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StartseiteBüchermarktAutoren als "Rebellen und literarische Aktivisten"03.04.2017

Französische LiteraturAutoren als "Rebellen und literarische Aktivisten"

Viele französische Schriftsteller widmen sich in ihren Werken vermehrt sozialen und politischen Themen. "Ich habe den Eindruck, dass die französische Gesellschaft der deutschen eine Erfahrung voraus hat, und dass wir, wenn wir französische Literatur lesen, vielleicht etwas über unsere Zukunft erfahren können", sagte Verleger Andreas Rötzer von Matthes und Seitz Berlin im DLF.

Andreas Rötzer im Gespräch mit Dina Netz

Verleger Andreas Rötzer (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Verleger Andreas Rötzer (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Dina Netz: Die französische Literatur ist so stark im Wandel begriffen wie die französische Gesellschaft auch: Seit in den vergangenen Jahren die sozialen Spannungen in Frankreich immer mehr zugenommen haben, wenden sich auch immer mehr Schriftsteller aktuellen sozialen und politischen Themen zu. Das ist wirklich eine neue Entwicklung in der französischen Literatur, die sich zuvor doch sehr stark auf sich selbst bezogen hat, ambitionierte Sprachspiele angestellt hat, aber doch, mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Michel Houellebecq, selten die Gesellschaft, in der sie entstand, zum Thema machte.

Seit einigen Jahren ändert sich das also nun, hat begonnen damit, dass Tabus gebrochen wurden, der Algerienkrieg zum Beispiel wurde Thema. Seit den Anschlägen im Jahr 2015 hat sich nun der Druck im Kessel Frankreich noch mal deutlich erhöht, seit den Attentaten auf Pariser Klubs und Bars im November 2015 herrscht der Ausnahmezustand. Wie schlägt sich die angespannte Atmosphäre in Frankreich nun in der Literatur nieder? Das will ich besprechen mit Andreas Rötzer, Verleger von Matthes und Seitz Berlin, der in seinem Programm einen Schwerpunkt auf französischer Literatur hat. Herr Rötzer, bemerken Sie seit 2015 eine Veränderung in den Büchern, die man Ihnen anbietet? Geht es darin noch stärker politisch zu?

Andreas Rötzer: Ich weiß nicht, ob ich die Frage so generell beantworten kann, aber die Bücher, die wir prüfen, in denen geht es tatsächlich politischer zu. Das hat natürlich auch vielleicht mit einer eigenen Politisierung zu tun und mit einem voreingenommenen Blick oder mit so einer Vorauswahl.

Netz: Sie meinen Ihre eigenen ...

Rötzer: Meine eigene Vorauswahl, genau, aber es ist schon deutlich spürbar, dass seit etwa zehn, 15 Jahren die französische Gesellschaft eben sehr mit sich zu tun hat und mit eigenen Problemen, mit Identitätsproblemen, mit Aufarbeitung der Vergangenheit. Also es ist etwas im Gange in der französischen Gesellschaft, und das bildet sich auch in der Literatur ab.

Viel mehr als reine Schriftsteller

Netz: Was genau sind denn diese Themen, die sich da jetzt in der Literatur abbilden?

Rötzer: Oft wird gesagt, dass Immigration zum Beispiel ein großes Thema ist. Das stimmt auch, auch wenn die Immigration für Frankreich ja noch mal was ganz anderes ist als für die Deutschen. Kriminalität, politischer Aktivismus wird ganz neu behandelt als Thema. Das ist ein ganzes Bündel eigentlich an unterschiedlichen Themen.

Netz: Jetzt ist es ja so, dass in Ihrem aktuellen Frühjahrsprogramm bei Matthes und Seitz Berlin, da finden sich zahlreiche Autoren, die sich nicht mit der sozialen Gegenwart, sondern scheinbar mit vergangenen Ereignissen auseinandersetzen, also Emmanuel Carrère, Mathieu Riboulet, Éric Vuillard seien da zum Beispiel genannt. Das sind jetzt aber auch wiederum keine historischen Romane, oder?

Rötzer: Nein, ganz und gar nicht. Auch wenn sie historische Themen behandeln, muss man sagen, dass zum Beispiel Riboulet oder Éric Vuillard, dass das eine Art Rebellen oder literarische Aktivisten sind, also viel mehr noch als reine Schriftsteller. Die haben also eine Agenda, die sie durchsetzen wollen, und das macht sie so besonders, und das führt sie auch weit über das Genre des Romans eigentlich hinaus. Es sind zum Teil Essays, es sind sehr dramatische Textformen. Es ist also formal auch sehr spannend bearbeitet. Emmanuel Carrère ist ohnehin ein Ausnahmeautor würde ich sagen. Der ist eben eher mit sich beschäftigt und sieht politische Veränderungen, gesellschaftliche Spannungen immer durch seinen Körper, durch seinen eigenen Blick, aber auch da reflektiert sich die Gesellschaft in seinen Romanen.

Jeder Autor hat seinen besonderen Ton

Netz: Wenn ich jetzt an Autoren denke, die nicht bei Ihnen erscheinen, zum Beispiel Laurent Mauvignier oder auch Jérome Ferrari, da geht es oft um Vergangenes, was beschrieben wird, um aber auf Probleme in der Gegenwart hinzuweisen. Ist das auch etwas, was man bei Ihren Autoren beobachten kann?

