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StartseiteEssay und DiskursFreiheit, Gleichheit und die Vorsehung12.12.2010

Freiheit, Gleichheit und die Vorsehung

Über Alexis de Tocqueville

Dass mehr Gleichheit und Demokratie nicht unbedingt auch mehr Freiheit bedeuten müssen, gehört heute zu den Erkenntnissen der politischen Entwicklung seit der Französischen Revolution. Einer der ersten Philosophen, der in diese Richtung dachte, war der französische Publizist Alexis de Tocqueville.

Von Franz Michael Kreiter

Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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"Ich frage mich oft, ob es den festen Grund und Boden, den wir so lange suchen, überhaupt gibt, oder ob es nicht eher unser Schicksal ist, ewig auf offenem Meer zu treiben."

Dieser Satz stammt von dem normannischen Adeligen Alexis de Tocqueville und wurde am Ende einer langen Betrachtung über sechzig Jahre französischer Geschichte seit der Revolution von 1789 formuliert.

"Obwohl die Umwälzung, die in der Gesellschaft, in den Gesetzen, Gedanken, Gefühlen der Menschen vor sich geht, noch lange nicht abgeschlossen ist, kann man ihr Werk doch bereits mit nichts vergleichen, was man in der Welt zuvor gesehen hat. Ich gehe von Jahrhundert zu Jahrhundert bis ins fernste Altertum zurück; ich sehe nichts, das dem gleicht, was ich vor Augen habe. Da die Vergangenheit die Zukunft nicht mehr erhellt, tappt der Geist im Dunkeln."

Tocqueville teilt die Geschichte in zwei Abschnitte - ein "aristokratisches" und ein "demokratisches" Zeitalter, im Spätwerk verwendet er dafür die Begriffe "alt" und "modern". Diese Gesellschaften seien nicht miteinander zu vergleichen, denn sie stellten zwei "verschiedene Menschheiten" dar. Auch wenn er die Entwicklung zur Demokratie als einer Gesellschaftsform für unumkehrbar hält, betont er gleichwohl seine mentale Äquidistanz gegenüber der traditionellen Ordnung von gestern und neuen Welt von morgen:

"Ich habe für demokratische Institutionen eine Neigung aus Verstand, aber ich bin Aristokrat aus Instinkt. Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, aber nicht die Demokratie. Ich bin weder von der revolutionären noch von der konservativen Partei. Aber trotzdem halte ich mehr zur letzteren als zur ersteren."

In einem entscheidenden Punkt nimmt Alexis de Tocqueville eine fundamental andere Position gegenüber den meisten seiner konservativen Standesgenossen ein: Er hält die "allmähliche Entwicklung zur Gleichheit der Bedingungen" für ein "Werk der Vorsehung": sie sei allgemein und von Dauer und entziehe sich täglich der Macht der Menschen. Weshalb er es auch für unklug hält zu glauben, eine soziale Bewegung, die von so weither komme, lasse sich durch die Bemühung einer Generation aufhalten.

Im Gegensatz jedoch zu jenen Zeitgenossen, die diese Entwicklung als Fortschritt begrüßen, bleibt seine Haltung von großer Skepsis bestimmt. Während er immer wieder betont, dass die Freiheit die erste seiner Leidenschaften sei, hat die Demokratie für ihn eine natürliche Neigung zur Unfreiheit, ja zur Despotie:

"Ich glaube, eine unumschränkte und despotische Regierung lässt sich leichter in einem Volk einsetzen, wo die gesellschaftlichen Bedingungen gleich sind, als in einem anderen, und ich denke, dass eine derartige Regierung, wenn sie einmal in einem solchen Volk bestünde, nicht nur dessen Menschen unterdrücken, sondern mit der Zeit jeden von ihnen mehrerer Haupteigenschaften des Menschen berauben würde. In der demokratischen Zeit ist daher der Despotismus besonders zu fürchten."

Alexis de Tocqueville macht auf seiner Amerika-Reise die überwältigende Erfahrung, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind. Er hat diese Reise vom 2. April 1831 bis zum 20. Februar 1832 mit seinem Freund Gustave de Beaumont unternommen und dabei - wie er schreibt - ein "Bild der Demokratie selbst" gesucht. Mit seinem Buch "Über die Demokratie in Amerika" erlangt der 30jährige über Nacht europäische Berühmtheit. In der Einleitung bekennt er:

"Das vorliegende Buch ist völlig unter dem Eindruck einer Art religiösen Erschauerns geschrieben."

Auf der Grundlage seiner Erfahrungen in Amerika erkennt er nun darin seine Lebensaufgabe:

"Die Demokratie belehren, wenn möglich ihren Glauben beleben, ihre Sitten läutern, ihre Bewegung ordnen, nach und nach ihre Unerfahrenheit durch praktisches Wissen, die blinden Regungen durch die Kenntnis ihrer wahren Vorteile ersetzen; ihre Regierungsweise den Umständen der Zeit und des Ortes anpassen; sie je nach Verhältnissen und Menschen ändern."

Tocqueville begreift es fortan als seine Lebensaufgabe, den Menschen zu zeigen, was man während eines demokratischen Prozesses tun muss, um der Tyrannei und Entartung zu entgehen.

Mit dieser hochgemuten Motivation betrat Alexis de Tocqueville die politische Bühne Frankreichs, als er im März 1839 in die Deputiertenkammer gewählt wurde. Diesen hohen moralischen Anspruch an sich selbst sollte er zeitlebens beibehalten. Es geht ihm also nicht um die Entscheidung zwischen Aristokratie und Demokratie oder zwischen Revolution und Restauration wie vielen seiner Zeitgenossen.

Während die Entwicklung zur Demokratie gesetzmäßig verläuft und aus seiner Sicht kaum beeinflusst werden kann, gilt sein Hauptaugenmerk einer möglichen Fehlentwicklung der Demokratie hin zum Despotismus. Dies ist das zentrale Thema Tocquevilles als Schriftsteller, Theoretiker und politischer Praktiker.

Neben dem frühen Erfolg als Schriftsteller hat vor allem sein familiärer Hintergrund beim Start seiner politischen Laufbahn eine wichtige Rolle gespielt. 1849 steht er - wenn auch nur für kurze Zeit - an der Spitze des Außenministeriums. Er entstammte einem alten Adelsgeschlecht, das über Generationen bedeutende politische Ämter inne hatte. So war sein Vater Präfekt mehrerer Departements gewesen. Bedeutsamer noch war die Nähe seiner Familie zu den Parlamenten. Diese waren keine Vertretungskörperschaften im heutigen Sinne, sondern politische Gerichtshöfe, etwa vergleichbar dem Bundesverfassungsgericht. In der Zeit des Absolutismus hatten sie sich als einzige politische Institution eine gewisse Unabhängigkeit bewahren können.

Prägendes Vorbild für Tocqueville war sein Urgroßvater mütterlicherseits namens Malesherbes, der der letzte Präsident des Parlaments von Paris war und 1794 vom Revolutionstribunal hingerichtet wurde. Über ihn schreibt er voller Stolz:

"Jedermann weiß, dass Monsieur de Malesherbes zuerst das Volk vor dem König Ludwig XVI. verteidigt hat, um dann später den König vor dem Volk zu verteidigen. Das ist ein doppeltes Vorbild, das ich nicht vergessen habe und nicht vergessen werde."

Auch die Verbindung von Literatur und Politik hatte Tradition in seiner Familie. So war der Dichter und Staatsmann Chateaubriand sein Onkel. Seit 1841 gehörte Tocqueville zu den vierzig "Unsterblichen" der Académie française.

Eine weitere Traditionslinie hat Tocqueville geprägt und seinen Wirklichkeitssinn befruchtet: die französischen Moralisten, insbesondere Montesquieu und Pascal. Die Bezeichnung "Moralisten" meinte damals das vorurteilsfreie Beobachten des Menschen in seiner konkreten Situation. "Menschenprüfer" hat Nietzsche sie genannt. Bevorzugtes Stilmittel der Moralisten ist die knappe geschliffene Form des Aphorismus.

Schriftsteller seiner Zunft kritisiert er wegen deren zu dem, was er abschätzig "abstrakte literarische Politik" nennt. Deren Kennzeichen sei die Vorliebe für die reine Theorie und absolute Systeme, die den Menschen aus der Geschichte streichen und in der Politik nur allgemeine, miteinander verkettete Grundursachen sehen. Der Vorstellung weitgehender Berechenbarkeit von Politik stellt er eine anschauliche Metapher entgegen:

"Der Gang der Politik gleicht dem Flug eines Drachens, dessen Bahn von dem Winde, der ihn treibt, und der Schnur, die ihn hält, abhängig ist."

