Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteCorsoUlan Bator unermüdlich anders25.02.2017

Französischer PostrockUlan Bator unermüdlich anders

Ihre musikalische Karriere begann in den Tiefen einer stillgelegten Kreide-Mine: Seit fast einem viertel Jahrhundert produziert die Pariser Postrock-Band Ulan Bator Soundtracks aus dem Paralleluniversum. Auch das neue Album "Stereolith" bringt musikalische Experimente.

Von Cornelius Wüllenkemper

Amaury Cambuzat: "Musikalisch zu experimentieren, das kann auch bedeuten, einen Pop-Song zu machen, das kommt immer auf den musikalischen Ansatz an. Der Song "Spinach Can" zum Beispiel ist relativ eingängig – für mich war das ein Experiment. Ein raues Noise-Rock-Stück dagegen hat für mich nichts Experimentelles mehr, so etwas zu produzieren fällt mir leicht. Experimenteller Rock, Post-Rock, das sind eben nur Etiketten."

Genre-Grenzen zu sprengen, das ist seit jeher ein wichtiger Antrieb für die Musik von Ulan Bator. Die ersten Proben hielt das Pariser Trio hinter Amaury Cambuzat 1993 in einer stillgelegten Kreide-Mine ab. Ihren erhabenen, flächigen Sound von damals hat die Band bis heute beibehalten.

"We have everything but we are nothing", singt Amaury Cambuzat im titelgebenden Stück "Stereolith" und setzt sich darin gut gelaunt aber kritisch mit unserer Zeit auseinander, in der wir, so glaubt er, zwar viele Dinge und Freiheiten haben, am Ende aber nicht mehr wissen, was wichtig ist und wer wir sein wollen. Musikalisch spielt das Stück mit einer wichtigen Inspirationsquelle der Band, dem Krautrock der 1980er-Jahre. Seit den Anfängen spielt die enge Zusammenarbeit mit dem Hamburger Post-Rock-Kollektiv Faust für Ulan Bator eine wichtige Rolle, erzählt Amaury Cambuzat.

"Ich habe damals in einem Plattenladen in Paris gearbeitet. Als 1994 das Album "Rien" von Faust erschienen ist, hat mich das einfach umgehauen. Ich habe ein Fax nach Berlin geschickt und gefragt, ob wir nicht zusammenarbeiten wollen. Fausts Basser war ja Franzose. Sie schrieben zurück: Okay, besorgt eine Location, dann kommen wir. Unser erstes gemeinsames Konzert haben wir kurz darauf in Metz direkt an der Grenze gespielt."

Ein erfülltes Musikerleben erfordert die totale Hingabe

Mittlerweile hat sich die ursprüngliche Formation von Ulan Bator aufgelöst. Bandgründer Cambuzat verfolgt seine musikalische Entdeckungsreise derweil mit zwei Musikern aus seiner Wahlheimat Italien unermüdlich weiter. Er ist überzeugt: Ein erfülltes Musikerleben erfordert die totale Hingabe.

"Ich bin ein Nomade, der ständig unterwegs ist und überall arbeitet. Ich bin extrem dankbar für die technischen Möglichkeiten von heute, ohne die Vorzüge des Analogen dabei zu vergessen. Ich brauche nur meine Gitarre, Kopfhörer, Soundkarte und Computer. Das Grundgerüst der Tracks entsteht oft an dem Ort, an dem ich mich gerade befinde – egal ob zu Hause, im Hotelzimmer oder im Tourbus. Dann treffen wir uns mit der Band für eine Woche im Studio und arbeiten die Songs sehr konzentriert aus."

Das zwölfte Ulan Bator-Album verbindet live eingespielte Instrumente wie Gitarre, Bass, Drums, Klavier und Saxophon mit Synthesizern, Gongs und Industrial-Sounds, zu einer träumerisch-schwebenden Atmosphäre.

Wer das neue Ulan Bator Album hört, muss sich Zeit nehmen, denn viele ihrer Songs sprengen landläufige Hörgewohnheiten. Der leidenschaftliche Plattensammler Cambuzat sieht den musikalischen Massenkonsum per mp3-Playlisten und Online-Plattformen kritisch. "She said you’re not a star", heißt es im Song "Egotrip".

"Der Song 'Ego-Trip' handelt einerseits vom Ego des Künstlers, der sich zu wichtig nimmt. Andererseits geht es mir auch um Kritik am Zeitalter der Sozialen Netzwerke, in dem sich jeder als Künstlerpersönlichkeit inszenieren kann. Für Leute meiner Generation wirkt das zum Teil fast vulgär, weil es an Respekt vor dem künstlerischen Schaffen fehlt. Früher hat man bewundert, dass ein Künstler etwas kann, was man selbst eben nicht kann."

Spagat zwischen Krautrock-Ära und zeitgenössischem Sound

Auf "Stereolith" schafft Ulan Bator den Spagat zwischen deutlichen Referenzen an die Krautrock-Ära und einem ganz eigenen, zeitgenössischen Sound. Nicht jeder mäandernde Song auf "Stereolith" erschließt sich beim ersten Hören. Wer aber einmal im Ulan-Bator-Universum gelandet ist, verfolgt gespannt, wohin die musikalischen Experimente der drei Musiker ihn führen.

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