• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 11:55 Uhr Verbrauchertipp
StartseiteUmwelt und VerbraucherWarum Bioproduzenten TTIP kritisch sehen12.02.2016

FreihandelsabkommenWarum Bioproduzenten TTIP kritisch sehen

Geht es nach den TTIP-Befürwortern, dann könnte das Freihandelsabkommen zwischen Deutschland und den USA vor allem für die Produzenten von Bio-Lebensmitteln eine riesige Chance sein. Viele Bio-Bauern sehen den Wegfall von Handelshemmnissen hingegen kritisch.

Von Sabine Göb

Eine Frau nimmt in einem Supermarkt Bio-Butter aus dem Regal. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Eine Frau nimmt in einem Supermarkt Bio-Butter aus dem Regal. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Mehr zum Thema

TTIP-Abkommen Wie es zum hochgesicherten Leseraum kam

Transpazifische Partnerschaft TPP Vor TTIP kommt TPP

TTIP - vier Buchstaben, die elektrisieren. Und die gerade in der Landwirtschaft die Fronten teilen. Auf der einen Seite stehen Befürworter wie das Bundeslandwirtschaftsministerium, das vor allem die Marktchancen sieht. Derzeit exportieren die Europäer für 18 Milliarden Euro Lebensmittel über den Großen Teich, TTIP soll eine Steigerung um neun Prozent bringen. Professor Gabriel Felbermayer vom Münchner IFO-Institut stützt diese These:

"Man vergisst sehr gern in D, dass der größte Markt für Bio-Lebensmittel der amerikanische Markt ist, ja, also weltweit ist es ungefähr ne Größe von 70 Milliarden Dollar und die Hälfte davon ist in den USA. Der wächst schnell, also fünf bis zehn Prozent Wachstum in den letzten Jahren pro Jahr, das heißt, hier sind einfach auch große Chancen für europäische Bio-Produzenten."

Felbermayer geht wie etliche andere Befürworter davon aus, dass durch den großen US-Markt auch die Flächen für Bio-Anbau in Europa wachsen, weil es bessere Preise gibt.

"Es müsste halt viel stärker als bisher die europäische und deutsche Lebensmittelbranche sich stark machen dafür, das Image in den USA für diese deutschen und europäischen Produkte noch weiter zu pushen, dass wir eben hier vielleicht das Image bekommen in der Zukunft, der Bio-Feinkostladen der Welt zu sein.

Das wäre für die Bauern gut, das wäre auch für die Konsumenten gut, weil je größer dieser Biomarkt ist, umso besser. Was Preise angeht, Vielfalt und Qualität angeht. Und es würde dann auch eben automatisch mehr Druck entstehen abseits von Handelsabkommen."

Kritik von den Bio-Produzenten

Doch hier prallen die Welten aufeinander. Denn in der Bio-Branche sieht man das Wort Wachstum sehr kritisch. Schon jetzt haben die Bio-Erzeuger Mühe, den wachsenden Markt in Europa überhaupt zu bedienen. Ebenso wirkt Versprechen auf billigere Lebensmittel eher abschreckend, findet Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft:

"Wenn wir gerade über Milchbauern reden, die ja hier im Moment gerade in die Knie gehen, dann könnte es schon sein, dass ein Abbau der Handelshemmnisse Richtung USA dort mehr Chancen gibt für uns, weil wir ja zu so unglaublich billigen Preisen produzieren, aber vielleicht sollte man an der Stelle auch mal an die amerikanischen Milchbauern danken, die dann ihrerseits in die Knie gezwungen werden.

Ich glaube, dass diese ganze Logik eine falsche ist, weil sie nicht berücksichtigt, dass wir bei unserer landwirtschaftlichen Produktion jede Menge Kosten produzieren, die sich gar nicht in Preisen wiederfinden, sondern die wir als Allgemeinheit zu tragen haben."

Das sind die Kosten, die durch Überdüngung der Böden, Wasserverbrauch oder Luftverschmutzung entstehen und die von den Verursachern selten getragen werden. TTIP steht wie ein Lackmustest dafür, welche Form von Landwirtschaft künftig den Vorrang haben soll. Die Massenproduktion, die dafür verspricht, viele Menschen möglichst billig satt zu machen oder eine nachhaltige Produktion, die alle auf den ersten Blick zu höheren Preisen ernährt, dafür aber Luft, Wasser und Böden auch für kommende Generationen erhält. Und es stehen sich zwei Philosophien gegenüber, so Ulrich Walter vom Bio-Label Lebensbaum:

"In Europa sind wir sehr viel kritischer, wir interessieren uns auch für die Prozesse in der gesamten Herstellung. Wir wollen viel Transparenz und in Amerika, jetzt wirklich platt gesprochen, interessiert man sich dafür, was tut das Produkt gutes für mich und ist es in Ordnung. Da geht's darum, am Ende muss das Produkt in Ordnung sein, der Prozess an sich ist nicht relevant. Und da sind wir hier anders aufgestellt, was ja auch deutlich kostenintensiver ist."

Sorgenfaktor grüne Gentechnik

Und auch die grüne Gentechnik, in den USA längst akzeptiert, macht vielen Bio-Produzenten Sorge. Nicole Stocker von der Hofpfisterei, einer 700 Jahre alten Münchner Bäckerei, fürchtet, dass sie dann kein genfreies Getreide mehr bekommt. Denn Bienen und Vögel halten sich nicht an Überflugverbote auf Feldern und würden das Saatgut verbreiten, sodass der Bioanbau keine Garantie auf gentechnikfreie Lebensmittel mehr geben könnte:

"80 Prozent der Bevölkerung mindestens wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel, wenn amerikanische Produkte hier nicht als gentechnisch veränderte gekennzeichnet werden müssen wenn sie hier in den Verkauf kommen und europäische schon, dann betrifft es ja die komplette Lebensmittelbranche und nicht nur die Biobranche."

Schulterschluss von Bio- und Traditionsbauern

Und da suchen die Bio-Bauern längst den Schulterschluss mit den konventionell produzierenden Kollegen. Denn der Preisverfall, den TTIP verspricht, dieser Preisverfall in der Landwirtschaft bedrohe Bio genauso wie konventionell, so Prinz zu Löwenstein.

"Es könnte sein, dass dadurch für die Konsumenten alles billiger wird. Was für eine großartige Nachricht in einem Land, wo grad mal elf Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben wird.

Unser Problem, und speziell das der Landwirtschaft und Ernährung, ist doch nicht, dass unsere Nahrungsmittel zu teuer wären, sondern es ist, dass sie zu billig sind und dass wir dadurch keine Wertschätzung dafür haben, dass wir die Hälfte dessen, was produziert wird, wegschmeißen, dass wir ungeheure externe Kosten in Kauf nehmen, die die Allgemeinheit zu tragen hat.

Das nützt weder den Bauern, noch nützt es am Ende den Verbrauchern, weil die Rechnung, die uns am Ende allen als Gesellschaft präsentiert wird, die müssen wir alle zahlen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk