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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Warum ich vor 1933 der NSDAP beigetreten bin"10.08.2017

Frauen und Nationalsozialimus"Warum ich vor 1933 der NSDAP beigetreten bin"

Für ein angebliches Preisausschreiben der NSDAP schilderten 1934 auch 36 Frauen ihre Faszination für die Partei. Trotz des konservativen Frauenbilds der NSDAP erhofften sie sich politische Partizipation und Freiheit. Ihre Texte sind für Historiker heute eine ganz besondere Quelle.

Von Ursula Storost

Drei deutsche Frauen lesen im April 1933 ein Plakat am Schaufenster eines Geschäfts, das zum Boykott von jüdischen Geschäften aufruft: "Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!" (picture-alliance / dpa / UPI)
Drei deutsche Frauen lesen im April 1933 ein Plakat am Schaufenster eines Geschäfts, das zum Boykott von jüdischen Geschäften aufruft. (picture-alliance / dpa / UPI)
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Im Jahr 1934 schildert die damals 38-jährige Hausfrau Helene Radtke, warum sie schon 1926 Mitglied der NSDAP wurde.

"Mein Interesse für Politik wurde immer stärker. Ich besuchte regelmäßig die Landtagssitzungen. Auch besuchte ich des Öfteren politische Versammlungen verschiedener Richtungen. Ich fragte mich oft: Ist denn gar nichts da, was national ist und doch auch für die ärmere Bevölkerung?"

Bekenntnisse aus einer längst vergangenen Zeit

Die Historikerin Dr. Katja Kosubek stieß vor einigen Jahren auf biografische Berichte von Frauen, die 1934, ein Jahr nachdem Hitler gewählt worden war, über ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus berichteten.

"Was mir ganz neu war, war, dass Frauen, die sich für die NSDAP engagiert haben in dieser frühen Zeit vor 1933, dass die eine ganz starke politische Überzeugung hatten."

Diese Berichte lagen im Archiv der kalifornischen Stanford University und wurden Kosubek als Fotokopien zugeschickt.

 "Das war das ein unglaubliches Erlebnis dann diesen großen Briefumschlag mit den ersten 15 Biografien zu öffnen und die Handschriften zu sehen: Sütterlinschriften der Frauen. Und ich hatte das Gefühl, Briefe auf dem Dachboden gefunden zu haben oder eine Flaschenpost aufzumachen. Und der Geist einer längst vergangenen Zeit steigt da auf."

400 Reichsmark für die beste Geschichte

Die Dokumente, die Katja Kosubek so in Aufregung versetzten, waren ursprünglich Einsendungen zu einem fingierten Preisausschreiben. Veranstaltet 1934 vom amerikanischen Soziologen Theodore Abel. Titel: Warum ich vor 1933 in die NSDAP eingetreten bin.

Die seinerzeit gigantische Gewinnsumme von 400 Reichsmark winkte demjenigen, der die beste persönliche Geschichte einschickte. Lanciert von der NSDAP, die ihr Ansehen im Ausland verbessern wollte, erhielt Theodor Abel insgesamt 683 autobiografische Skizzen, erzählt die Historikerin Dr. Kirsten Heinsohn, stellvertretende Direktorin an der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

"Auf diese Frage haben unter anderem auch 36 Frauen geantwortet, die in mehr oder weniger ausführlichen Essays durchaus auch mit hoher emotionaler Qualität, mit literarischen Figuren versucht haben zu erklären, warum sie Nationalsozialistinnen geworden sind."

Unbefangene Begeisterung für die NSDAP

Diese Einsendungen wurden bislang von der Wissenschaft kaum wahrgenommen. Auch Abel selbst hat sich nicht dafür interessiert. Für ihn war Politik – und erst recht die der NSDAP – Männersache. Die 36 weiblichen Zuschriften zeigen jetzt, welchen Anteil die Frauen am frühen Erfolg der Nazis hatten, so Kirsten Heinsohn. Das Entstehungsjahr 1934 macht sie zu einer besonderen Quelle. Denn diese überzeugten Nationalsozialistinnen gehen völlig unbefangen mit ihrer NS-Begeisterung um.

"Sie haben noch nicht das Wissen, was später noch passiert. Dass noch der Krieg kommt, dass noch die Shoa kommt und dass man sich nach 1945 irgendwie dafür rechtfertigen muss. Das wissen sie alles noch nicht. Sondern sie sind überzeugt, die NSDAP ist in der Aufstiegsphase. Sie wir unsere Welt neu ordnen, sie wird Deutschland wieder groß machen, sie wird dazu beitragen, dass wir alle wieder Arbeit bekommen."

Die 36-jährige Beamtin Maria Engelhardt schreibt:

"Es gab nie eine Partei in Deutschland, die so den deutschen Menschen in seinem ganzen Wesen erfasste wie die Freiheitsbewegung Adolf Hitlers. Er allein war und ist berufen unser Vaterland wieder zur Höhe zu führen."

Die NSDAP als eine politische und emotionale Heimat

Zeilen, die Einblick geben in die tiefe Gefühlsbindung der alten Kämpferinnen. Die, so Kirsten Heinsohn, hatten in der NSDAP nicht nur eine politische sondern auch eine emotionale Heimat gefunden.

"Und die gibt man nicht so schnell auf, wenn man die –  wie man hier in den Biogrammen lesen kann – in der Weimarer Republik erst recht mühsam gefunden hat. Und die erklärt auch warum allgemein Menschen bereit sind, recht weit in ihrer Zustimmung auch zu einer Politik zu gehen, die eindeutig menschenverachtend ist."

Oder menschenverachtende Politik einfach nicht wahrhaben zu wollen. Wie die 43-jährige Krankenschwester Lisi Paupié.

"Nur erbost es sehr, wenn man vom Ausland diese Lügen hört über die Quälereien der Juden. Die Juden sind unser Unglück, das ist klar und wir müssen uns dagegen wehren."

Tiefe Sehnsucht nach einer echten Gemeinschaft

Die Biogramme schrieben Frauen zwischen 17 und 73 Jahren. Arbeiterkinder und höhere Töchtern. Was alle eint, sind die biografischen Brüche in ihrem Leben. Der Erste Weltkrieg, den alle begeistert begrüßt hatten, die Niederlage, das Ende des Kaiserreichs. Und jetzt in der krisengeschüttelten und unübersichtlichen Weimarer Demokratie sind sie auf der Suche. Auf der Suche nach etwas Neuem, sagt Katja Kosubek. Etwas an das sie glauben können. Was ihnen jenseits der etablierten Parteien Hoffnung, Stabilität und eine neue Identität verspricht.

"Die Identität, die sie hatten, war verloren gegangen. Es waren Frauen, die sehr nationalistisch aufgewachsen waren, die im 1. Weltkrieg sehr mitgefiebert haben, die gerne mit ihren männlichen Kameraden mit in den Krieg gezogen wären. Aber sie hatten nur die Möglichkeit als Krankenschwestern sich zu engagieren. Und hier gab es eine neue Krisensituation in der Weimarer Zeit durch die Inflation, durch die Weltwirtschaftskrise. Und sie hatten das Gefühl, sie würden hier wieder für ihr Vaterland gebraucht."

Aus den Texten spricht die tiefe Sehnsucht nach einer echten Gemeinschaft, einer Volksgemeinschaft. Wo man zusammen steht. Und jeder jedem hilft  –  ganz nach seinen Möglichkeiten. Damit hilft man auch sich selbst, ergänzt der Historiker Joachim Szodrzynski von der Hamburger Forschungsstelle.

"Wenn irgendeine Rentnerin, die mit sich selbst nicht mehr so viel anzufangen weiß, plötzlich einen SA Sturm betreut, indem sie ihren Jungs –  wie das dann häufig heißt –  Suppe kocht oder die Strümpfe stopft, dann hat die das Gefühl, sie ist jetzt sinnvoller Teil eines Größeren."

Junge Frauen auf der Suche nach Freiheit

Insbesondere die jungen Frauen suchten bei den Nazis auch Freiheit und Abenteuer. Abenteuer, das hieß ausbrechen aus den starren Normen der bürgerlichen Parteien. Und damit provozieren. Denn die frühe NSDAP war eine Bewegung der Straße und nicht des Parlaments. Mit dabei die 17jährige Schülerin Lissy Schneider.

