Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteEine WeltDienen für den Dschihad07.03.2015

Frauen im Islamischen StaatDienen für den Dschihad

Beim IS haben Frauen eine genau definierte Funktion - nachzulesen in einem 40-seitigen Pamphlet der Frauengruppe der Terrormiliz. Das Dokument dient wohl zu Rekrutierungszwecken und zeigt, dass der IS Gewalt gegen Frauen in seinem Herrschaftsbereich systematisch einsetzt.

Von Björn Blaschke

(picture alliance / dpa)
Nach der Scharia sollen die Frauen sich verhüllen. (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Berichte aus dem Irak - IS zerstört weitere Kulturstätte
(Deutschlandfunk, Aktuell, 07.03.2015)

Irak - Truppen befreien Al-Bagdadi
(Deutschlandfunk, Aktuell, 07.03.2015)

Terrormiliz IS zerstört Kunstschätze - Aufstand gegen die Wirklichkeit
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 28.02.2015)

Es ist eine Art Dschihadisten-Knigge; eine Anleitung zum richtigen - also moralisch-sittlich-einwandfreien - Leben; mit dem Titel: "Frauen des Islamischen Staates. Ein Manifest über die Frau".

Herausgegeben wurde die Schrift im Januar vom Propagandaflügel der Khanssaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit in der Terrororganisation, die sich Islamischer Staat nennt. Sie richtet sich - selbstverständlich! - an Mädchen und Frauen im Herrschaftsgebiet des IS, aber auch außerhalb.

"Verstädterung, Modernität und Mode wurden vom Bösen geschaffen - in Modeläden und Schönheitssalons."

Das Traktat versucht im ersten von insgesamt drei Teilen westliche Zivilisation und westliches Denken zu widerlegen - westliche Wissenschaften, westliche Erziehungsmodelle, westlichen Feminismus und westliche Emanzipation:

"Das von Ungläubigen im Westen bevorzugte Modell versagte, in dem Moment, in dem Frauen aus ihrer Zelle im Haus ‚befreit' wurden. Ein Problem nach dem anderen tauchte auf, nachdem sie korrupte und schäbige Ideen anstelle von Religion annahmen."

Eine irgendwie alt-bekannte Kulturkritik, die auch auf aktuelle Errungenschaften abzielt. Dieses Zitat könnte jedenfalls als Verdammung des deutschen Erziehungsgeldes zu verstehen sein:

"Der Irrtum wurde offensichtlich, als Regierungen anfingen, jenen Frauen Geld zu zahlen, die nachhause zurückkehren und Kinder erziehen, letztlich offen akzeptierend, dass sie Hausfrauen sind."

Wann ist eine Frau eine Frau?

Grotesk, absurd und - ja - erwartbar ist die West-Kritik, genau wie der zweite Teil des IS-Frauen-Manifestes. Er widmet sich dem, was das weibliche Geschlecht angeblich leisten darf - und soll. Und was nicht - und wann überhaupt eine Frau Frau ist:

"Es gilt, als legitim für ein Mädchen im Alter von neun Jahren zu heiraten. Die meisten reinen Mädchen heiraten mit 16 oder 17, wenn sie noch" - klar! "jung und aktiv sind."

Prinzipiell gilt für die Frau:

"Ihr Schöpfer hat festgelegt, dass sie nicht mehr Verantwortung hat, als dass sie Frau ihres Mannes ist."

Sie hat ihm mithin zu Willen zu sein; ihm Kinder zu gebären und diesen Nachwuchs aufzuziehen. Und das hinter den schützenden Mauern ihres Zuhauses:

"Es ist immer wünschenswert für eine Frau, unsichtbar und verhüllt zu bleiben, um die Gesellschaft aus dem Verborgenen heraus zu unterstützen."

Ausnahmen bestätigen auch im Islamischen Staat die Regeln:

"Frauen können ausgehen, um der Gemeinschaft zu dienen."

Zum Beispiel, um Religion - den Islam - zu studieren, oder als Ärztinnen oder Lehrerinnen zu arbeiten.

"Aber sie müssen sich strikt an die Richtlinien der Scharia halten."

Das islamische Recht, das wie gesagt, verhüllende Kleidung fordere. Und noch einer Aufgabe dürfen sich Frauen außerhalb ihres Zuhauses hingeben:

"Dschihad (heiliger Krieg) - wenn der Feind ihr Land angreift."

Grotesk, absurd und voller Klischees

Wie sich dieser Kampf für die Khanssaa-Brigade, der Herausgeberin des "Manifestes über die Frau" gestalten kann, haben IS-Kämpferinnen in einem typischen Propaganda-Video der Terrororganisation erklärt:

"Wir, die freien Frauen des Irak, richten diese Botschaft aus Anbar, dem Land des heiligen Dschihad und der Heldentaten, an die Ratten der grünen Zone (des Hochsicherheitsareals für Regierungsstellen und Botschaften) in Bagdad. Und wir sagen ihnen: Die Stunde der Erlösung ist gekommen, Eure Ungerechtigkeit ist beendet und der Beginn der Revolution in Anbar ist nur das erste Anzeichen dafür, dass der Marsch auf Bagdad begonnen hat, um den Irak vor Eurer Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Korruption zu retten. Die guten Revolutionäre sind höchst entschlossen, Euch zu besiegen und unsere Brüder und Schwestern aus Euren Gefängnissen zu befreien und all unsere geraubten Rechte zurückzugewinnen. Wir werden die Mauern der grünen Zone auf Euren Köpfen zerstören und den Irak seinen Bürgern zurückgeben!"

Fehlt noch der dritte Teil des IS-"Manifestes über die Frau": Er wird "Fallstudie" genannt - zum Leben der Frauen im sogenannten Kalifat, eben im selbsternannten Islamischen Staat, an den Beispielen der Städte Mossul/Irak, und Raqqa/Syrien. Unnötig darauf hinzuweisen, dass dieses Leben als besser und erfüllter dargestellt ist als das in Europa oder in Saudi-Arabien. Unerwähnt bleiben - logisch! - die Versklavung von Frauen oder bestialische Morde an jenen, die gegen die IS-Gesetze verstoßen haben. In der menschenverachtenden Gesamt-Ideologie des IS ist das "Manifest über die Frau" nur konsequent.

Wobei die meisten Passagen wohl für alle Islamisten gelten - und manche Passagen durchaus auch Handbüchern christlicher oder jüdischer Fundamentalisten entstammen könnten und der Ideenwelt der sexistischen Internationalen sowieso. Darum ist die Schrift zwar alles in allem grotesk, absurd und voller Klischees. Aber deshalb ist sie vor allem auch eines: so traurig wie der globalisierte Fundamentalismus insgesamt. Und für jeden halbwegs vernünftigen Menschen abstoßend - ob Jude, Christ oder Muslim. Das Manifest ist übrigens übersetzt: von der Quilliam-Stiftung, einer britischen Denkfabrik, die sich dem weltweiten Anti-Extremismus verschrieben hat.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk