• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteSonntagsspaziergangMit acht Kutschen ins Kloster Fontevraud06.04.2014

FrankreichMit acht Kutschen ins Kloster Fontevraud

Nur acht Kilometer von der Loire entfernt, befindet sich die Abtei von Fontevraud im französischen Anjou. In der Abteikirche dort ist König Richard Löwenherz und seine Mutter Eleonore von Aquitanien beigesetzt. Eine Reise durch die Geschichte.

Von Franz Nussbaum

Die Aufnahme von 2004 zeigt die 1101 von Robert d'Arbrissel gegründete Abtei von Fontevraud nahe Chinon. Das romanische Kloster beherbergt die Grablegen von Heinrich II. von England, seiner Gattin Eleonore von Aquitanien und von dem gemeinsamen Sohn Richard Löwenherz. (picture alliance / dpa)
Die Abtei von Fontevraud (picture alliance / dpa)

Festliches Klosterglockengeläut. Mit acht Kutschen, jede von sechs Pferden gezogen, kehrt die Äbtissin von einer mehrwöchigen Inspektionsreise zurück. Die Besitzungen ihres Kloster-Imperiums reichen von England bis nach Spanien. Die livrierten Begleitreiter springen ab. Eine Klosterleibgarde schirmt die Ankunft der mächtigen Äbtissin von Fontevraud ab. Die Pferdeställe ihrer Lieblingsrösser sollen um einiges komfortabler sein als manche klösterliche Einzelzelle, erzählt man sich.

Denken wir uns noch etwas tiefer in den Apparat Fontevraud ein. In den Begleitkutschen reisten, neben einem Beichtvater für die kleine Sünde zwischendurch und den Kammerzofen der Äbtissin, reiste auch eine Art Bankendirektorium mit. Geben wir ihnen vielleicht den aktuellen Namen Troika. Michael Kleu:

"Sie konnten Bilanzen lesen. Man kann ihnen in Gelddingen kein X als ein Y unterjubeln. Sie prüften streng die Wirtschaftsbücher der von der Äbtissin visitierten Unterklöster und Domänen auf Soll und Haben. In guten Zeiten unterstehen Fontevraud über hundert solcher Objekte. In schlechten Zeiten, beispielsweise während der vielen Religionskriege und Wirren bleibt die Zehnt-Zahlung aus, da gibt es in Fontevraud auch lange Fastenquartale."

In guten Zeiten begrüßt Trompetengeschmetter die Heimkehr der Klosterchefin. Rund 300 Nonnen und 200 Brüder stehen Spalier und verneigen sich. Es wurde also - wie beim Jüngsten Gericht - bei den Inspektionen streng geprüft oder Äbte oder Vorsteher wegen Vergeudung abgesetzt. Ein Abt von Limburg, um die Sache ins Heute zu übersetzen, wäre damals nach zwei Tagen aufgeflogen.

Greifen wir uns doch ein interessantes Gesicht einer Äbtissin etwas heraus. Wählen wir uns die erst 25-jährige Äbtissin Marie-Madelaine-Gabrielle de Rochechourat-Mortemart aus. Sie ist von 1670 bis 1704 (34 Jahre) die Nummer eins in Fontevraud. Ludwig XIV. setzt sie persönlich als Äbtissin auch gegenüber dem Vatikan durch. Sie ist auch die Schwester der Nummer Eins am Hofe des Sonnenkönigs. Sie ist die Schwester der berühmten Marquise de Montespan, die Ludwig XIV. als Mätresse sieben sonnige Kinder geboren hat. Vettern- oder Schwesterwirtschaft, Filz oder Nepotismus in Fontevraud? Fragezeichen. Wir lesen in Chroniken:

"Diese Äbtissin Marie-Madelaine-Gabrielle, die Schwester der Montespan, wird auch "die Königin der Äbtissinnen" genannt. Auch, weil sie die unter den Hugenotten furchtbar heruntergekommen Klosteranlage wieder zu einem Schwerpunkt des geistigen Lebens des Landes hoch gewirtschaftet hat. In anderen Quellen wirft man ihr aber auch vor, dass sie das Leben in Fontevraud liederlich verändert habe. Von Gebet, von Buße und Kasteiung sei man zu weltlichen Beschäftigungen übergegangen. Schreiben, Lesen, Gärtnern, Festlichkeiten. Sie sammele Künstler, Literaten, Musiker um sich."

Als der Sonnenkönig die Montespan leid ist, samt ihrer Neigung zu Intrigen, schiebt er Madame mit einer fetten Einmalzahlung von einer halben Million Franc ab. Sie zieht dann für einige Jahre zu ihrer Schwesteräbtissin ins Kloster Fontevraud ein. Und bringt ein lustiges Völkchen mit, Cousins, Freunde. Madame lässt sich hier im großen Klosterareal ein eigenes Haus in der Nähe des Palais der Äbtissin bauen. Sie finanziert auch ein wohltätiges Altersheim. Man lebt feudal mit eigenem Personal als ein Hof im Hofe des höfischen Klosters, von Demut, Armut und anderen Klausuren und Gelübden befreit. Es wird im Palais der Äbtissin auch Theater gespielt oder weltliche Musik aufgeführt, in einem eigens angelegten Musikpavillon. Leben wie Gott in Frankreich? In einer Abhandlung über diese Äbtissin heißt es unter Hinweis auf ihr Bildnis:

"Wer ihr Antlitz genau betrachtet, begreift, dass es ihr gelang, mit all den Schwierigkeiten fertig zu werden, sogar mit den wegen der weiblichen Bevormundung immer wieder aufbegehrenden Mönche. Ihrer kühlen, durchdringenden Intelligenz konnten nur wenige widerstehen."

Bei soviel durchdringender Intelligenz hätte wohl ein Abt von Limburg vor einer strengen Inspektion seine ominöse Badewanne in der Lahn entsorgt und abtreiben lassen. Natürlich ist das Klosterleben von 1670 und seine etwas pointierte Schilderung nicht repräsentativ für 700 Jahre Fontevraud. Angefangen hatte man hier mal als Reformkloster, weg von Prunk und Titeln hin zu einer verständlichen Kirche der Nächstenliebe. Michael Kleu:

"Fontevraud untersteht in religiösen Dingen direkt dem Papst. Und die leben den Prunk ja teilweise vor. Der Posten einer Äbtissin ist damals käuflich. Wie ja auch jeder andere Abt- oder Bischofstitel gekungelt wurde. Die männlichen Angehörigen der Klostergemeinschaft sind keine Mönche im Sinn der Franziskaner oder anderer Orden. Sie sind Priester und hauptsächlich zuständig für die Sakramente, für die Gottesdienste und nehmen den Nonnen die Beichte ab."

Und die Beichte sollen sie wohl auch als Druckmittel gegen die weibliche Vormacht von Fontevraud gehandhabt haben. Dieses Fontevraud hat ja nun mehrere Klöster unter dem Dach einer Äbtissin und einer Abtei.

"Es gibt ein Kloster, das nur Jungfrauen mit untadeligem Ruf vorbehalten ist. Oder im Stift de la Madeleine ein Kloster für gefallene Mädchen. Eine weitere Klostereinrichtung im 5-Sterne-Bereich ist verwitweten Königinnen vorbehalten, beispielsweise der Königin Eleonore von Aquitanien, zu der kommen wir ja noch. Es werden auch Adelstöchter, deren standesgemäße Vermählung mangels Mitgift nicht zu finanzieren war, aufgenommen. Menschliche Tragödien. Denn denen blüht lebenslange Abschiebung als Nonne verkleidet hinter den Mauern des Klosters."

Diese abgeschobenen Damen mutieren, liest man, teilweise zu streitsüchtigen Zicken, die sich untereinander mobben bis zum Selbstmord.

"Im 4-Sterne-Bereich kommen auch auf Zeit von ihren Eltern abgeschobene Königskinder hinzu, beispielsweise vier Töchter von Ludwig XV.. Die sind zwischen elf Monaten und vier Jahren alt. Sie kommen mit Ammen und Erzieherinnen nach Fontevraud. Außerdem gehört eine Krankenstation zur Abtei und sogar eine extra abgeschirmte Lepra-Station zum Gesamtkomplex der Klosterstadt."

