Kommentar /

Frauenfußball wird ernst genommen

Warum das Deutsche Aus ein Erfolg für den Frauenfußball ist

Von Philipp May

Bundestrainerin Silvia Neid gestikuliert.
Bundestrainerin Silvia Neid gestikuliert. (AP - Axel Heimken)

Die fest eingeplante Fete muss ausfallen. Und zwar nicht nur die Feier nach dem WM-Finale, Mittelfeldspielerin Simone Laudehr wollte am Dienstag doch eigentlich mit dem ganzen Team ihren Geburtstag feiern. Stattdessen feiere sie jetzt mit der Familie, das gebe ihr Kraft, stammelte sie kurz vor der Abreise heute Morgen aus dem Teamquartier.

Es sind solche unscheinbaren Aussagen, die deutlich machen, dass die deutschen Planungsweltmeister vieles einkalkuliert hatten. Nur, dass die eigene Mannschaft, zwei mal in Serie Weltmeister und Titelverteidiger, bei der Heim WM bereits im Viertelfinale grandios scheitert und nebenbei auch noch die Olympiaqualifikation verpasst, das hatte niemand auf der Rechnung. Weder beim DFB noch bei den Medien. "3. Plätze sind was für Männer" hieß es auf einem Werbeplakat von ARD und ZDF für die Frauen-WM in Anspielung auf das Abschneiden der Deutschen Herren in Deutschland und Südafrika. Das Plakat hat sich bewahrheitet, natürlich auf völlig andere Weise als gedacht. Wenn in sechs Tagen der dritte Platz vergeben wird, dann sind Deutschlands Frauen längst im Urlaub.

Rekordeinschaltquoten wird es jetzt bei der WM nicht mehr geben. Doch das Interesse am Frauenfußball wird vorerst nicht erlahmen. Im Gegenteil. Denn nach der Schmach wird der Frauenfußball jetzt es erst recht zur nationalen Angelegenheit werden. Denn langsam nach der ersten, auch medialen Fassungslosigkeit, werden Fragen gestellt: Wieso kam der Deutsche Motor bei diesem Turnier eigentlich nie auf Touren und soff schließlich kolossal ab? Hatte die Bundesliga nicht extra früher Schluss gemacht, damit Bundestrainerin Silvia Neid eine Rekordvorbereitung auf die WM absolvieren konnte? Wieso wirkte die Deutsche Mannschaft dennoch körperlich platt? Hat der viel beschworenene Heim-Vorteil verbunden mit dem riesigen Erwartungsdruck am Ende doch eher die Beine schwer gemacht, als dass er den "WM-Elfen" Flügel verliehen hat?

Auf diese Argumentationslinie zog sich übrigens heute auch Bundestrainerin Silvia Neid in der Abschlusspressekonferenz zurück. Der Druck sei wohl zu groß gewesen. Sie selbst habe sich nichts vorzuwerfen, sagte sie bereits gestern nach dem Spiel. Für Neid ist das die bequemste Erklärung, doch sie wird damit die Diskussion kaum beenden können. Weil mittlerweile schon die nächste Frage aufgeworfen wurde: Wieso hat DFB-Präsident Zwanziger eigentlich den Vertrag mit Silvia Neid schon vor der WM bis 2016 verlängert?

Ja, wieso eigentlich? Sie sei noch motiviert, sagte die Bundestrainerin heute. Aber: Hätte Joachim Löw nach einem vergleichbaren Scheitern weitergemacht?

Ohne Frage war es eine unglückliche Niederlage gestern Abend gegen Japan. Doch die Bundestrainerin hat auch ganz konkret taktische Fehler begangen.

Im Zweikampf dagegen halten und hohe Flanken in den Strafraum, das war gegen die technisch versierten und kleinen Japanerinnen ihre Strategie. Die Strategie eines Außenseiters, ein Konzept aus Zeiten des Rumpelfußballs, ein Konzept unwürdig für einen Weltmeister.

Schlimmer noch, Neid hatte offensichtlich keinen Plan B für Ihr Team, als klar war, dass ihr Konzept nicht fruchtete.

Doch auch über das konkret sportliche hinaus hat Silvia Neid in diesen Wochen kein glückliches Händchen bewiesen. Durch ihre schlechte Moderation des Falls Birgit Prinz trägt sie eine Mitschuld an der öffentlichen Demontage ihrer Kapitänin und Rekordnationalspielerin. Ob Prinz ein Abschiedsspiel annimmt ist fraglich. Es droht ein zweiter Fall Ballack.

So groß der Katzenjammer nach dem viel zu frühen WM-Aus ist, für den Frauen-Fußball ist es eine gute Nachricht. Es beweist: das Niveau ist gestiegen: Der Gegner ist klein, also spielen wir hoch. Das reicht bei dieser WM offensichtlich nicht mehr, um ein Viertelfinale zu überstehen. Sorgen, dass das Aus ein Rückschlag für den Frauenfußball in Deutschland ist, muss auch niemand haben. Im Gegenteil: Denn erst seit gestern Abend ist ein WM-Titel im Frauenfußball nämlich etwas wert. Alle wissen jetzt, dass Deutschlands Damen auch verlieren können.

Gewannen die Deutschen Damen die ersten beiden Titel noch praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wollen jetzt alle wissen, warum es dieses Mal nicht geklappt hat. Der DFB wollte die Öffentlichkeit, und jetzt hat er sie, inklusive Trainerdiskussion. Auch das ist ein Riesenerfolg für den Frauenfußball: Er wird ernst genommen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kommentar

AlgerienWie sich Präsident Bouteflika die Macht sichert

Den meisten Algeriern ging es bei der Wiederwahl von Präsident Bouteflika hauptsächlich darum, Unruhen im eigenen Land zu vermeiden. Für diesen Wunsch nach Stabilität zahlen sie aber einen hohen Preis, kommentiert Anne Allmeling. Denn Stabilität bedeute in Algerien auch Stillstand.

KinderpornografieHärtere Gesetze allein reichen nicht

Justiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD)

Wenn die Gesetzesverschärfung zum Schutz von Kindern keine reine Symbolpolitik sein soll, muss die Bundesregierung auch die Zahl der Fahnder erhöhen, kommentiert Joachim Dorfs von der "Stuttgarter Zeitung" für den DLF. Außerdem müsste so schnell wie möglich eine verfassungskonforme Regelung zur Speicherung von Verbindungsdaten her.

Ukraine-KriseZielvorgabe ohne Fahrplan

Die Teilnehmer des Ukraine-Gipfels sitzen an einem Tisch

Mit der Einigung in Genf, dass unter anderem jenen Separatisten Straffreiheit gewährt werde, die ihre Waffen abgeben und besetzte Gebäude räumen, sei kein genauer Fahrplan entstanden, meint Stefan Maas. Es fehle an der Benennung von klaren Schritten und Verantwortlichen, die dafür zuständig sind, für die Umsetzung zu sorgen.