Freitag, 15.12.2017
StartseiteEuropa heuteDie Türsteher des Kontinents15.06.2016

Frankreichs Präsidenten und GroßbritannienDie Türsteher des Kontinents

Derzeit wird debattiert, was passiert, wenn die Briten für den Austritt aus der EU stimmen. Dabei sah es vor mehr als einem halben Jahrhundert umgekehrt aus: Für London war es schwer, überhaupt Mitglied im Vorläufer-Club Europäische Wirtschaftsgemeinschaft - abgekürzt: EWG - zu werden. Den Türsteher damals gab Frankreich.

Von Jürgen König

(L-r): Bürgermeister Paul Nevermann, Charles de Gaulle und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle besuchte am 07.09.1962 die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. (picture alliance / dpa )
Hatte Vorbehalte gegenüber Großbritannien: Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle. (picture alliance / dpa )
Mehr zum Thema

Video der Ansprache des französischen Präsidenten Georges Pompidou zur Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft. 

In or out? Großbritanniens Ringen um den Brexit

Brexit Großbritanniens "special relationship" zur EU

ARTE-Themenabend Brexit – EU auf dem Prüfstand

Vor dem Brexit-Referendum "Ich will mein Land zurückhaben"

Großbritannien und die EU Churchills Vision von Europa

Debatte um möglichen Brexit Großbritanniens Sehnsucht nach Weltgeltung

Eurotunnel Bindeglied zwischen Großbritannien und der EU?

Brexit-Abstimmung Kampagne der Pro-Europäer läuft schleppend

1958 herrscht Krisenstimmung in Frankreich. Dauerkonflikte rund um die Algerienkrise, instabile Regierungen, die die Armee kaum noch kontrollieren können: Die Vierte Republik scheitert. Charles de Gaulle wird zum Begründer der Fünften Republik, 1959 ihr Präsident. Das zerstrittene, aufgeriebene Land wollte er beruhigen, aufrichten, zu neuer Größe führen: Eine Ausnahmestellung innerhalb Europas war das Ziel – und die Franzosen folgten ihm gerne. Mit den Römischen Verträgen von 1957 hatten sich Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zusammengetan – mit diesem Bündnis konnte de Gaulle gut leben. Das Fundament einer europäischen Supermacht sollte es werden und Frankreich - davon war er überzeugt – würde es dominieren. Im Aufnahmeantrag Großbritanniens aber witterte er Gefahr – die er bei einer Pressekonferenz im Januar 1963 ausführlich darlegte:

"Großbritannien kandidiert für die Teilnahme am gemeinsamen Markt. Nachdem es zuvor eine Freihandelszone mit sechs anderen Ländern gegründet hat. Nachdem es bei den Verhandlungen Druck auf uns ausgeübt hat, weil es zu eigenen Bedingungen am gemeinsamen Markt teilnehmen will. Das alles bereitet den sechs Ländern große Probleme."

"Mit seiner ganzen Natur unterscheidet sich England sehr vom Kontinent"

Bei den "Lebens- und Arbeitsbedingungen" in den kontinentalen EWG-Staaten gäbe es "mehr Gemeinsames als Trennendes", so de Gaulle, dagegen sei England – anders: "England ist insular, maritim, ist durch Handel und Verkehr mit unterschiedlichsten, weit entfernten Ländern verbunden, es ist ein Land, das Industrie und Handel betreibt, aber wenig Landwirtschaft. Was die Arbeit angeht, hat England sehr eigene Gewohnheiten und Traditionen – kurz: Mit seinen Strukturen und mit seiner ganzen Natur unterscheidet sich England sehr von den Ländern des Kontinents."

Und keines dieser sechs Länder, betonte de Gaulle, sei politisch oder militärisch an weitere Staaten gebunden. Hinter Großbritannien indes, gab er zu verstehen, stünden die USA, durch einen EWG-Beitritt der Briten würde eine "riesige atlantische Gemeinschaft" entstehen, die schnell von den USA abhängig wäre. Hatte nicht Präsident Kennedy schon eine multilaterale Atommacht unter amerikanischer Führung vorgeschlagen? Für Charles de Gaulle war klar: Die Atommacht Frankreich verteidigt sich alleine und Großbritannien gehört nicht in die EWG. Mit seinem Veto setzte er sich zweimal durch, obwohl die anderen fünf EWG-Staaten die Briten gerne aufgenommen hätten.

1969 trat de Gaulle zurück; Präsident Georges Pompidou sprach im gravitätischen Tonfall seines Amtsvorgängers, inhaltlich sah er die Sache anders: "Müssen wir die Tore Europas für vier neue Länder, darunter Großbritannien, öffnen?", fragte er, um gleich die Antwort zu geben: "Ich behaupte: Ja! - Großbritannien hat jetzt alle Regeln der Gemeinschaft akzeptiert. Dem Land die Aufnahme zu verweigern, würde den gemeinschaftlichen Handel sehr schwächen. Indem wir es aufnehmen, geben wir Europa seine wahre Dimension zurück, wir steigern seine wirtschaftlichen, politischen und sozialen Möglichkeiten."

Rede von Präsident Georges Pompidou im französischen Fernsehen

Kommt nach dem Brexit der Frexit?

2016 herrscht Krisenstimmung in Frankreich. Dauerkonflikte rund um das neue Arbeitsrecht, anhaltende Streiks, das Volk auf den Barrikaden, schon sind Reden vom Ende der Fünften Republik zu hören. Das zerstrittene, aufgeriebene Land zu beruhigen und zu neuer Größe zu führen, bietet sich am lautesten der Front National an: Sollte man die Präsidentschaftswahl gewinnen, sagt Vizepräsident Florian Philippot im Fernsehsender "iTele", sei eines völlig klar: "Nach sechs Monaten werden wir ein Referendum über die Zugehörigkeit Frankreichs zur EU durchführen. Was sie jetzt in Großbritannien machen, wird bei uns der Frexit heißen. Und er wird auf jeden Fall kommen, das ist ganz klar, die ganze historische Entwicklung läuft darauf hinaus. Denn das ist die Bedingung für Souveränität, Wohlstand, Sicherheit: eine starke Nation."

Werden die Franzosen folgen? In dem Maße, in dem Frankreich wirtschaftlich schwächelt, wird der EU-Austritt Frankreichs für viele attraktiver; die Euroskepsis der Briten haben die Franzosen immer gut verstanden, heute befürworten 41 Prozent der Bevölkerung einen möglichen "Brexit", bei keinem ihrer Nachbarn liegt diese Zahl so hoch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk