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StartseiteHintergrundNachwuchssorgen in der Atomindustrie13.10.2014

FrankreichNachwuchssorgen in der Atomindustrie

In der französischen Atombranche werden in den nächsten Jahren mehr als Hunderttausend Stellen frei. Allerdings gibt es nur wenige geeignete Bewerber. Mit Lehrgängen, Umschulungen und unbefristeten Stellen lockt die Industrie Nachwuchskräfte - kann aber nicht immer die Angst vor der Strahlung nehmen.

Von Suzanne Krause

Ein Mitarbeiter von "Electricité de France" im Atomkraftwerk Fessenheim während einer Notfallübung. (AFP / Sebastien Bozon)
Die Atomkraftwerkbetreiber haben Probleme, geeignetes Personal zu finden. (AFP / Sebastien Bozon)
Weiterführende Information

Frankreich - AKW-Schließung mit Fragezeichen
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 30.09.2014)

Frankreich - Baustelle für den Atommüll
(Deutschlandfunk, Europa heute, 15.08.2014)

Atom-Strom - Energiewende "à la francaise"
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 18.06.2014)

Frankreich - Diskussion um Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 26.02.2014)

Corinne arbeitet im Bereich Strahlenschutz, Salim baut Armaturen, Hocene ist Mechaniker. Gemeinsam ist diesen jungen Franzosen der Stolz auf ihre Branche. Für die rühren sie die Werbetrommel beim Webdienst 'Le Nucléaire récrute' - auf Deutsch: Der Atomsektor stellt ein. Die Internet-Jobbörse wird betrieben vom ehemals staatlichen Stromproduzenten Electricité de France (EDF).

"Die Atomkraft hat Zukunft. In diesem Sektor wird sich viel entwickeln; ständig werden neue Normen eingeführt, neue Gesetze, neue Anforderungen. Da gibt es einiges zu tun und mir schwebt eine gute Karriere vor."

"Wir im Atomsektor kennen keine Krise, wir haben dauernd Arbeit. Seit Jahresbeginn war ich schon in fünf Kernkraftwerken, das zeigt doch, wie gut es dem Sektor geht. Ich habe nicht vor, den Job aufzugeben, außer
 ich gewinne im Lotto."

"Ich bin in den Atomsektor eingestiegen, weil ich die Vorurteile betreffend der Kernkraft überwinden wollte. Und neue Technologien wie der Europäische Druckwasserreaktor - dafür zu arbeiten hat mich angezogen."

Die Botschaften von Corinne, Hocene und Salim dürften auch bei der "World Nuclear Exhibition" verbreitet werden, bei der "Welt-Atom-Messe", die an diesem Dienstag in Le Bourget eröffnet. In den Messehallen im nördlichen Vorort von Paris, in denen traditionell alle zwei Jahre die weltweit renommierte internationale Luft- und Raumfahrtmesse stattfindet. Drei Tage lang werden über 460 Aussteller aus 31 Ländern ihre Nuklear-Technologien und Kompetenzen präsentieren.

Die Politik des "tout-nucléaire"

Eine Premiere, pünktlich zum Jubiläumsjahr, denn im März 1974 startete der damalige Premierminister Pierre Messmer den nach ihm benannten Plan zum massiven Aufbau des Atomstromparks. Damit wurde die Politik des "tout-nucléaire" eingeläutet. Heute gilt Electricité de France als der weltweit größte Kernkraftbetreiber. Die 58 Reaktoren im Land lieferten im vergangenen Jahr 73,3 Prozent der einheimischen Stromproduktion.

Für die Welt-Atom-Messe zeichnet ein Verein verantwortlich, in dem sich kürzlich 300 im Atomexport tätige französische Industriebetriebe zusammengeschlossen haben. Angestoßen hatte dies vor über drei Jahren der damalige konservative Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Zwar hat am vergangenen Wochenende die Nationalversammlung in Paris im künftigen Energiewendegesetz den Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromproduktion von 75 Prozent auf 50 Prozent bis 2025 gesenkt, aber keinesfalls einen Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen. Von der Notwendigkeit des Branchen-Zusammenschlusses überzeugt ist auch die Société française d'énérgie nucléaire, kurz: SFEN, die französische Atomenergie-Gesellschaft, eine Lobbygruppe. SFEN-Sprecherin Isabelle Jouette:

"Die Messe bietet Gelegenheit, eine 'Equipe de France' des Atomsektors vorzustellen. Denn unsere Branche verfügt über ein komplettes Angebot: es reicht vom Ingenieurwesen für den Anlagenbau über den Betrieb bis zum Rückbau stillgelegter Kernkrafteinrichtungen. Bei uns wird die Forschung hochgehalten. Und die ANDRA kümmert sich um die Entsorgung der atomaren Abfälle. In den vergangenen 50 Jahren hat Frankreich somit eine komplette Branche aufgebaut. Doch bislang verfügt sie vielleicht nicht ausreichend über das Image, dass sie wohl verdient: das einer starken und soliden Industrie."

Eine Imageverbesserung auch für das eigene Land

Der französische Staatspräsident Francois Hollande auf seiner Pressekonferenz am 18. September 2014 im Elysee-Palast.  (AFP PHOTO/ Patrick Kovarik)Francois Hollande will den Anteil der Atomenergie in Frankreich senken. (AFP PHOTO/ Patrick Kovarik)Eine Imageverbesserung auch für das eigene Land. Denn die Ankündigung des sozialistischen Staatspräsidenten François Hollande kurz nach Amtsantritt, bis 2025 den Anteil der Kernkraft an der Stromproduktion von bislang zwei Drittel auf die Hälfte herunterzufahren, hat in der Branche für Verunsicherung gesorgt. Der Schulterschluss soll mehr Stärke bringen - den Sektor sichtbarer machen. Rund 2.500 Betriebe sind im Atomsektor tätig; laut der SFEN bietet er 220.000 Arbeitsplätze und steht somit auf Platz 3 der französischen Industriezweige, nach den Sektoren Automobil und Luft- und Raumfahrt.

"Die Kernkraft hat Zukunft", lautet das Motto der Welt-Atom-Messe bei Paris. Wenngleich der unabhängige und atomkritische Energie-Experte Mycle Schneider in der aktuellen Ausgabe des World Nuclear Industry Status Report, ein als Referenz geltender Bericht zur Lage der Atomindustrie weltweit, festhält, dass der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromproduktion 1996 noch 17,6 Prozent betrug - ein historischer Höchstwert - jedoch im vergangenen Jahr auf 10,8 Prozent gesunken ist.

Davon scheinbar unberührt versteht sich die Atom-Messe auch als Appell an den potenziellen Nachwuchs, sagt Boris Ngoc von der SFEN:

"In der Atomindustrie werden bis 2020 insgesamt 110.000 neue Posten zu besetzen sein. 80 Prozent davon betreffen technische Berufe - die nicht Atom-spezifisch sind. Es ist wichtig, dies zu unterstreichen, weil es zeigt, wie sich die Spannungen auf unserem Arbeitsmarkt, die Konkurrenz mit der Automobil- und der Luft- und Raumfahrtindustrie noch verstärken werden."

Viele Babyboomer erreichen Rentenalter

In den nächsten Jahren erreicht die Babyboom-Generation das Rentenalter. Der gehört jeder zweite Beschäftigte in der Kernkraftbranche an, sagt Thomas Houdré. Houdré leitet bei der Atom-Aufsichtsbehörde ASN die Abteilung Kernkraftwerke:

"Die Lage ist umso dringlicher, als wir uns in einer Phase befinden, wo einerseits massiv Personal in Rente gehen wird, während gleichzeitig voraussichtlich das Arbeitsvolumen signifikant ansteigen wird. Im Rahmen der nach dem GAU im japanischen Kernkraftwerk Fukushima beschlossenen Sicherheitsaufrüstung unseres Atomparks, im Rahmen der vom Betreiber EDF angestrebten Laufzeitverlängerung über 40 Jahre hinaus, fallen mehr Wartungen an, es braucht neue Studien, die Anlagen müssen modifiziert werden."

Der Nachwuchs jedoch macht sich jedoch rar. Nicht nur in Frankreich - weltweit. Schon im Jahr 2000 erschien bei der OECD ein Bericht, in dem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vor künftigen drastischen Personalengpässen im Atomsektor warnte. Ein Alarmruf. Seither müht sich die Atomindustrie national und international um Abhilfe. Frankreich setzt dabei unter anderem auf neue Anreize für den potenziellen Nachwuchs. Soll heißen: auf den neuen, im Bau befindlichen Reaktortyp EPR. Dazu heißt es im aktuellen World Nuclear Industry Status Report:

"Dass die Regierung und der staatlich kontrollierte Betreiber EDF vereinbarten, eine neue Anlage zu erbauen, gründet nicht auf einem Mangel an Stromkapazität, sondern darauf, dass die Atomindustrie sich dem ernsten Problem stellen muss, nukleares Wissen und Kompetenzen zu erhalten."

Lehrgänge für Atomingenieure eingerichtet

Vor vier Jahren wurde das "Internationale Institut für Atomenergie" nahe Paris aus der Taufe gehoben. Es soll ausländischen Studenten eine Ausbildung im Nuklearsektor in Frankreich erleichtern. Bei seinem ersten "Nationalen Tag für die Ausbildung" im September 2012 brachte das Institut französische Akteure zusammen. Unter ihnen war auch Corinne Quibel, zuständig für die Personalverwaltung bei Onet Technologies. Das Unternehmen vermittelt Techniker für den Einsatz in Atomanlagen.

"Wir setzen sehr auf Partnerschaften. Derzeit arbeiten wir mit zehn Schulen zusammen: Ingenieurs- sowie Berufsschulen. Wir sind an der Erstellung der Unterrichtsprogramme beteiligt, da bringen wir unseren speziellen beruflichen Bedarf ein. Ebenso geben unsere Experten Kurse. Der direkte Zugang zu den Schulen ermöglicht es uns, die geeignetsten Schüler auszusuchen, die wir dann später rekrutieren und gezielt anlernen. Zudem können wir in den Schulen über die Atomindustrie aufklären und über deren Zukunftschancen. Das ist auch für junge Mädchen interessant, denn wir müssen unseren Rekrutierungspool erweitern. Nicht, weil wir Feministen wären. Sondern einfach, weil es an Nachwuchs mangelt."

Eine Studentin der Schulpädagogik schreibt am 17.10.2012 während einer Vorlesung in einem vollen Hörsaal in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) mit. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)Die Konzerne haben extra einen Lehrgang für Atomingenieure eingerichtet. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)Solche Partnerschaften mit dem nationalen Erziehungswesen sind mittlerweile Alltag. An einigen Hochschulen im Land wurden neue Lehrgänge für Atomingenieure eingerichtet - die Lehrstühle werden getragen vom Stromgiganten EDF und von AREVA, dem weltweit größten Atomkonzern. Und der betreibt auch in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie auf dessen Campus die AREVA Nuclear Professional Scool. Deren Geschäftsleiter ist Andreas Claas.

"Die Areva Nuclear Professional School, die wurde 2009 gegründet, in der Zeit, als eine nukleare Renaissance eigentlich angedacht war, auch für Deutschland. Und es sollte im Wesentlichen erreicht werden, dass Nachwuchswissenschaftler und Quereinsteiger, die aus anderen Bereichen der Energietechnik kommen, in der Kerntechnik das Grundlagenwissen hier erlernen können."

Bis zu 1.500 offene Stellen

Maximal einhundert Studenten jährlich zählt die Atomhochschule, doch mittlerweile wird der Unterricht mehr und mehr auf Englisch gehalten, um Interessenten aus dem Ausland anzulocken; mancher Kurs ist gerade mal zur Hälfte belegt. Die allerersten Absolventen, Doktoranden, fanden unmittelbar einen gut bezahlten Einstieg in die Atombranche, im In- und Ausland, sagt Andreas Claas.

"Jetzt hat sich sozusagen ein Wandel eingestellt, nachdem die Branche zumindest in Deutschland in dieser Form nicht mehr am Wachsen ist, müssen sie jetzt praktisch viel breiter suchen und gehen dann häufig auch in andere Bereiche rein. Also, das kann auch mal bis zur Windenergie gehen, also ganz, ganz andere Gebiete."

In Frankreich hingegen sind wohl zusätzliche Anstrengungen nötig, um den Generationswechsel in der Kernkraftbranche sicherzustellen, wie der unabhängige World Nuclear Industry Status Report schon in seiner Ausgabe 2009 festhält:

"Derzeit sind höchstens 300 Atomstudien-Absolventen verfügbar für die 1.200 bis 1.500 offenen Posten."

Isabelle Jouette von der Atomenergie-Gesellschaft SFEN beklagt auch den Mangel in anderen Berufssparten.

"Wir haben im Atomsektor tatsächlich Rekrutierungsprobleme bei den technischen Berufen; Schweißer beispielsweise sind heute in Frankreich nicht einfach zu finden. Das liegt an der Ausbildung. Und leider muss ich sagen: heutzutage drängen die Eltern ihre Kinder in nicht-technische Ausbildungen. Seit geraumer Zeit versucht der Staat, das Problem zu lösen. Aber wir sind in Frankreich längst nicht so weit mit der Lehrlingsausbildung in technischen Berufen wie in Deutschland."

Sehr spezielle Arbeitsbedingungen

Nicolas Thomas ist seit sieben Jahren bei der Armaturenwartung in Kernkraftwerken tätig - seit das Arbeitsamt ihm, damals ohne Job, eine entsprechende Umschulung anbot. Ein ziemlich alltäglicher Einstiegsweg. Am raren Nachwuchs in seiner Branche sei nicht nur, wie die SFEN behauptet, der allgemeine Handwerker-Mangel schuld, sagt Nicolas Thomas.

"Die Atomindustrie findet nicht unbedingt bei jedermann Anklang. Die Atomkraft wirkt für viele immer noch furchteinflößend. Wenn ich mich mit den Leuten um mich herum unterhalte, sagen sie mir: das ist ja alles ganz nett, aber die Atomkraft ist doch gefährlich."

Hinzu kommt: Die alltäglichen Arbeitsbedingungen sind, über eventuelle Strahlengefahren hinaus, sehr speziell, weiß Bruno Cornet aus Erfahrung.

Wie Nicolas Thomas gehört er zu Spie Nucléaire, einer der großen Wartungsunternehmen des Atomparks. Und beide Arbeiter sind beim allgemeinen Gewerkschaftsbund CGT aktiv.

"Bei uns ist es nicht unüblich, dass ein Arbeiter 200 Tage im Jahr fern von seiner Familie im Einsatz ist. Das engt das Leben ziemlich ein. Manch Junger ist bereit, für einen Job ein solches Nomadenleben eine Zeit lang auf sich zu nehmen, Opfer zu bringen. Aber nach einigen Jahren haben viele dann die Nase voll und möchten sesshaft werden. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, zuhause zu arbeiten, greifen sie zu. Wären bei uns die Löhne wirklich attraktiver, die Sozialleistungen besser, dann hätten wir vielleicht nicht einen solchen Turn-over in unserem Industriezweig, der wirklich sehr eigen ist."

6.000 Einstellungen bei EDF 2013

In ganzseitigen Zeitungsanzeigen preist EDF, Eléctricité de France, Berufseinsteigern und Jobsuchenden eine aussichtsreiche Zukunft in seinen Reihen an. Wahlweise mit dem Foto eines modernen Staudamms oder auch der High-Tech-Steuerzentrale eines Atomkraftwerks.

6.000 Personen habe EDF im vergangenen Jahr eingestellt, ähnlich viele dieses Jahr, verkündet der Stromgigant. Leider jedoch war er nicht bereit, seine Rekrutierungspolitik für den Deutschlandfunk zu detaillieren - schriftliche Interviewanfragen blieben unbeantwortet. Genauso wie bei AREVA.

Nicht jeder der 6.000 neuen Posten wurde mit einem Branchen-Neuling besetzt, sagt Nicolas Thomas. Der Gewerkschafter bezieht sich auf Interna seiner Firma Spie Nucléaire.

"EDF wirbt den Partnerfirmen, die in den Atomkraftwerken tätig sind, Personal ab. Und zwar die Leute mit der größten Erfahrung. Mir kommt es ganz klar so vor, als wolle EDF damit die Kenntnisse zu Anlagenbetrieb und Wartung zurückholen, die das Unternehmen in den vergangenen Jahren verloren hat. Weil die Babyboom-Generation in Rente geht und es nicht rechtzeitig gelungen ist, das Wissen an den eigenen Nachwuchs weiterzugeben."

Kampf um die Arbeitnehmer

An die fünf Jahre muss laut Nicolas Thomas ein Atomarbeiter angelernt werden, bis er für den selbstständigen Einsatz in der sogenannten "kontrollierten Zone", dem Bereich mit radioaktiver Belastung, fit ist. Ein hoher Aufwand für den Arbeitgeber.

"In unserem Sektor gibt es vier, fünf große Unternehmen. Und die kloppen sich alle gegenseitig um die qualifizierten Arbeitskräfte. Wenn ich will, kann ich heute sofort zu einer anderen Firma wechseln und ein paar Euro Lohn mehr rausschlagen."

Das französische AKW Fessenheim am Oberrhein im ElsassDas AKW Fessenheim am Oberrhein ist nur eins von 58 Meilern in Frankreich.

Die Auftragsbücher von Spie Nucléaire, berichtet Nicolas Thomas, seien heute schon voll bis ins Jahr 2025. Kein Wunder also, dass die Firma, deren Mutterunternehmen dieser Tage den Börsengang wagt, einiges tut, um sein Personal zu halten und aufzustocken, meint Bruno Cornet.

"Vor geraumer Zeit hat auch meine Firma jedem Angestellten, der einen qualifizierten Kollegen anderswo abwerben konnte, eine Prämie gezahlt. Das ist heute noch so."

Von ein paar Euro mehr Lohn oder eventuell einer Prämie mag sich Christophe Nouen nicht in die Atombranche locken lassen. Der Mittdreißiger arbeitet als Rohrleger in Nordfrankreich in der Schwerölindustrie. Aus gesundheitlichen Gründen will er den Job wechseln. Seine Firma würde ihn gerne auf einen neuen Posten setzen - im Atomsektor, berichtet Christophe Nouen.

"Man sagte mir: Im Atomkraftwerk müsse man nicht viel arbeiten, dort sei es so sauber, dass man vom Boden essen könne. Von den Risiken der Atomkraft hingegen war nicht die Rede. Allerdings war ich auch wegen meiner Gesundheit nicht besonders interessiert an dem Job, deshalb haben sie mich dann in Ruhe gelassen. Aber bei der nächstbesten Gelegenheit werden sie es wohl wieder versuchen."

Angst vor der Strahlung

Nouen kennt mehrere Kollegen, die die Firma ebenso zum Wechsel in den Nuklearsektor überzeugen wollte. Selten mit Erfolg. Dass die Atombranche einen dauerhaften Arbeitsplatz verspricht, ist Nouen egal.

"Seit 15 Jahren arbeite ich nun in der Schweröl-Branche. Dabei habe ich schon viele Giftstoffe eingeatmet. Ich glaube, das reicht. Da muss ich nicht in den Atomsektor überwechseln, um mir noch andere Krankheiten einzufangen. Vor allem: radioaktive Strahlung, die ist unsichtbar, auch wenn sie sich messen lässt."

Um über ausreichendes Personal für die Wartung seiner Atomanlagen zu verfügen, setzt Electricité de France zunehmend auf eine neue Politik, sagt Gewerkschafter Bruno Cornet:

"Unser Auftraggeber EDF erlässt für seine Anlagen neue Bestimmungen: manche Bereiche in den Kernkraftwerken werden deklassifiziert."

Bislang gilt das gesamte Gelände eines Kernkraftwerks als Sicherheitszone. Arbeiten darf hier nur, wer spezielle Sicherheitsausbildungen absolvierte. Doch mit der Deklassifizierung nimmt nun EDF gewisse Orte aus der offiziellen Sicherheitszone heraus, sagt Bruno Cornet.

"Dort werden dann ausländische Arbeitskräfte eingesetzt. Das Ziel ist klar: Man will Kosten sparen. Man weiß ja, dass Arbeiter aus Portugal, Polen, aus der Tschechischen Republik oder der Slowakei, die in Frankreich tätig sind, billiger abgespeist werden und sozial schlechter gestellt sind als einheimische Kräfte. Da wird Sozialdumping betrieben. Deshalb deklassifiziert EDF gewisse Anlagenbereiche."

All das dürfte bei der an diesem Dienstag in Le Bourget beginnenden Welt-Atom-Messe nicht zur Sprache kommen. Dort geht es um ein positives Zukunftsbild.

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