Natürlich gehört eine adelige Äbtissin von Fondevraut auch immer mit zum festlichen Einzug der französischen Könige zu einer Feier oder Hochzeit oder einer Fete beispielsweise auf den Loireschlössern rundum. Hochgeschlossen im kleinen langen Schwarzen, mit dezentem Schmuck. Und nun wollen wir die Steine von Fontevraud befragen, wer hat die Klosterstadt bei ihrer Gründung 1105 finanziert?

"Es waren die Plantagenets, die hiesigen Grafen von Anjou. Sie avancieren wenig später sogar auf den englischen Thron. Eine politische Gemengelage, die schwer zu erklären ist. Die Stammmutter aller Plantagenets ist interessanterweise eine römisch-deutsche Kaiserin, Mathilde."

Und diese Mathilde wollen wir uns im Zeitraffer etwas vorstellbar machen, denn sie hat sich später auch sehr um Klostergründungen gekümmert. Aus Quellen zusammengefasst.

"Als neunjährige Tochter des englischen Königs wird sie als beste Partie ihrer Zeit auf dem abendländischen Heiratsmarkt auch dem deutschen Kaiser Heinrich IV., dem späteren Canossagänger, als Schwiegertochter angeboten. Für eine sagenhafte Mitgift von 10.000 Pfund Silber schlagen die deutschen Unterhändler zu. Die Neunjährige kommt von Hofdamen, Bischöfen und viel Personal begleitet an den deutschen Hof, wird als Kind mit einem jungen Mann verlobt. Mit zwölf Jahren heiratet sie in Mainz ihren 28-jährigen Kaiser Heinrich V.. Ein 28-Jähriger ehelicht eine Zwölfjährige. Die Mitgift von 10.000 Pfund Silber investiert der junge Kaiser sofort in einen Italien-Feldzug gegen einen Papst, von denen es damals häufig zwei gab. Irgendwann stirbt der junge Ehemann. Mit 23 Jahren ist Mathilde Witwe, hat zudem keinen männlichen Thronfolger geboren."

Die junge Witwe Mathilde wird daraufhin in Mainz genötigt die Reichsinsignien, Krone, Zepter, Heilige Lanze wieder abzugeben. Ihre 10.000 Pfund Silber sind aber schon militärisch verpulvert. So schickt man die Witwe mit freundlichen Grüßen wieder zu ihrem Vater nach England zurück. Dumm gelaufen. Sie behält aber auf ihrem Briefkopf und auf von ihr abgezeichneten Dokumenten den Titel Kaiserin bei.

"Sie heiratet später als verwitwete Kaiserin in zweiter Ehe einen Gottfried von Anjou. Und der gemeinsame Sohn, Heinrich II. Plantagenet, wird dann König in England."

Eine Nichte dieser Ex-Kaiserin Mathilde wird dann auch Äbtissin in Fontevraud. Und vielleicht fragen Sie auch, wieso ich kaum etwas zu den Abteibauten sage? Sie sind im Laufe der 900 Jahre rund hundert mal in andere Stilarten umgebaut oder vergrößert worden. Das letzte Mal nach der Französischen Revolution, 1789, wo dieses adelige Kloster kurz und kleingeschlagen wurde. Danach wird Fontevraud in einen Knast, in ein Zuchthaus umgebaut. Gefängniszellen und große Schlafräume, das geht bis 1963.

Und nun gehen wir in die Abteikirche. Man sieht nur, was man weiß, heißt es. Und wenn man diese vielen kleinen Personalien nicht weiß, dann stolpert der Besucher von heute durch Fontevraud wie durch ein Disneyland. Er hat zwar alles gesehen, aber inhaltlich nichts verstanden. Und wir stehen hier vor mehreren Grabmalen auf denen zwei Könige von England als lebensgroße Figuren gebettet sind. Heinrich II. Plantagenet und sein Sohn König Richard Löwenherz. Sie haben sich lebenslang so gefetzt, dass vielleicht deswegen die Grabgestalter beide als im Lebenskampf erschöpfte Könige einfach nur noch schlafend abbilden.

"Eleonore von Aquitanien, die Ehefrau von Heinrich II., und die Mutter von Löwenherz hat man dagegen etwas erhabener, leicht aufgerichtet gebettet. Sie hat ihre Augen geöffnet, sie liest nämlich in einem Buch. Sie kam vom "Musenhof in Poitiers". Sie galt auch als die Königin der Troubadoure, der Schlagersänger, und Reimeschmiede. Und Eleonore, eine Schönheit, wie die Sänger schmeichelnd berichten, heiratet in erster Ehe mit 15 Jahren König Ludwig VII. von Frankreich. Ein Jährchen älter. Gelebt hat der junge Ludwig aber bis dahin wie ein Mönch. Auch als König fastet er an zwei Tagen in der Woche. An zwei weiteren Tagen ist ihm die Liebe laut Erziehung bei einem strengen Abt nicht erlaubt. Da packen die Musikanten in der Diskothek des Schlosses in Paris schon früh am Abend die Flöten wieder ein.

Dagegen ist diese lebenshungrige junge Königin modisch en vouge unterwegs. Ihr königlicher Gatte trägt lieber Tonsur, Demutshaltung und Mönchskutte. Das geht mittelfristig nicht gut. Es müsste doch mindesten auch ein männlicher Thronfolger kommen. Das ungleiche Königspaar geht sogar zusammen auf den Kreuzzug nach Jerusalem. Eine Königin, eine Frau auf den strapaziösen Wegen eines Kreuzzugs. In einer Quelle wird dann gegiftet, sie ist mit hundert Garderobenkoffern und Schmink- und Schmuckköfferchen unterwegs. Kein Garant für die Eroberung der heiligen Stätten. Andere Propagandisten brandmarken, sie sei in Männerkleidern unterwegs, was noch viel sündiger wäre. Und Eleonore soll, so wird getuschelt, ihrem königlichen Mönch statt der Krone Hörner aufgesetzt haben.

Nach 15 Jahren wird die Ehe vom Papst geschieden, wegen zu naher Blutsverwandtschaft des Paares, wie hoch bezahlte Advokaten plötzlich feststellen. Scheidung auf vatikanisch. Nur sechs Wochen später ehelicht die immer noch sehr ansehnliche Eleonore den 19-jährigen Heinrich II. Plantagenet. Und die Ex-Kaiserin Mathilde besorgt ihrem Sohn beziehungsweise dem Paar flugs den englischen Königsthron.

"Das ist eine Ohrfeige für den geschiedenen Ludwig. Das neue Paar herrscht nun über England, Schottland, Anjou und hat mit dem Besitz der Eleonore als Herzogin von Aquitanien zusammen eines der größten Reiche des damaligen Abendlandes unter dem Sattel. Und diese Eleonore von Aquitanien zählt historisch zu den großen Frauengestalten im männlich überbetonten Mittelalter. Dazu zählt man auch Hildegard von Bingen, Mathilde und die deutsche Kaiserin Theophanou."

Wir betrachten hier den beigesetzten König Richard Löwenherz. Einer, der in seiner Regierungszeit zwischen Schottland und dem Anjou und dem Erbland seiner Mutter, Aquitanien permanent mit Blaulicht unterwegs ist. Irgendwo wagt immer wieder ein schäbiger Kleingraf gegen Richards Allmacht aufzubegehren. Und fast immer, wo Löwenherz dann auftaucht, wird mit brutalem Jähzorn aufgeräumt oder zerstört.

Und so stehe ich unter dem Zeitdiktat, dass ich Ihnen, liebe Sonntagsspaziergänger, die dramatische Geschichte von Löwenherz, ja auch von seiner Kreuzzugsteilnahme, wo er zu seinem Löwenherz gekommen ist, seine Gefangenschaft auf der deutschen Burg Trifels kaum erzählen kann.

Ich blicke wieder zu seiner Mutter, zu Eleonore rüber. Sie ist ja in diesem Kloster Fontevraud, wo sie im hohen Alter als königliche Nonne gelebt hat, mit 81 Jahren gestorben. Eleonore liest immer noch in ihrem Buch. Nun blättert sie kaum merklich eine Seite um. Was mag sie uns Heutigen damit sagen wollen? Vielleicht, wer nach Fontevraud kommt und vorher nichts über die Plantagenets, nichts über Eleonore, über Löwenherz und seine Großmutter Mathilde gelesen hat oder im Internet angeklickt hat, der soll doch besser ins Disneyland reisen. Man sieht nur, wenn man etwas weiß. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk