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Frau am Pult

Der Deutsche Dirigentenpreis geht an Kristiina Poska

Von Uwe Friedrich

Seit 2012 Kristiina Poskas Arbeitsplatz: Die Komische Oper Berlin (Komische Oper Berlin)
Seit 2012 Kristiina Poskas Arbeitsplatz: Die Komische Oper Berlin (Komische Oper Berlin)

Er zählt zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Dirigenten in Europa: Der Deutsche Dirigentenpreis wird seit 2006 vergeben, gestern Abend stellten sich im Berliner Konzerthaus drei Finalisten der Jury. Mit der Estin Kristiina Poska machte erstmals eine Frau das Rennen.

Kristiina Poska ist Linkshänderin, und das irritiert die Orchestermusiker wahrscheinlich viel mehr, wenn sie die Suite aus Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein" dirigiert, als da eine Frau auf dem Podium steht. Aber auch mit dem Taktstock in der linken Hand gibt sie dem Berliner Konzerthausorchester klare Anweisungen, kontrolliert die Farben und die Lautstärke, zeigt tiefes Verständnis für den kleinteiligen Aufbau des 20-minütigen Werks, das immer wieder auf gestaffelte Höhepunkte zusteuert. Zwar hat sie das Stück selber auf die Liste gesetzt, aus der die Jury das Finalstück auswählen konnte, im Rückblick scheint ihr Respekt vor den Schwierigkeiten dieser Komposition aber noch gewachsen zu sein. Kristiina Poska:

"Es gibt kein Thema, was sich länger und in symphonischem, klassischem Sinn entwickelt. Es gibt ein Thema, das wird kurz verarbeitet, dann kommt die nächste, und wieder die nächste Idee. Und solche Sprünge, das ist wie eine 20-sätzige kleine Symphonie für ein Orchester und das macht es sehr schwer."

Vor fünf Jahren wurde die estnische Dirigentin Kristiina Poska in das Förderprogramm des Deutschen Dirigentenforums aufgenommen. Hier wird der talentierte Pultnachwuchs langfristig gefördert, kommt in den Genuss von Meisterkursen, es werden Konzerte und Assistentenstellen bei renommierten Orchestern vermittelt. Inzwischen ist Kristiina Poska Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin, hat vor einigen Wochen mit großem Erfolg die Premiere von Humperdincks "Hänsel und Gretel" geleitet. Für einen erhofften Karriereschub allein bräuchte sie den Dirigierwettbewerb also nicht. Trotzdem setzte sie sich dem Stress und der Konkurrenz aus.

"Natürlich, niemand mag das. Es ist ja kein Sport, man kann das nicht wirklich vergleichen, die Kriterien sind merkwürdig, es ist schwierig. Aber man muss sagen, ich sehe den Wettbewerb als eine Möglichkeit mich weiterzuentwickeln, mich auf die Probe zu stellen. Das ist immer eine Zeit, in der man sehr intensiv arbeitet, vielleicht noch mehr Fragen stellen."

Zu den Kriterien der neunköpfigen Jury gehörten selbstverständlich die Dirigiertechnik, Partiturkenntnis, die Probenarbeit, von der das Publikum des Abschlusskonzerts naturgemäß nichts mitbekam, die Kommunikation mit dem Orchester und die Präsentation vor den Zuhörern im Berliner Konzerthaus. Alle drei Finalisten hatten Werke zu dirigieren, in denen es auf die Entwicklungen musikalischer Schichten im Orchester ankommt und in denen die Klangfarben des großen spätromantischen Orchesters behutsam dosiert werden müssen. Während Ivo Hentschel Gustav Mahlers "Totenfeier" rhythmisch scharf konturierte, verwaltete Eun Sun Kim Claude Debussys "La mer" eher, als dass sie es gestaltete. Beide legten wenig Wert auf subtile Steigerungen und Rücknahmen, sondern steuerten zielstrebig von Höhepunkt zu Höhepunkt. Kristiina Poska gelang es hingegen, das Konzerthausorchester auch in den lauten Passagen weich und atmosphärisch spielen zu lassen, auch in den Ausbrüchen bekam sie von den Musikern noch einen reichen und tief gestaffelten Klang. Kristiina Poska:

"Wenn ich dirigiere, muss ich auch die emotionale Ebene, die da drin ist, abgesehen vom Technischen, was ich sowieso immer erledigen muss, das muss ich auch in mir spüren. Und ich empfinde mich auch als ein Energiemedium sozusagen und ich muss das von mir ausstrahlen. Das eine schließt nicht das andere aus, sagen wir so. Ich sage nicht, dass ich nur kontrolliere, dass ich das nicht genieße, wäre gelogen. Ich genieße das schon sehr und ich empfinde das auch, glaube ich."

Zum ersten Mal bekommt nun also eine Frau den mit 15.000 Euro dotierten Deutschen Dirigentenpreis. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Auch nicht, dass sie Linkshänderin ist. Viel wichtiger ist, dass sie sich jetzt weiter auf die Suche begibt. Nach dem bedeutungsvollen Klang, nach der Botschaft der Musik.

"Man sucht eine Wahrheit für sich selbst immer. Und ich hoffe, diese Suche dauert immer. Man wird da nicht ankommen."



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