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Frauenkörper als Sitzmöbel

Retrospektive auf den Pop-Artist Allen Jones in der Kunsthalle Tübingen

Von Christian Gampert

Alles andere als schlichte Sitzmöbel stellte der Künstler Allen Jones her. (Stock.XCHNG / Lotus Head)
Alles andere als schlichte Sitzmöbel stellte der Künstler Allen Jones her. (Stock.XCHNG / Lotus Head)

Allen Jones wurde Ende der 1960er-Jahre durch seine Skulpturen bekannt, die Frauen als Möbel fungieren ließen. Sie changieren zwischen Provokation und Anklage. Die Tübinger Kunsthalle zeigt anlässlich seines 75. Geburtstags eine Retrospektive.

Im großen Saal der Tübinger Kunsthalle empfangen uns, ziemlich leicht bekleidet und in merkwürdigen Stellungen, drei Damen. Die eine bietet sich, barbusig und mit einem spinnenartigen Tanga, als Hutständer an. Die zweite trägt, kniend, einen Glastisch auf dem Rücken hält sich a Tergo bereit. Die dritte liegt mit hochgeklappten Beinen vor uns, auf ihren Unterschenkeln ist ein Sitzkissen angebracht.

Frauen als Möbel, das muss was gewesen sein, damals, in den 1960iger-Jahren. Man sollte sich das wirklich mal im historischen Kontext vorstellen, in der sogenannten sexuellen Revolution. Die Skulpturen von Allen Jones waren natürlich ein Hammer; mit dem Abstand von 30 Jahren kann man aber sagen: Sie changieren zwischen Provokation und Anklage. Einerseits sind diese Frauen tatsächlich Objekte, Dienerinnen, und das war damals, auch in der gutbürgerlichen Gesellschaft, weitgehend ihr Schicksal. Andererseits sind sie als herausfordernde Sexualobjekte aufgemacht – allerdings als solche, die durchaus auch selber ihren Spaß haben wollen.

Es nützt also nichts, den Künstler gut feministisch zu beschimpfen und ihm vorzuwerfen, er bekämpfe seine Kastrationsängste, indem er die Frauen verdingliche, oder er inszeniere einfach seine Macho-Träume. Nein, der Zusammenhang ist kunsthistorisch ein ganz anderer: während die führenden Maler sich im kalten Nachkrieg zunehmend der Abstraktion hingaben, wollten die Pop-Art-Rebellen weg vom Wand-Bild, "off the wall", sagt Kurator Daniel Schreiber.

"Da ist dieses Off the Wall geradezu manifesthaft-programmatisch, also: runter von der Leinwand, runter vom Tafelbild, das die Tradition der Malerei seit 500 bis 600 Jahren geprägt hat, und hinein ins Leben, hinein in die Welt."

Und da, wo das Leben rast und pulst und wo man es als Skulptur vielleicht zu fassen kriegt, liegen die Themen ja auf der Straße.

"Und was die Bildinhalte anbelangt, bedeutet das, Themen zu wählen, die alle angehen, und Allen ist eben der Auffassung gewesen, mit einigen anderen Pop-Art-Künstlern, dass es kein demokratischeres Thema gibt als Sex."

Das ist zweifellos wahr. Und doch ist Jones immer wieder rückfällig geworden und hat gemalt, zum Beispiel sogenannte Bus-Bilder in schiefem Rahmen und mit Rädern unten dran, das Flüchtige der Bewegung, oder ineinander verschränkte Paare in den satten Farben des frühen Kandinsky.

Was ihn aber eigentlich interessiert, ist der makellose, der erotisch aufgeladene Frauenkörper mit prallen Brüsten, meist hochgestellt auf High Heels. Gegen die schöne Frau an sich ist ja nichts einzuwenden, aber ein gewisser Bein- und Stiefel-Fetischismus findet sich in zahlreichen Arbeiten. Von wegen Off-The-Wall: 1972 wachsen Sekretärinnen-Beine gleich in dreifacher Ausfertigung aus der Wand heraus. Jones sucht nun aber den Anschluss an die klassische Moderne, besonders an Matisse, von dem er das Fraktionieren, das Teilen der Körper in ihre Einzel-Elemente übernimmt. Diese scherenschnittartigen Körperteile wölben sich bei Jones, bunt bemalt, in den Raum hinein und bilden luftige Skulpturen. In seinen Klein-Plastiken wendet er ähnliche Verfahren an.

In den 1980iger-Jahren kommt eine Faszination für Musik und Ballett, also Bewegung hinzu. Diese oft grellfarbigen Bilder haben eine neue Rhythmisierung, rhythm is it!, über all diesen Tänzerinnen und Klavierspielern wird oft eine zweite Zeitebene, ein zweites, reflektierendes Thema ins Bild geblendet. Die zentrale Installation, die in Tübingen zu sehen ist, zeigt zum Beispiel eine in signalhaftem Rot gehaltene fungible Schaufensterpuppe, der rot gewandeten, lasterhaften Anita Berber bei Otto Dix nicht unähnlich; dieser plastischen Figur wird von Jones dann auf Leinwand eine gemalte und durch die Musik befreite Variété-Tänzerin gegenübergestellt.

Auch die Sexualität kann altern, müde und harmoniesüchtig werden, aber sie ist noch da, ein Lebensthema. Allen Jones ist jetzt 75, man darf ihn – doch! - ein bisschen feiern, und die Ambivalenz dieser Ausstellung, die resümiert am besten der Kurator Daniel Schreiber selber.

"Es ist ein Werk, das man entweder ganz toll findet, gerade weil jemand etwas macht, was man eigentlich gar nicht machen darf, das ist ja auch sehr sehr anregend. Und damit identifiziert man sich auch gerne. Oder man findet das ganz furchtbar, weil man sagt: Der ist einfach ein Chauvi und ein Sexist."



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