiterin Hintergrund im Deutschlandfunk.

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