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StartseiteBüchermarktFrauenheld und Trunkenbold07.09.2009

Frauenheld und Trunkenbold

Cees Nooteboom: Nachts kommen die Füchse. Suhrkamp

In Cees Nootebooms Erzählungsband "Nachts kommen die Füchse" stößt der Leser unter anderem auf Heinz, den einzigen inzwischen Toten seines Freundeskreises, dessen Lebensfreude früher aber nahezu beschämend war.

Martin Krumbholz

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom. (AFP)
Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom. (AFP)

Die schönste, anrührendste Geschichte in diesem Erzählband hat keinen Plot, sondern nur einen Protagonisten: "Heinz" heißt sie denn auch. Man könnte darüber streiten, ob es überhaupt eine Geschichte ist, Nooteboom selbst nennt sie eine "Geschichte ohne Geschichte". Vielleicht ist es eher das Porträt eines Menschen, eines Toten – eine Art Nachruf also.

Auf einem Gruppenfoto, das der Erzähler betrachtet, ist dieser Heinz der einzige inzwischen Tote im Kreis seiner Freunde, zu denen auch der Erzähler gehört. "Ich glaube nicht an Geister, aber dafür an Fotos", heißt es zu Beginn einer anderen Erzählung mit dem Titel "Paula". Heinz war holländischer Vizehonorarkonsul in einer ligurischen Kleinstadt, und da dies eine ehrenamtliche Tätigkeit ist, makelte er nebenbei Häuser. Geschildert wird er als Bonvivant, als Lebenskünstler, Frauenheld und Trunkenbold.

Was den Erzähler an Heinz offenbar in hohem Maß fasziniert, ist dessen teils ansteckende, teils auch fast beschämende Lebensfreude, die, so erfährt man nach und nach, die darunter liegende Melancholie verdeckt. Die Trunksucht mag man für verräterisch halten, das Betäubungsmittel Alkohol bringt die geheime Todessehnsucht zum Schweigen, und die Dialektik aus Destruktion und Vitalität wird es sein, die den Erzähler an Heinz interessiert. Auch in allen anderen Texten des Bandes herrscht eine Todesnähe vor, die nur deshalb nicht beklemmend wirkt, weil der Ton der Geschichten eher ins Heitere tendiert. Ja, er hat fast etwas Behagliches, es ist der Ton eines Mannes, der viel herumgekommen ist, viel erlebt hat und im Grunde mit sich im Reinen ist. Man könnte sagen: Der Tod trägt eine mediterrane Verkleidung.

Aber die Erinnerung an die Kehrseite dieser dem Leben zugewandten Mentalität bleibt dennoch präsent. Der Tod ist nicht fern, er ist nah, und trotz seiner warmen Umhüllung bleibt man sich der Kälte des Todes bewusst. "Mesdames, Monsieur, rien ne va plus", das sei einer der schönsten Sätze, die man sich je ausgedacht habe, heißt es in der Erzählung "Paula". Ein Jüngerer würde wohl den Ruf "Faites vos jeux" favorisieren.

Die Erzählung "Gewitter" beginnt so:

"Ich bin selbst ein Barometer, hatte er zu ihr gesagt, als sie vor dem Barometer standen. Ich spüre es bis ins Skelett. Ein anderer hätte gesagt: bis in die Knochen, doch Rudolf sagte Skelett, weil er wusste, dass es Rosita ärgerte. Er wusste auch, warum es sie ärgerte, das machte es noch schlimmer. Sie hatte einen wortgetreuen Geist und sah daher ein Skelett, was ihr nicht angenehm war. Die Zeit der Vanitasbilder ist vorbei, erwiderte sie, du stellst dir doch auch keinen Totenkopf mehr auf den Arbeitstisch. Hättest du das vor einer Stunde gesagt, dann hätte ich nicht mit dir gebumst. Keine Lust, ein Skelett auf mir liegen zu haben."

Die Geschichte spielt am Ende der Saison in Spanien; Rudolf, der Protagonist, ein bildender Künstler, bemerkt: "Was ich brauche, sind große Ereignisse natürlicher Art", und am Ende wird ein deutscher Tourist am Strand von einem Blitz erschlagen. Auf dem Rückweg findet Rudolf ein bizarr geformtes Holzstück, das sich dazu eignet, den Tod des Mannes nachzubilden. Nooteboom scheut nicht vor dramatischen Effekten zurück: die Vanitassymbolik des Skeletts, die morbide Akzentuierung des Geschlechtlichen, das jähe Erscheinen des Todes mittels der Naturgewalt. Hinzu treten noch Differenzen zwischen den Geschlechtern: Das deutsche Touristenpaar hat sich unmittelbar vor dem tödlichen Blitzschlag heftig gestritten.

Die Erzählung "Heinz" dagegen kommt ohne solche Effekte aus, und wohl gerade deswegen geht sie einem sehr nahe. Der Erzähler beschreibt sein Objekt zunächst anhand eines Fotos, nicht des anfangs erwähnten Gruppenfotos, sondern eines anderen, das am Tag von Heinz' Hochzeit entstand: ein Seeräuber wird uns vor Augen gestellt, ein Freibeuter, der an jedem Finger zehn Frauen haben konnte.

"... groß, gut gebaut, ein Mann auf einem Segelboot, ein Glas in der einen Hand und die andere am Ruder, das war der frühere Geist von Heinz Maximiliaan Schroeder, Vizekonsul Ihrer Majestät vor Ort, damals noch im Stand der Gnade, Libido und Humor intakt, vom Alkohol noch nicht eingeholt, schelmisch und, wieder so ein Wort, unschuldig, ein Hauch von Boshaftigkeit in diesen schrecklich blauen Augen, ein Mensch. Ich brauche anscheinend andere Sprachen, um mich ihm zu nähern. Und trotzdem, wenn ich sage ein Mensch, warum will ich dann verbergen, dass ich bei jenem ersten Mal, als sein rotes, betrunkenes Gesicht im Hafen neben mir auftauchte, sofort an einen Schweinekopf dachte?"

Bemerkenswerterweise empfindet der Erzähler diesen Schweinekopf nicht als abstoßend; im Gegenteil, er entwickelt eine Zuneigung zu ihm, ja, eine Liebe, wenn es denn eine Liebe jenseits des Erotischen gibt. Die Liebe gilt dem, was Heinz einmal war, sie gilt seinem Charisma, sie gilt aber auch dem, was aus ihm mit den Jahren geworden ist, einem lebenden Wrack. Das Mitgefühl des Erzählers gilt einer angekündigten Tragödie, der Tragödie eines Säufers, und seine Neugier gilt der Frage, was den Menschen, jenseits seiner Bestimmung zum Tode, letztlich ausmacht. Es ist dies zugleich die Frage, die den Schriftsteller Cees Nooteboom in den melancholischen und schönen Texten dieses Bandes beschäftigt.

" ... welche Methoden stehen uns eigentlich zur Verfügung, um in das Leben eines anderen vorzudringen, um Geheimnisse zu decodieren, Gedanken zu entwirren, hinter Masken zu schauen? [ ... ] Log Heinz, weil er nie etwas sagte? Trank er, weil er unentwegt log? Hatte er eine immer wieder verschobene Verabredung mit dem Tod, und war er erleichtert, als dieser endlich kam? Hier passt Lachen. Das war auch etwas, was er regelmäßig sagte, und er hatte recht. Hier passt Lachen, laut und homerisch. Ich formuliere es immer eine Idee schöner. Ein Wort zu viel. Hier passt Lachen, Idiot. Komm mir nicht zu nahe."

Cees Nooteboom: Nachts kommen die Füchse. Erzählungen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, 155 Seiten, 19,80 Euro.

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