Carl Jacob Burckhardt bringt es auf den Punkt:

"Die wesentliche Frage, die sich uns bei der Betrachtung dieses Menschen stellt, ist diejenige nach seinem Freiheitsbegriff. (Doch) es ist nicht der Freiheitsbegriff des 19. Jahrhunderts, nicht der Freiheitsbegriff des Liberalismus. Tocqueville klammert sich an einen schwer definierbaren Freiheitsbegriff."

In seinem Spätwerk "Der alte Staat und die Revolution" widmet er zwar einen längeren Abschnitt der Freiheit, lässt uns aber ziemlich ratlos zurück, was er nun genau darunter versteht:

"Ich habe mich oft gefragt, wo die Quelle jener Leidenschaften für die politische Freiheit liege, die zu allen Zeiten die Menschen zu den größten Taten anzuspornen vermochte, die die Menschheit vollbracht hat, welche Gefühle es sind, in denen sie wurzelt und aus denen sie sich nährt ... Ich glaube nicht, dass die wahre Freiheitsliebe jemals allein durch die Aussicht auf die materiellen Güter geweckt werde ... Was zu allen Zeiten das Herz mancher Menschen so stark für sie eingenommen hat, sind ihre eigenen Reize, ihr eigener Zauber, ohne Rücksicht auf ihre Wohltaten; es ist die Lust, unter dem alleinigen Regiment Gottes und der Gesetze sprechen, handeln und frei atmen zu können. Wer in der Freiheit etwas anderes als sie selber sucht, ist zur Knechtschaft geboren. Man mute mir nicht zu, diese erhabene Lust zu analysieren, man muss sie empfinden. Sie zieht von selbst in die großen Herzen ein, die Gott sie zu empfangen bereitet hat; sie erfüllt sie, sie entflammt sie. Man muss darauf verzichten, sie den mittelmäßigen Seelen begreiflich zu machen, die sie nie empfunden haben."

Ort der Freiheitserfahrung ist das menschliche Herz. Ähnlich wie Blaise Pascal geht er von einer "raison du coeur" von einer Vernunft des Herzens aus. Das Herz fühlt die Freiheit, nicht der Verstand. Es ist ein ein Fühlen, kein Wissen. Die Freiheit bei Tocqueville lässt sich wohl eher über einen Gegenbegriff zum Despotismus bestimmen. Das wesentliche Kennzeichen des Despotismus ist, dass er die Menschen trennt, absondert und isoliert.

Demokratische Gesellschaften sind dagegen von einem Individualismus geprägt, der seiner Natur nach zur Vereinzelung führt. Hier wird der Zusammenhang zwischen demokratischer Gesellschaft und Despotismus verständlich.

Alexis de Tocqueville steht mit diesen Gedanken nicht allein. Auch Dostojewskij hat den Zusammenhang zwischen Absonderung und Vereinsamung als wesentliche Merkmale von Unfreiheit und Sklaverei dargestellt. Die Freiheit dagegen bringe die Menschen zusammen und wirke der Gefahr der Isolierung entgegen:

"Die Freiheit allein kann in derartigen Gesellschaften die ihnen eigenen Laster erfolgreich bekämpfen und sie auf dem Abhang, den sie hinabgleiten, zurückhalten. Nur sie vermag die Bürger aus der Vereinzelung ... herauszuziehen, um sie zu nötigen, sich einander zu nähern; sie, die Freiheit, erwärmt und vereinigt sie jeden Tag aufs neue durch die Notwendigkeit, sich in der Behandlung gemeinsamer Angelegenheiten miteinander zu besprechen, einander zu überzeugen und sich wechselseitig gefällig zu sein."

Dies markiert den grundsätzlichen Unterschied zum Freiheitsverständnis des Liberalismus und der Moderne insgesamt: Für den Liberalismus steht die Freiheit des Individuums im Mittelpunkt, dessen Rechte vor dem Staat geschützt werden sollen. Für Tocqueville hat der neuzeitliche Individualismus, der hinter diesem Konzept steht, freiheitsgefährdende Züge, weil er die Menschen daran hindert, gemeinsam zu handeln.

Dieser Gedanke geht im Kern, wie auch die Lehre vom Despotismus, auf Aristoteles zurück. Nach dessen Anthropologie ist der Mensch ein zoon politikon, das heißt ein Wesen, das auf Gemeinschaft hin angelegt ist und das des anderen zu seiner Wesenserfüllung bedarf. Tocqueville geht es darum, die Wirkung der Freiheit zu beschreiben. Er will den Gedanken der Freiheit lebendig und attraktiv halten und die Bedingungen aufzeigen, unter denen sie verwirklicht werden kann. Diese Gedanken kulminieren in dem, was er die "Lehre von den Vereinigungen" nennt:

"In den demokratischen Ländern ist die Lehre von den Vereinigungen die Grundwissenschaft; von deren Fortschritt hängt der Fortschritt aller anderen ab. Unter den Gesetzen, denen die menschlichen Gesellschaften unterstehen, gibt es eines, das genauer und klarer erscheint als alle anderen. Damit die Menschen gesittet bleiben oder es werden, muss sich unter ihnen die Kunst der Vereinigung in dem Grade entwickeln und vervollkommnen, wie die gesellschaftlichen Bedingungen sich angleichen."

Während in der alten, der aristokratischen Gesellschaft, die Menschen durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden waren, haben sich diese in den demokratischen Gesellschaften unter der Bedingung der Gleichheit aufgelöst. Freie Zusammenschlüsse können diese jedoch ersetzen. So kommt er zu der für seine skeptische Grundeinstellung überraschend positiven Schlussfolgerung:

"Ich bin fest überzeugt, dass man in der Welt keine Aristokratie von neuem begründen kann; ich denke aber, dass die einfachen Bürger durch Zusammenschluss sehr vermögende, sehr einflussreiche, sehr kraftvolle Wesen, mit einem Wort, aristokratische Persönlichkeiten bilden können."

Neben der grundsätzlichen Bedeutung der politischen Vereinigungen sind es vor allem drei Aspekte, die die Demokratie in Amerika und ihre freiheitliche Ausrichtung bestimmen: die bundesstaatliche Ordnung, die Gemeindeeinrichtungen und die richterliche Gewalt. Allgemein ist es das Prinzip der Dezentralisierung, das Tocqueville für den freiheitlichen Charakter eines Staates verantwortlich macht. In seinem Spätwerk "Der alte Staat und die Revolution" arbeitet er vor allem die unheilvolle Rolle heraus, die der Zentralismus in der französischen Geschichte gespielt hat.

Das besondere Interesse Tocquevilles gilt der kommunalen Selbstverwaltung, für die er klassische Sätze findet:

"Die Gemeindeeinrichtungen sind für die Freiheit, was die Volksschulen für die Wissenschaften sind; sie machen sie dem Volke zugänglich; sie wecken in ihm den Geschmack an ihrem freiheitlichen Gebrauch und gewöhnen es daran. Ohne Gemeindeeinrichtungen kann sich ein Volk eine freie Regierung geben, aber den Geist der Freiheit besitzt es nicht."

Tocqueville hatte als Mitglied der Verfassungskommission der Französischen Nationalversammlung von 1848 Gelegenheit, diese Gedanken in die Tat umzusetzen. Die Kommissionsarbeit begann mit einer Diskussion über die kommunale Dezentralisation. Aber er konnte sich hier, wie auch mit seinen Vorstellungen über den Föderalismus, nicht durchsetzen. Der traditionelle Zentralismus blieb unangetastet.

Der einzige Bestandteil der Konvention von 1848, der mit seinen Ideen übereinstimmte, war das Prinzip der Unantastbarkeit der Richter. Der richterlichen Gewalt hatte schon aus persönlichen Gründen - Tocqueville hatte seine berufliche Laufbahn als Richter begonnen - sein besonderes Augenmerk gegolten. In Amerika machte er insbesondere die Geschworenengerichte für den Bestand der politischen Freiheit verantwortlich:

"Ich denke, die praktische Klugheit und der gesunde politische Sinn der Amerikaner ist hauptsächlich ihrem langen Gebrauch des Geschworenensystems in bürgerlichen Rechtsfällen zuzuschreiben."