"Wie oft habe ich von Tanten und Großmüttern einen Erguss über mich ergehen lassen müssen, es zieme sich nicht, dass ein junges Mädel sich mit Politik befasse. Aber das hat mich alles nicht hindern können, mich als junges Mädel mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit dem Glauben an Hitlers Idee, für den Sieg der Bewegung einzusetzen."

Kochen, nähen, missionieren

Der Einsatz der Frauen für die NSDAP war enorm. Zwar konnten sie keine Posten im Parteiapparat besetzen. Aber, so Katja Kosubek, ihr Engagement ging weit über die reine Parteiarbeit hinaus.

Zum Beispiel, dass man Fahnen nähte, dass man Uniformen nähte, dass man in SA Suppenküchen gearbeitet hat. Dass man auf diese Weise durch Handlungen eine Partei und eine Idee, darum geht es diesen Frauen immer, nämlich die Idee der Volksgemeinschaft befördern kann. Das war eine ganz andere, eine ganz neue Art der Politik."

Sie nähten sich braune Blusen, trugen demonstrativ Hakenkreuzwimpel und Parteiabzeichen und missionierten.

 "Sie gingen wirklich von Tür zu Tür und sprachen da vor. Sie luden zu Kaffeekränzchen befreundete Frauen ein und machten von Frau zu Frau, das ist ganz wichtig, machten von Frau zu Frau Propaganda. Das war also eine ganz andere Form von politischer Werbung auch, die hier stattfand, als es das vorher gegeben hat."

Die Frauen fühlten sich wichtig für die Bewegung. Und sie waren es auch. Denn sie bildeten die stabile Basis.

"So wie sie sich im Krieg als die Krankenschwestern der Soldaten gefühlt hatten, fühlten sie sich jetzt als Schwestern der SA. Und sorgten dafür, dass diese ganze Infrastruktur mit SA-Heimen und so weiter und Verpflegung laufen konnte."

Sympathien für den Kommunismus

In diesem Sinne, sagt Katja Kosubek, war das große Engagement der Frauen durchaus auch sozialistisch.

"Dieser Gedanke Nationalsozialismus. Einerseits das Nationale, das kannten sie von früher. Auf der anderen Seite der Sozialismus, das war für diese Frauen ganz neu. Sie wollten etwas unterstützen, was auch für die ärmere Bevölkerung war, zu der sie teilweise selbst gehörten."

Kein Wunder, dass viele vor dem Eintritt in die NSDAP auch mit dem Kommunismus sympathisiert hatten.

"Aber was ihnen Angst machte, war die internationale Komponente des Kommunismus. Sie wollten lieber etwas Überschaubares haben, was sich auf Deutschland beschränkte. Und was nicht, wie sie meinten von Moskau gelenkt sei, sondern was sich wirklich aus der deutschen Bevölkerung heraus entwickelte."

Frauen waren wichtig, um der NSDAP Wähler zuzuführen

Die 36 Aufsätze zeigen, Frauen keineswegs nur Opfer der NS Ideologie, resümiert die Geschichtsprofessorin Barbara Vogel von der Universität Hamburg. Sie waren genauso Opfer, Täter und Mitläufer wie die Männer. Und sie waren durchaus im politischen Geschäft aktiv.

"Das Buch von Katja Kosubek gibt jetzt einen Anhaltspunkt dafür zu betrachten, dass Frauen erheblich daran mitgewirkt haben, der NSDAP Wählerinnen und Wähler zuzuführen."

Katja Kosubek wertet und verurteilt in ihrer Arbeit nicht. Sie hat den Frauen nur zugehört. Und etwas über die deutsche Gesellschaft damals, die ja zur Hälfte aus Frauen bestand, erfahren. Dabei, sagt sie, sei ihr manches aufgefallen, was durchaus Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft aufweise.

"In Deutschland leben viele Menschen, die große biografische Brüche erlebt haben durch große politische Ereignisse. Auch da ist ein politisches System zusammengebrochen. Auch da musste man sich mit einem neuen System zurechtfinden. Mit einer ganz neuen Welt. Auch Lebensentwürfe, haben sich ganz anders weiter entwickelt als es ursprünglich mal geplant war."

 

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