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StartseiteKommentare und Themen der WocheZum Glück Europas hat Macron die Wahl gewonnen13.05.2017

FrankreichZum Glück Europas hat Macron die Wahl gewonnen

Die deutsche Kritik gleich nach der Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten sei schon ein teutonisches Kunststück gewesen, kommentiert Ursula Welter. Ein Taumel der Freude wäre passender gewesen - auch wenn es richtig sei, geldpolitische Grundsätze zu verteidigen und haushaltspolitische Strenge einzuhalten.

Von Ursula Welter

Emmanuel Macron ist neuer französischer Präsident - er steht am Tag seiner Vereidigung vor dem Elysée-Palast. (AFP PHOTO/YOAN VALAT)
Emmanuel Macron ist neuer französischer Präsident (AFP PHOTO/YOAN VALAT)
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Da waren sie wieder. Die deutschen Reflexe. Oder, um mit Heinrich Heine zu sprechen: Da trafen "deutsche Sorgen" auf "französisch, heitres Tageslicht".

Europa hatte gerade erst in den Abgrund geblickt. Gerade erst hatte der Rechtsextremismus in einem der größten und wichtigsten Staaten Europas ante portas gestanden. Und hierzulande ging es schon wieder ums Portemonnaie. Als wäre der Wahlsieg des jungen Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Zwar ist es richtig, geldpolitische Grundsätze zu verteidigen. Auch muss haushaltspolitische Strenge eingefordert werden, wo sie verabredet wurde. Aber es war schon ein besonderes, teutonisches Kunststück, einem jungen Präsidenten, der sich gerade zu den Klängen der Europahymne der Weltpresse empfohlen hatte, die Drei-Prozent-Defizit-Klausel unter die Nase zu reiben. Ein Taumel der Freude wäre passender gewesen. 

"Zum Glück Europas hat Macron die Wahl gewonnen"

Und während in Deutschland schon spekuliert wurde, was Macrons Wahlsieg wohl kosten könnte und über Eurobonds geurteilt wurde - ein Wort, das in Macrons Wahlprogramm nicht vorkommt, anders als das ausdrückliche Versprechen, die Schulden zu senken - währenddessen also verbreitete der junge Aufsteiger am 9. Mai eine Videobotschaft. Und würdigte so den Europatag, die friedlichen Erfolge unseres Kontinents. Seine erste Rede nach dem Wahlsieg war also keine französische Nabelschau. Vielmehr stand da ein frisch gewählter Staatspräsident vor der Kamera, der den Blick seiner Landsleute weiten will. Nicht obwohl, sondern gerade weil viele Franzosen davon träumen, dass die Mauern in diesem Europa wieder hochgezogen werden.

Das Kontrastprogramm zu Macrons Weltsicht kann in der französischen Provinz besichtigt werden. Die Rechtsextremen des Front National haben überall dort, wo sie Kommunen regieren, die Europaflaggen von den Rathäusern entfernt. In einzelnen Städten wurden die Feste zum Europatag in den vergangenen Jahren untersagt. Das wäre die Alternative zu Macron gewesen. Und erst der Anfang vom Untergang, hätte Marine Le Pen gewonnen.

Zu unserem Glück, zum Glück Europas hat Emmanuel Macron die Wahl gewonnen. Gewählt wurde ein europäisches Reformprogramm, so viel Ambition war lange nicht. Das verlangt unseren Respekt.

Bittere Medizin für Frankreich

Auf seinem Weg in den Elysée-Palast ist Macron nicht von seinen Idealen abgewichen. Nun wird es darauf ankommen, die Marschrichtung zu halten. Dass es ihm das Land und seine Landsleute nicht leicht machen werden, steht außer Zweifel. Die Mehrheit, die er gerade zu konstruieren versucht, ist schon in der Bauphase wackelig. Es werden, sobald es an die Details seiner Reformabsichten geht, soziale Unruhen folgen, es kann Schlammschlachten im Parlament geben - alles ist möglich und vieles denkbar.

Die Medizin, die Macron Frankreich verabreichen will, wird bitter schmecken. Er hat das im Wahlkampf deutlich gemacht und nicht beschönigt. Auch das eine Stärke, keine Schwäche! Wegducken gehört nicht zu Macrons Eigenschaften. Der neue Präsident wird versuchen, mit harter Hand durchzusetzen, was er für richtig hält. Und er wird dafür in Frankreich Sturm ernten. Umso wichtiger ist es, dass die Partner in Europa an seiner Seite sind.

Das deutsch-französische Paar hat ein schwieriges Jahrzehnt hinter sich. Die Zeit mit Nicolas Sarkozy war angespannt, die Zeit mit François Hollande war mehr als das - die germanophoben Angriffe seiner Minister sind nicht  vergessen. Und in den Kreisen der Extremisten, links wie rechts, gehört es zum guten Ton, auf  deutsche Dominanz zu schimpfen.

Macron steht vor allem für Zuversicht

Emmanuel Macron steht für das Alternativprogramm, er wirbt als Freund Europas und Deutschlands um Vertrauen. Angela Merkel reichte ihm in dieser Woche die Hand, sagte Unterstützung für Investitionen und Reformen zu und sandte damit ihrerseits eine Geste des Vertrauens. Vor fünf Jahren, als François Hollande an die Macht kam, konnte von soviel Einsicht in die Notwendigkeit enger Zusammenarbeit auf beiden Seiten keine Rede sein.

Zweifellos - Macron wird auch unbequeme Vorschläge im Gepäck haben. Und nicht alles, was aus Paris kommt, muss in Berlin geschluckt werden. Aber: Vorschlagen, verhandeln, Kompromisse finden - das ist der Dreiklang unserer Demokratien. Und nicht weniger als das stand gerade erst auf dem Spiel. Emmanuel Macron wird für die ein oder andere Zumutung stehen, gewiss, aber aus europäischer Warte steht sein Name vor allem für Zuversicht.

Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter, Jahrgang 1962, geboren in Kierspe, westliches Sauerland. Diplom-Studium für Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der Albertus-Magnus-Universität Köln, berufsbegleitendes Studium der Wirtschaftsethik an der Fernuniversität Hagen. Volontariat beim Deutschlandfunk, dort Redakteurin seit 1988. In den frühen neunziger Jahren DLF-Korrespondentin in Bonn, 2007-2011 Redaktionsleiterin Europa- und Außenpolitik DLF, 2011-2016 Frankreich-Korrespondentin für Deutschlandradio in Paris. Seither Abteilungsleiterin Hintergrund im Deutschlandfunk.

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