Montag, 28.05.2018
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteKommentare und Themen der WocheKeine Revolte, kein Gedenken06.05.2018

Frankreich und das Erbe der 68erKeine Revolte, kein Gedenken

50 Jahre nach dem Pariser Mai 1968 werde den Ereignissen höchstens analytisch gedacht, kommentiert Jürgen König. Aber die Aufteilung zwischen links und rechts passe ohnehin nicht zum Staatsverständnis von Emmanuel Macron - er tue sich deshalb auch mit dem Gedenken schwer.

Von Jürgen König

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Im Vordergrund unscharf ein Mann in schwarzem Kapuzenpulli, der auf einer Straße gerade einen Stein werfen will. Dahinter scharf weitere Steinewerfer, teilweise vermummt.  (AP / dpa / Francois Mori)
Linksextremisten werfen am 1.5.2018 bei einer Mai-Kundgebung in Paris Steine (AP / dpa / Francois Mori)
Mehr zum Thema

Obdachlose Frauen in Frankreich Ein gnadenloser Überlebenskampf

Frankreich Durst nach Sinn

Frankreich Streit um Reform der Berufsbildung

Studentenprotest gegen Hochschulreform Ein Hauch von 1968 weht durch Frankreich

"1968 – Ils commémorent, on recommence!" - "Sie gedenken, wir fangen wieder an." So kann man es derzeit an Wänden französischer Universitäten lesen, an Außenmauern wie in den Hörsälen. Beide Sätze sind falsch.

Richtig ist, dass es in Frankreich eine erhebliche Unzufriedenheit mit dem Reformprogramm von Staatspräsident Macron gibt. Doch die Demonstrationen und Streiks werden wesentlich von den Bediensteten der Staatsbahn SNCF getragen.

Weil mediale Aufmerksamkeit bei Bahnstreiks immer garantiert ist, schlossen sich den Protesten schnell andere an: Studenten, Lehrer, das Pflegepersonal der Krankenhäuser, sogar die Rentner meldeten sich zu Wort. Die linken Oppositionsparteien wie auch die Gewerkschaften tun alles, um aus diesen Demonstrationen eine Bewegung zu machen – doch mit dem Mai 1968, als bis zu zehn Millionen Arbeiter und Angestellte streikten, ist das in gar nichts vergleichbar.

Die Gewerkschaften agieren als Konkurrenten und waren nicht mal am 1. Mai zu gemeinschaftlichen Kundgebungen in der Lage. Zudem werden sie von der politischen Linken argwöhnisch beäugt, diese wiederum ist untereinander ebenfalls heillos zerstritten. Die Studenten, zunächst die Hauptträger der 68er-Revolte, gibt es – als sagen wir kämpferische Einheit – 2018 nicht. Die große Mehrheit von ihnen bereitet sich geflissentlich auf die Semesterabschlussprüfungen vor.

Dass Hochschulfakultäten besetzt wurden, sorgte einige Zeit lang für spektakuläre Nachrichten, doch waren jeweils nur einige Hundert Studenten und Jugendliche beteiligt, ihre Forderungen blieben wolkig und wurden nicht öffentlich diskutiert. Als die Polizei die Hochschulen räumte, blieb das ohne jede Resonanz: Spätestens hier wurde sichtbar, dass derzeit – allen Behauptungen zum Trotz – nicht einmal ein matter Abglanz vom Geist der 68er-Revolte durch Frankreich weht.

Gedenken findet nur analytisch statt

Und das Gedenken? Es findet seit Monaten nurmehr analytisch statt. In Radio- und Fernsehdebatten, in Tageszeitungen, Wochen- und Monatszeitschriften stehen sich bekannte Lesarten gegenüber: Konservative Blätter sehen den Pariser Mai '68 als einen Sieg des Individuums, durch den die Institution Familie sowie die Autoritäten von Kirche und Staat beschädigt, wenn nicht zerstört worden seien.

Eher linke Autorinnen und Autoren interpretieren den Mai '68 als überfälligen Bruch mit einer autoritär-hierarchisch geprägten französischen Gesellschaftsordnung, zudem wird das Abkommen von Grenelle als sozialpolitisch folgenreich gewürdigt: Mit ihm reagierte die Regierung noch im Mai '68 auf den Generalstreik im Lande und sagte Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzung und Mitbestimmung zu.

Eher neu ist die These, die innerhalb linker Kreise erheblichen Zuspruch findet, wonach es nicht eine, sondern mindestens zehn 68er-Bewegungen gegeben habe. Viel zu lange, so die Kritik, hätten die zu Medienstars gewordenen einstigen Anführer der Szene aus ihren Biografien eine 68er-Bewegung herauszulesen versucht und dabei doch immer nur sich selbst gemeint. Tatsächlich hätten die 68er-Ereignisse nur Emanzipationsbewegungen verstärkt, die mit den Pariser Ereignissen und deren zumeist männlichen Helden nicht viel zu tun gehabt hätten: etwa in der Frauenemanzipation, in der Entwicklung antiklerikalen Denkens auf dem Lande, im Entstehen einer ökologischen Bewegung.

Ein offizielles Gedenken gibt es in Frankreich bisher jedenfalls nicht, obwohl Emmanuel Macron, Jahrgang '77, bei Kundgebungen und öffentlichen Debatten sogar dazu aufgefordert wurde. Aber rechts und links – diese politischen Gegensätze, die 1968 so betont und damals vielleicht für Frankreichs Streitkultur grundlegend wurden: Emmanuel Macron hat sie als für ihn irrelevant bezeichnet.

Nach eigener Betrachtungsweise regiert Macron jupitergleich, er hat Konservative als Minister berufen und sich gleichzeitig mit Daniel Cohn-Bendit einen prominenten Wortführer des Pariser Mai 68 als Berater geholt – alle Gegensätze werden vom Staatsverständnis des Emmanuel Macron aufgesogen.

Kein Wunder, dass er sich schwertut mit dem Gedenken. Was sollte er auch tun? Cohn-Bendit einen goldenen Pflasterstein überreichen?

(©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk