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StartseiteMarkt und MedienJournalismus aus den Stadtvierteln02.07.2016

Freie Presse auf KubaJournalismus aus den Stadtvierteln

Bisher standen Kubas Medien unter staatlicher Kontrolle. Langsam aber entwickelt sich auf der sozialistischen Insel ein neuer, nicht-staatlicher Journalismus, betrieben von meist jungen Journalisten. Über Online-Portale wenden sie sich an die Öffentlichkeit. Oder offline mit PDF-Datenpaketen, die auf USB-Sticks vertrieben werden.

Von Anna Marie Goretzki

Ein junger Mann steht auf der Straße und schaut in die Kamera, Kuba (Deutschlandfunk/Anna-Marie Goretzki )
Journalist Alejandro Ulloa Garcia schreibt, fotografiert und filmt für El Toque, der kubanischen Internet-Plattform des niederländischen Radios. (Deutschlandfunk/Anna-Marie Goretzki )
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"Ich habe anderthalb Jahre in staatlichen Medien gearbeitet und in keinem Moment einen journalistischen Geist gespürt, wie ich ihn jetzt bei Periodismo de Barrio spüre."

Mónica Baró sitzt in einem Café in Havannas Stadtteil Miramar. Ein Redaktionsbüro hat das Journalistenkollektiv Periodismo de Barrio, dem sie angehört, nicht. Die 28-Jährige schreibt seit wenigen Monaten hauptberuflich für das unabhängige Online-Portal, dessen Name übersetzt so viel wie 'Journalismus aus den Stadtvierteln' heißt.

Erst im Oktober 2015 gründete die Journalistin Elaine Díaz das Portal. 'Periodismo de Barrio' mit seinen fünf festen Mitarbeitern ist in Kuba Vorreiter eines neuen vom Staat unabhängigen Journalismus. Mónica Baró:

"Journalismus ist ein Beruf des öffentlichen Interesses, weil du eine Vereinbarung mit den Menschen hast, eine Verpflichtung zur Wahrheit. Zumindest für mich ist es sehr schwierig, eine Arbeit zu machen, bei der ich weiß, dass ich Dinge nicht sagen darf, die wichtig sind. Nichts rechtfertigt Zensur oder Selbstzensur: Weder eine redaktionelle Linie, noch eine Partei – nichts rechtfertigt, dass Du als Journalist deine Arbeit nicht richtig machst."

Veröffentlichen kann "Periodismo de Barrio" nur im Internet. Aber auch das ist eine legale Grauzone. Laut Artikel 53 der kubanischen Verfassung stehen alle Medien in Kuba unter staatlicher Aufsicht. Das Gesetz wurde geschrieben bevor es Internet auf Kuba gab.

Für ihr Portal beanspruchen Mónica Baró und ihre Mitstreiter eine Pressefreiheit, die sie aus eben jenem Artikel 53 ableiten:

"Jedem Bürger wird die Freiheit des Wortes und die Pressefreiheit in Übereinstimmung mit den Zielen der sozialistischen Gesellschaft garantiert."

Weisen auf Missstände in der Gesellschaft hin

Das Portal finanziert sich mithilfe ausländischer NGOs und Stiftungen, beispielsweise der "Neiman Stiftung für Journalismus der Harvard University" oder der "Schwedischen Stiftung für Menschenrechte".

Mónica Baró und ihre Kollegen widmen sich drei Hauptthemenkomplexen: schwache Gesellschaftsschichten, gesellschaftliche Folgen von Naturkatastrophen sowie lokale Entwicklungen. Sie kritisieren zwar nicht die offizielle Politik, weisen aber auf Missstände in der Gesellschaft hin:

"Menschen, die von einer Umweltkatastrophe betroffen sind, Gesundheitsprobleme der Gesellschaft oder einsturzgefährdete Gebäude, die immer noch bewohnt werden – all diese Themen sind politisch, weil sie zeigen, wo unser System versagt, wo Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden."

"Periodismo de Barrio" ist nur eines der jungen journalistischen Projekte, die sich in Kuba langsam neben der staatlichen Presse aufstellen. Unabhängige Online-Magazine wie "El Estornudo" und "Cachivache Media" zogen vor Kurzem nach.

Neue journalistische Angebote von Kubanern für Kubaner kommen auch aus dem Ausland. "El Toque" beispielsweise ist die kubanische Internet-Plattform des Auslandsdienstes des niederländischen Radios. Alejandro Ulloa Garcia schreibt, filmt und fotografiert als freier Journalist in Havanna für "El Toque":

"Dieser neue Journalismus versucht, dem nahe zu kommen, was draußen, auf der Straße, geschieht. Hauptsächlich will er den Menschen eine Stimme geben. In den kubanischen Medien, also den staatlichen, sprechen viel öfter die Funktionäre der Institutionen als die normalen Menschen auf der Straße."

Ein Problem für Journalisten wie Ulloa Garcia ist es, die Menschen mit den Texten auch zu erreichen. Kaum einer hat zuhause Zugang zum Internet. Wer es sich leisten kann, geht für 1,80 Euro pro Stunde an öffentlichen Hotspots ins Netz  – unbezahlbar für viele Kubaner, die mit einem durchschnittlichen Monatslohn von rund 25 Euro im Staatssektor auskommen müssen. El Toque erscheint deswegen wöchentlich als pdf im sogenannten kubanischen Wochenpaket. Ein Datenpaket, das offline auf USB-Sticks und Festplatten kopiert und vertrieben wird.

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