Rötzer: Ja, also wenn man zum Beispiel Riboulet, der sozusagen den roten Terror in Europa betrachtet, als Thema hat, dann ist das auch vorgeblich ein historisches Thema, aber es geht um ihn selbst, und es geht um unsere gegenwärtige Gesellschaft und um Formen oder Probleme der Politisierung, Probleme, sich zu artikulieren und Probleme, zu einem individuellen Standpunkt zu finden, seiner Überzeugung.

Netz: Auch wenn jetzt vielleicht politische Themen oder Reflexionen wieder stärker Raum finden in der französischen Literatur, heißt das ja nicht, dass das auf Kosten der Form geht, das haben Sie gerade schon kurz angedeutet. Wie gehen denn die Autoren der Bücher, über die wir hier sprechen, ihre Themen formal an?

Rötzer: Ganz unterschiedlich. Zum Teil werden Essayelemente mit eingemischt, was ja eine Zeit lang sehr verpönt war. Es geht philosophisch zu, soziologisch, und ein Autor zum Beispiel wie Éric Vuillard arbeitet sehr dramatisch, also es sind fast Theatertexte, die man laut sprechen muss, die er schreibt, sehr pathetisch, überhöht. Also er hat einen ganz besonderen Ton. Im Grunde kann man die alle nur schwer über einen Kamm scheren. Jeder versucht, seinen eigenen Stil zu artikulieren.

Frankreich hat der deutschen Gesellschaft etwas voraus

Netz: Das macht es dann wiederum zu Kunstwerken, auch wenn die Themen gesellschaftliche und politische sind. Sie haben ja die schwierige Aufgabe, dem breiten deutschen Publikum französische Literatur nahezubringen, und das ist in den vergangenen Jahren eigentlich nicht so sehr interessiert daran gewesen, auch vielleicht weil die französische Literatur so stark mit sich selbst beschäftigt war. Was bedeutet denn diese Entwicklung, sagen wir mal, zu mehr harten Stoffen, zu mehr sozialen Themen für Sie? Ist es für Sie jetzt leichter, Bücher in Deutschland an die Leser zu bringen?

Rötzer: Ich glaube, es ist anschlussfähiger, und ich habe manchmal den Eindruck, dass die französische Gesellschaft der deutschen etwas voraus hat, also eine Erfahrung voraus hat, und dass wir, wenn wir französische Literatur lesen, vielleicht etwas über unsere Zukunft erfahren können.

Netz: Welche Erfahrung wäre das denn?

Rötzer: Zum Beispiel verstärkte Immigration, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck, also sozusagen ein Umgehen mit rechten politischen Kräften. Das sind alles Themen, mit denen die französische Gesellschaft aufgrund ihrer anderen Vergangenheit, Geschichte seit Langem zu kämpfen hat, aber die auch in Deutschland anzukommen scheinen.

Autoren mit Migrationshintergrund gibt es schon lange

Netz: Sie haben vorhin auch schon gesagt, viel wird jetzt in Frankreich über Migration geschrieben. Interessant ist aber dennoch, dass die Autoren mit – in Anführungszeichen – "Migrationshintergrund", wie das so schrecklich heißt, die in Frankreich ja eine sehr starke Stimme haben – also Leila Slimani zum Beispiel mit marokkanischen Wurzeln, die hat den jüngsten Prix Goncourt gewonnen –, diese Autorinnen sind immer wichtiger geworden in Frankreich, und die schreiben natürlich auch oft sehr politische Bücher, aber im Deutschen findet man die sehr selten. Wie kommt das denn?

Rötzer: Ja, ich glaube, das sagt mehr über die deutsche Gesellschaft und die deutschen Interessen aus, als über die französische Literatur, weil es Autoren mit Migrationshintergrund sozusagen ja schon ganz lange gab, durch die Kolonien auch. Also ein französischer Autor ist jemand, der auf Französisch schreibt, und jemand wie Aimé Césaire zum Beispiel oder François Cheng, also es gibt ganz viele Autoren mit – in Anführungszeichen – "Migrationshintergrund", die aber französisch sind. Insofern, glaube ich, ist das viel natürlicher in der französischen Literatur, und unser spezieller deutscher, gegenwärtige Blick sieht jetzt plötzlich, die haben ja einen Migrationshintergrund, sind aber eigentlich Franzosen oder französische Autoren.

Netz: Herr Rötzer, Sie haben gerade schon eine Bemerkung auf das neue Buch von Matthieu Riboulet "Und dazwischen nichts" verwandt, ich wüsste gerne aber noch ein bisschen mehr aus Ihrem Munde – warum soll man diesen Roman, über den wir gleich eine längere Kritik hören, unbedingt lesen?

Rötzer: Es ist ein Roman über ein erwachendes politisches Bewusstsein eines jungen Mannes und wie er dieses politische Bewusstsein im Grunde mit seinem sexuellen Erwachen verklammert, und es ist ein unglaublich intensives Buch, das, glaube ich, von großer Relevanz ist, auch für den deutschen Leser.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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