"Prophet des Massenzeitalters" wird Alexis de Toqueville gerne genannt. Die bekannteste Vorhersage ist die vom Aufstieg Russlands und Amerikas zu den beherrschenden Weltmächten, was erst im 20. Jahrhundert Wirklichkeit wurde und dann lange als bipolares System die Weltpolitik bestimmt hat. Weniger bekannt ist seine Einstellung zu Deutschland, die für einen Franzosen seiner Zeit geradezu revolutionär war. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs Russlands befürwortete er ein national geeintes Deutschland. Aber auch seine frühe Warnung vor der Gefahr des Umschlags der Demokratie in die Unfreiheit und Tyrannei ist im 20. Jahrhundert auf unheilvolle Weise Wirklichkeit geworden.

Denn auch zur aktuellen Politik kann Tocqueville herangezogen werden. Wenn er etwa davon spricht, dass demokratische Gesellschaften "von der Leidenschaft für materielle Güter erfasst" sind, dass "Begierde, um jeden Preis reich zu werden, die Neigung, Geschäfte zu machen, die Gewinnsucht, das Streben nach Wohlleben hier die üblichsten Leidenschaften" sind, wenn er dies gar "Kult des Geldes" nennt, dann hat er im Blick, was heute "Dominanz" oder "Primat der Ökonomie" oder "Ökonomisierung aller Lebensbereiche" genannt wird.


Ein wesentliches Merkmal demokratischer Gesellschaften ist für Tocqueville die Gegenwartsbezogenheit. Ihnen stellt er die traditionalen Gesellschaften entgegen, bei denen die Sorge für die nächsten Generationen ein viel größeres Gewicht hatte. Immer wieder weist er darauf hin, dass in Demokratien deshalb der "Sinn für die Zukunft" erst noch geweckt werden müsse.

Alexis de Tocqueville gebraucht für sein methodisches Vorgehen die Metapher des Arztes, der eine Krankheit nicht nur diagnostiziert, sondern auch Wege der Heilung aufweist. Man wird ihm daher nicht gerecht, wenn man in ihm nur den Analytiker sieht. Tocqueville hat mit Individualismus, Ökonomismus und Präsentismus - im Sinne einer engen Gegenwartsbezogenheit - Hauptübel moderner Gesellschaften nicht nur benannt, sondern auch versucht, Mittel zu ihrer Überwindung aufzuzeigen. Dabei ist auch sein Kerngedanke von der Lehre der Vereinigungen als der Grundwissenschaft in demokratischen Gesellschaften von erstaunlicher Aktualität. Er weist sogar eine gewisse Nähe zu Postulaten auf, wie sie auch unter den Stichworten "Zivilgesellschaft" oder Kommunitarismus vertreten werden.

Nach diesen Vorstellungen soll zwischen die abstrakten Größen Individuum und Staat eine Bürgergesellschaft treten, bei der die Prinzipien der Selbstverantwortung und der Selbstorganisation gelten. Kulturelle Werte rücken in den Vordergrund, das Prinzip der ökonomischen Nutzenmaximierung verliert dabei an Bedeutung. Partikularinteressen sind der Gemeinwohlorientierung unterzuordnen.

Für Politisch-tätig-sein in diesem Sinne gebraucht Tocqueville die Formulierung "gemeinsam handeln" ("agir ensemble"). Um diese Begrifflichkeit in ihrer Tiefenschärfe zu verstehen, bedarf es einer kurzen Aufschlüsselung. Der moderne Mensch denkt in der Kategorie des Hervorbringens, des Produzierens. Dies ist eine Beziehung zu Objekten, zu Sachen, die planbar, verfügbar ist. Handeln dagegen vollzieht sich zwischen Menschen. Es ist eine "Du-Beziehung". Sie ist letztlich nicht planbar und nicht verfügbar. Darum wohnt ihr immer wieder ein Moment der Freiheit inne. Insofern kann Tocqueville seinen zentralen Gedanken der politischen Freiheit mit dem Begriff des gemeinsamen Handelns in Verbindung bringen. Im gemeinsamen Handeln wird politische Freiheit erfahrbar.

Auf den ersten Blick überrascht, welch breiten Raum Tocqueville der Religion bei der Erörterung politischer Fragen einräumt. Er betont dabei immer wieder, dass er die Religion "unter rein menschlichen" Gesichtspunkten betrachte, dass er nicht Theologe, sondern politischer Schriftsteller sei. Seine Position geht in die Richtung, die gegenwärtig in Frankreich unter dem Begriff der "positiven Laizität" diskutiert wird. Während im Liberalismus die Religion im Privaten angesiedelt ist und die Trennung von Staat und Religion damit begründet wird, hat Religion bei Tocqueville eine öffentliche, ja eine politische Aufgabe. Die Trennung wird bei ihm damit legitimiert, dass die Religion gerade wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Politik vor einer Korrumpierung durch das jeweils herrschende politische System geschützt werden soll.

Tocqueville hebt immer wieder - besonders in seinem Amerika-Buch - die positiven Auswirkungen der Religion auf das politische Leben hervor. Dies wird besonders deutlich bei den zuletzt angeführten Merkmalen demokratischer Gesellschaften, die er sehr kritisch beurteilt. Nach seiner Überzeugung besteht "der große Vorzug der Religionen darin, dass sie ganz entgegengesetzte Triebe erwecken". Sie wirken dem Individualismus entgegen, indem sie die Menschen aus der Vereinzelung herausführen und sie in Beziehung zueinander bringen. Die Religionen sind eine "besondere Form der Hoffnung", weil sie daran gewöhnen, sich auf die Zukunft einzustellen; dies wird als eines ihrer "größten politischen Merkmale" angesehen.

Schließlich orientieren sie sich nicht an materiellen, sondern an geistigen Werten. Eng verbindet Tocqueville seinen zentralen Gedanken der politischen Freiheit mit der Religion: "Ich bin geneigt zu denken, dass der Mensch, ist er nicht gläubig, hörig werden, und ist er frei, gläubig sein muss.

Alexis de Tocqueville beginnt seine öffentliche Laufbahn als Schriftsteller mit der Untersuchung "Über die Demokratie in Amerika" und beendet sie als Schriftsteller mit dem Alterswerk "Der alte Staat und die Revolution". Die Titel beider Werke enthalten die Grundproblematik, die ihn sein Leben lang geradezu existenziell beschäftigt hat: den revolutionären Zusammenbruch der alten Ordnung und die Heraufkunft einer völlig neuen Welt, die ihn oft ratlos macht und mit großer Sorge erfüllt. Dazwischen liegen die Jahre seiner politischen Tätigkeit als Parlamentarier und zuletzt als Außenminister.

Über seine politische Tätigkeit, die von Anfang an das eigentliche Ziel seiner öffentlichen Laufbahn war, geben seine "Erinnerungen" Auskunft und Rechenschaft. In ihnen kommen sich der Politiker und Schriftsteller, der "homme politique" und der "homme de lettres" am nächsten. Obwohl sie nur die kurze Zeitspanne der Revolution von 1848 bis zu seinem Ausscheiden als Außenminister Ende 1849 umfassen und Fragment geblieben sind, zählen sie zu den herausragenden Werken der politischen Memoirenliteratur. Sie vereinen unerbittliche Selbstbefragung, schonungslose Urteile über Zeitgenossen, auch über politische Freunde und Weggefährte, lebendige Schilderungen geschichtlicher Abläufe, präzise Analysen der historischen Situation und tiefe Einsichten in die Natur des Politischen. Ihre Unmittelbarkeit, Lebendigkeit und Frische verdanken sie vor allem dem Umstand, dass Tocqueville, wie er ausdrücklich bekennt, zunächst nur für sich selbst geschrieben und eine Veröffentlichung untersagt hat, so lange die behandelten Personen noch am Leben waren.

Tocqueville vereinigt in seltener Weise den Schriftsteller und den Staatsmann in sich. Er war in beiden Bereichen, in der Literatur und in der Politik, zu Hause und hat über die Beziehung zwischen beiden wie wenige nachgedacht, in einer für deutsche Verhältnisse eher ziemlich fremden Weise. Neben der bereits hervorgehobenen "abstrakten literarischen Politik" gilt seine Ablehnung auch der "literarischen Atmosphäre in der Politik", über die er sich mit bitterer Ironie äußert. Was er darunter näher versteht, lässt unvermutet an manche Erscheinungen der heutigen Medienwelt denken:

" ... mehr das Scharfsinnige und Neue, als das Wahre zu suchen, mehr das Aufsehenerregende als das Nützliche, sehr empfänglich dafür zu sein, ob die Schauspieler gut spielen und gut sprechen, ohne sich dabei um Folgerungen aus dem Stück zu kümmern, und eher nach Eindrücken als nach Gründen zu urteilen."

Obwohl die "Erinnerungen" kein literarisches Werk sein wollten, spürt man in ihnen den Atem des großen Schriftstellers. Stilistischen Glanz entfaltet Tocqueville besonders in den Porträts von Zeitgenossen, die so unterkühlt und scharf sind, als wären sie mit dem Seziermesser geschrieben. Die Porträts erinnern stark an die Karikaturen Honoré Daumiers. So schreibt er über den Justizminister Hébert:

"Ich sah kaum jemals einen Menschen, der einem Raubtier ähnlicher war." Und über eine Begegnung mit der Schriftstellerin George Sand: "Ich fand ihre Gesichtszüge ziemlich massiv, aber ihren Blick wunderbar; ihr Geist schien in ihren Augen zu wohnen, während das übrige Gesicht der Materie überlassen blieb. Ich gestehe, dass sie mir noch einfacher erschienen wäre, wenn sie sich etwas besser angezogen hätte."

Seine "Porträtkunst" hat ihren Gipfel in dem Porträt Napoleons III., bei dem neben der subtilen Charakteristik auch ein souveränes Urteilsvermögen einfließt, das in seiner weltmännischen Abgeklärtheit und ironischen Distanz ganz den Geist der moralistischen Schule atmet:

"Der Gabe, sich zu verstellen, waren die Unbeweglichkeit seiner Züge und sein nichtssagender Blick besonders förderlich, denn seine Augen waren trübe und undurchsichtig wie die Bullaugen einer Kajüte. Im ganzen musste man zu der Ansicht kommen, dass der gesunde Menschenverstand, der ihm eignete, von einem Schuss Narrheit durchsetzt war. Zugleich muss man aber sagen, dass sein Erfolg und seine Stärke mehr auf seiner Narrheit als auf seinem Verstand beruhten, denn auf der Schaubühne der Welt geht es sonderbar zu. Zuzeiten sind es die schlechtesten Schauspieler, die auf ihr den meisten Erfolg haben. Wäre Louis Napoleon ein Weiser oder ein Genie gewesen, er wäre nie Präsident der Republik geworden."

Angesichts der gewaltigen Umwälzungen und Erschütterungen in Frankreich seit der Revolution von 1789 ist sein grundlegendes Lebensgefühl durch eine tiefe Verunsicherung und Bedrohung gekennzeichnet, die bis in die Mitte seiner Existenz reicht.

Dieses Gefühl der Unsicherheit trifft auf einen Menschen, für den die strenge cartesianische Tradition der Klarheit und Gewissheit oberste Werte darstellen. Aus dieser Spannung ist sein Lebenswerk entstanden, dessen entscheidendes Motiv wie bei jeder großen Literatur die Selbstklärung ist. Die Klarheit und Unbestechlichkeit seines Denkens und sein an altrömisches Ethos erinnernder Einsatz für die Politik sind einem Leben abgerungen, dessen physische und psychische Stabilität zeitlebens bedroht war. Immer wieder klagt er in seinen Briefen über innere Unruhe, Unzufriedenheit, ja Zerrissenheit:

"Es scheint, als sei heute das natürliche Band zerrissen, das Meinung und Neigung, Tun und Glauben verbindet; die Beziehung, die zu allen Zeiten zwischen dem Fühlen und dem Denken der Menschen bestand, scheint unterbrochen." Und genau dies ist auch in seiner für unseren Zusammenhang zentralen Standortbestimmung der Fall: "Ich bin Aristokrat aus Instinkt und Demokrat aus Vernunft."

Über seine geistige Situation legt vor allem ein Brief an seine späte Vertraute, Madame Swetchine, beredtes Zeugnis ab:

"Meine Zeitgenossen und ich: wir gehen mehr und mehr so verschiedene Wege und manchmal so gegensätzliche, dass wir uns fast nie mehr in den gleichen Gefühlen und den gleichen Gedanken begegnen können ... Ich habe Verwandte, Nachbarn, Menschen, die mir nahe stehen; mein Geist hat weder Familie noch Vaterland. Ich versichere Sie, gnädige Frau, dass diese Art geistiger und moralischer Isolierung mir oft ein Gefühl der Einsamkeit gibt, das intensiver ist, als ich es je in den Urwäldern Amerikas empfunden habe."

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