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StartseiteBüchermarktFreie Individuen18.02.2004

Freie Individuen

John Dewey über eine Philosophie der Demokratie

Dass es in der Erfahrungswelt keine absoluten Wahrheiten gibt, diese Behauptung, die von Nietzsche ausgeht und auf die sich die postmoderne Philosophie besonders intensiv bezieht, hat viele geärgert, gläubige Katholiken genauso wie hartgesottene Rationalisten. Dabei stellt auch die erste große originär amerikanische Strömung in der Philosophie, der Pragmatismus, am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. in Frage, dass es jenseits von Mathematik und Logik ewige bzw. unveränderliche Wahrheiten gebe, die für die Lösung praktischer Probleme eine Rolle spielen. Wahrheiten müssen sich vielmehr in der Welt bewähren, sie müssen nützen. Wenn sich die Ziele und Zwecke ändern, die man verfolgt, verblassen auch jene Wahrheiten, die man nicht mehr braucht. Wahrheiten erweisen sich als Mittel des Denkens, die man benutzt, nicht als fixe Orientierungen, denen man sich unterwirft oder denen man sich anpasst.

Gesellschaften fechten ihre Regeln aus (AP)
Gesellschaften fechten ihre Regeln aus (AP)

Doch in der europäischen Geisteswelt nahm man die us-amerikanische Philosophie lange Zeit kaum wahr, blieben ihre Vertreter weitgehend unbekannt. Erst langsam wurden deren Texte ins Deutsche übertragen. Gerade erscheint von John Dewey ein Buch Philosophie und Zivilisation , das Aufsätze aus den ersten drei Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts enthält und einen guten Überblick über die thematische Vielfalt des Pragmatismus Liefert. Über John Dewey bemerkt der Berliner Soziologe Hans Joas:

John Dewey war am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ganzen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne jeden Zweifel der einflussreichste amerikanische Philosoph. Sein Einfluss war im Wesentlichen damals auf Amerika begrenzt. (. .) Aber in Amerika hat man ihn unbezweifelbar für den bedeutendsten Denker gehalten, einer der Philosophen, der sich wirklich noch zugetraut hat, die ganze Palette philosophischer Subdisziplinen, also eine Ästhetik, eine Religionsphilosophie, eine Ethik, eine Logik usw. zu beherrschen und jeweils Bücher dazu vorzulegen, der aber auch zusätzlich während seines ganzen Lebens sich an den großen öffentlichen Auseinandersetzungen beteiligt hat. (. .) Das kann man nur vergleichen etwa mit der Rolle von Jean-Paul Sartre in Frankreich nach 1945, vielleicht (. .) mit der Rolle, die Jürgen Habermas in den letzten (. .) fünfunddreißig Jahren in Deutschland hat, also ein öffentlicher Intellektueller, der gleichzeitig ein akademisch hochangesehener philosophischer Denker war.

Der Pragmatismus entsteht im Zeitalter der großen Ideologien des Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus, die nicht endende bzw. nicht lösbare Konflikte vom Zaun brechen. Das möchte der Pragmatismus dadurch vermeiden, dass er sich allein auf konkrete Probleme konzentriert, die sich lösen lassen, wenn man von weltanschaulichen Prinzipien absieht. Das Wort pragmatisch greift zuerst Charles Sanders Peirce auf, einer der Begründer des Pragmatismus. Ein anderer, William James, gibt dann 1898 dieser philosophischen Richtung diesen Namen.

John Dewey gehört zur zweiten Generation des Pragmatismus. Wenn er sich um absolute Wahrheiten und ideologische Prinzipien nicht mehr kümmern möchte, so orientiert er sich andererseits immer stärker an den Wissenschaften. Im letzten Aufsatz des Bandes Wissenschaft und Gesellschaft hofft Dewey in wohl übertriebenem Maße auf die wissenschaftliche Beherrschbarkeit der Welt. Doch darin beschränkt sich Deweys Position nicht, wie Hans Joas betont:

Dewey ist außerordentlich stark wissenschaftsorientiert. Aber er ist kein Positivist. Also er glaubt nicht einfach daran, die Wissenschaft macht alles besser. (. .) Was Dewey meinte, war, in der Wissenschaft steckt ein spezifisches Rationalitätspotential. (. .) Und wenn er z.B. sagt, wir müssen auch in Dingen der Moral oder auch in Dingen der Politik uns an der Wissenschaft orientieren, dann heißt dies nicht unsinniger Weise, jetzt lösen wir moralische oder politische Fragen mit wissenschaftlichen Mitteln, sondern dann heißt das, wir müssen in der Moral und in der Politik auf einen ähnlich hohen Rationalitätsgrad kommen, wie es die Naturwissenschaften und die Sozialwissenschaften unter unseren Augen schon erreicht haben.

Auch in der vorliegenden Aufsatzsammlung setzt sich Dewey mit politischen und ethischen Fragen auseinander. Er beschränkt sich dabei nicht auf die Frage, welche ethischen Normen allgemein gültig sein sollten. Dewey orientiert die Ethik vielmehr in der Hinsicht an den Naturwissenschaften, wie diese längst erkannt haben, dass sich die Natur in einem permanenten Prozess des Wandels befindet. Umfassende Vorstellungen davon bleiben vage. Auch in der Ethik kann man sich nicht mehr schlicht absolut gültigen Normen unterwerfen, gerade wenn es um das konkrete Handeln der Menschen geht. Man muss vielmehr die Komplexität der Situation bedenken, in der man handeln möchte. Hans Joas geht in seinem Buch Die Entstehung der Werte speziell auf Dewey ein:

Die Ethik von Dewey, und ich würde behaupten auch der anderen Pragmatisten, ist in meiner Formulierung in dem Buch Die Entstehung der Werte eine Ethik vom Standpunkt des Akteurs. Die Ethik von Dewey ist eine, die sich selber in die Handlungssituation hineinstellt, und sagt wenn wir nun in einer unaufhebbaren, komplexen, riskanten, auf Zukunft hin offenen Handlungssituation stehen, dann müssen wir in dieser Situation Wege finden, die z.B. den verschiedenen Werten, die uns jetzt beide anziehen, denen wir beide eine bestimmte Berechtigung zusprechen, die es uns erlauben, den beiden gerecht zu werden. Es ist insofern eine Ethik die auf Kreativität des Handelns zielt, weil wir uns ja überlegen müssen, nicht wie kann jeder immer unter allen Umständen mit diesem Wertekonflikt umgehen, sondern wie kann ich in einer ganz bestimmten historischen Situation mit einem ganz bestimmten Wertekonflikt umgehen.

Auch in der Politik kann man sich auf keine absoluten ethischen Werte mehr berufen, die ja in der abendländischen Tradition gemeinhin einen religiösen Hintergrund haben. Der Pragmatismus folgt hier der US-amerikanischen Verfassungstradition. Die USA vereinigten bei ihrer Gründung zahlreiche vor allem christliche Kirchen und Sekten. Eine einheitliche Staatsreligion auszurufen, hätte wohl in jene leidvollen Erfahrungen der europäischen Religionskriege des 17. Jahrhunderts zurückgeführt. Die Trennung von Staat und Religion wie ein religiöser Pluralismus stellen politische Grunderfahrungen der Staatsgründung in den USA dar: Man kann die Bürger weder religiös noch politisch bevormunden. An diese demokratische Tradition schließt John Dewey an, wie Hans Joas betont, der ein Buch über Dewey unter dem Titel Philosophie der Demokratie herausgegeben hat:

Es gibt viele Interpreten, die Dewey den Philosophen der Demokratie genannt haben. (. .) Demokratie ist bei Dewey nicht . . . nur ein politisches System, sondern hat sehr stark auch den Bedeutungsgehalt einer umfassenden politischen Kultur und sozusagen eines Anspruchs der von den bestehenden demokratischen Institutionen immer nur teilweise eingelöst werden kann. Also die entstehenden demokratischen Prozeduren werden immer an einem hohen Ideal der kollektiven Selbstbestimmung der Bürger eines Gemeinwesens in diesem Gemeinwesen gemessen.

Dewey fordert vom Bürger, sich aktiv an der Politik zu beteiligen. Aus dem gemeinsamen demokratischen Handeln der Menschen entsteht das Gemeinwesen, das sich aus freien Individuen, aus politisch mündigen Bürgern zusammensetzt, nicht aus Untertanen. Doch Dewey versieht diese Form des Liberalismus mit einer sozialstaatlichen Komponente, die in den USA eher weniger entwickelt ist. Dabei trat er auch durchaus für die Lenkung der Wirtschaft ein, deren Zügellosigkeit sich in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 ja als fatal erwiesen hatte. Aber nicht eine ideologisch motivierte Sozialisierung im Stile der Sowjetunion schwebte ihm vor, sondern eine rational organisierte und mit wissenschaftlichen Methoden gesteuerte Wirtschaftsentwicklung. Langfristig haben sich solche Hoffnungen wohl als übertrieben erwiesen. Grundsätzlich aber verzichtet kein Staat mehr auf Wirtschaftspolitik, also auf Eingriffe in den Markt. Hans Joas resümiert:

Im amerikanischen Sinn ist er ohne Zweifel ein Liberal, was in Amerika ja eher in gewissem Maße Linksliberalismus ausdrückt, also nicht ein Liberalismus, dessen Zentralgedanke die Freiheit des Marktes ist, sondern ein Liberalismus, dessen Zentralgedanke umfassende demokratische Partizipation ist.

John Dewey, Philosophie und Zivilisation, Suhrkamp, 323 S., EUR 13,-
Hans Joas, Die Entstehung der Werte, Suhrkamp stw 1999, 320 S., EUR 12,50
Ders. (Hrsg), Philosophie der Demokratie - Beiträge zum Werk von John Dewey, Suhrkamp 300 S., EUR 13,-

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